Hallo,
ich vergaß immer zu fragen: Welche Ausgabe hast du gelesen, Sandhofer? Ebenfalls das Insel-Taschenbuch?
Es ist schon eine ziemlich abstoßende Welt, die Mercier zeichnet. Alles wird einer nicht näher definierten Tugend und moralischen Erbauung untergeordnet - und neben dieser Instrumentalisierung der Kunst (wie in allen totalitären Systemen) eignet dem Autor auch noch eine äußerst einfältige Sicht der Ästhetik: So ist das höchste Lob, zu dem er sich bezüglich der Malerei versteigt, jenes, dass diese die Natur wie in einem Spiegel abbildet. Stammtischkunst vom Allerfeinsten. In ebensolcher Weise verfährt er bezüglich der Sexualmoral, die an kirchlich-konservative Kreise der Jetztzeit erinnert: Wer nicht brav und einsichtig auf dem Weg der Tugend (so wie Mercier sie sich vorstellt) wandelt, fällt der Bestrafung anheim, alles irgendwie "Unanständige" wird verboten. Es ist schon erstaunlich, wie detailgetreu Mercier die zukünftigen Diktaturen vorwegnimmt.
Bezüglich der Herrschaft ist er völlig phantasielos: König und Stände scheinen ihm unverzichtbar, auch die Erbmonarchie hält er für zeitgemäß. (Allerdings befindet er sich damit in guter Gesellschaft, da man ganz allgemein im 18. Jahrhundert von den aufgeklärten Herrschern (Friedrich, Josef II., Katharina) jene Umwälzungen erwartete, die dann durch eine Vielzahl von Revolutionen erzwungen wurden. Und niemals von den Herrschenden ausgingen.)
Auch zu dem Kapitel über die "Weiber" bin ich nun gekommen. Es ist offenkundig, dass Mercier Frauen nicht als gleichwertige Menschen betrachtet, er bedient im Gegenteil alle Vorurteile: Sie seien dümmer, auf Luxus versessen, erotisch unbeherrscht, ihren Begierden und Trieben ausgeliefert (da spricht der Mann, der da irgendwie hofft, dass dem so sei

). Aber als Kindererzieherin gerade noch tauglich, sie sollen dem Manne als Gegenstand der Erbauung und Schönheit dienen (wobei die Bezeichnung "Gegenstand", die Mercier mehrmals verwendet, sein Verhältnis zu den Frauen gut charakterisiert), den Haushalt versorgen.
Einer, der derart häufig das Wort Tugend im Munde führt, ist mir von vornherein suspekt. Nett daher eine Anmerkung des Herausgebers zu jenem Kapitel, in dem sich Mercier über das Lasterhafte der Spieler und Lottogesellschaften auslässt: Denn trotz seiner moralinsauren Tiraden hat er in späteren Jahren die Führungsposition in der Lottogesellschaft übernommen.
Bald nun habe ich das Buch ebenfalls hinter mich gebracht. Es ist - soweit ich Kenntnis von anderen Utopien habe - das mit Abstand phantasieloseste und wohl auch einfältigste Produkt dieses Genres. Befremdlich in diesem Zusammenhang, dass Chr. M. Wieland das Buch als tiefphilosophisch preist (Klappentext). Das ist mit Zeitgebundenheit kaum noch zu entschuldigen: Dass es Mercier mit dem Denken nicht hatte, war auch für einen Menschen des 18. Jahrhunderts ersichtlich.
lg
orzifar