Hallo!
Dass da einer den anderen möglicherweise nicht liest (noch mehr nicht versteht) - kann durchaus sein. Oder sich jemand nicht mehr an das eigene Geschreibsel erinnern kann: "Aber dass er es unterlässt, sich komplett wie ein Arschloch zu benehmen, ist ja noch nicht unbedingt etwas, was (Zitat orzifar) ihm vom menschlichen Standpunkt sehr hoch angerechnet werden muss...!" Nur wie ein Arschloch und nicht "komplett wie ein Arschloch" - diese beiden Alternativen!? Tatsächlich ist mein Standpunkt ein gänzlich anderer (und ich habe auch nicht vor, den des lieben Friedens willen - nebst Eierkuchen - usf. zu relativieren und zu bemänteln): Ich finde eben nicht, dass er sich wie ein Arschloch (oder wie dessen Totalität) verhalten hat, sondern - Christiane gegenüber - trotz des gesellschaftlichen Druckes (denn alle haben sich gegen diese Beziehung gewandt) moralisch höchst anständig und anerkennenswert. Er hat vor der Ehe zu ihr gehalten, er hätte sie bzw. den Sohn (wie andere in solchen Beziehungen) auch ohne Heirat finanziell absichern können (was denn wohl auch das Maximum war, das man von ihm erwartet hat) - es aber eben nicht getan, sondern sie ganz offiziell anerkannt. Ich sehe einfach nicht, warum ich dem Geheimrat genau dieses Verhalten (das eben entgegen aller Erwartungen und Konventionen war) nicht hoch anrechnen sollte, sondern ihm einzig nach der Verehelichung konzedieren soll, dass "er sich nicht wie ein komplettes Arschloch verhalten hat" - und dabei bestenfalls das "komplett" streichen darf.
Mein "dämlicher" Satz "dass sich ein 39jähriger von einer hübschen 23jährigen erotisch angezogen fühlt" war als Erwiderung auf "Zumindest zu Anfang war ganz sicher die Erotik der Kitt der Beziehung" gedacht, wobei das wiederum die Antwort auf die vorher unterstellte, von mir bezweifelte reine Bettbeziehung war. Wenn diese deine Feststellung nicht als Erwiderung auf dieses mein Bezweifeln gedacht war, dann ist sie nichts als eine Trivialität. Denn das mit der Erotik pflegt zu Beginn einer Beziehung wohl seit 100000 Jahren so zu sein.
In nuce: Goethe hat sich Christiane entgegen aller Erwartungen und Gepflogenheiten als ein zuverlässiger Gefährte erwiesen, sie nirgendwo im Stich gelassen, schließlich geheiratet (was noch weniger jemand erwartete oder gar forderte) und hat bis zum Schluss zu ihr gestanden. Das finde ich angesichts der Zeitumstände höchst anständig und ist ihm (nach meinem Dafürhalten) hoch anzurechnen (weil es eben nicht nur das "Normale", sondern ein weit über diese Norm hinausgehendes Verhalten war). Und das ist eben etwas völlig anderes als "gerade nicht wie ein komplettes Arschloch" sich verhalten.
Aber ich habe jetzt eigentlich keine Lust mehr, mich über die Verstehens- oder Gedächtnisprobleme der Diskutanten zu unterhalten.
lg
orzifar