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Mittlerweile im 10. Kapitel. Und die Leselust nimmt immer noch zu, ein wahrlich opulentes und großes Werk. Eingebettet in den Unabhängigkeitskampf Brasiliens, in den Kampf um das Ende der Sklaverei lässt Ribeiro anhand von vielen Erzählsträngen ein wunderbar-schreckliches Bild dieser Zeit, dieses Landes erstehen. Und immer, wenn man sich in ruhigeren Gefilden glaubt, bricht die auch nur ansatzweise entstehende Idylle, immer noch werden Schwarze ermordet, vergewaltigt, missbraucht, eingesperrt und aller Fortschritt so ad absurdum geführt. Selbst diejenigen, die da für die Freiheit, Unabhängigkeit kämpfen, wissen nicht wirklich, wofür sie ihr Leben opfern, Brandao, einer dieser kämpfenden Protagonisten zweifelt immer wieder am Sinn des Unternehmens oder sogar daran, ob es denn überhaupt diese Organisation, der er sich zugehörig fühlt, gibt.
Amleto, der opportunistische Aufsteiger, seine Herkunft als Mulatte verleugnend, Inbegriff des Heuchlers und rücksichtslosen Machtmenschen scheitert in seinen Nachkommen: Keiner wünscht das verbrecherisch erworbene Imperium weiterzuführen: Der Älteste ein Dichter, der die "ganze Menschheit wie alle Dichter als seinen Schuldner betrachtet" (schön gesagt

) - der zweite ein Priester mit Neigung zu kleinen Jungen (soll vorkommen) und der Jüngste, kraftstrotzend und völlig uninteressiert an allem, was der Vater unter höherer (= weißer) Lebensart versteht.
Das Scheitern ist (bislang) der rote Faden des Buches: Leleu, der Schwarze mit Geschäftssinn, der sich durch Geschicklichkeit ein Auskommen sichert und durch die kleine Dafe erfährt, was denn das Leben wirklich bedeutend machte, spürt seine Ohnmacht angesichts der Verzweiflung der Kleinen über den Mord an ihrer Mutter, die sich der Vergewaltigung ihrer Tochter entgegenstellt und dies mit dem Tod bezahlt. Trotz solcher Elemente, die die Gefahr von Sentimentalität, reißerischer Darstellung in sich bergen, umschifft Ribeiro derartige Klippen mit Bravour: Keine Übertreibung, nur stille Traurigkeit, Schmerz über die Welt, die den eigenen Tod erstmals wünschenswert erscheinen lässt. Je mehr er, Leleu, sich um ein konfliktfreies Leben bemühte, desto weniger wollte ihm das geling. So er selbst - und so Ribeiro.
lg
orzifar