Sommer mit Nietzsche: So habe ich mein im Juni begonnenes Leseprojekt genannt. Es besteht derzeit aus drei abgeschlossenen Lektüren: Morgenröte, Die fröhliche Wissenschaft und, ergänzend, Nietzsche - Biographie seines Denkens von R. Safranski (Hanser, 2000). Die Auswertung und Ausformulierung der Notizen zur Fröhlichen Wissenschaft stelle ich als ersten Teil meiner Nietzscheana gern zur Diskussion.
Die fröhliche Wissenschaft
Oft als „Werk der Mitte“ bezeichnet (G. Colli), ist die FW das wohl vielfältigste und (lt. R. Safranski) erste und einzige Buch Nietzsches, dem ein „Erweckungserlebnis“ zugrunde liegt. Nietzsche hielt sich im Sommer 1881 zum ersten mal in Sils-Maria auf – er wird diesen Ort bis 1888 immer wieder aufsuchen. Was dort genau geschah, ist unklar. Aus Ns. Notizbüchern jener Zeit geht (immer noch lt. Safranski) hervor, dass er im Engadiner Sommer die eigentlich recht „triviale“, sowohl im abendländischen als auch im buddhistischen Denken fest verankerte Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen aus dem Hut zog. Das Thema spielt allerdings in der FW keine besondere Rolle. Lediglich zwei Aphorismen beschäftigen sich damit (in Ansätzen 109 und 341). N. wollte sich diesen Gedanken für spätere Werke aufsparen – genau wie die Figur des Zarathustra (die in der FW zum ersten Mal auftaucht), den Übermenschen und den Willen zur Macht. Um einen wesentlichen Aspekt vorwegzunehmen: Der Übermensch ist für N. der heroische Typus, der als einziger dem niederschmetternden Gedanken des ewig Gleichen nicht nur trotzen kann, sondern darin etwas Göttliches erblickt. Für die Masse hingegen sei die ewige Wiederkunft nichts als Last und Qual.
Die FW bestand bei ihrem ersten Erscheinen 1882 zunächst aus vier Büchern. Das Ende des vierten Buches wird ein Jahr später das erste Zarathustra-Kapitel sein – mit nur geringfügigen Änderungen. Die Erstausgabe der FW endet mit dem berühmt-kryptischen Satz: „Also begann Zarathustras Untergang.“ Bekannt und berühmt geworden ist außerdem der Aphorismus 125, in dem es heißt: „Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir sind seine Mörder!“
Was ist „fröhliche Wissenschaft“? Im Vorwort der zweiten Auflage (1887) charakterisiert N. sein Werk: „Es scheint in der Sprache des Tauwinds geschrieben: es ist Übermut, Unruhe, Widerspruch, Aprilwetter darin, so dass man beständig … an den Sieg über den Winter gemahnt wird, der kommt, kommen muss, vielleicht schon gekommen ist … Fröhliche Wissenschaft: das bedeutet, die Saturnalien eines Geistes, der einem Druck geduldig widerstanden hat – geduldig, streng, kalt, aber ohne Hoffnung, und der jetzt von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung.“ Diese Genesung hat vor allem einen Effekt: „Der Wille zur Wahrheit um jeden Preis“ ist der fröhlichen Wissenschaft verleidet. Sie glaubt nicht mehr daran, „dass Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr den Schleier abzieht.“
Die erste „Entschleierung“ gilt dem Trieb der Arterhaltung. Was stärkt und was schwächt ihn? Wird er durch die Vernunft gestärkt? Nein, denn diese ist nicht mehr als eine beruhigende Erfindung, die weniger ist, als sie scheint. Vielmehr sind menschliches Bewusstsein und Erkenntnisfähigkeit potenziell zersetzende Kräfte . Beide beruhen auf religiös-moralischen Irrtümern, die folgende Grundtatsachen leugnen (Aph. 109):
- Es gibt keinen Zweck des Daseins; das ist eine Erfindung der Moral- und Religionsstifter.
- Im Universum herrscht stattdessen die kalte Notwendigkeit des ewig Gleichen, die ständige Wiederholung. Das All ist keine Maschine, sondern ein Chaos, das kein Ziel, keine Form, keine Weisheit, keine Moral, keine Schönheit und keinen Gott besitzt. Der Mensch ist Teil davon, er ist nichts als Natur.
Das zu erkennen, kann den Menschen zusammenbrechen lassen. Nur die Edlen und Starken (erst später werden sie „Übermenschen“ genannt) sind fähig, das Leben als Experiment des Erkennenden zu betrachten und sich Erkenntnisse dieser Art „einzuverleiben“, ohne daran zu Grunde zu gehen. N. problematisiert den Geist und wird später (in allen Werken ab „Zarathustra“) das einzige, nicht allein lebenserhaltende, sondern lebenssteigernde Prinzip in den Mittelpunkt seines Denkens stellen: den Willen zur Macht.
Im bekenntnishaften vierten Buch mit der Überschrift „Sanct Januarius“ plädiert N. u.a. für die unbedingte Bejahung des eigenen Schicksals. Amor fati, d.h. lernen, das Notwendige an den Dingen als das Schöne zu sehen (Aph. 276). In den anfänglich heiter-gelösten Ton dringen erste Kriegsschreie ein: „Ich begrüße alle Anzeichen dafür, dass ein männlicheres, ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das vor allem die Tapferen wieder zu Ehren bringen wird! Denn es soll einem noch höheren Zeitalter den Weg bahnen … jenes Zeitalter, das den Heroismus in die Erkenntnis trägt und Kriege führt um der Gedanken und ihrer Folgen willen“ (Aph. 283). Mit dem berühmten „Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ fordert er dazu auf, eine andere Welt zu entdecken, gleichzeitig „viele neue Sonnen“ zu schaffen und mit Hilfe der Entsagung und Askese sich selber ertragen zu lernen, höher zu steigen bis zu dem Punkt, wo der Mensch „nicht mehr in einen Gott ausfließt“ (Aph. 285 u. 289). Ist das Euphorie, oder schon Hysterie?
N. schwankt auf unsicherem Boden, er will erhaben werden und ist misstrauisch „in Bezug auf Alles, was in uns fest werden will“ (Aph. 296). Lyrischer Höhepunkt ist der Abschnitt „Wille und Welle“ (Aph. 310): „Wie gierig kommt diese Welle heran, als ob es etwas zu erreichen gälte! … Es scheint, sie will Jemandem zuvorkommen … Und nun kommt sie zurück, etwas langsamer, immer noch ganz weiss vor Erregung – ist sie enttäuscht? … So leben die Wellen, so leben wir, die Wollenden! …“
1887, nach der Veröffentlichung der vier Zarathustra-Bände und „Jenseits von Gut und Böse“, fügte N. der zweiten Auflage der FW nicht nur ein Vorwort, sondern auch ein fünftes Buch mit der Überschrift „Wir Furchtlosen“ hinzu. Eigentlich handelt es sich um eine Fortsetzung der Gedanken aus „Jenseits von Gut und Böse“. Was N. bewogen hat, diese Abschnitte der zweiten FW-Ausgabe anzufügen, ist unklar. „Wir Furchtlosen“ beginnt als Diagnose des europäischen Religions- und Kulturverfalls (Nihilismus!) und enthält die seltsame Warnung, dass der Wille zur Wahrheit ein durchaus „lebensfeindliches, zerstörerisches Prinzip“ sein kann. „Wille zur Wahrheit – das könnte ein versteckter Wille zum Tode sein“ (Aph. 344). N. greift die Gefahren der Erkenntnisleidenschaft aus dem fünften Buch der „Morgenröte“ noch einmal auf – diesmal jedoch ungleich schärfer, düsterer, irritierender …
Das wahrhaft Erschreckende an diesem fünften Buch der FW kommt zum Schluss. Es endet mit einer fast schon wahnsinnig anmutenden Hymne auf eben jene „Furchtlosen“, die als heimatlose, von der dumpfen Masse unverstandene und sich selbst veredelnde überzeitliche Heroenexistenzen geschildert werden. Das Wort „Übermensch“ fällt kaum – das hatte Zarathustra zur Genüge gepredigt. Dennoch: Der Sog dieser Abschnitte ist nahezu unheimlich. Jeder moralisch ungefestigte Leser wird hier zum Kumpanen des Übermenschen, eines furchtlosen Kämpfers und inhumanen Eroberers gemacht, der – und jetzt wird es richtig krass! – eines modernen Sklaventums bedarf, um seiner eigenen Erhöhnung die notwendige Basis zu verschaffen (Aphorismus 377) …
Was bleibt? Ein zwiespältiger Eindruck, ein sprachlich relevantes, jedoch inhaltlich oft dürftiges Werk, das Vieles streift und wenig erhellt. Typisch Nietzsche halt.
Wird fortgesetzt.