Aber eigentlich ging's ja um Goethes Verhalten: Und dieses sehe ich durchaus positiv. Im übrigen scheint mir auch das mit dem netten Betthäschen ein wenig zweifelhaft: Hätte es sich nur um ein solches gehandelt, wäre Goethen ein attraktiveres zu Gebote gestanden als die schon in den 90igern etwas füllige, von vielen Schwangerschaften gezeichnete Christiane. Es dürfte ihn doch etwas mehr an sie gebunden haben als die bloß körperliche Anziehung
Bitte vergiss den "
Betthasen". Wie gesagt, der verbürgte Begriff ist „
Bettschatz“. Er stammt von Goethes Mutter und war nicht abschätzig gemeint. Sie war eine der wenigen (die einzige?), die die Beziehung wohlwollend betrachtete. Sie mochte Christiane (
Meine Mutter liebt dich.. schrieb Goethe), vor allem wohl, weil sie meinte, sie (Christiane) tue ihrem „
Hätschelhans“ gut.
Zumindest zu Anfang war ganz sicher die Erotik der Kitt der Beziehung. Goethe und Christiane lernten sich 1788, kurz nach Goethes Rückkehr aus Italien kennen. Italien war für ihn bekanntlich u.a. eine Schule der Erotik. In Rom liebte er "Faustina", ein Mädchen aus dem Volke. In den 1788/9 verfassten
Römischen Elegien, die später erstmals in den
Horen erschienen und einen Sturm der moralischen Entrüstung auslösten, verarbeitete er sein Rom-Erlebnis, aber ganz sicher auch die Liebe zu Christiane, die er gerade erlebte.
Die strohtrockene Frau v. Stein, die ihn am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen, mit der zwanzig Jahre jüngeren, unkompliziert und sinnlich liebenden Christiane vergleichend, dichtete er :
Liebesqual verschmäht mein Herz/…../Nur vom Tücht’gen will ich wissen,/Heißem Äuglen, derben Küssen/……/Mädchen gib der frischen Brust/Nichts von Pein, und alle LustWas Goethes Verhältnis zu seiner „
dicken Hälfte“( Zitat:Frau v. Stein) in späteren Jahren betrifft (auch der 14jahre ältere G. verfettete, sogar sein „
Flammenauge“ wurde angeblich zeitweilig zum Sehschlitz), so gibt dieses zugegeben nicht besonders gute Gelegenheitsgedicht darüber Auskunft:
Hab oft einen dumpfen Sinn/ Ein gar so schweres Blut!/Wenn ich bei meiner Christel bin./ Ist alles wieder gut!Also ich glaube, Goethe wußte, was er an ihr hatte! Das heißt nicht, dass er nicht mit anderen zum Leidwesen Christianes „äugelte“( sie äugelte ihrerseits), Aber er ging nie so weit, dafür sein Wohlleben mit Christiane aufzugeben. Er hat, obwohl er sie am Kranken-und Sterbebett allein ließ, sehr um sie getrauert, als sie starb…
Um auf die späte Legalisierung ihres Verhältnisses (18 Jahre „Gewissens-Ehe“(Goethe!), 10 Jahre Ehe) zurückzukommen:meiner Meinung nach eine überfällige Selbstverständlichkeit und wegen des späten Zeitpunktes eher Zeichen seiner Halbherzigkeit als ein besonderes Ruhmesblatt!