Author Topic: Lukrez - De rerum natura  (Read 11405 times)

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Lukrez - De rerum natura
« on: 19. Juni 2012, 09.18 Uhr »
Gern würde ich hier ein wenig schwärmen über die Verse des Titus Lucretius Carus, über dessen elegante Naturphilosophie und spöttischen Atheismus, verfasst in lupenreinen Hexametern. Angesichts der Übersetzung des Freiburger Altphilologen (und ehemaligen SA- und NSDAP-Mitglieds) Karl Büchner scheint mir jedoch ein dringende Warnung vor der Reclam-Ausgabe erforderlich zu sein. Was Büchner dort abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Ich erspare Euch Textproben, denn meine Tastatur wird sich garantiert weigern, dieses unelegante, steife und verkorkste Zeug wiederzugeben. Ein klassischer Fall für das Altpapier, liebe Reclam-Leute! Ich habe selten die Anschaffung einer Übersetzung derart bereut.

Gut, dass es im Internet die flüssig lesbare Übertragung des Goethe-Freunds Karl Ludwig v. Knebel aus dem Jahr 1831 gibt (zweite Auflage, erschienen bei Göschen in Leipzig). Zwar lese ich ungern große Textmengen am Bildschirm, aber in diesem speziellen Fall ist es das kleinere Übel.

So, jetzt wird Karl Büchner entsorgt. In der Altpapiertonne. Er kann froh sein, dass ich ihn nicht verbrenne.       

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #1 on: 19. Juni 2012, 14.30 Uhr »
Wir dürfen hier keine Bücher verbrennen ... :police:  ;)

Obwohl ich zugebe, dass ich mir auch schon überlegte, wie so eine Reclam-Seite oder zwei, zusammengedreht, doch einen schönen Fidibus für meine Zigarre abgeben könnte ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #2 on: 19. Juni 2012, 16.57 Uhr »
Neuere Übersetzungen alter Römer scheinen mit Vorsicht zu genießen zu sein: Von Seneca habe ich Ähnliches gehört. Vielleicht der Versuch einer "Neuerung", die dem Leser dann so seltsam erscheint.

Zum Wegwerfen (oder Verbrennen) kann ich mich kaum entschließen (eine Ausnahme vor vielen Jahren abgesehen): Ich versuche die Bücher dann zu verschenken bzw. bringe sie zu einer Bekannten, die das für mich übernimmt (oder vielleicht etwas davon auf eBay verkauft). Liegt wohl auch daran, dass ich - was auch immer es ist - mir mit dem Entsorgen von noch Brauchbarem sehr schwer tu (etwa bei Nahrungsmitteln).

lg

orzifar

der gerade einen Karton Bücher am Klavier stehen hat, die einer gedeihlichen Verwertung entgegensehen.
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Sir Thomas

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #3 on: 19. Juni 2012, 18.41 Uhr »
"De rerum natura" erweist sich bei fortschreitender Lektüre (und in einer tauglichen Übersetzung) als erfreuliches Traktat des Materialismus und als eine milde Form des Atheismus. Lukrez streitet nämlich nicht ab, dass es Götter gibt (bzw. geben kann), er komplimentiert sie allerdings freundlich aus der Welt der Menschen und der Natur heraus, indem er postuliert: Sie haben mit unserem Schicksal nichts zu tun, sie sind Wesen der Dichtung und Poesie und befassen sich als solche nicht mit niederen Belangen. Sehr elegant! (Hat Spinoza viele Jahrhunderte später den lieben Gott nicht mit einem ähnlichen Ansatz aus der Relevanz für die Menschen entlassen? Ich meine mich an so etwas erinnern zu können ...) 

Lukrez beweist darüber hinaus, dass Materialismus und Atheismus nicht zwingend mit geistlosem Utilitarismus einhergehen müssen (das wird meiner Erfahrung nach leider noch immer gleichgesetzt). Das wunderbare Eingangsbild der Venus als Antrieb für alles Leben und Gedeihen ist eine kraftvolle und poetische Metapher, die ganz und garnicht in die Vorstellung von trockenen Materialisten passt.

Alles in allem eine sehr erfrischende Angelegenheit, dieses Werk!

Tom

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #4 on: 19. Juni 2012, 19.32 Uhr »
Ich habe gerade gemerkt, dass ich im Klassikerforum weiter nichts zu meiner Ausgabe geschrieben habe:

Es ist die (allerdings 2003 bei der Folio Society erschienene) Übersetzung von Sir Ronald Melville. Ursprünglich 1997, Clarendon Press; später (1999) Oxford University Press (Oxford World's Classics).
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Offline orzifar

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #5 on: 19. Juni 2012, 20.11 Uhr »

 Hallo!

 Lukrez hält sich hier streng an Epikurs Vorgaben von Göttern, die da irgendwo vor sich hinwesen, glücklich und vor allem unbehelligt von all den menschlichen Querelen. Bei Spinoza hieß es hingegen deus sive natura, wobei in einer ersten Fassung das "deus" weggelassen (aber auf Anraten einiger Freunde Spinozas wieder aufgenommen wurde). Für Spinoza gibt es keinen persönlichen Gott, keine Götter, es gibt nur noch die Natur und deren Prinzipien.

 Wichtig war für Epikur (Lukrez) das völlige Unbeteiligtsein der Götter am Lauf der Welt. Dadurch konnte die Götterfurcht als Schimäre enttarnt werden. In dieser Hinsicht hätte man auf die Götter auch völlig verzichten können (was denn konsequent gewesen wäre), da ihnen in dieser Konzeption auch für die Welterschaffung keine Funktion zugestanden wurde. Aber zu einem so konsequenten Atheismus konnte man sich auch im Hellenismus kaum aufschwingen.

 lg

 orzifar
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #6 on: 20. Juni 2012, 08.52 Uhr »
Ich habe gerade gemerkt, dass ich im Klassikerforum weiter nichts zu meiner Ausgabe geschrieben habe:

Es ist die (allerdings 2003 bei der Folio Society erschienene) Übersetzung von Sir Ronald Melville. Ursprünglich 1997, Clarendon Press; später (1999) Oxford University Press (Oxford World's Classics).

Penguin Classics bringt im Sommer eine neue Auflage heraus. Ob es sich auch um eine Neuübersetzung handelt, ist nicht erkennbar.
http://www.amazon.de/The-Nature-Things-Penguin-Classics/dp/0140447962/ref=wl_it_dp_o_pC_nS_nC?ie=UTF8&colid=2R9ZBUV7LBXSP&coliid=I1A4H8K9PFZTRR

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #7 on: 20. Juni 2012, 09.56 Uhr »
Penguin Classics bringt im Sommer eine neue Auflage heraus. Ob es sich auch um eine Neuübersetzung handelt, ist nicht erkennbar.
http://www.amazon.de/The-Nature-Things-Penguin-Classics/dp/0140447962/ref=wl_it_dp_o_pC_nS_nC?ie=UTF8&colid=2R9ZBUV7LBXSP&coliid=I1A4H8K9PFZTRR

Was ist neu? Die Übersetzung von Stallings stammt aus dem Jahr 2007, iirc. Aber Penguin Classics ist auch eine gute Adresse ...
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #8 on: 20. Juni 2012, 17.47 Uhr »
Penguin Classics bringt im Sommer eine neue Auflage heraus. Ob es sich auch um eine Neuübersetzung handelt, ist nicht erkennbar.
http://www.amazon.de/The-Nature-Things-Penguin-Classics/dp/0140447962/ref=wl_it_dp_o_pC_nS_nC?ie=UTF8&colid=2R9ZBUV7LBXSP&coliid=I1A4H8K9PFZTRR

Was ist neu? Die Übersetzung von Stallings stammt aus dem Jahr 2007, iirc. Aber Penguin Classics ist auch eine gute Adresse ...

Wenn es keine neue Übersetzung gibt, dann wird es wohl einfach eine unveränderte Neuauflage sein, weil die alte ausverkauft ist.

Offline Sir Thomas

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #9 on: 21. Juni 2012, 17.14 Uhr »
Bei Spinoza hieß es hingegen deus sive natura, wobei in einer ersten Fassung das "deus" weggelassen (aber auf Anraten einiger Freunde Spinozas wieder aufgenommen wurde). Für Spinoza gibt es keinen persönlichen Gott, keine Götter, es gibt nur noch die Natur und deren Prinzipien.

Gibt es dazu eine Lektüreempfehlung? Nicht unbedingt Sekundärliteratur, sondern gern vom Meister selbst?

LG

Tom

 

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #10 on: 21. Juni 2012, 21.36 Uhr »
[...] Spinoza [...]

Gibt es dazu eine Lektüreempfehlung? Nicht unbedingt Sekundärliteratur, sondern gern vom Meister selbst?

So auf die Schnelle ... Ich kenne eigentlich nur seine Ethik. Das ist auch, was ich (nach der Logik von Port-Royal) als nächstes lesen werde - zum dritten Mal. Spinoza ist ja auch sehr wichtig im Zusammenhang mit der deutschen Klassik, v.a. Goethe. Aber ich habe auch Herder im Verdacht, im Grunde seines Herzens Spinozist gewesen zu sein ...
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #11 on: 22. Juni 2012, 10.30 Uhr »
So auf die Schnelle ... Ich kenne eigentlich nur seine Ethik.

Ich habe mir mal die Publikationsliste Spinozas angesehen (wikipedia). Sie ist nicht allzu lang. Die Ethik ragt irgendwie heraus als Titel, von dem man zumindest schon einmal gehört hat. Mal sehen, ob ich nach Lukrez noch Lust habe, diesen Pfad weiter zu verfolgen. Schönen Dank einstweilen!

LG

Tom

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #12 on: 22. Juni 2012, 10.39 Uhr »
Gut, dass es im Internet die flüssig lesbare Übertragung des Goethe-Freunds Karl Ludwig v. Knebel aus dem Jahr 1831 gibt (zweite Auflage, erschienen bei Göschen in Leipzig).

Um nicht weiter auf dem Bildschirm lesen zu müssen, habe ich die preiswerte Ausgabe der Oxford University Press bestellt. Der erste Eindruck: Die Übersetzung ist prima, die Einleitung scheint fundiert zu sein. Kommentare sind auch vorhanden. Alles in allem: Tom is lucky!

Es geht also auch ohne 60 Euro für die sicherlich hervorragende Tusculum-Ausgabe berappen zu müssen.  :)

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #13 on: 22. Juni 2012, 13.46 Uhr »
Um nicht weiter auf dem Bildschirm lesen zu müssen, habe ich die preiswerte Ausgabe der Oxford University Press bestellt.

Ist das die Übersetzung von Sir Ronald Melville?
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #14 on: 22. Juni 2012, 15.00 Uhr »
Um nicht weiter auf dem Bildschirm lesen zu müssen, habe ich die preiswerte Ausgabe der Oxford University Press bestellt.

Ist das die Übersetzung von Sir Ronald Melville?

Ja, aber ohne "Sir". Ist er mittlerweile zum Ritter geprügelt worden?