Ich bin erschüttert. Nach dem Emigrantenliteratur-Vorwurf, den Thelen sich von Richter gefallenlassen musste, einmal mehr ein Hinweis darauf, wie provinziell und nazi-infiziert die Gruppe 47 noch war!
Warum hatte der Schweizer Raeber, der damals als Lyriker schon einen Namen hatte, es eigentlich nötig, sich vor diesen ehemaligen Hitlerjungen, Wehrmachts - und WaffenSS-Angehörigen zu demütigen?
Ob die wenig ruhmreiche Vergangenheit von Jens hier eine Rolle spielt weiß ich nicht. Ich glaube, dass diese Art des Verurteilens und Verächtlich-Machens durch scheinbar arrivierte Kritiker oder Schriftsteller ständig vorkommt, in der Literatur- und Kunstszene vielleicht mehr als in allen anderen Bereichen. Ein (junger, neuer) Schriftsteller muss - von Ausnahmen abgesehen - eine sehr dicke Haut, wenig Rückgrat und einiges an Speichelleckerei aufbringen, um in der "Szene" zu reussieren.
Das mag sein – was mich erschüttert, ist ein Begriff wie
Päderastenprosa, der mit Literatur nichts und mit Ausgrenzung viel zu tun hat. Generationen von Bundesdeutschen wurde die Gruppe 47 als Garant einer neuen, vom Ungeist der Vergangenheit befreiten Literatur, als moralisch integere intellektuelle Avantgarde verkauft. Wenn dann so tröpfelweise herauskommt, dass diffamierende Termini aus dem
Wörterbuch des Unmenschen an der Tagesordnung waren mit dem Ziel, gewisse Leute, nämlich Widerständigere, weniger Involvierte, Weltläufigere außen vor zu halten, ist das schon bedenklich. Celan, Thelen, Raeber u. a. bekamen das zu spüren. Viel wurde bei dem vielgerühmten Neuanfang bzw.
Kahlschlag unter den Teppich gekehrt und verdrängt, anders ist es nicht zu erklären, dass etliche „Mitglieder" der Gruppe sich erstaunt die Augen gerieben haben, als (nach 1990) ihre Partei-Mitgliedschaft u.a. bekannt wurde, die sie ganz "vergessen"hatten.
Fast kommt man in Versuchung, die Alzheimer- Erkrankung wie Sohn Tilman zu erklären.
Neben Alexius das beste, was ich bis jetzt gelesen habe: Wirbel im Abfluß (seinerzeit bei Amman unter dem Titel Sacco di Roma erstveröffentlicht)...
Ich bin auch ganz angetan von
Alexius! Die einzelnen Kapitel könnte man auch separat lesen. Wunderbar, wie Geschichtliches, Mythologisches und Gegenwärtiges ineinander verwoben wird! Ja, es erinnert an Borges, wobei mir dessen eigenartige Geschichten doch noch etwas besser gefallen. Auf jeden Fall werde ich noch
Sacco di Roma lesen, Rom-Fan, der ich bin bzw. durch
Alexius wieder geworden bin, wie auch Jerusalem- ,New York- und Venedig-Fan.