Author Topic: H. v. Kleist: Die Marquise von O.  (Read 15161 times)

Offline Gontscharow

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Re: H. v. Kleist: Die Marquise von O.
« Reply #15 on: 04. Dezember 2011, 18.08 Uhr »
Kleist war ein (schriftstellerisches) Monster. Seine Stücke sind im Grunde genommen unaufführbar

Diese Meinung, wenn auch  diplomatischer ausgedrückt, vertritt auch ein anderer Klassiker zu Lebzeiten:

Quote from:  Goethe an Kleist, am 1. Februar, 1808
… auch erlauben Sie mir zu sagen(denn wenn man nicht aufrichtig seyn sollte, wäre es besser man schwiege gar), dass es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll. Ein Jude der auf den Messias, ein Christ der aufs neue Jerusalem und ein Portugiese der auf Don Sebastian wartet, machen mir kein größeres Misbehagen. Von jedem Brettergerüste möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: Hic Rhodos, hic salta! ...

Das bezog sich auf die Bühne der Goethezeit. Inzwischen sind  die verschiedensten Stilrichtungen ins Land gegangen, haben die Bühnen erobert und verändert, Kleist wurde als Dramatiker wiederentdeckt und ist mittlerweile selbst zu einem Klassiker geworden, mit dem man Schulklassen quält. Er ist einer der meistgespielten deutschen Bühnenautoren… Mit Peyman, der ihn meisterhaft inszeniert, kann ich nur sagen: Gut, dass wir ihn haben
 
…seine Prosa unlesbar…

Das sagst du jetzt. Nun haben wir gelesen
Hättest du das doch vorher gesagt. Uns wäre einiges erspart geblieben!  ;D

Ihn auf seine Todessehnsucht, seinen Selbstmord oder gar die Heiterkeit in seinem Selbstmord zu reduzieren, greift - wie immer bei solch Reduktionen - halt viel zu kurz.

So ist es. Soweit ich sehe, tut das auch niemand. Man kann ihn aber auch nicht auf  das "Selbstzerstörerische" reduzieren. Wie gesagt, bei allem Gewalttätigen, Extremen, bei aller Maßlosigkeit und Zerrissenheit gibt es bei ihm auch das Rationale, die Vernunft, und das Bestreben mit sich und der Welt ins reine zu kommen. Das macht ihn ja gerade auch heute noch so überaus lesbar und lesenswert.

Vielleicht werde ich mir noch einige andere Novellen zu Gemüte führen

Oh ja, tu das bitte. Zum Beispiel "Das Erdbeben in Chili". Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dir das nicht gefällt.
Gleich mit dem ersten Satz hat die Erzählung einen fest im Griff:

Quote from:  Kleist, Das Erbeben in Chili
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647,..., ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier,  ..., an einem Pfeiler des Gefängnisses, ..., und wollte sich erhenken.
 

Offline orzifar

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Re: H. v. Kleist: Die Marquise von O.
« Reply #16 on: 04. Dezember 2011, 18.11 Uhr »
Vielleicht werde ich mir noch einige andere Novellen zu Gemüte führen

Oh ja, tu das bitte. Zum Beispiel "Das Erdbeben in Chili". Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dir das nicht gefällt.
Gleich mit dem ersten Satz hat die Erzählung einen fest im Griff:

Quote from:  Kleist, Das Erbeben in Chili
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647,..., ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier,  ..., an einem Pfeiler des Gefängnisses, ..., und wollte sich erhenken.


 ;D - genau diese Zeilen waren's, die mich den Vorsatz fassen ließen. Das "Erdbeben" folgt nämlich in meinem Novellenbuch auf die "Marquise".  Mal sehen ;).

lg

orzifar
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