Author Topic: Lukrez - De rerum natura  (Read 11405 times)

Offline orzifar

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #15 on: 22. Juni 2012, 15.35 Uhr »
Die Ethik ragt irgendwie heraus als Titel, von dem man zumindest schon einmal gehört hat.

Der Titel ist irreführend, die "Ethik" ist weniger Moralphilosophie als schlicht das Hauptwerk Spinozas. Allerdings nicht ganz einfach zu lesen, nichts, was man mal so zwischendurch konsumieren könnte.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #16 on: 26. Juni 2012, 10.08 Uhr »
Interessanter Fund:
System der Natur, oder von den Gesetzen der physischen und moralischen Welt, 2 Bände, Frankfurt/Leipzig 1791

Als Autor des 1770 erstmals auf französisch gedruckten Werks wird ein gewisser "Herr von Mirabaud" genannt. In Wahrheit steckten die Pariser Atheisten und Freigeister d'Holbach und Diderot hinter dieser "Neuauflage" der epikureischen/lukrezschen Naturphilosophie. Die Ausschnitte, die ich gelesen habe, scheinen mir extrem von "De rerum natura" beeinflusst zu sein. Zumindest die Ideen gleichen sich: Der Mensch ist Natur, Religion ist Irrtum, Aberglaube, Wahn und verhindert das wahre Menschenglück. Es sollte mich nicht wundern, wenn auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins Bücher wie "Der Gotteswahn" und "Die Schöpfungslüge" aus dieser Quelle speist. Allerdings habe ich diese Werke bislang nur durch Rezensionen zur Kenntnis genommen - was vermutlich reicht.

Kleines Detail am Rande: Der (anonyme) Übersetzer aus dem Jahr 1791 distanziert sich in einer Vorbemerkung ausdrücklich von dieser "Mißgeburth, die sich von den allgemein anerkannten Gränzen nützlicher Forschung entfernt". Ob er sich durch diese Distanzierung vor Diffamierungen schützen wollte? Ich fürchte allerdings, dass er es durchaus ernst meint ...

Hier der Link zu meiner Fundstelle: http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PPN=PPN514897155&IDDOC=296896

LG

Tom         

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #17 on: 26. Juni 2012, 13.51 Uhr »
Der (anonyme) Übersetzer aus dem Jahr 1791 distanziert sich in einer Vorbemerkung ausdrücklich von dieser "Mißgeburth, die sich von den allgemein anerkannten Gränzen nützlicher Forschung entfernt". Ob er sich durch diese Distanzierung vor Diffamierungen schützen wollte? Ich fürchte allerdings, dass er es durchaus ernst meint ...

Carl Gottfried Schreiter, 1756-1809. Hat auch Gibbon übersetzt :). Über seine Weltanschauung ist mir aber nichts bekannt.
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #18 on: 26. Juni 2012, 14.16 Uhr »
Der (anonyme) Übersetzer aus dem Jahr 1791 distanziert sich in einer Vorbemerkung ausdrücklich von dieser "Mißgeburth, die sich von den allgemein anerkannten Gränzen nützlicher Forschung entfernt". Ob er sich durch diese Distanzierung vor Diffamierungen schützen wollte? Ich fürchte allerdings, dass er es durchaus ernst meint ...

Carl Gottfried Schreiter, 1756-1809. Hat auch Gibbon übersetzt :). Über seine Weltanschauung ist mir aber nichts bekannt.

Aha, der Name ging aus meiner Online-Quelle nicht hervor.

Noch ein kleiner Hinweis: In 10. Kapitel des 1. Bands wird Descartes' Körper-Geist-Dualismus als Irrtum abgetan. Die Aussage, dass unsere geistigen Fähigkeiten von der Fähigkeit des Empfindens abhängen und somit eine körperliche Grundlage haben, hat mich verblüfft, weil ich sie erst vor kurzem in einem neurowissenschaftlichen Werk aus dem Jahr 1994 (!) gelesen habe (A. Damasio - Descartes' Irrtum). Diderot und d'Holbach waren wirklich bemerkenswert scharfsinnige Denker!     

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #19 on: 26. Juni 2012, 15.02 Uhr »
Noch einmal zurück zu Diderots/d'Holbachs "System der Natur" von 1770. Beide waren keine Naturwissenschaftler. Ihre Sache war die Philosophie, und damit verbunden stellen sich mir folgende Fragen: Waren die "echten" Naturforscher jener Zeit (z.B. Linné und Buffon) schon Wissenschaftler im heutigen Sinn? Oder auch eher Naturphilosophen? Und wenn man noch weiter zurückblickt: Kann man die beiden berühmten Werke des 17. Jahrhunderts (Galileis "Dialog" von 1632 und Newtons "Principia" von 1687) mit gutem Gewissen "Wissenschaft" nennen?       

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #20 on: 27. Juni 2012, 08.13 Uhr »
Astronomie, Physik und Mathematik waren die Vorreiter der modernen Wissenschaft. Insofern ist zumindest Newton sicher "Wissenschaft" klassifizierbar, auch im heutigen Sinn. Galileo kenne ich zu wenig. In der Biologie oder Geografie dauerte der Vormarsch modernen Denkens länger. Zu Buffon habe ich hier schon was gesagt, er fiel m.M.n. hinter Linné zurück.
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #21 on: 27. Juni 2012, 17.18 Uhr »
Astronomie, Physik und Mathematik waren die Vorreiter der modernen Wissenschaft. Insofern ist zumindest Newton sicher "Wissenschaft" klassifizierbar, auch im heutigen Sinn. Galileo kenne ich zu wenig. In der Biologie oder Geografie dauerte der Vormarsch modernen Denkens länger. Zu Buffon habe ich hier schon was gesagt, er fiel m.M.n. hinter Linné zurück.

Danke für diese Einschätzungen. Ich habe Newton und Darwin als die Väter der modernen Naturwissenschaft abgespeichert, kann aber nur Letztgenannten aufgrund persönlicher Lektüre beurteilen.

Tom

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #22 on: 28. Juni 2012, 09.22 Uhr »
Hallo sandhofer,

ich habe Deinen Buffon-Beitrag im Blog soeben noch einmal gelesen. Du schreibst:

Es dauerte rund 100 Jahre, bis die französischen Naturwissenschafter wieder aus dem riesigen Schlagschatten Buffons heraustreten konnten, und es auch in Frankreich wieder möglich war, zu wissenschaftlich relevanten Themen zu publizieren und damit Erfolg zu haben – der Erfolg also nicht an der Eleganz des Stils hing, unabhängig vom Thema und der Relevanz der Publikation. In dieser Zeit waren ihnen die Engländer und die Deutschen schon fast davon gerannt.

Naja, was ist mit Lavoisier, Laplace und vor allem dem Evolutionisten Lamarck? Das sind drei Namen, die für die Kontinuität der französischen Naturwissenschaften nach Buffon stehen. In Deutschland fällt mir für jene Zeit lediglich Humboldt ein, in England hatte vor Darwin nur der Geologe Lyell ein gewisses Gewicht. Und auch der wäre vergessen, hätte er nicht Darwin inspiriert.

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #23 on: 28. Juni 2012, 10.59 Uhr »
Naja, was ist mit Lavoisier, Laplace und vor allem dem Evolutionisten Lamarck? Das sind drei Namen, die für die Kontinuität der französischen Naturwissenschaften nach Buffon stehen.

Ich gebe zu, dass ich bei meinem Satz eher an das 19. Jahrhundert dachte. Die von Dir genannten sind im Grunde genommen doch alle noch 18. Jahrhundert, Lavoisier z.B. war zwar 36 Jahre jünger als Buffon, ist aber trotzdem nur 6 Jahre später gestorben.
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Re: Lukrez - De rerum natura
« Reply #24 on: 28. Juni 2012, 12.32 Uhr »
Naja, was ist mit Lavoisier, Laplace und vor allem dem Evolutionisten Lamarck? Das sind drei Namen, die für die Kontinuität der französischen Naturwissenschaften nach Buffon stehen.

Ich gebe zu, dass ich bei meinem Satz eher an das 19. Jahrhundert dachte. Die von Dir genannten sind im Grunde genommen doch alle noch 18. Jahrhundert, Lavoisier z.B. war zwar 36 Jahre jünger als Buffon, ist aber trotzdem nur 6 Jahre später gestorben.

Zumindest Lamarck reicht in das 19. Jahrhundert hinein, aber sei's drum. Nach seinem Tod (1829) wird es in der Tat düster für die french science community, warum auch immer. An den fortschrittsgläubigen großbürgerlichen Regimen von Louis-Philippe und Napoleon III kann es eher nicht gelegen haben.

LG

Tom