Author Topic: Kuno Raeber  (Read 14248 times)

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Kuno Raeber
« on: 31. Dezember 2011, 19.06 Uhr »
Kennt den jemand von Euch? Mir war er vor Jahrzehnten als Lyriker übern Weg gelaufen. Scheint aber auch ein Prosa-Autor von Kaliber zu sein. Jedenfalls füllt er die Lücke nach Doderer sehr kompetent. Mehr im Neuen Jahr ...  :hi:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #1 on: 01. Januar 2012, 15.36 Uhr »
Hallo zusammen!

Ich lese gerade mit zunehmender Begeisterung das Werk dieses Mannes. "Geheimtipp" würde ich nicht sagen, auch wenn er offenbar zu jenen gehört, die mehr unter der Hand weiter gegeben wurden. Dass er zu Lebzeiten nicht bekannt wurde, mag auch daran liegen, dass zu seiner Zeit eigentlich nur bekannt werden durfte, wer das Gütesiegel der Gruppe 47 bekommen hatte. Und als Historiker, der dann bei den phantastischen Welten eines Borges zur Schule gegangen ist, also Mythen und "alte Geschichten" der Schilderung der Gegenwart, die die Gruppe 47 ultimativ verlangte, vorzog, hatte Raeber wohl keine grosse Chance. Immerhin interessant, dass er im selben Verlag veröffentlichte, bei dem auch der andere sprachgewaltige Historiker veröffentlichte: Biederstein in München.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

  • Guest
Re: Kuno Raeber
« Reply #2 on: 02. Januar 2012, 07.46 Uhr »
Was genau liest Du denn von ihm?

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #3 on: 02. Januar 2012, 08.10 Uhr »
Im Moment das hier:

http://www.amazon.de/Werke-Romane-Dramen-Bd/dp/3312002958/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1325487601&sr=8-1

Es handelt sich um die Ausgabe seiner Werke in 5 Bänden. Bei Amazon ist sie nicht mehr vollständig gelistet; ich habe sie vor Wochen als Restexemplar bei Zweitausendeins gekauft und vermute, dass sie vergriffen ist.

Im Moment stecke ich in Das Ei, wo Raeber die tatsächlich passierte Verstümmelung der Pietà von Michelangelo im Jahre 1972 als Ausgangspunkt für eine Geschichte nimmt, in der es um die Auseinandersetzung zwischen Mann und Mutter geht, zwischen Mensch und Vorbild / geliebtem Mensch. Raeber erzählt assoziativ, d.h., seine Geschichte hat keinen erkennbaren zeitlichen Rahmen. Auch mischt er zeitliche / historische Ebenen. So lässt er z.B. römische Kaiser als Aztektenpriester agieren, die auf der Spitze des Empire State Building im Gegenwarts-New York von 1960 Menschenopfer darbringen. (Das Beispiel ist aber aus einem früheren Roman: Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze.) Im Ei sind dafür Schilderungen aus der damaligen Schwulen-Szene in Rom eingeflochten. (Raeber war selber homosexuell.)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

  • Guest
Re: Kuno Raeber
« Reply #4 on: 02. Januar 2012, 08.39 Uhr »
Klingt interessant. Vorgemerkt.

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #5 on: 02. Januar 2012, 09.12 Uhr »
Kommt hinzu, dass Raeber ein äusserst sprachgewaltiger Autor ist. Und das heisst nicht "redselig". Man stelle sich vor, dass Das Ei ursprünglich über 800 Manuskriptseiten umfasste, die Raeber in 5 Jahren Arbeit auf etwas über 200 Druckseiten kondensierte. Auch seine Lyrik (und Raeber kommt eigentlich von daher) zeichnet sich durch ungeheure Reduktion aus, ohne dass ein irgendwie gearteter Minimal-Stil à la Hemingway zu erkennen wäre.

(Daneben: Markanter Gebrauch des Konjunktiv, weil seine Geschichten eben nicht linear fortschreitende Gebilde sind, sonder eher Gedankenspiele im Sinne von "Es hätte so, es hätte aber auch ganz anders sein können. Oder ähnlich." Wenn Vaihinger der Philosoph des Als Ob war, könnte man Raeber den Poeten des Als Ob nennen. Veränderung, Metamorphose als poetologisches Programm. Ovid als Ausgangspunkt, Borges als Anreger.)

Der Gedanke an den Gebrauch bewusstseinsverändernder Drogen liegt nahe, besonders zu jener Zeit. Allerdings war Raeber die Generation der Väter. Seine differierende Sichtweise auf die Dinge stammt wohl eher daher, dass er als dem Jesuitenorden (und damit dem Christentum) Entlaufener und Schwuler vieles, praktisch alles, aus einem andern Blickwinkel sehen musste als seine Zeitgenossen. So zitiert er zwar die Beatles, aber nicht "Lucy in the Sky with Diamonds" ... Und seine Anregungen holt er neben Borges aus der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Kuno Raeber
« Reply #6 on: 02. Januar 2012, 15.30 Uhr »

Veränderung, Metamorphose als poetologisches Programm. Ovid als Ausgangspunkt, Borges als Anreger.)
...Und seine Anregungen holt er neben Borges aus der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine ...

Klingt wirklich interessant. R. war mir vollkommen unbekannt. Ich habe mir jetzt mal den Roman:  Alexius unter der Treppe oder Geständnisse vor einer Katze bestellt. Scheint sein bekanntestes Werk zu sein. Aufgrund deiner Ausführungen fühle ich mich an Genet und Pasolini erinnert.
 
Dass er zu Lebzeiten nicht bekannt wurde, mag auch daran liegen, dass zu seiner Zeit eigentlich nur bekannt werden durfte, wer das Gütesiegel der Gruppe 47 bekommen hatte. Und als Historiker, der dann bei den phantastischen Welten eines Borges zur Schule gegangen ist, also Mythen und "alte Geschichten" der Schilderung der Gegenwart, die die Gruppe 47 ultimativ verlangte, vorzog, hatte Raeber wohl keine grosse Chance.

Die Gruppe 47 wird mir immer suspekter. Der gute Thelen passte ja auch nicht ins Konzept und bekam das zu spüren. Allerdings war Raeber Mitglied der Gruppe 47, wie ich Wikipedia entnommen habe. Wäre interessant, die Reaktionen Richters und der Gruppe auf von ihm Gelesenes zu erfahren...

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #7 on: 02. Januar 2012, 15.44 Uhr »
Pasolini

Der Regisseur, den (bzw. dessen Bilder) er regelmässig "zitiert", ist allerdings Fellini.

Allerdings war Raeber Mitglied der Gruppe 47, wie ich Wikipedia entnommen habe.

Allerdings scheint Wikipedia das als einzige zu wissen. Weitere Hinweise finde ich nirgends. Er hat dort einmal gelesen, aus Alexius, wenn ich mich nicht irre, und wurde nicht verstanden. Hinweise auf eine Mitgliedschaft finde ich nicht einmal in den recht ausführlichen Nachworten meiner Ausgabe. Vielleicht ja noch in den Bänden 4 und 5?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

  • Guest
Re: Kuno Raeber
« Reply #8 on: 02. Januar 2012, 16.05 Uhr »
Allerdings war Raeber Mitglied der Gruppe 47, wie ich Wikipedia entnommen habe.

Allerdings scheint Wikipedia das als einzige zu wissen. Weitere Hinweise finde ich nirgends. Er hat dort einmal gelesen, aus Alexius, wenn ich mich nicht irre, und wurde nicht verstanden. Hinweise auf eine Mitgliedschaft finde ich nicht einmal in den recht ausführlichen Nachworten meiner Ausgabe. Vielleicht ja noch in den Bänden 4 und 5?

Also in der rororo Monographie über die Gruppe 47 habe ich ihn auf die Schnelle auch nicht finden können.

BigBen

  • Guest
Re: Kuno Raeber
« Reply #9 on: 02. Januar 2012, 16.28 Uhr »
Weiteres Suchergebniss: Das KLG schreibt "1959 nahm er an einem Treffen der Gruppe 47 teil."
Teilnahme ist ja nicht gleich Mitgliedschaft.  ;)

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Kuno Raeber
« Reply #10 on: 03. Januar 2012, 00.17 Uhr »

Also in der rororo Monographie über die Gruppe 47 habe ich ihn auf die Schnelle auch nicht finden können.

Diese Monographie habe ich auch. Im Namenregister taucht der Name Raeber nicht auf. Eine Mitgliedschaft halte ich daher für unwahrscheinlich. Eine Lesung wird aber auch nicht erwähnt. Thelen dagegen bringt es immerhin auf zwei Nennungen.
Ich habe im Internet einen Artikel gefunden, der die Fragen nach Raebers Begegnung mit der Gruppe 47 beantwortet:  Der 2011 in  NZZOnline erschienene Artikel (aus technischen Gründen kann ich ihn im Augenblick leider nicht verlinken) beschäftigt sich mit den Tagebüchern Raebers und speziell mit der 1959 stattgefundenen Lesung eines Prosatextes (also nicht des Alexius) vor der Gruppe 47, eine Schlüsselszene im Leben des Schriftstellers, die möglicherweise über seine weitere Karriere entschied. Es ist weit schlimmer als befürchtet! Der  vorgelesene Text wurde von Walther Jens verrissen, der sich nicht entblödete, von  „Päderastenprosa“ zu sprechen. :wut: Der Verfasser fährt fort:  In seiner selbstkritischen Tagebuchaufzeichnung vom 27. Oktober 1959 schildert Raeber sein «Débâcle» als ein Scheitern an der Arroganz der literarischen Platzhirsche: «Ich fühlte mich verloren. Mein Text verdorrte mir im Mund.»
Ich bin erschüttert. Nach dem Emigrantenliteratur-Vorwurf, den Thelen sich von Richter gefallenlassen musste, einmal mehr ein Hinweis darauf, wie provinziell und nazi-infiziert die Gruppe 47 noch war!
Warum hatte der Schweizer Raeber, der damals als Lyriker schon einen Namen hatte, es eigentlich nötig, sich vor diesen ehemaligen Hitlerjungen, Wehrmachts - und WaffenSS-Angehörigen zu demütigen?   

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #11 on: 03. Januar 2012, 07.29 Uhr »
Warum hatte der Schweizer Raeber, der damals als Lyriker schon einen Namen hatte, es eigentlich nötig, sich vor diesen ehemaligen Hitlerjungen, Wehrmachts - und WaffenSS-Angehörigen zu demütigen?   

Ganz einfach: Weil zu der Zeit in der deutschen Literatur nur der was war, der von der Gruppe 47 sozusagen sanktioniert worden ist. ("Sanktioniert" hier auch = "heilig gesprochen" ...)

Ich muss in meinen Nachworten mal suchen gehen, welchen Text Raeber vorgelesen hat ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Kuno Raeber
« Reply #12 on: 03. Januar 2012, 18.18 Uhr »

Hier der link zu besagtem NZZOnline-Artikel über Raeders Lesung vor der Gruppe 47:http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/begierde_nach_vollkommenheit_1.10936635.html

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #13 on: 03. Januar 2012, 19.33 Uhr »
Danke! Dieser Artikel ist mir durch die Latten gegangen ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 765
Re: Kuno Raeber
« Reply #14 on: 04. Januar 2012, 07.23 Uhr »
Ich muss in meinen Nachworten mal suchen gehen, welchen Text Raeber vorgelesen hat ...

Die Düne. Da kommt auch eine recht explizit geschilderte homosexuelle Affäre vor.

Neben Alexius das beste, was ich bis jetzt gelesen habe: Wirbel im Abfluß (seinerzeit bei Amman unter dem Titel Sacco di Roma erstveröffentlicht). 268 Seiten Text ohne Punkt ... Eine Handlung ist schwierig darzustellen, da Raeber immer wieder assoziativ um das Verhältnis zwischen einem "Er" (grosso modo: der Papst) und einem "König von Frankreich" dreht, zwischen Intellekt und Sinnesfreudigkeit, zwischen religöser Verknöchertheit und weltlicher Unbekümmertheit, ja Kindlichkeit ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus