Author Topic: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield  (Read 4276 times)

Offline orzifar

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Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« on: 06. Oktober 2011, 00.20 Uhr »
Hallo!

Im Vergleich zur wahrlich unsäglichen "Burg Otranto" von Walpole ist Goldsmiths "Pfarrer von Wakefield" ein wahrer Genuss. Denn ganz offenkundig ist der Autor so naiv nicht wie seine Hauptperson - und auch dieselbe mit einiger Menschenkenntnis ausgestattet (wenngleich in seiner Orthodoxie einigermaßen unausstehlich). In jedem Fall kein derart gekünstelter, unerträglicher Schmus wie der von Walpole.

Über Boswells Beschreibung des Lebens von Dr. Johnson habe ich mittelbar auch einiges über Goldsmith erfahren: Aber bislang will der Inhalt des Buches und die dort dargestellte Person nicht zur Übereinstimmung zu bringen sein(auch kann ich dem Diktum von Baba Sandhofer - Trojanow lässt grüßen, ich sehe uns schon als alte Geschichtenerzähler in spe - des schmalzigen und kitschigen Romans nicht zustimmen - einfach weil es mir zu offenkundig unernst ist. Vielleicht irre ich mich aber auch, werde noch ein wenig Sekundärliteratur zu Rate ziehen müssen).

Eine biedere Pfarrersfamilie erleidet ein (aktuelles) finanzielles Fiasko: Ihr Geld wurde von einem Banker verspekuliert. So zieht man in eine abgelegene Gegend, um mit den Avancen des Gutherrn konfrontiert zu werden, mit der Eitelkeit der Frauen und Töchter (zur Charakteristik der Ehefrau auf der allerersten Seite: Sie konnte jedes englische Buch ohne viel Buchstabieren lesen, aber im Einpökeln, Einmachen und Kochen konnte sie keine übertreffen." Was für ein Prachtweib, wer wünschte sich nicht eine solche Gemahlin? - Aber in diesen Passagen meine ich eben auch einiges an Ironie zu entdecken, das ist nicht nur und ausschließlich dämliches Klischeedenken), armen und edlen, reichen und verdorbenen Menschen. Viel äußerliches Gepränge, Gerede, aber im Grunde scheint jeder jeden zu durchschauen. So sind die zukünftigen Kalamitäten absehbar (gerade in Herzensdingen), durch ihre ironische Unterfütterung aber wird die eigentlich biedere Geschichte amüsant.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« Reply #1 on: 06. Oktober 2011, 07.58 Uhr »
Hallo!

Hm ... an Ironie kann ich mich nicht erinnern ...

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« Reply #2 on: 06. Oktober 2011, 23.42 Uhr »
Hallo!

Vielleicht hast du doch einiges verdrängt, selbst der recht betuliche Nachwortschreiber spricht von durchgängiger Ironie. Der Trick Goldsmiths besteht in der Ich-Erzählperspektive, Pfarrer Penrose selbst erzählt in seiner ein wenig naiven, einfältig-aufrichtigen Art, ausgestattet mit viel Gottesglauben und einem großen Herz, das auch die schändlichsten Taten zu verzeihen vermag. Aber so ganz ernst kann der gute Mann nicht genommen werden, er ist zwar moralisch unanfechtbar (mit ganz, ganz kleinen und umso verzeihlicheren Schwächen), aber eben auch lächerlich (etwa in seinem schriftstellerischen Bemühen, die Monogamie auch im Todesfalle immer und unbedingt aufrecht zu erhalten).

Nur wenn es zu juristisch-politischen Exkursen kommt, wird der Pfarrer tatsächlich dümmlich: Eigenartigerweise gerade deshalb, weil es in diesen Passagen auch sein Autor ernst mit ihm meint. Ansonsten ist dies ein eher pikaresker Roman mit einem naiven Helden, der (wenngleich ich das Ende noch nicht erreicht habe) ganz sicher alle seine Abenteuer durch seine Herzenseinfalt bestehen wird und als gutmütig-moralisierender Familienvater dem Rest seiner Michepoche am wärmenden Herd des Alters erbauliche Ansprachen halten wird. Penrose ist ein Hiob ohne dessen Aufbegehren, einer, der der Einfachheit des Landlebens huldigt und für den alle exquisiten Vergnügungen der Städter Teufelszeug sind. In dieser Hommage an das Landleben fühlt man sich an Schäferromane, an idyllisch-bukolische Szenarien a la Vergil erinnert, hier werden die Gefahren einer überfeinerten Zivilisation vor Augen geführt und man hört Rousseaus Mahnung der Rückkehr zur Natur.

Allerdings, und dies macht das Buch lesenswert, immer gebrochen durch die Sanftmut und Einfalt des Pfarrers, seinen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen (so predigt er im Schuldgefängnis seinen Mitgefangenen und wie bei allen anderen seinen Aktivitäten kann man sich des Grinsens nicht erwehren). Natürlich: Das Buch ist  politisch konservativ, gesellschaftlich antiquiert, in religiösen Dingen von beachtlicher Einfalt. Aber die idealisierte Überzeichnung des Vikars macht diese Haltungen auch ein wenig lächerlich, es macht sie auch untauglich als Vorbild für den Leser. Da Goldsmith ein echten, unverfälschten Ich-Erzähler benutzt, bleiben die ansonsten unvermeidlichen Betrachtungen eines auktorialen Erzählstils weitgehend außen vor, denn die moralischen Lehren, welche Pfarrer Penrose aus seinem Schicksal destilliert, sind in anderen Gefilden angesiedelt.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« Reply #3 on: 07. Oktober 2011, 07.48 Uhr »
Hallo!

Vielleicht hast du doch einiges verdrängt, [...]

Oder ich bin zu doof fur diese Ironie?  :D Hm ... ich werde am Wochenende, so ich dazu komme und daran denke, mal kurz wieder in den Vicar hineinschnuppern.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« Reply #4 on: 07. Oktober 2011, 16.10 Uhr »

Hallo!

Nunja, beim Hiobschen Ende bin ich mir nun nicht mehr so sicher, ob das alles mit Ironie vereinbar ist. Überhaupt ist die Auflösung der ganzen Geschichte sehr schwach, ein aus dem Hut gezauberter deus ex machina, eine Aneinanderreihung von Zufällen, die Goldsmith selbst nicht mehr geheuer war, weshalb er sie exkursorisch verteidigen zu müssen meinte, dazu moralisierendes Geschwafel en masse, das nun aber eben nicht mehr von der Naivität des Pfarrers durchsetzt, sondern vom edlen adeligen Grundherrn vorgetragen wird - starker Tobak für meinen durch Medikamentenabusus sensiblen Magen.

Die Absichten des Autors kommen allzu klar in diesem dramatischen Ende zum Vorschein - und so etwas ist stets ein Ärgernis. Literarische Sonntagspredigten sind das meine nicht, während der tolpatschig-naive Pfarrer zu Beginn des Buches durchaus zu unterhalten weiß. - Im übrigen meine ich mich aus "Dichtung und Wahrheit" erinnern zu können, dass der Geheimrat diese Erzählung sehr geschätzt hat (allerdings hat seine Liebelei mit Friederike und die Ähnlichkeit der Situation in Sesenheim wohl einiges dazu beigetragen).

Wenn also auch das dramatisch-tränentriefende Ende einen schalen Beigeschmack hinterlässt, so ist dieses Buch (im Vergleich zu dem am Beginn erwähnten Walpole) doch von einigem Unterhaltungswert. Weil eben dieser englische Hiob immer ein wenig lächerlich, dadurch aber auch amüsant wirkt.

lg

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Re: Oliver Goldsmith: Der Pfarrer von Wakefield
« Reply #5 on: 08. Oktober 2011, 15.39 Uhr »
Hallo!

Nunja, beim Hiobschen Ende bin ich mir nun nicht mehr so sicher, ob das alles mit Ironie vereinbar ist.

Gut, dann lasse ich das mit der teilweisen Zweitlektüre.  :angel:

Grüsse

sandhofer
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