Author Topic: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben  (Read 8467 times)

Offline Karamzin

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #15 on: 21. April 2015, 13.21 Uhr »
Ich hatte gleich 1995 "Ein weites Feld" vor allem als politisches Buch gelesen[...]
Am Schluss herrschte bei mir Ratlosigkeit vor. [...]
Vielleicht kann ich mich so verständlich machen: wenn einem eine Sache emotional nahe geht und man sie ernstnimmt, ist man kaum offen für Spielereien oder Ironie. Ich hatte kein Vergnügen an dem Buch[...]
[...]  konstruiert, wie im Roman von Grass.

Danke für Deine Antwort. Das kann ich alles sehr gut nachempfinden.
Wenn ich Dich richtig verstehe, ist es dieser fiktionale (spielerische) Umgang mit einem politisch und existenziell brisanten Thema , der Dir keine Freude bereitet hat. Das meinte ich mit Grass' Marotte politische Anliegen zu "literarisieren", was für seine Kunst wie für das, was er politisch sagen wollte, mMn fatal war ...  Aber er konnte es nicht lassen, verpackte sein "Outing" und zuletzt seine viel Staub aufwirbelnde Kritik an Israel in (schlechte) Literatur...


Ganz genau, so habe ich das gemeint.

Jetzt noch etwas aus der Kiste der Betrachtungen, die auf Literaturkritik.de anlässlich des Todes von Günter Grass wieder hervorgeholt wurden:

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16648&ausgabe=201205

Man kann es Günter Grass nicht zum Vorwurf machen, dass er sich mit einem von ihm als "Gedicht" eingebrachten literarischen Text zur Politik äußerte. Jedoch nahm er einen extrem einseitigen, die Wirklichkeit verfälschenden Standpunkt ein, wenn er Israel als Hauptgefahr für den Weltfrieden namhaft machen wollte. Nicht nur weil es, vorsichtig gesagt, angesichts der belasteten Vergangenheit von grausamer Instinktlosigkeit, gepaart mit Überheblichkeit zeugte. "Obwohl neben möglicherweise  zutreffenden Beobachtungen auch der pure Unsinn darin steht, muss es doch gesagt werden, und das gleich in drei europäischen Zeitschriften."

 
In den beiden Jahren danach, einer historisch ganz kurzen Zeitspanne, wurde auch sichtbar, dass mit IS und anderen terroristischen Vereinigungen neue andere Gefahren im Nahen Osten erschienen sind, während sich mit dem Iran nach Achmadinidschads Abtritt vorsichtig die Möglichkeit einer Verständigung andeutet, die auch der Vernunft zahlloser Perser entspricht, die lieber friedlichen Handel als Kriegsgetöse wollen.   
Nicht dass politische Lyrik etwas für die "Ewigkeit" sein sollte - wie lebendig und frisch liest sich etwa Heinrich Heine heute! - doch das Verfallsdatum auf dieser Büchse war schon sehr früh überschritten. 

Auch von dem in dem Artikel zitierten Bertolt Brecht gab es allerdings seltsame "politische Lyrik", wie ausgerechnet 1940 (deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt) das famose "Lied vom Klassenfeind". :-\ 
« Last Edit: 21. April 2015, 13.45 Uhr by Karamzin »

Offline orzifar

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #16 on: 24. April 2015, 02.55 Uhr »
Hallo!

Dann werde ich mich mal ins weite Feld begeben. Wobei ich es nicht als "politisches" Buch lesen werde (was ich eigentlich nie mache: Das Politische eines - beliebigen - Werkes ergibt sich für mich am Ende der Lektüre: Dann stelle ich fest, dass das Buch eben "auch" politisch war, politisch klug, dumm - was auch immer), sondern als einen Roman wie jeden anderen auch. Da ich mit dieser Geschichte stets nur mittelbar zu tun hatte, aus Erzählungen von Betroffenen davon weiß (oder aus TV-Dokumentationen), bin ich im Gegensatz zu Karamzin emotional nicht involviert. Und Dostoevskijs positives Urteil hat mich in der Entscheidung bestärkt.

Das Problem jeder "politischen" Literatur (nicht nur der Poesie): Ein Werk kann gelungen sein und gleichzeitig politischer Nonsens - und vice versa. Ich glaube, dass ein Schriftsteller sich davor hüten sollte, die Kunst als Vehikel für (s)eine politische Botschaft zu machen: Das tut wohl keinem Werk gut. Zumindest muss man das recht subtil machen, aus einer Metaposition heraus. Andererseits - den Weg zu einem guten Buch gibt's nicht ...

Die ersten paar Seiten gefielen mir recht gut: Schreiben kann er ja unzweifelhaft. Und mit diesem Fontaneexperten lässt sich natürlich ein kluges Spiel treiben: Oder aber es geht in die Hose, wirkt penetrant oder peinlich. Mal sehen. Bisher habe ich zumindest ein paar Mal geschmunzelt, mehr als bei manch anderen Büchern.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Karamzin

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Re: Günter Grass ist mit 87 Jahren verstorben
« Reply #17 on: 30. April 2015, 11.39 Uhr »
Auch recht aufschlussreich dieser Beitrag über die polnische Rezeption der Werke von Grass:

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20573

Es ist eigentlich naheliegend, sich darüber zu informieren, wenn man über den deutschen Tellerrand hinausblicken will. Man kann mit dem Autor dieses Beitrags der Meinung sein, dass der größte Teil der Rezeption hinter uns liegt.
Nachfolgende Lesergenerationen mögen die deutschen Gegenwartsschriftsteller, ansonsten viele "Einzelkämpfer/innen", vielleicht sogar einmal an einem Tisch versammelt sehen - sie werden nicht mehr in die Situation kommen, dass man parteiische Stellungnahmen zu politischen und anderen menschheitsbewegenden Ereignissen von ihnen verlangt. Politik wird unaufgeregter betrieben, vieles spielt sich wie früher in Hinterzimmern und Kommissionssitzungen ab, wer wird da noch auf den Rat eines Literaten hören wollen.