Von seinen Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen sollten nicht nur die das NS-Regime betreffenden betrachtet werden.
Man kann den Roman "Ein weites Feld" von 1995 für vergrübelt oder misslungen ansehen. Marcel Reich-Ranicki leitete damals mit seinem Verriss im "Spiegel", der auch bildlich verdeutlicht wurde (ein Buch wurde auf dem Titelbild zerrissen), eine Runde des erbitterten Schlagabtauschs der beiden alten Männer ein.
Der Roman von Grass war immerhin die um einige Jahre verspätete Stellungnahme eines im Westen lebenden Autors zur Art der Herstellung der deutschen Einheit, die der Autor wie andere für historisch unglücklich gelaufen ansah. Die Teilnehmer der Debatte von 1992/93, die zwei Sammelbände unter dem Titel "Weil das Land Versöhnung braucht" herausgaben (Friedrich Schorlemmer, Richard von Weizsäcker, Günter Gaus, Marion Gräfin Dönhoff, Wolfgang Ullmann, Gregor Gysi u.a.) konnten sich nicht mit ihrem Hinweis darauf durchsetzen, dass die bisherigen historischen Erfahrungen besagten, der Elitenaustausch müsse mit Umsicht erfolgen (Frankreich 1814 nach mindestens fünf grundsätzlichen Regimewechseln, Spanien nach 1975, Südafrika nach 1989). Alle diese Prozesse der Eliteneinbindung liefen höchst widersprüchlich, man hätte daraus Lehren ziehen sollen.
Man kann nicht Millionen Menschen einfach in Täter und Opfer einteilen und den Rest zu "Mitläufern" erklären. Lothar de Maiziere geht von etwa 2 Prozent "Opfern" und 3 Prozent "Tätern" aus - man kann den Rest, die Bevölkerung eines ehemals von 150 Ländern der Welt anerkannten Staatswesens nicht in eine weitere dritte Schublade befördern. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Leute mit einer schlichten religiösen "Schwarz-Weiß-Weltsicht", die die Menschen in "Gut und Böse" einteilten, und die Treuhand arbeiteten Hand in Hand, um tatsächlich vorhandene alternative Elemente (nahezu vollständig durchgesetztes Staatseigentum) und die sie gestaltenden Menschen unterzubuttern und ihre Lebensläufe so zu deuten, wie das jetzt in den Schulen gelehrt wird.
Die Aufmerksamkeit wurde hingegen vor allem auf die "Stasispitzel" gelenkt (nicht einmal auf die Strukturen der Partei), Grass thematisierte in seinem Roman diese gute alte, typisch deutsche Erscheinung.
Ab 1995 kam es noch einmal zu lächerlichen "Nostalgie"-Wellen, in denen putzige Dinge des DDR-Alltags auf die Bühne gestellt und vermarktet wurden, und kaum noch interessierte irgend jemanden in der großen Medienöffentlichkeit des Fernsehens, dass es einmal für einige Jahrzehnte den Versuch gegeben hat, auf deutschem Boden zum ersten Mal eine alternative Wirtschaftsordnung aufzubauen.
Damals hat Günter Grass so ziemlich als einziger Künstler der offiziellen westdeutschen Geschichtsdeutung, die von DDR-Bürgerrechtlern und Religiösen eingespeist wurde (Gauck, Birthler, Nooke, Lengsfeld, Vaatz usw.), gegengehalten, verstanden wurde sein Anliegen aber von den wenigsten. Man wollte die Herstellung der deutschen Einheit durch den Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes mehrheitlich als Erfolgsgeschichte sehen ("Wir sind doch alles Deutsche, und wer da was zu meckern hat, gehört nicht zu Uns, der glücklichen Gemeinde. Seid doch nur dankbar!").
Grass griff dafür auf die Geschichte und Literatur des 19. Jahrhunderts, die Schaffenszeit Theodor Fontanes und der Reichseinigung, zurück. Aktuelle Ereignisse (Pegida) zeigen, dass tatsächlich Wurzeln bestimmter Entwicklungen schon in dieser Zeit aufzufinden sind.
In Marburg werden jetzt alte Rezensionen zu Grass ins Netz gestellt.
Hier geht es um "Ein weites Feld", das in Ost und West völlig verschieden aufgenommen worden sei.
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20544 Allerdings gibt es hier Einschränkungen: Um die Mitte der 1990er Jahre prägte das Feuilleton der großen, vorwiegend im Westen erscheinenden Blätter die öffentliche Meinung. Da wurde Grass 1995 eben von den führenden Literaturjournalisten zerrissen, wie man sich einige Jahre zuvor 1993 auf Christa Wolf stürzte, die angeblich gar nicht schreiben könne oder nur befremdlich östlich-larmoyant.
Literatur hatte im Osten Deutschlands eine ganz andere Funktion. Angesichts einer eingeschränkten Öffentlichkeit, in der die wichtigen Lebensthemen, auch Krankheit oder Tod (Christa Wolf: "Nachdenken über Christa T."), nicht öffentlich diskutiert werden durften, kam einigen wenigen Schriftstellern eine wichtige Rolle zu. Sie wurden von der Bevölkerung gemocht, ja geliebt, auch von Arbeiterinnen, Verkäuferinnen, Lehrerinnen (überhaupt vor allem von Frauen), man hörte ihre Lesungen, drängte sich nach Autogrammen, wollte ihre Meinung zu grundlegenden Problemen des Lebens hören. Ratgeberliteratur gab es in der DDR nur wenig, deren Autoren mussten vorsichtig sein.
Grass traf dann 1995 ebenfalls den Nerv vieler im Osten, die sich selbst nicht mehr zu Wort melden wollten und konnten, die sich gedemütigt fühlten , weil dem Land die neue Sprachregelung übergestülpt worden war (DDR = Unrechtsstaat, Stasi, Mauer, Stacheldraht).
Der Schriftsteller Schädlich, ein konsequenter Dissident und Gegner des DDR-Regimes, beschwert sich, dass seine Spitzelgestalt, die von Grass mit einem Wortspiel in den Roman übernommen wurde - Tallhofer - Hoftaller - auch mit positiven Eigenschaften ausgestattet wurde. Ein Spitzel hatte durch und durch böse zu sein.
Seit einigen Jahren ist das Feuilleton in den großen Blättern abgelöst worden durch Internet-Foren, wo ein organisierter "Shitstorm" durchaus den Marktwert eines Autors beeinflussen kann. Der klassische "Verriss" in den gedruckten Medien, wie ihn Reich-Ranicki beherrschte, ist aus der Mode gekommen, weil sich ein in Grund und Boden kritisiertes Buch schlechter verkaufen lässt (nur selten tritt der gegenteilige Effekt ein: gerade, weil das Buch "verrissen" wurde, geht es ab).
Das Reich-Ranicki auch ganz anders urteilen konnte, zeigt seine feinfühlige Rezension zur Lyrik von Günter Grass:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20545 Schließlich noch zu der letzten größeren Debatte zu: "Was gesagt werden muss":
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20543&ausgabe=201504 Ich gestehe, dass ich früher Günter Grass kaum gelesen habe, weil mich die Probleme, die er ansprach, wenig bewegten. Auch die Art der "Blechtrommel" mochte ich zu DDR-Zeiten nicht.
*Gott sei dank* wird von einem heutzutage ja nicht mehr abverlangt, was man gelesen haben muss, wie damals im Schulunterricht. Ich lese einfach, wonach ich gerade das Bedürfnis habe, ansonsten ist einem die Zeit zu schade, wenn man auch sowieso noch täglich viel mit Büchern zu tun hat.
"Das Treffen in Telgte", das am Ende des Dreißigjährigen Kriegs die deutschen Schriftsteller zwischen Münster und Osnabrück zusammenführt (alles fiktiv), wurde in der BRD als Bezugnahme auf die "Gruppe 47" aufgefasst, von der ich in der DDR wiederum damals nicht viel mitbekam. Ich las das kurze Stück als Beitrag zum Thema: die Sorge der Autoren um Krieg und Frieden in einer Zeit, in der Mittelstreckenwaffen in Jena und Erlangen aufeinander zielen sollten.