Author Topic: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe  (Read 12031 times)

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #15 on: 16. November 2013, 20.59 Uhr »
Das weiss ich natürlich nicht. Peake ist, was ich als "typisch englisch" bezeichnen würde. Dickens, Wilkie Collins, die ganze englische Garde der viktorianischen und romantischen Gothic-Novel-Autoren stehen Pate. Peake macht aus der Gothic Novel etwas eigenes, etwas sehr eigenes. Aber dennoch: Man muss die Engländer lieben...
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #16 on: 17. November 2013, 04.45 Uhr »
Das weiss ich natürlich nicht. Peake ist, was ich als "typisch englisch" bezeichnen würde. Dickens, Wilkie Collins, die ganze englische Garde der viktorianischen und romantischen Gothic-Novel-Autoren stehen Pate. Peake macht aus der Gothic Novel etwas eigenes, etwas sehr eigenes. Aber dennoch: Man muss die Engländer lieben...

Mal sehen, ob meine Liebesfähigkeit hinreichend ist. Deine fortgesetzten Beschreibungen haben mich jedenfalls neugierig gemacht. Weglegen ist allemal möglich ;).

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #17 on: 17. November 2013, 17.34 Uhr »
Band 3 schliesst mehr oder weniger nahtlos an Band 2 an. Titus ist immer noch - sozusagen - auf der Flucht vor Gormenghast. Das Pferd hat er allerdings nicht mehr, sondern ein Boot. Und nun ist e plötzlich 20, nicht mehr 17. Und auch kein Erwachsener mehr, kein Mann mehr - wie noch am Ende von Band 2 - aber auch kein Kind, sondern irgendetwas anderes.

'Curiouser and curiouser!' cried Alice (she was so much surprised, that for the moment she quite forgot how to speak good English)...
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #18 on: 24. November 2013, 11.13 Uhr »
Band 3, "Titus Alone", ist wieder bedeutend kafkaesker als Band 2. Der auf sich selber gestellte Titus erinnert zumindest auf den ersten 50 Seiten oder so wieder sehr an K.
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #19 on: 24. November 2013, 19.49 Uhr »
Der auf sich selber gestellte Titus erinnert zumindest auf den ersten 50 Seiten oder so wieder sehr an K.

Wobei alle diese Vergleiche natürlich immer Krücken sind, Hilfs-Nägel, die wir einschlagen, um Unbekanntes, noch nie Gelesenes am Bekannten aufhängen zu können. Kafka ist eine dieser Krücken, Becket wäre eine andere. Denn vieles ist absurd in diesem 3. Teil, absurd aber nicht komisch...
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #20 on: 27. November 2013, 08.14 Uhr »
Im Gegensatz zu vielen, die im dritten Band bereits Spuren der durch Krankheit absinkenden Meisterschaft Peakes sehen wollen, finde ich, dass gerade die Tatsache, dass Peake die pseudo-mittelalterliche Welt der ersten beiden Bände verlässt und in ein modernes Setting wechselt, ja Elemente von Science Fiction hineinmischt, sehr gelungen. Nun waren schon die ersten beiden Bände nicht mittelalterlich, sondern einfach klaustrophob. Band 3 wird agarophob: Auch die Weite, Ferne, die Zukunft bringen nichts.
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #21 on: 30. November 2013, 02.17 Uhr »
Hallo!

Die ersten knapp 50 Seiten gelesen: Und das liest sich ausgezeichnet. Ich hatte nicht wirklich viel erwartet und wurde vielleicht dadurch positiv überrascht. Die Figuren sind gut - pittoresk - gezeichnet, weitgehend origneller als etwas bei Strobls Eleagabal Kuperus. Wenn es nicht sehr stark an Qualität verliert, werde ich mit ziemlicher Sicherheit alle vier Bücher lesen.

lg

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #22 on: 30. November 2013, 07.58 Uhr »
Hallo!

Wie im Blog gesagt: Band 4 ist nicht mehr von Peake selber. Band 2 hängt m.M.n. ein bisschen durch; Band 3 nimmt wieder Fahrt auf. Aber viele finden, dass Band 3 nachlässt, weil das Setting plötzlich so anders ist.

Grüsse

sandhofer
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #23 on: 06. Dezember 2013, 07.16 Uhr »
Hallo!

Obwohl ich der Umstände halber nur langsam voran komme: Das ist schon ein wenig mehr als die übliche Fantasy (wobei: Bisher hielt sich das Auftreten des Phantastischen in Grenzen). Etwa die Einführung von Personen (der Zwillingsschwestern) - das ist ganz ausgezeichnet gemacht und mit Witz und Können beschrieben. Worauf das Ganze hinausläuft bleibt für mich vorläufig noch im Unklaren. Und ich weiß nicht, ob die nächsten Tage genug Lesezeit bereitstellen, um dieser meiner Unklarheit abzuhelfen.

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #24 on: 14. Dezember 2013, 05.39 Uhr »
Hallo!

Habe nun also den ersten Band abgeschlossen. Eindeutig: Mit Fantasy im herkömmlichen Sinne (soweit ich zu einer Definition in der Lage wäre) hat das nichts zu tun. Keine Feen oder Zauberer, Anklänge an Wunderbares (das Sitzen der weißen Katzen auf den Türmchen) haben Vergleichbares bei G. G. Marquez - ansonsten ein menschliches, allzu menschliches Personal, ein wenig Kafka, ein bisschen Perutz (kann Peake den gekannt haben?), teilweise beeindruckende Naturschilderungen, abgründig-obskure Charaktere.

Peake, so lese ich im Vorwort, hat seine Kindheit in China verbracht - und es ist nicht weit von Gormenghast zur verbotenen Stadt, von der Tradition um ihrer selbst willen zu den Gebräuchen am chinesischen Kaiserhof. (Wo denn auch Kafka Anleihe nahm ...) Der "junge Titus" ist einzig Namensgeber, dargestellt wird der soziale Kosmos des Schlosses mit seinen irrwitzigen, aber eben menschlichen Bewohnern, ihrer Erstarrtheit in uralten Überlieferungen, unsinnigen Riten. Alles bleibt an seinem Platz, Ämter werden vererbt, weitergegeben, die Kontinuität muss um jeden Preis bewahrt werden. Einzig zwei Figuren ragen heraus: Steerpike, der junge Emporkömmlung, rücksichtslos, berechnend, schlau und Prunesquallor, der Doktor, intelligent, klug, aber dem alten Schloss zu sehr verhaftet, sodass ihm bloß der kommentierende, analysierende Part bleibt.

Sowohl Handlungsstruktur als auch Sprache beeindrucken: Vor allem, weil ich mit einer Erzählweise im Stile Eleagabal Kuperus' gerechnet hatte. Peake kann schreiben, beschreiben, er ist humorvoll, zynisch, ironisch. Der ganze Band eine wirklich positive Überraschung. (Und er, der Band, stammt aus einer öffentlichen Bibliothek: Und obwohl ein wenig abgegriffen und verschmutzt scheint kaum jemand mehr als die ersten 400 Seiten gelesen zu haben. Da haben also die verschiedenen Leser nichts ihrer Erwartung Gemäßes gefunden: Nicht der Fantasy-Fan - und ich auch nicht.)

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #25 on: 14. Dezember 2013, 07.35 Uhr »
Hallo!

Peake war für mich tatsächlich das Highlight des Jahres. Trotz Wieland.

Perutz als Inspiration? An den habe ich gar nicht gedacht. Aber stimmt, der führt ähnliches Personal.

Nur: mehr als 400 Seiten auf Deutsch? Meine englische Ausgabe hat gerade mal deren 425. Und ist reichlich (und exzellent, nebenbei gesagt, auch wenn es sich nicht um Peakes Original-Illustrationen handelt) bebildert. Gut, das Format ist Grossquart, aber der Satzspiegel belässt auf den Seiten grosszügig Raum und die Schrift ist auch nicht winzig...

Grüsse

sandhofer
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #26 on: 14. Dezember 2013, 20.23 Uhr »
Hallo!

Nur: mehr als 400 Seiten auf Deutsch? Meine englische Ausgabe hat gerade mal deren 425. Und ist reichlich (und exzellent, nebenbei gesagt, auch wenn es sich nicht um Peakes Original-Illustrationen handelt) bebildert. Gut, das Format ist Grossquart, aber der Satzspiegel belässt auf den Seiten grosszügig Raum und die Schrift ist auch nicht winzig...

Recht groß gedruckt, auch der Satzspiegel entsprechend (der erste Band hat 616 Seiten). Älter werdend bin ich über diese Art des Drucks erfreut ;). Am Wochenende werde ich den zweiten Band in Angriff nehmen.

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #27 on: 15. Dezember 2013, 08.17 Uhr »
([...] Und obwohl ein wenig abgegriffen und verschmutzt scheint kaum jemand mehr als die ersten 400 Seiten gelesen zu haben. Da haben also die verschiedenen Leser nichts ihrer Erwartung Gemäßes gefunden: Nicht der Fantasy-Fan - und ich auch nicht.)

Ich habe gerade auf Amazon die sog. "Kundenrezensionen" gelesen. Die Reaktionen sind tatsächlich äusserst zweigeteilt. Aber weil der deutsche Verlag - inkl. der Verfasser des Vorworts - ungeheuer auf dem Schlüsselwort "Fantasy" zu beharren scheinen, zieht der Roman natürlich (teilweise) eine völlig falsche Kundschaft an und stösst eine andere, richtigere dafür ab. Die, für die Fantasy immer mit irgendwelchen Fabelwesen und märchenhaften Ereignissen verbunden ist, können mit diesem Albtraum von Geschichte natürlich nichts anfangen. Dass die nicht über 2/3 des Textes hinauskommen, wundert mich nicht.

(Folgerichtig müsste Band 2 dann aber fast jungfräulich sein, Band 3 ganz...  >:D )
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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #28 on: 24. Dezember 2013, 03.32 Uhr »
Hallo!

(Folgerichtig müsste Band 2 dann aber fast jungfräulich sein, Band 3 ganz...  >:D )

Dem ist so ;). Ich bin nun beim zweiten Teil, der mir bisher fast noch besser gefällt: Vor allem die Lehrerschaft hat was Großartig-Groteskes. Und ich freue mich schon auf die Abendgesellschaft bei des Doktors Schwester (der Doktor ist als Figur, als spitzzüngiger Kommentator im übrigen ganz hervorragend).

Der Verfasser des Vorworts (ein mir unbekannter Tad Williams) ist offenbar eine ziemliche Null: Und er scheint den Roman auch nicht zu verstehen. Die Wiki belehrt mich, dass es sich um einen Fantasy-Autor handelt (was ich vermutet hatte), dieses enthusisastische Lobgehudel muss den Leser, der sich gänzlich anderes erwartet, notgedrungen enttäuscht zurücklassen nach wenigen Seiten.

Aber Hauptsache, dass mir das Lesen großen Spaß macht :).

lg

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Re: Merwyn Peake: Die Gormenghast-Reihe
« Reply #29 on: 24. Dezember 2013, 07.11 Uhr »
Der Verfasser des Vorworts (ein mir unbekannter Tad Williams) [...] Fantasy-Autor

Einer der ganz Grossen der Szene. (Nein, ich habe nie etwas von ihm gelesen.)
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