Author Topic: Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440 / L'An Deux Mille Quatre Cent Quarante  (Read 8025 times)

Offline sandhofer

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Eines fällt (wie bei den meisten Utopien) ins Auge: Dass Popper mit seiner warnenden Feststellung, solche Entwürfe würden den Keim der Diktatur in sich bergen, vollkommen Recht hatte.

Da jedenfalls die positiven Utopien den nach Meinung des Autors besten Zustand darstellen, kann sich eine utopische Gesellschaft auch nicht mehr entwickeln. (Meiner Meinung nach müsste der gesellschaftliche Idealzustand sogar jede technische Entwicklung blockieren.) Eine Gesellschaft, die sich nicht entwickeln kann bzw. will, ist per se eine Diktatur. Die konsequenterweise auch abweichende Meinungen verfolgen muss. Selten fällt das aber so gut auf wie in Merciers Opus. Ein Morus hat diese Konsequenz besser zu verstecken gewusst, vielleicht auch, weil er mit dem Bonus der Exotik gespielt hat, wo so was weniger auffällt.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Hallo,

ich vergaß immer zu fragen: Welche Ausgabe hast du gelesen, Sandhofer? Ebenfalls das Insel-Taschenbuch?

Es ist schon eine ziemlich abstoßende Welt, die Mercier zeichnet. Alles wird einer nicht näher definierten Tugend und moralischen Erbauung untergeordnet - und neben dieser Instrumentalisierung der Kunst (wie in allen totalitären Systemen) eignet dem Autor auch noch eine äußerst einfältige Sicht der Ästhetik: So ist das höchste Lob, zu dem er sich bezüglich der Malerei versteigt, jenes, dass diese die Natur wie in einem Spiegel abbildet. Stammtischkunst vom Allerfeinsten. In ebensolcher Weise verfährt er bezüglich der Sexualmoral, die an kirchlich-konservative Kreise der Jetztzeit erinnert: Wer nicht brav und einsichtig auf dem Weg der Tugend (so wie Mercier sie sich vorstellt) wandelt, fällt der Bestrafung anheim, alles irgendwie "Unanständige" wird verboten. Es ist schon erstaunlich, wie detailgetreu Mercier die zukünftigen Diktaturen vorwegnimmt.

Bezüglich der Herrschaft ist er völlig phantasielos: König und Stände scheinen ihm unverzichtbar, auch die Erbmonarchie hält er für zeitgemäß. (Allerdings befindet er sich damit in guter Gesellschaft, da man ganz allgemein im 18. Jahrhundert von den aufgeklärten Herrschern (Friedrich, Josef II., Katharina) jene Umwälzungen erwartete, die dann durch eine Vielzahl von Revolutionen erzwungen wurden. Und niemals von den Herrschenden ausgingen.)

Auch zu dem Kapitel über die "Weiber" bin ich nun gekommen. Es ist offenkundig, dass Mercier Frauen nicht als gleichwertige Menschen betrachtet, er bedient im Gegenteil alle Vorurteile: Sie seien dümmer, auf Luxus versessen, erotisch unbeherrscht, ihren Begierden und Trieben ausgeliefert (da spricht der Mann, der da irgendwie hofft, dass dem so sei ;)). Aber als Kindererzieherin gerade noch tauglich, sie sollen dem Manne als Gegenstand der Erbauung und Schönheit dienen (wobei die Bezeichnung "Gegenstand", die Mercier mehrmals verwendet, sein Verhältnis zu den Frauen gut charakterisiert), den Haushalt versorgen.

Einer, der derart häufig das Wort Tugend im Munde führt, ist mir von vornherein suspekt. Nett daher eine Anmerkung des Herausgebers zu jenem Kapitel, in dem sich Mercier über das Lasterhafte der Spieler und Lottogesellschaften auslässt: Denn trotz seiner moralinsauren Tiraden hat er in späteren Jahren die Führungsposition in der Lottogesellschaft übernommen.

Bald nun habe ich das Buch ebenfalls hinter mich gebracht. Es ist - soweit ich Kenntnis von anderen Utopien habe - das mit Abstand phantasieloseste und wohl auch einfältigste Produkt dieses Genres. Befremdlich in diesem Zusammenhang, dass Chr. M. Wieland das Buch als tiefphilosophisch preist (Klappentext). Das ist mit Zeitgebundenheit kaum noch zu entschuldigen: Dass es Mercier mit dem Denken nicht hatte, war auch für einen Menschen des 18. Jahrhunderts ersichtlich.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Hallo!

ich vergaß immer zu fragen: Welche Ausgabe hast du gelesen, Sandhofer? Ebenfalls das Insel-Taschenbuch?

Nein. Ein bei Kessinger Legacy Reprints erschienener (wohl photomechanischer) Nachdruck der französischen Ausgabe von 1775. Mit Druckort London und anonym erschienen allerdings. Offenbar schätzte Mercier seine Ideen als gefährlich genug ein, um sich so zu schützen.

Kessinger (http://www.kessinger.net/) ist offenbar ein auf Reprints spezialisierter US-amerikanischer Verlag. Die Qualität des Drucks ist gut, allerdings findet sich in dieser Ausgabe keinerlei editorisches Beiwerk, es ist wirkich nur der nackte Nachdruck des Originals. Und ihre Homepage ist auch sehr minimalistisch; jede Büchersuche führt dann gleich zu amazon.

Grüsse

sandhofer
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