Hallo!
Habe nun also den ersten Band abgeschlossen. Eindeutig: Mit Fantasy im herkömmlichen Sinne (soweit ich zu einer Definition in der Lage wäre) hat das nichts zu tun. Keine Feen oder Zauberer, Anklänge an Wunderbares (das Sitzen der weißen Katzen auf den Türmchen) haben Vergleichbares bei G. G. Marquez - ansonsten ein menschliches, allzu menschliches Personal, ein wenig Kafka, ein bisschen Perutz (kann Peake den gekannt haben?), teilweise beeindruckende Naturschilderungen, abgründig-obskure Charaktere.
Peake, so lese ich im Vorwort, hat seine Kindheit in China verbracht - und es ist nicht weit von Gormenghast zur verbotenen Stadt, von der Tradition um ihrer selbst willen zu den Gebräuchen am chinesischen Kaiserhof. (Wo denn auch Kafka Anleihe nahm ...) Der "junge Titus" ist einzig Namensgeber, dargestellt wird der soziale Kosmos des Schlosses mit seinen irrwitzigen, aber eben menschlichen Bewohnern, ihrer Erstarrtheit in uralten Überlieferungen, unsinnigen Riten. Alles bleibt an seinem Platz, Ämter werden vererbt, weitergegeben, die Kontinuität muss um jeden Preis bewahrt werden. Einzig zwei Figuren ragen heraus: Steerpike, der junge Emporkömmlung, rücksichtslos, berechnend, schlau und Prunesquallor, der Doktor, intelligent, klug, aber dem alten Schloss zu sehr verhaftet, sodass ihm bloß der kommentierende, analysierende Part bleibt.
Sowohl Handlungsstruktur als auch Sprache beeindrucken: Vor allem, weil ich mit einer Erzählweise im Stile Eleagabal Kuperus' gerechnet hatte. Peake kann schreiben, beschreiben, er ist humorvoll, zynisch, ironisch. Der ganze Band eine wirklich positive Überraschung. (Und er, der Band, stammt aus einer öffentlichen Bibliothek: Und obwohl ein wenig abgegriffen und verschmutzt scheint kaum jemand mehr als die ersten 400 Seiten gelesen zu haben. Da haben also die verschiedenen Leser nichts ihrer Erwartung Gemäßes gefunden: Nicht der Fantasy-Fan - und ich auch nicht.)
lg
orzifar