Author Topic: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben  (Read 8468 times)

Offline sandhofer

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Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« on: 13. April 2015, 17.18 Uhr »
... und ich kann mich nicht durchringen, im Blog etwas dazu zu sagen, weil mir nichts in den Sinn kommt, das nicht schon in gefühlten andern 365 Nachrufen geschrieben worden ist. Vielleicht nur, dass er für einen Schweizer wohl nicht die Bedeutung haben konnte, die er für Deutsche hatte und hat. Nach Frisch und Dürrenmatt gab es den Typ Autor, der sich unverdrossen in die Politik einmischte, hierzulande nicht mehr.
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Offline Camenzind

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #1 on: 13. April 2015, 19.06 Uhr »
Ob es wirklich an der Staatsangehörigkeit liegt ? Dürrenmatt sagt mir [, einem Deutschen,] mehr als Grass ... Dürrenmatts 'Einmischen' erscheint mir auch um einiges abgeklärter, vogelperspektivischer ...

Grass wurde salopp ausgedrückt ab 1969 kräftig hoch- und ab 2006 wieder herunter'gejubelt' ...

Offline sandhofer

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #2 on: 13. April 2015, 19.55 Uhr »
Dürrenmatts 'Einmischen' erscheint mir auch um einiges abgeklärter, vogelperspektivischer ...

Dürrenmatt war der Philosoph  der beiden. (Oder der Theologe, wenn man lieber will.)

Grass wurde salopp ausgedrückt ab 1969 kräftig hoch- und ab 2006 wieder herunter'gejubelt' ...

Das hat was, ja...
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Offline orzifar

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #3 on: 14. April 2015, 02.08 Uhr »
Hallo!

Wir haben uns anlässlich der Grass'schen "Vergangenheitsbewältigung" ja schon ausführlich mit ihm beschäftigt (noch im Literaturschock, wenn ich mich rechte erinnere). Für mich hat sich mit seinem Tode nichts geändert: Seine Bücher halte ich für ein wenig überschätzt (aber ich habe einiges von ihm recht gern gelesen), als Person ist er mir zutiefst zuwider. Nicht deshalb, weil er bei der Waffen-SS war (das kann man einem 17jährigen durchaus nachsehen), auch nicht, weil er dies so spät eingestanden hat, sondern weil er bis zu diesem Eingeständnis nicht müde wurde, sich als moralische Instanz aufzuspielen und genau jene anzugreifen, die das getan haben, was er getan hat. "Wer schweigt, macht sich schuldig" - hat er zu Beginn der 60iger lautstark verkündet, in der Bitburg-Affäre warf er anderen Geschichtsklitterung vor, stellte fest, dass "alle hätten wissen können, müssen" (er also auch!) - und diese Form der Heuchelei hat er 60 Jahre lang durchgehalten. Es ist diese Doppelmoral, die für mich den Menschen Grass widerlich und abstoßend erscheinen lässt.

lg

orzifar

Nachsatz: Sowohl Dürrenmatt als auch Frisch stehen für mich literarisch wie menschlich auf einer ganz anderen (höheren) Stufe. Ihr "Einmischen" war niemals von Wichtigtuerei geprägt, ihnen schien es sehr viel mehr um die Sache zu gehen.
« Last Edit: 14. April 2015, 05.39 Uhr by orzifar »
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Offline sandhofer

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #4 on: 14. April 2015, 19.32 Uhr »
Kommt also kein Argument für einen Blog-Eintrag. Gut.
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Offline orzifar

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #5 on: 15. April 2015, 04.05 Uhr »
Kommt also kein Argument für einen Blog-Eintrag. Gut.

Nun ja, kommt drauf an: Wenn man seinem Unmut über die Heuchelei Ausdruck zu verleihen wünscht, dann wäre es eine gute Gelegenheit. - Der Vergleich mit Dürrenmatt und Frisch zeigt die Grass'schen Attitüden im entsprechenden Licht: Niemals haben diese Beiden auf ähnliche Weise penetrant und wichtigtuerisch gewirkt (zumindest nicht auf mich) wie Grass. Ich habe nichts dagegen, wenn sich Intellektuelle in die Politik einmischen: Aber es darf nicht beim erhobenen Zeigefinger, beim moralischen Echauffieren bleiben (womit auch immer auf die Schieflage hingewiesen wird: Verkommene Subjekte vs. unangreifbarer Moralapostel). Sondern mit intelligenten Vorschlägen, konstruktiver Kritik. (Thomas Bernhard galt (und gilt) auch immer als großer "Kritiker": Was mir einigermaßen rätselhaft ist. Denn außer Beschimpfungen (egal, ob diese berechtigt waren oder nicht) war von ihm nie was zu hören. Dass alle Österreicher "katholisch-nationalsozialistische" Arschlöcher seien ist bestenfalls eine dümmlich-pauschalierende Unterstellung, die so auch an jedem Stammtisch (mit leicht verändertem Inhalt) zu hören ist.)

lg

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Offline sandhofer

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #6 on: 15. April 2015, 22.02 Uhr »
Ach je - muss ich mir wirklich noch was überlegen?  ::)  ;D
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Offline orzifar

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #7 on: 15. April 2015, 23.37 Uhr »
Ach je - muss ich mir wirklich noch was überlegen?  ::)  ;D

Ab nächster Woche besteht die Chance, dass sogar ich mir was überlege :).

lg

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Offline sandhofer

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #8 on: 16. April 2015, 07.30 Uhr »
Perfekt.
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Offline Karamzin

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #9 on: 16. April 2015, 20.15 Uhr »
Von seinen Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen sollten nicht nur die das NS-Regime betreffenden betrachtet werden.

Man kann den Roman "Ein weites Feld" von 1995 für vergrübelt oder misslungen ansehen. Marcel Reich-Ranicki leitete damals mit seinem Verriss im "Spiegel", der auch bildlich verdeutlicht wurde (ein Buch wurde auf dem Titelbild zerrissen), eine Runde des erbitterten Schlagabtauschs der beiden alten Männer ein.

Der Roman von Grass war immerhin die um einige Jahre verspätete Stellungnahme eines im Westen lebenden Autors zur Art der Herstellung der deutschen Einheit, die der Autor wie andere für historisch unglücklich gelaufen ansah. Die Teilnehmer der Debatte von 1992/93, die zwei Sammelbände unter dem Titel "Weil das Land Versöhnung braucht" herausgaben (Friedrich Schorlemmer, Richard von Weizsäcker, Günter Gaus, Marion Gräfin Dönhoff, Wolfgang Ullmann, Gregor Gysi u.a.) konnten sich nicht mit ihrem Hinweis darauf durchsetzen, dass die bisherigen historischen Erfahrungen besagten, der Elitenaustausch müsse mit Umsicht erfolgen (Frankreich 1814 nach mindestens fünf grundsätzlichen Regimewechseln, Spanien nach 1975, Südafrika nach 1989). Alle diese Prozesse der Eliteneinbindung liefen höchst widersprüchlich, man hätte daraus Lehren ziehen sollen.

Man kann nicht Millionen Menschen einfach in Täter und Opfer einteilen und den Rest zu "Mitläufern" erklären. Lothar de Maiziere geht von etwa 2 Prozent "Opfern" und 3 Prozent "Tätern" aus - man kann den Rest, die Bevölkerung eines ehemals von 150 Ländern der Welt anerkannten Staatswesens nicht in eine weitere dritte Schublade befördern. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Leute mit einer schlichten religiösen "Schwarz-Weiß-Weltsicht", die die Menschen in "Gut und Böse" einteilten, und die Treuhand arbeiteten Hand in Hand, um tatsächlich vorhandene alternative Elemente (nahezu vollständig durchgesetztes Staatseigentum) und die sie gestaltenden Menschen unterzubuttern und ihre Lebensläufe so zu deuten, wie das jetzt in den Schulen gelehrt wird.
Die Aufmerksamkeit wurde hingegen vor allem auf die "Stasispitzel" gelenkt (nicht einmal auf die Strukturen der Partei), Grass thematisierte in seinem Roman diese gute alte, typisch deutsche Erscheinung.
Ab 1995 kam es noch einmal zu lächerlichen "Nostalgie"-Wellen, in denen putzige Dinge des DDR-Alltags auf die Bühne gestellt und vermarktet wurden, und kaum noch interessierte irgend jemanden in der großen Medienöffentlichkeit des Fernsehens, dass es einmal für einige Jahrzehnte den Versuch gegeben hat, auf deutschem Boden zum ersten Mal eine alternative Wirtschaftsordnung aufzubauen.

Damals hat Günter Grass so ziemlich als einziger Künstler der offiziellen westdeutschen Geschichtsdeutung, die von DDR-Bürgerrechtlern und Religiösen eingespeist wurde (Gauck, Birthler, Nooke, Lengsfeld, Vaatz usw.), gegengehalten, verstanden wurde sein Anliegen aber von den wenigsten. Man wollte die Herstellung der deutschen Einheit durch den Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes mehrheitlich als Erfolgsgeschichte sehen ("Wir sind doch alles Deutsche, und wer da was zu meckern hat, gehört nicht zu Uns, der glücklichen Gemeinde. Seid doch nur dankbar!").

Grass griff dafür auf die Geschichte und Literatur des 19. Jahrhunderts, die Schaffenszeit Theodor Fontanes und der Reichseinigung, zurück. Aktuelle Ereignisse (Pegida) zeigen, dass tatsächlich Wurzeln bestimmter Entwicklungen schon in dieser Zeit aufzufinden sind.

In Marburg werden jetzt alte Rezensionen zu Grass ins Netz gestellt.

Hier geht es um "Ein weites Feld", das in Ost und West völlig verschieden aufgenommen worden sei.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20544

Allerdings gibt es hier Einschränkungen: Um die Mitte der 1990er Jahre prägte das Feuilleton der großen, vorwiegend im Westen erscheinenden Blätter die öffentliche Meinung. Da wurde Grass 1995 eben von den führenden Literaturjournalisten zerrissen, wie man sich einige Jahre zuvor 1993 auf Christa Wolf stürzte, die angeblich gar nicht schreiben könne oder nur befremdlich östlich-larmoyant.

Literatur hatte im Osten Deutschlands eine ganz andere Funktion. Angesichts einer eingeschränkten Öffentlichkeit, in der die wichtigen Lebensthemen, auch Krankheit oder Tod (Christa Wolf: "Nachdenken über Christa T."), nicht öffentlich diskutiert werden durften, kam einigen wenigen Schriftstellern eine wichtige Rolle zu. Sie wurden von der Bevölkerung gemocht, ja geliebt, auch von Arbeiterinnen, Verkäuferinnen, Lehrerinnen (überhaupt vor allem von Frauen), man hörte ihre Lesungen, drängte sich nach Autogrammen, wollte ihre Meinung zu grundlegenden Problemen des Lebens hören. Ratgeberliteratur gab es in der DDR nur wenig, deren Autoren mussten vorsichtig sein.


Grass traf dann 1995 ebenfalls den Nerv vieler im Osten, die sich selbst nicht mehr zu Wort melden wollten und konnten, die sich gedemütigt fühlten , weil dem Land die neue Sprachregelung übergestülpt worden war (DDR = Unrechtsstaat, Stasi, Mauer, Stacheldraht).
Der Schriftsteller Schädlich, ein konsequenter Dissident und Gegner des DDR-Regimes, beschwert sich, dass seine Spitzelgestalt, die von Grass mit einem Wortspiel in den Roman übernommen wurde - Tallhofer - Hoftaller - auch mit positiven Eigenschaften ausgestattet wurde. Ein Spitzel hatte durch und durch böse zu sein.

Seit einigen Jahren ist das Feuilleton in den großen Blättern abgelöst worden durch Internet-Foren, wo ein organisierter "Shitstorm" durchaus den Marktwert eines Autors beeinflussen kann. Der klassische "Verriss" in den gedruckten Medien, wie ihn Reich-Ranicki beherrschte, ist aus der Mode gekommen, weil sich ein in Grund und Boden kritisiertes Buch schlechter verkaufen lässt (nur selten tritt der gegenteilige Effekt ein: gerade, weil das Buch "verrissen" wurde, geht es ab).

Das Reich-Ranicki auch ganz anders urteilen konnte, zeigt seine feinfühlige Rezension zur Lyrik von Günter Grass:

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20545

Schließlich noch zu der letzten größeren Debatte zu: "Was gesagt werden muss":

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20543&ausgabe=201504



Ich gestehe, dass ich früher Günter Grass kaum gelesen habe, weil mich die Probleme, die er ansprach, wenig bewegten. Auch die Art der "Blechtrommel" mochte ich zu DDR-Zeiten nicht.
*Gott sei dank* wird von einem heutzutage ja nicht mehr abverlangt, was man gelesen haben muss, wie damals im Schulunterricht. Ich lese einfach, wonach ich gerade das Bedürfnis habe, ansonsten ist einem die Zeit zu schade, wenn man auch sowieso noch täglich viel mit Büchern zu tun hat.


"Das Treffen in Telgte", das am Ende des Dreißigjährigen Kriegs die deutschen Schriftsteller zwischen Münster und Osnabrück zusammenführt (alles fiktiv), wurde in der BRD als Bezugnahme auf die "Gruppe 47" aufgefasst, von der ich in der DDR wiederum damals nicht viel mitbekam. Ich las das kurze Stück als Beitrag zum Thema: die Sorge der Autoren um Krieg und Frieden in einer Zeit, in der Mittelstreckenwaffen in Jena und Erlangen aufeinander zielen sollten.
« Last Edit: 16. April 2015, 20.26 Uhr by Karamzin »

Offline Gontscharow

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #10 on: 17. April 2015, 11.22 Uhr »
[... ]       
Der Roman von Grass war immerhin die um einige Jahre verspätete Stellungnahme eines im Westen lebenden Autors zur Art der Herstellung der deutschen Einheit, die der Autor wie andere für historisch unglücklich gelaufen ansah.
[...]

Damals hat Günter Grass so ziemlich als einziger Künstler der offiziellen westdeutschen Geschichtsdeutung, die von DDR-Bürgerrechtlern und Religiösen eingespeist wurde (Gauck, Birthler, Nooke, Lengsfeld, Vaatz usw.), gegengehalten, verstanden wurde sein Anliegen aber von den wenigsten.
[...]


Interessanter Blickwinkel auf G.G! Erlaube die Nachfrage, da nicht ganz klar Deinem Beitrag zu entnehmen: Hast Du damals Ein weites Feld gelesen und es -  wie im von dir verlinkten Artikel für die DDR-Leserschaft beschrieben -  für gut befunden?
Keinesfalls  einverstanden mit der Art der Vereinigung /feindlichen Übernahme, aber doch auch irgendwie im Einheitsdusel, habe ich mich damals auf das Buch gestürzt, war sehr gespannt und dann schwer enttäuscht. Es schien mir unlesbar, überfrachtet (kein Wunder), konstruiert, die Kontrafaktur zu Fontane albern, so dass ich nach etwa einem Drittel aufgab. Der Verriss Reich-Ranickis und anderer kam mir damals, glaube ich, sehr zupass.
Spätestens in den Jahren der Wende eigentlich schon  Jahre vorher hatte sich in der Wahrnehmung der westdeutschen Öffentlichkeit eine Wandlung G.G.s vom  Nestbeschmutzer (und was der verunglimpfenden Namen mehr waren), also vom  aufrichtigen, kritischen und notwendig unbequemen Geist und anarchischen Erzähler, als der er seit seiner Blechtrommel und den frühen Sechzigern galt, zum moralischen Zensor, zum Großschriftsteller und selbst ernannten „Gewissen der Nation“ (was er laut Selbstreferenz jedoch nie sein wollte).
Die Überfrachtung seiner Literatur mit politischen Botschaften hat seiner Literatur nicht gut getan wie wiederum die Literarisierung seinen (z.T. durchaus berechtigten) politischen Anliegen nicht gutgetan hat ...

Salman Rushdie per Twitter am 13.04.2014. 22h.:This is very sad. A true giant, inspiration, and friend. Drum for him, little Oskar.

Ich schließe mich an.
« Last Edit: 17. April 2015, 20.17 Uhr by Gontscharow »

Offline orzifar

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #11 on: 18. April 2015, 03.47 Uhr »
Hallo!

Man kann den Roman "Ein weites Feld" von 1995 für vergrübelt oder misslungen ansehen. Marcel Reich-Ranicki leitete damals mit seinem Verriss im "Spiegel", der auch bildlich verdeutlicht wurde (ein Buch wurde auf dem Titelbild zerrissen), eine Runde des erbitterten Schlagabtauschs der beiden alten Männer ein.
[...]

Dein Beitrag hat mich daran erinnert, dass dieser Roman bei mir noch immer ungelesen im Regal steht und es vielleicht doch verdienen würde, gelesen zu werden. An die negativen Kritiken (und das Spiegel-Titelbild) kann ich mich noch gut erinnern, auch an die weitgehende Ablehnung des Buches. Für mich hat der selbstgefällige, sich als Opfer der Presse gerierende Grass nach seinem "Outing" jegliche Glaubwürdigkeit verloren: Was aber nichts mit der literarischen Qualität seiner Werke zu tun hat. (Die mir aber niemals "nobelpreiswürdig" erschienen sind.) Aber vielleicht finde ich am "Weiten Feld" mehr Vergnügen denn MRR: Der mit seinen Kritiken häufig weit danebenlag.

Und ich schließe mich Gontscharows Frage an: Wie hat dir das Buch damals gefallen?

lg

orzifar
« Last Edit: 18. April 2015, 04.15 Uhr by orzifar »
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Offline Dostoevskij

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #12 on: 18. April 2015, 06.18 Uhr »
Moin, Moin!

Aber vielleicht finde ich am "Weiten Feld" mehr Vergnügen denn MRR: Der mit seinen Kritiken häufig weit danebenlag. Und ich schließe mich Gontscharows Frage an: Wie hat dir das Buch damals gefallen?

Ich war einer der wenigen, die den damaligen Komplettverriß nicht nachvollziehen konnten. Ich war von "Ein weites Feld" schwer begeistert, so wie auch von der Danziger Trilogie, dem Butt, der Rättin (weil mein erstes Buch von ihm), dem Treffen in Telgte. Nachdem ich dann an den schweren Grass-Sound gewöhnt war, blieben mir die späteren, allesamt dünneren Bücher weniger einprägsam, waren blasser. Vielleicht noch die Unkenrufe und der Krebsgang. Aber die anderen Spätwerke empfand ich als schwachbrüstig und hatte mir bis zuletzt noch einen letzten großen Wurf erhofft. Leider vergebens.
 
Also mit Irving: Drum for him, Oskar!
-- 
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Offline Karamzin

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #13 on: 20. April 2015, 09.05 Uhr »
Ich hatte gleich 1995 "Ein weites Feld" vor allem als politisches Buch gelesen, es ging mir weniger um ein ästhetisches Urteil. Von Fontanes Werken kannte ich allerdings nur einen Teil ("Der Stechlin", "Schach von Wuthenow", "Effi Briest", "Vor dem Sturm", "Stine", meine Lieblingserzählung war "Cecile", natürlich die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", kleinere Erzählungen und Gedichte, aber einige Berlin-Romane eben noch nicht), so dass ich nicht alle Bezüge erkannte.

Am Schluss herrschte bei mir Ratlosigkeit vor. Hier hatte ja doch jemand "von außen" geschrieben. Sicher war bekannt, dass auch Grass selbst bespitzelt worden war. Das hinderte ihn nicht daran, das Vorgehen der Treuhand bei der Abwicklung der DDR zu verurteilen.

Vielleicht kann ich mich so verständlich machen: wenn einem eine Sache emotional nahe geht und man sie ernstnimmt, ist man kaum offen für Spielereien oder Ironie. Ich hatte kein Vergnügen an dem Buch. Ich war aber auch nicht in der Stimmung für ein literarisches "Enthüllungsbuch". Und Rolf Hochhuths "Wessis in Weimar" hielt ich für schwer daneben. Wir erinnerten uns, was Friedrich Engels über politische "Tendenzliteratur" geschrieben hatte.

Gerade in diesem Jahr hatte ich den Fall eines Freundes vor Augen, der nach einer Dienstreise in die BRD Berichte an die "Firma" über eine Kollegin schrieb. Und zwar lobte er sie über die Maßen als zuverlässig, kompetent und die DDR im "Ausland" gut vertretend. Allein wegen des Umstandes, dass er diese Berichte geschrieben hat (immerhin an eine offizielle staatliche Institution, an die berichtetet werden musste), wurde er in der Zeit des Höhepunkts der Jagd um 1992 entlassen. Obwohl Joachim Gauck in einem Fernsehinterview zu Beginn der 1990er Jahre auch einmal den Fall zugelassen hatte, dass jemand den anderen in Berichten nicht anschwärzte, sondern lobte, dass war dann bei seinem Schwarz-Weiss-Weltbild etwas Positives. Mit Hilfe eines Anwalts, den die Gewerkschaft stellte, kam damals zumindest ein Vergleich zustande, aber der Freund wurde nicht wieder eingestellt und blieb arbeitslos. Da ich vor 1989 nicht reisen durfte, kam ich gar nicht in diese Situation, aber was hätte ich gemacht? Später erfuhr man, dass man an staatliche Institutionen berichtete, etwa die Abteilung internationale Beziehungen, hinter denen sich die Stasi tarnte, man also über den eigentlichen Adressaten im unklaren gelassen wurde. So klar war das mit den "Spitzeln" nicht immer, wie die Fernseh-Dokumentationen suggerierten.

Es ist richtig, dass der psychische Druck, der von der Stasi ausging, auch nach 1990 noch anhielt, jedoch wusste man auch nicht, was aus den Akten konstruiert werden konnte, ich wollte es nicht wissen.

Zurück zur Literatur: Günter de Bruyns "Märkische Wanderungen" hingegen, das las ich vor und nach der Wende noch einmal mit Vergnügen. Diese Erzählung über einen dörflichen Lehrer, der - unbeabsichtigt! -die Geschichtsfälschung eines Karriere-Professors am literaturgeschichtlichen Institut in Berlin öffentlich entlarvte und daraufhin von diesem wieder in die Provinz abgeschoben wurde, wirkte durch ihre köstliche Ironie. Bei uns wollte man sogar wissen, wer das Urbild des Karriere-Professors gewesen war. Das war alles ganz aus dem Leben gegriffen und nicht in einem solchen Maße konstruiert, wie im Roman von Grass.
« Last Edit: 20. April 2015, 09.21 Uhr by Karamzin »

Offline Gontscharow

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #14 on: 21. April 2015, 11.19 Uhr »
Ich hatte gleich 1995 "Ein weites Feld" vor allem als politisches Buch gelesen[...]
Am Schluss herrschte bei mir Ratlosigkeit vor. [...]
Vielleicht kann ich mich so verständlich machen: wenn einem eine Sache emotional nahe geht und man sie ernstnimmt, ist man kaum offen für Spielereien oder Ironie. Ich hatte kein Vergnügen an dem Buch[...]
[...]  konstruiert, wie im Roman von Grass.

Danke für Deine Antwort. Das kann ich alles sehr gut nachempfinden.
Wenn ich Dich richtig verstehe, ist es dieser fiktionale (spielerische) Umgang mit einem politisch und existenziell brisanten Thema , der Dir keine Freude bereitet hat. Das meinte ich mit Grass' Marotte politische Anliegen zu "literarisieren", was für seine Kunst wie für das, was er politisch sagen wollte, mMn fatal war ...  Aber er konnte es nicht lassen, verpackte sein "Outing" und zuletzt seine viel Staub aufwirbelnde Kritik an Israel in (schlechte) Literatur...