Hallo!
Nicht gerade umfänglich und daher schon beendet. Meinem Gedächtnis hat das Wiederlesen gut getan, da ich mich an einiges kaum oder nur ungenau erinnerte, so schien mir (wie bereits angedeutet) die Kopulation bzw. das Zustandekommen der Schwangerschaft unklar und nebulös, was sie in realiter aber nicht ist (hier scheint sich die Lektüre von Sekundärliteratur negativ ausgewirkt zu haben, da ich ein Elaborat gelesen zu haben meine, das sich um die Theorie einer Art unbefleckten Empfängnis drehte).
Zu den Abkürzungen: Ich habe das ähnlich interpretiert, nämlich im Sinne einer gesteigerten Authentizität, man dürfe noch nicht einmal Orts- oder Familiennamen ausschreiben, um das Inkognito zu wahren. Und eilig hat es Kleist mit seiner Geschichte tatsächlich: Die Umstände bis zur Zeugung des kleinen russischen Fürsten werden in äußerst gedrängter Form dargestellt (ich verzichte zugunsten Gontscharows auf jede moderne Verkehrs- oder Kraftfahrzeugsmetapher), dann darf der Leser ein wenig Luft holen, bis der Fürst sich wieder von seinem vermeintlichen Totenbett erhebt und gewissensgeplagt vor der Marquise erscheint. Sprachlich ist das alles sehr elegant und mit Bravour gelöst, allerdings nehmen mit fortschreitender Handlung die Gefühlsexzesse überhand und erzeugen genau jenen an das Herz rührenden Stil, den ich noch ganz richtig im Gedächtnis hatte.
Denn die Zahl der auf die Knie fallenden, um Entschuldigung bittenden und zu Tränen gerührten Personen ist Legion (bzw. die Niederwerfungen werden periodisch wiederholt) und weniger etwas für einen (einigermaßen nüchternen) Leser als ein Fall für den Orthopäden (ich meinte bei der Knierutscherei schon beim Lesen meinen allenthalben schmerzenden Meniskus zu spüren). Dazu hektoliterweise Tränenflüssigkeit, hochherzige Verzeihungen, Küsse, Streicheleinheiten, Flehen und Flennen, dass der Schreiber jeder Telenovela vor Neid erblassen müsste. Manches grenzt an Inzest:
"Die Tochter still, mit zurückgebeugtem Nacken, die Augen fest geschlossen, in des Vaters Armen liegen; indessen dieser, auf dem Lehnstuhl sitzend, lange, heiße und lechzende Küsse, das große Auge voll glänzender Tränen, auf ihren Mund drückte: gerade wie ein Verliebter. Die Tochter sprach nicht, er sprach nicht; mit über sie gebeugtem Antlitz saß er, wie über das Mädchen seiner ersten Liebe, und legte ihr den Mund zurecht und küßte sie."
Usf. Das ist ja nun wirklich nicht mehr jugendfrei und deutsche Innenminister pflegen vor solche Texte ein großes Internet-Verbotsschild zu pinnen, dass man mit zweifelhaften Inhalten zu rechnen habe. (Da Kleist gerne zum Quälen der Heranwachsenden verwendet wird, indem man seine Satzgefüge von Gymnasiasten zu bestimmen gezwungen werden, würde die Verwendung der inkriminierten Passagen wohl einen Sturm der Entrüstung bei den Erziehungsberechtigten verursachen - und erstauntes Gekicker bei den Betroffenen - mit Recht.)
Solche Passagen (und ich würde sie gerne als Ausnahme bezeichnen, sie werden aber immer dort von Kleist bemüht, wenn es gilt, Gefühle zu schildern) vermiesen mir die ansonsten klare, schöne Prosa.
Und diese ganze Dramatik vergällt mir auch den Inhalt: Denn die Menschwerdung (nicht Zihals, der da andere Wege beschreitet, sondern jene der Marquise) lässt sich zwischendurch gut an: "Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie hinabgestürzt hatte, empor." Tatsächlich handelt sie selbstbewusst, in dem sie ihre Kinder zu sich nimmt, sich der Vorwürfe entzieht und dem Wunsche des Vaters, diese ihre Kinder in seiner Obhut zurückzulassen, nicht entspricht. Sie geht weg, sie lebt - selbstbewusst, sie erhebt sich über gesellschaftliche Konventionen und sie schreibt in diesem Sinne auch jene Anzeige, die die Novelle einleitet. Sie schreibt sie im Bewusstsein, dass ihr Unrecht geschehen ist - und dass dieses Bewusstsein stärker ist denn die Verurteilung der gesamten Welt. Dieser Selbstfindung wird aber alsbald ihr tränenreiches Ende zuteil, die Marquise versöhnt sich mit der Familie, verzeiht und nimmt ihren Vergewaltiger zum Mann, um wieder den Konventionen zu genügen. Vom Aufbegehren bleibt nichts zurück - und das "gute" Ende mit den zahlreichen weiteren russischen Prinzen und Prinzessinnen will mir so gut gar nicht erscheinen: Es ist eigentlich eine Bankrotterklärung, eine Kapitulation vor der Gesellschaft, auf deren guten Willen man angewiesen ist und in deren Schoß man zurückzukehren wünscht. Obgleich es gerade die gesellschaftlichen Formen sind, die das Unglück verursachen.
Dazu der Graf von F.: Engel und Teufel zugleich (wie der bedeutsame Schlusssatz ausweist), zerrissen in seiner
"dialektischen Subjektivität", zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Als Person und Mensch bleibt dieser Graf für mich ungreifbar, er dient Kleist als Vehikel für diese seine Darstellung der Zerrissenheit des Einzelnen, aber er erscheint unglaubhaft. Jedenfalls bleibt für mich die Vergewaltigung der Marquise mit seinem sonstigen Charakter unvereinbar - und wenn auch gerade das beabsichtigt sein sollte (zu zeigen, dass Abgründe in einem so edel erscheinenden Menschen sich verbergen), so müssen auch diese Abgründe irgendeine Form an Plausibilität (die sie für mich nicht haben) aufweisen. Die fünf potentiellen Vergewaltiger werden erschossen, der tatsächliche bekommt die Dame zur Ehefrau (und sofern sie noch nicht gestorben sind, zeugen sie nach wie vor kleine russische Kinderchen). Abgründe nun mögen in einer Person verborgen sein, hier aber führen sie eine (literarische?!) Koexistenz mit Edelmut und Güte, die mir unglaubhaft erscheint.
Ich habe bei solchen Konstellationen stets den Eindruck, dass hier zu einer Idee (der gespaltenen Persönlichkeit, des Teufel-Engel-Dualismus') erst die Person gefunden (und erfunden) werden muss; diese Person, weil sie eben nur dieser Idee dient, bleibt dann seltsam blutleer und konstruiert. Dies mein Hauptkritikpunkt (neben der zahlreichen Kreuzband- und Innenbandschäden der exzessiven Knierutscherei wegen), wie ich auch mit der Conclusio nicht glücklich bin: Denn schließlich und endlich anerkennt die Marquise (nach kurzen, renitenten Anwandlungen) die gesellschaftliche (wurmstichige) Ordnung und fügt sich glücklich ihrem Schicksal.
lg
orzifar