Hallo!
Das musst du überlesen haben (was nur allzu verständlich ist, ich bin mittlerweile auch ziemlich genervt von diesem Buch und überlege ernsthaft, es abzubrechen): Im vierten Kapitel der letzte Absatz.
Danke. Ich habe mittlerweile das Inhaltsverzeichnis meiner Ausgabe gefunden, und dort ein ganzes Kapitel, das der Frau gewidmet ist: XXXVIII. Da es, soweit ich sehe, in diesem Werk nicht auf die Reihenfolge ankommt, in der man die Kapitel lesen soll, habe ich Kapitel XXXVIII sogleich aufgeschlagen. Und war - gelinde gesagt - entsetzt, um nicht zu sagen: Mir wurde schlecht. Schon im bisherigen Text war Mercier ja im Grunde genommen ein Kritiker des gegenwärtigen Systems auf konservative Art. Will sagen: Das System wäre seiner Meinung nach schon in Ordnung, nur die Art und Weise, wie es praktiziert wird, ist von Übel. Wenn es aber um die Frauen geht, übertrifft sich Mercier selber. Sie sollen kein Mitgift bekommen, sondern ihr Leben lang ökonomisch vom Mann abhängig sein. Schliesslich besteht ihre einzige Lebensaufgabe darin, den Haushalt zu führen, Kinder zu kriegen und zu erziehen. Dass dann im Jahr 2440 die Scheidung erlaubt sein soll, ist einer der inneren Widersprüche von Mercier. Er begründet diese auch in einer Fussnote.
Ach ja - diese Fussnoten. Dass sie den Lesefluss stören, könnte ich nicht sagen. Schliesslich ist da für mich gar kein Lesefluss vorhanden, der gestört werden könnte. Ein paar Mal bin ich allerdings gerade in den Fussnoten auf eine nachgerade verzweifelte Kritik seiner Gegenwart gestossen. Gerade, dass sich hier die Verzweiflung so manifestieren konnte, hat mich mit den Fussnoten nicht nur versöhnt; ich halte sie gar für den essentiellen, besseren Teil des Werks. Wo er kritisiert, wird Mercier lebendig, vibriert die Luft. Wo er Änderungen vorschlägt, traut er sich dann nicht mehr und will nur dasselbe, einfach ein bisschen anders.
Gemäss französischsprachiger Wikipedia ist Mercier der erste, der eine Utopie als Uchronie angelegt hat, sprich in eine ferne Zeit und nicht an einen fernen Ort verlegte. Der Urgrossvater der Science Fiction sozusagen. Auch konnte Mercier offenbar bei weiteren Auflagen mit Genugtuung darauf hinweisen, wie viele seiner Vorhersagen sich schon in kürzester Zeit in der Französischen Revolution bewahrheitet hatten.
Alles in allem wohl keine Belletristik, sondern höchst zeit- und ortsgebundene politische Polemik.
Grüsse
sandhofer