Author Topic: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate  (Read 7416 times)

Offline sandhofer

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Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« on: 17. April 2014, 19.53 Uhr »
Ein merkwürdiger Beginn, dieses Treffen verschiedener Personen im Zug ... Ich weiss noch nicht, was ich daraus machen soll ...
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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #1 on: 18. April 2014, 16.39 Uhr »
Es kommt wohl darauf an, ob wir auf die Frage "Was will uns der Autor sagen?" eine Antwort erwarten. Der Protagonist der Erzählung ist offenbar ziemlich verwirrt, was die eigene Einstellung zu den Frauen betrifft, so war es wohl auch Tolstoi selber. Als Studie eines Menschen in extremis aber finde ich die "Kreutzersonate" recht gelungen.
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Offline orzifar

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #2 on: 18. April 2014, 22.38 Uhr »
Hallo!

Die Kreutzersonate ist eine meiner Lieblingserzählungen von Tolstoi - gerade weil sie dessen eigenen Konflikt, sein Frauenbild bzw. seine Sexualität wunderbar widerspiegelt. Natürlich ist das vertretene Menschen- (Frauen-)Bild indiskutabel, aber als Darstellung einer - fast pervertierten - männlichen Sexualität brilliant. Und - leider - durchaus aktuell.

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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #3 on: 19. April 2014, 07.40 Uhr »
Die Kreutzersonate fasziniert und irritiert mich. Das ist an und für sich ja schon mal kein schlechtes Zeichen für ihre Qualität.
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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #4 on: 19. April 2014, 18.00 Uhr »
Auch Tolstoi ist wie Burger ein Meister des Paradox. Einerseits wertet der Protagonist der Kreutzersonate die Sexualität als "Schweinereien" ab, andererseits kann er sich nicht enthalten und besteigt immer wieder seine Frau. Am liebsten tun sie es nach einem Streit. Ich hatte mal solche Nachbarn. Die wohnten über uns und die Decke unseres Schlafzimmers war alles andere als schalldicht...  ::)
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Offline orzifar

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #5 on: 23. April 2014, 01.26 Uhr »
Hallo!

Zwischen Faszination und Irritation - das trifft es. Und auch ein Spiegel christlich-chauvinistischer Sexualmoral, in der genau die von dir monierte Ambivalenz vorherrscht: Zum einen das Verdammen aller Sexualität, zum anderen deren unglaubliche Wichtigkeit.

Das Buch hat mich trotzdem vor allem fasziniert: Da es ein "Bekenntnisbuch" von großer Ehrlichkeit ist. Tolstoi verachtete sich selbst ob seiner immer noch vorhandenen sexuellen Bedürfnisse im Alter, konnte seinem christlich-asketischen Ideal niemals gerecht werden. Insofern ist diese Erzählung ein Spiegel all seiner Kämpfe, der Abgründe, die sich wohl immer dann auftun, wenn Moral sich über Natur hinwegzusetzen versucht. Dadurch ist - wie etwa im Christentum - dann jeglicher Perversion Tür und Tor geöffnet, weil sich manche Dinge zwar sublimieren, kultivieren lassen, aber nicht gänzlich unterdrücken. Das bedeutet natürlich im Umkehrschluss keine naturalistische Ethik (weil vom Sein nie auf das Sollen geschlossen werden kann), aber eine Ethik mit Augenmaß: Wer das Unmögliche verlangt wird mit Sicherheit scheitern.

lg

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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #6 on: 23. April 2014, 20.51 Uhr »
Da es ein "Bekenntnisbuch" von großer Ehrlichkeit ist.

Ich wehre mich immer gegen die Gleichsetzung von erzählendem Ich und Autor; aber im Fall der Kreutzersonate scheint tatsächlich eine grosse Kongruenz zu herrschen. Selbst Sofja Tolstaja, die Frau Gräfin, fühlte "ihren" Fall abgehandelt und hat eine Replik geschrieben: Eine Frage der Schuld. Da wird dem Spiegelhalter Tolstoi selber der Spiegel vorgehalten - und vom grossen Ethiker Tolstoi bleibt nur ein kleines, selbstgerechtes Würstchen ... Sofja Tolstajas Roman ist literarisch nicht viel wert, aber im Zusammenhang mit der Kreutzersonate sehr interessant; weshalb wohl der Manesse-Verlag die beiden in einem Bändchen kombiniert hat.
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Offline orzifar

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #7 on: 24. April 2014, 01.56 Uhr »
Hallo!

Ich wehre mich immer gegen die Gleichsetzung von erzählendem Ich und Autor [...]

Eine simple "Gleichsetzung" ist natürlich immer Unfug; andererseits stimmt aber auch Goethes Diktum: "Autobiographie ist's immer!" Da ist natürlich Fingerspitzengefühl gefragt. Dass aber hier Tolstoi seine eigene Sexualität problematisiert, die sich in diesem Zusammenhang öffnenden Abgründe, ist offenkundig. Das "wie" dieses Vorgangs zeichnet ihn als großen Erzähler aus.

lg

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #8 on: 24. April 2014, 20.03 Uhr »
Hallo!

Einverstanden. Für diesen Fall.  ;)

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #9 on: 04. Mai 2014, 07.21 Uhr »
Die Kreutzersonate nun auch im Blog.
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Offline Gontscharow

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #10 on: 04. Mai 2014, 21.01 Uhr »
Die Kreutzersonate nun auch im Blog.

Für mich ist die Kreutzersonate nicht so sehr eine psychologische Studie, sozialkritische Analyse oder das ehrlich-reuige Bekenntnis eines greisen Sexmaniacs als vielmehr ein Stück Tendenz-und Belehrungsliteratur, in dem der späte Tolstoi seine moralischen, sexualhygienischen und religiösen Ansichten zu verbreiten trachtete. Deutlich wird das spätestens in seinem Nachwort ( Was ich eigentlich über das Thema, den Kern der von mir unter dem Titel »Die Kreutzersonate« veröffentlichten Erzählung denke), das er auf Proteste und Anfragen hin seiner Erzählung beigefügt hatte: Posdnyschows bizarre Ansichten sind größtenteils die seinen!
Tolstois zutiefst verletzte und gedemütigte Ehefrau, die sich übrigens trotz allem für das Erscheinen des zunächst mit Zensur belegten Werkes einsetzte, schrieb eine Antwort in Form eines Romans (Eine Frage der Schuld), der dasselbe Geschehen aus weiblicher Sicht schildert. Hätte Tolstoi wirklich“die Mechanismen männlichen Machtdenkens über die Frau entblösst“ und gezeigt, dass... Sex als Machtmittel missbraucht wird und dass der Mann von Anfang bis Ende überzeugt ist, im Recht zu sein"(blog-Zitat) dann wäre diese Antwort obsolet gewesen.
Ich schätze Tolstoi als Erzähler sehr, trotz seiner religiösen und sozialpolitischen Anwandlungen (wobei ich einiges im Gegensatz zu seiner Familie auch ausgesprochen gut finde wie das Verteilen seiner Güter)  die Kreutzersonate allerdings, dieses misogyne sexualfeindliche Machwerk des späten Tolstoi war mir schon bei der Erstlektüre vor Jahrzehnten (als von Sofja Tolstajas Antwort noch keine Rede war) und beim späteren Wiederlesen suspekt.
Im klassikerforum übrigens scheint man nicht verwirrt und fasziniert, sondern einhellig der Meinung zu sein, dass das Werk Murks ist.






« Last Edit: 05. Mai 2014, 08.45 Uhr by Gontscharow »

Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #11 on: 05. Mai 2014, 07.16 Uhr »
Kannst Du bis nächstes Wochenende auf eine Antwort warten? Danke!

PS. Sex
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Offline Gontscharow

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #12 on: 05. Mai 2014, 08.14 Uhr »

Ja sicher. ;)

Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #13 on: 05. Mai 2014, 12.02 Uhr »
Tatsächlich.
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Offline sandhofer

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Re: Leo Tolstoi: Die Kreutzersonate
« Reply #14 on: 10. Mai 2014, 06.53 Uhr »
Die Antwort Sofja ist nun auch verbloggt. Die beiden Artikel gehören zusammen. So besser, Gontscharow  :D ?
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