Wir sind zwar schon im eilften Stück, ich erlaube mir dennoch einen kleinen Nachtrag zum Mährchen aus dem zehenten.
Beim Zurückblättern stellte ich nämlich fest, dass wir doch nicht so unvorbereitet mit dem Mährchen konfrontiert werden, wie dargestellt, dass uns sogar so etwas wie eine "Poetik" desselben präsentiert wird. Goethe spricht vom Mährchen im Brief an Schiller als von einem Product der Einbildungskraft. Und genau von dieser Einbilgungskraft, heute würde man sagen Phantasie, ist hier die Rede. Der Salonrevoluzzer und Anhänger der Mainzer Republik Karl -warum ausgerechnet er? - macht den Vorschlag, dass ein Märchen erzählt werden solle und zwar mit folgender Begründung:
Wissen Sie nicht, sagte Karl zum Alten, uns irgendein Märchen zu erzählen? Die Einbildungskraft ist ein schönes Vermögen, nur mag ich nicht gern, wenn sie das, was wirklich geschehen ist, verarbeiten will; die luftigen Gestalten, die sie erschafft, sind uns als Wesen einer eigenen Gattung sehr willkommen; verbunden mit der Wahrheit bringt sie meist nur Ungeheuer hervor und scheint mir alsdann gewöhnlich mit dem Verstand und der Vernunft im Widerspruche zu stehen.
Er selbst als einer der Protagonisten der eng am Zeitgeschehen sich orientierenden "realistischen" Rahmenhandlung ist ein solches Ungeheuer. Hier ist wieder dieselbe Ironie am Werk wie bei der Baronesse, die als selbst in einem solchen Genre vorkommende Person verschachtelte Erzählungen im Stile von 1001 Nacht für ablehnenswert erklärt. Karl fährt fort:
Sie [die Einbildungskraft] muß sich, deucht mich, an keinen Gegenstand hängen, sie muß uns keinen Gegenstand aufdringen wollen, sie soll, wenn sie Kunstwerke hervorbringt, nur wie eine Musik auf uns selbst spielen, uns in uns selbst bewegen, und zwar so, daß wir vergessen, daß etwas außer uns sei, das diese Bewegung hervorbringt.
Damit beschreibt er sehr schön, was beim Lesen des Märchens dann passiert, etwa dass man den Eindruck gewinnt, das Märchen erzähle sich selbst.
Als er zu weiterer Analyse des Phantastischen ansetzt, winkt der Geistliche nur müde ab. Es entziehe sich jedweder Regel …:
Fahren Sie nicht fort, sagte der Alte, Ihre Anforderungen an ein Product der Einbildungskraft umständlicher auszuführen. Auch das gehört zum Genuß an solchen Werken, daß wir ohne Forderungen genießen, denn sie selbst kann nicht fordern…….
Und er fährt noch ein Weilchen fort darüber zu schwadronieren, warum man darüber nicht schwadronieren sollte...