Author Topic: Sommer mit Nietzsche, Teil 1: Die fröhliche Wissenschaft  (Read 7298 times)

Offline Sir Thomas

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Re: Sommer mit Nietzsche, Abschluss: Jenseits von Gut und Böse
« Reply #15 on: 16. August 2013, 16.51 Uhr »
Jenseits von Gut und Böse

Beginnen wir mit zwei zeitgenössischen Urteilen über dieses Buch, das für N. Teil seines Hauptwerks werden und ursprünglich „Der Wille zur Macht“ heissen sollte. Zuerst der Schweizer Journalist und Kritiker Joseph Victor Widmann: „Wir sprechen von dem neuen Buch des Philosophen Nietzsche als von einem gefährlichen Buch.“ – Zum zweiten ein langjähriger Weggefährte Nietzsches, der Altphilologe Erwin Rohde: „… das eigentlich Philosophische daran ist so dürftig und fast kindisch …“. Widmanns Kritik machte den bislang kaum gelesenen deutschen „Philosophen“ mit einem Schlag relativ bekannt. Rohdes Verdikt dürfte ihn hingegen arg geschmerzt haben.

Das erste nachzarathustrische Werk (erschienen 1886) ist Ausfluss eines „heiligen“ Zorns, eine Abrechnung mit der gesamten Philosophie und Metaphysik.  Mit den Worten Safranskis: Er durchmustert die Reihe der metaphysischen Fiktionen, mit denen der abendländische Geist die imaginäre Welt der Haltbarkeit, Einheit und Dauer gegen den heraklitischen absoluten Fluss des Werdens und Vergehens entworfen hat (S. 311). Für N. gibt es keine Gegensätze, keine Dialektik, keine historischen Gesetzmäßigkeiten, sondern nur noch fließende Übergänge.

Das „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ (so der Untertitel) bietet wenig Neues. In neun sog. Hauptstücke wiederholt N. seine Kritik an der Moral, am religiösen Menschen und am Christentum. Er hält diesen alten Zöpfen sein neues Denken, das Denken der „freien, sehr freien Geister“ und den „neuen Typus Mensch“ entgegen, der all die metaphysischen Tröstungen des religiösen Herdentiers nicht mehr nötig hat, weil er hart ist gegen sich und andere, weil er souverän über den Dingen steht und nichts anerkennt, als das, was er sich und anderen zum Gesetz macht.

Abschnitt 51: Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend vor dem Heiligen gebeugt, als dem Rätsel der Selbstbezwingung und absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten in ihm — und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen und kläglichen Anscheins — die überlegene Kraft, welche sich an einer solchen Bezwingung erproben wollte, die Stärke des Willens, in der sie die eigene Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu ehren wussten: sie ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten. Es kam hinzu, dass der Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn eingab: ein solches Ungeheures von Verneinung, von Wider-Natur wird nicht umsonst begehrt worden sein, so sagten und fragten sie sich. Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine ganz grosse Gefahr, über welche der Asket, Dank seinen geheimen Zusprechern und Besuchern, näher unterrichtet sein möchte? Genug, die Mächtigen der Welt lernten vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue Macht, einen fremden, noch unbezwungenen Feind: — der „Wille zur Macht“ war es, der sie nötigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn fragen.

Abschnitt 197: Man missversteht das Raubtier und den Raubmenschen (zum Beispiele Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die „Natur“, so lange man noch nach einer „Krankhaftigkeit“ im Grunde dieser gesündesten aller tropischen Untiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen eingeborenen „Hölle“ —: wie es bisher fast alle Moralisten getan haben. Es scheint, dass es bei den Moralisten einen Hass gegen den Urwald und gegen die Tropen gibt? Und dass der „tropische Mensch“ um jeden Preis diskreditiert werden muss, sei es als Krankheit und Entartung des Menschen, sei es als eigene Hölle und Selbst-Marterung? Warum doch? Zu Gunsten der „gemässigten Zonen“? Zu Gunsten der gemässigten Menschen? Der „Moralischen“? Der Mittelmässigen? — Dies zum Kapitel „Moral als Furchtsamkeit“.

N. philosophiert lang und breit über das, was den edlen, aristokratisch gesinnten Menschen von dem niedrigen Sklaventum der großen Masse abhebt und wie viel Grausamkeit und Unterdrückung im Untergrund jeder Kultur lauert (– notwendigerweise lauern muss!), weil Zivilisation eben mit Grausamkeit, Durchsetzung der willensstarken Naturen und Unterdrückung von Massen verbunden sei. Grausam sei letztlich auch der Hang eines jeden Erkennenden zu eigenem Leiden und zu dem Drang, die Dinge tief und gründlich zu nehmen. N. nennt es eine intellektuelle Grausamkeit, wenn die freien Geister jenseits der Moral den schrecklichen „Grundtext homo natura“ wieder erkennen wollen. Sie streben nämlich vor allem danach, den Menschen „zurück zu übersetzen in die Natur“ (Abschnitt 230).

Diese „Natur““ kennt vor allem den Unterschied zwischen „vornehm“ und „gemein“. Im letzten Hauptstück offenbart N. sein aristokratisch-elitäteres Menschenbild. Abschnitt 257: Jede Erhöhung des Typus „Mensch“ war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft — und so wird es immer wieder sein: als einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in irgend einem Sinne nöthig hat. Ohne das Pathos der Distanz, wie es aus dem eingefleischten Unterschied der Stände, aus dem beständigen Ausblick und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und Werkzeuge und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, könnte auch jenes andre geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer, umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus „Mensch“, die fortgesetzte „Selbst-Überwindung des Menschen“, um eine moralische Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen.

Kurz vor Schluss gibt N. noch ein treffendes Selbstbild ab. Abschnitt 289: Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem Wiederhall der Oede, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus seinem Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art des Schweigens, Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags und Nachts allein mit seiner Seele im vertraulichen Zwiste und Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle — sie kann ein Labyrinth, aber auch ein Goldschacht sein — zum Höhlenbär oder Schatzgräber oder Schatzwächter und Drachen wurde: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebenso sehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, das jeden Vorübergehenden kalt anbläst.

Auffällig an diesem Werk: N. schreibt nicht mehr in Aphorismen, sondern beweist einen längeren Atem. Das macht das Buch trotz zahlreicher Kettensätze erstaunlich gut lesbar. Der Ton ist, verglichen mit „Morgenröte“ und „Fröhlicher Wissenschaft“ deutlich aggressiver geworden. Er wird sich weiter steigern – über die „Genealogie …“ und „Götzen-Dämmerung“ bis zum geifernden „Anti-Christen“ und der fast nur noch wahnsinnig anmutenden Autobiographie „Ecce Homo“. Mit „Jenseits …“ hat N. drei Jahre vor seinem Zusammenbruch die schiefe Ebene betreten, die ihn der Nachwelt verdächtig machen wird – und bis heute seinen zweifelhaften Ruf als Prediger der Amoral begründet.