Author Topic: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie  (Read 10255 times)

Offline sandhofer

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Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« on: 28. Dezember 2012, 15.43 Uhr »
Hallo zusammen!

Neu begonnen, als Erholung zu Gassendi: Mark Twains geheime Autobiografie. Mark Twain wollte seine Autobiografie 100 Jahre unter Verschluss gehalten wissen, bevor sie publiziert werden durfte. Diese 100 Jahre sind seit kurzem abgelaufen; und nun ist auch die deutsche Übersetzung erschienen. So weit nicht schlecht; ähnlich wie Mark Twains Reiseberichte eine Mischung aus Krudem, Witzigen, Langweiligen und Besserwisserischem. Aber Mark Twains Besserwisserei kommt immer noch ein bisschen mehr augenzwinkernd daher als die der meisten Autoren. Bisher habe ich wenig gelesen, das aus heutiger Sicht die 100-Jahr-Sperre verdient. Aber man war zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielleicht noch ein wenig rücksichtsvoller. Bisher habe ich nichts gelesen, was heutzutage ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat nicht dem andern in aller Öffentlichkeit an den Kopf werfen würde.

Ein paar interessante Bemerkungen zur Textsorte "Autobiografie" sind ebenfalls vorhanden. Für Twain ist wichtig, dass Autobiografie keine Geschichtsschreibung ist. Eher Journalismus, Plauderei am Kaminofen. Das macht seine Texte jedenfalls sehr lebendig, wenn auch hin und wieder mäandrisch.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #1 on: 31. Dezember 2012, 07.09 Uhr »
Hallo,

interessiert mich nach meiner Twain-Lektüre des Vorjahres sehr. Mal sehen, ob das noch billiger wird, schon wieder 50 Euro  >:(

lg

orzifar

Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #2 on: 01. Januar 2013, 19.14 Uhr »
Hallo!

Es handelt sich hier - das kommt aus der Verlagswerbung m.M.n. nicht so ganz klar hervor - nicht um ein von Mark Twain fertig gestaltetes und dann 100 Jahre zurück gestelltes Werk. Auch wenn das zwischendurch seine Absicht war - Autobiografie ohne Rücksicht auf alles und jeden, auch sich selber nicht - und sie dann 100 Jahre abkühlen lassen:

Mark Twain hat immer mal wieder Anläufe zu einer Autobiografie unternommen. Meist hat er nach kurzer Zeit das Interesse daran verloren. Am längsten und intensivsten daran gearbeitet hat er 1906 in New York. Diese "New Yorker Diktate" bilden den Kern von Band 1, der zur Zeit als einziger vorliegt. Auch diese Diktate wurden abgebrochen. Der Band besteht im Grunde genommen aus einer Sammlung mehr oder weniger disparater Fragmente.

Dazu kommt Mark Twains auch in seiner andern autobiografischen Schriften, den Reiseberichten, immer wieder durchschimmernde Tendenz, sich selber und die eigenen Meinungen mal absolut gar nicht, dann aber wieder in vollster Überzeugung ernst zu nehmen. Und in letzterem Fall ist es halt so wie bei jedem, der seine eigene Meinung in vollster Überzeugung vertritt: Er wird langweilig und rechthaberisch.

Nur so als Warnung!

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #3 on: 04. Januar 2013, 09.51 Uhr »
Eine kleine Zusammenfassung meiner Gedanken zur "Geheimen Autobiografie":

http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2719  :hi:
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #4 on: 11. Januar 2015, 19.59 Uhr »
Mittlerweile Band 2 ausfindig gemacht und zu lesen begonnen. Gefällt mir besser, weil einheitlicher als Band 1.
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #5 on: 14. Januar 2015, 20.35 Uhr »
Band 2 fertig. Ist tatsächlich besser, weil einheitlicher und weniger selbstgefällig, als Band 1.
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Offline Camenzind

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #6 on: 15. Januar 2015, 13.07 Uhr »
Den ersten Band fand ich so enttäuschend belanglos, daß ich auf den zweiten keine rechte Lust mehr habe ...

 :-\
« Last Edit: 15. Januar 2015, 13.13 Uhr by Camenzind »

Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #7 on: 15. Januar 2015, 17.14 Uhr »
Den ersten Band fand ich so enttäuschend belanglos, daß ich auf den zweiten keine rechte Lust mehr habe ...

Kann ich verstehen; es ging mir ja ähnlich: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=2719

Aber, wie gesagt, der zweite Band ist besser. Es ist eine Art abendlicher Plauderei mit Clemens am Kaminfeuer. Sicher: Es gibt bessere Autobiografien...
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #8 on: 18. Januar 2015, 08.09 Uhr »
Aber, wie gesagt, der zweite Band ist besser. Es ist eine Art abendlicher Plauderei mit Clemens am Kaminfeuer. Sicher: Es gibt bessere Autobiografien...

Diese meine Meinung nun in erweiterter Form auch im Blog: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6050
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Offline Camenzind

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #9 on: 18. Januar 2015, 15.20 Uhr »
Quote
der Tod seiner Frau und seiner Kinder wird ebenfalls gestreift.

Klingt mehr nach Thomas Mann ...

 :)

Quote
es war Clemens nicht gegeben, die Qualität anderer Schriftsteller korrekt einzuschätzen.

Gegeben vielleicht schon, aber vielleicht wollte er nicht ?

*

Überzeugt. Werde den zweiten Teil auch lesen.

Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #10 on: 18. Januar 2015, 16.03 Uhr »
Quote
der Tod seiner Frau und seiner Kinder wird ebenfalls gestreift.

Klingt mehr nach Thomas Mann ...

Gemeint war eigentlich mehr, dass Clemens sich den Schmerz ersparen wollte, den ihm diese Todesfälle immer noch verursachten.

Quote
es war Clemens nicht gegeben, die Qualität anderer Schriftsteller korrekt einzuschätzen.

Gegeben vielleicht schon, aber vielleicht wollte er nicht ?

Ich denke eher, dass er es wirklich nicht konnte. Denken wir Schillers oder Goethes Einschätzungen von Hölderlin oder Heinrich von Kleist... Und dann halten wir dagegen, was die alles für gut befanden. Ganz ähnlich ist es bei Clemens-Twain.

Überzeugt. Werde den zweiten Teil auch lesen.

Bin auf Deine Meinung gespannt.  :hi:
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Offline Camenzind

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #11 on: 18. Januar 2015, 16.19 Uhr »
Gemeint war eigentlich mehr, dass Clemens sich den Schmerz ersparen wollte, den ihm diese Todesfälle immer noch verursachten.

Das dachte ich mir, zumindest was Clemens betrifft.

 ;)

Quote
Denken wir Schillers oder Goethes Einschätzungen von Hölderlin oder Heinrich von Kleist... Und dann halten wir dagegen, was die alles für gut befanden. Ganz ähnlich ist es bei Clemens-Twain.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das jetzt richtig verstanden habe. Daß dieser oder jener Autor diesen oder jenen anderen schlecht findet und andere gut, heißt doch nichts ... Dieser Tage las ich bei Nabokov, der 'Tod in Venedig' sei eine "Eselei" ... Auch interessante Autoren können in ihren Bewertungen völlig danebenhauen ...

Quote
Bin auf Deine Meinung gespannt. 

Das wird aber etwas dauern. Bis die Stadtbücherei sich den Band angeschafft hat.  ;) (Ich habe kaum noch Platz für Bücher und muß in Sachen Neuanschaffungen streng rationieren ...)

Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #12 on: 18. Januar 2015, 17.03 Uhr »
Auch interessante Autoren können in ihren Bewertungen völlig danebenhauen ...

Sie tun es meist. Mir kommen da noch Arno Schmidts merkwürdige Einschätzungen in den Sinn...
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Offline Camenzind

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #13 on: 18. Januar 2015, 18.30 Uhr »
Königs Erläuterungen: Falls (u.a.) [Schmidt] in Sachen Karl May gemeint war, wurde bewußt offen gelassen, ob das mehr Dingen wie dem "letzten Großmystiker" oder [Dingen wie] dem "Koloß von Würstchen" galt ...  :) (Richtig ist, wenn man so will, beides ...  :))

Offline Sir Thomas

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Re: Mark Twain: Meine geheime Autobiografie
« Reply #14 on: 19. Januar 2015, 09.18 Uhr »
Auch interessante Autoren können in ihren Bewertungen völlig danebenhauen ...

Sie tun es meist. Mir kommen da noch Arno Schmidts merkwürdige Einschätzungen in den Sinn...

Erst kürzlich stolperte ich über Jospeh Conrads negative Einschätzung Melvilles und dessen Moby-Dick - ein fast schon betriebsblindes Fehlurteil. Bei Thomas Mann findet man jede Menge Fehleinschätzungen, die aber in die andere Richtung gehen. Es ist also etwas dran, dass man Autorenurteile über Autoren nicht allzu eng sehen sollte.