Die Kreutzersonate nun auch im Blog.
Für mich ist die
Kreutzersonate nicht so sehr eine psychologische Studie, sozialkritische Analyse oder das ehrlich-reuige Bekenntnis eines greisen Sexmaniacs als vielmehr ein Stück Tendenz-und Belehrungsliteratur, in dem der späte Tolstoi seine moralischen, sexualhygienischen und religiösen Ansichten zu verbreiten trachtete. Deutlich wird das spätestens in seinem Nachwort (
Was ich eigentlich über das Thema, den Kern der von mir unter dem Titel »Die Kreutzersonate« veröffentlichten Erzählung denke), das er auf Proteste und Anfragen hin seiner Erzählung beigefügt hatte: Posdnyschows bizarre Ansichten sind größtenteils die seinen!
Tolstois zutiefst verletzte und gedemütigte Ehefrau, die sich übrigens trotz allem für das Erscheinen des zunächst mit Zensur belegten Werkes einsetzte, schrieb eine Antwort in Form eines Romans (
Eine Frage der Schuld), der dasselbe Geschehen aus weiblicher Sicht schildert. Hätte Tolstoi wirklich“
die Mechanismen männlichen Machtdenkens über die Frau entblösst“ und gezeigt,
dass... Sex als Machtmittel missbraucht wird und dass der Mann von Anfang bis Ende überzeugt ist, im Recht zu sein"(blog-Zitat) dann wäre diese Antwort obsolet gewesen.
Ich schätze Tolstoi als Erzähler sehr, trotz seiner religiösen und sozialpolitischen Anwandlungen (wobei ich einiges im Gegensatz zu seiner Familie auch ausgesprochen gut finde wie das Verteilen seiner Güter) die Kreutzersonate allerdings, dieses misogyne sexualfeindliche Machwerk des späten Tolstoi war mir schon bei der Erstlektüre vor Jahrzehnten (als von Sofja Tolstajas Antwort noch keine Rede war) und beim späteren Wiederlesen suspekt.
Im klassikerforum übrigens scheint man nicht
verwirrt und fasziniert, sondern einhellig der Meinung zu sein, dass das Werk Murks ist.