Hallo!
Vielleicht hast du doch einiges verdrängt, selbst der recht betuliche Nachwortschreiber spricht von durchgängiger Ironie. Der Trick Goldsmiths besteht in der Ich-Erzählperspektive, Pfarrer Penrose selbst erzählt in seiner ein wenig naiven, einfältig-aufrichtigen Art, ausgestattet mit viel Gottesglauben und einem großen Herz, das auch die schändlichsten Taten zu verzeihen vermag. Aber so ganz ernst kann der gute Mann nicht genommen werden, er ist zwar moralisch unanfechtbar (mit ganz, ganz kleinen und umso verzeihlicheren Schwächen), aber eben auch lächerlich (etwa in seinem schriftstellerischen Bemühen, die Monogamie auch im Todesfalle immer und unbedingt aufrecht zu erhalten).
Nur wenn es zu juristisch-politischen Exkursen kommt, wird der Pfarrer tatsächlich dümmlich: Eigenartigerweise gerade deshalb, weil es in diesen Passagen auch sein Autor ernst mit ihm meint. Ansonsten ist dies ein eher pikaresker Roman mit einem naiven Helden, der (wenngleich ich das Ende noch nicht erreicht habe) ganz sicher alle seine Abenteuer durch seine Herzenseinfalt bestehen wird und als gutmütig-moralisierender Familienvater dem Rest seiner Michepoche am wärmenden Herd des Alters erbauliche Ansprachen halten wird. Penrose ist ein Hiob ohne dessen Aufbegehren, einer, der der Einfachheit des Landlebens huldigt und für den alle exquisiten Vergnügungen der Städter Teufelszeug sind. In dieser Hommage an das Landleben fühlt man sich an Schäferromane, an idyllisch-bukolische Szenarien a la Vergil erinnert, hier werden die Gefahren einer überfeinerten Zivilisation vor Augen geführt und man hört Rousseaus Mahnung der Rückkehr zur Natur.
Allerdings, und dies macht das Buch lesenswert, immer gebrochen durch die Sanftmut und Einfalt des Pfarrers, seinen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen (so predigt er im Schuldgefängnis seinen Mitgefangenen und wie bei allen anderen seinen Aktivitäten kann man sich des Grinsens nicht erwehren). Natürlich: Das Buch ist politisch konservativ, gesellschaftlich antiquiert, in religiösen Dingen von beachtlicher Einfalt. Aber die idealisierte Überzeichnung des Vikars macht diese Haltungen auch ein wenig lächerlich, es macht sie auch untauglich als Vorbild für den Leser. Da Goldsmith ein echten, unverfälschten Ich-Erzähler benutzt, bleiben die ansonsten unvermeidlichen Betrachtungen eines auktorialen Erzählstils weitgehend außen vor, denn die moralischen Lehren, welche Pfarrer Penrose aus seinem Schicksal destilliert, sind in anderen Gefilden angesiedelt.
lg
orzifar