Author Topic: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)  (Read 9443 times)

Offline sandhofer

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Hallo zusammen!

Nachdem dieses Buch über ein Jahr brauchte, um den Weg zu mir zu finden, habe ich nun mit der Lektüre begonnen. Ribeiro gilt als einer der führenden brasilianischen Autoren der Gegenwart und zusammen mit García Lopez als führender Vertreter des von Südamerikanern geprägten Magischen Realismus.

In Brasilien Brasilien erzählt Ribeiro die Geschichte seiner Heimat. Wie es der Originaltitel durchblicken lässt (der genauer übersetzt hiesse: Ein Hoch aufs brasilianische Volk), bringt und der Autor nicht eine Chronik der Ereignisse (hier und dann landeten die Portugiesen, dort und dann die Holländer etc. etc.), sondern er erzählt von Schicksalen der sog. kleinen Menschen, die nur am Rand und mehr aus Zufall in diese Grossereignisse involviert sind. Auch hält er keine chronologische Folge ein. In den ersten drei Kapiteln, die ich bisher gelesen habe, springt er von der Zeit der Loslösung der Kolonie vom Mutterland immer wieder zurück in die Zeit der ersten Besiedelung Brasiliens (um genau zu sein: Bahias, um noch genauer zu sein: Itaparicas, einer kleinen Küstenstadt im Bundesstaat Bahia). So bin ich in den ersten drei Kapiteln denn auch schon auf Holländer und Indianer vom Stamme der Tupinambas gestossen.

Gelesen habe ich erst die 3 Anfangskapitel. Bis jetzt macht die Lektüre Freude. Ich mag diesen leicht distanzierten, ironischen und doch liebevollen Ton, den Ribeiro seinen Gestalten entgegenbringt.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #1 on: 01. Oktober 2011, 17.52 Uhr »
zurück in die Zeit der ersten Besiedelung Brasiliens

Hoppla - arg politisch unkorrekt. Gemeint ist natürlich: durch die Europäer ...  :opa:
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Offline sandhofer

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #2 on: 02. Oktober 2011, 19.27 Uhr »
Hallo!

Kapitel 4 aus den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts dreht sich thematisch um die Sklaverei (der auch Brasilien huldigte, auch wenn sie dort relativ früh schon abgeschafft wurde - offiziell wenigstens) und die Verachtung, die die Weissen den Schwarzen und den Mestizen entgegenbrachten. (Typischerweise sind die Indios aus dem Gesichtsfeld der Weissen verschwunden.) Ribeiro aber predigt nicht, sondern schildert das Leben - in dieser Hinsicht start an Mark Twains Huckleberry Finn orientiert, wie mir scheint.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #3 on: 04. Oktober 2011, 08.05 Uhr »
Hallo!

Nebenbei frage ich mich gerade mal wieder: Weshalb ist einer wie Ribeiro - immerhin ein grosser Name in Brasilien - hierzulande fast ein Geheimtipp, andere ebensogute Brasilianer sogar praktisch unbekannt, während jener unsägliche Hesse-Aufguss Millionen von Büchern verkauft?

Grüsse

sandhofer
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Offline Anna

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #4 on: 04. Oktober 2011, 09.41 Uhr »
Nebenbei frage ich mich gerade mal wieder: Weshalb ist einer wie Ribeiro - immerhin ein grosser Name in Brasilien - hierzulande fast ein Geheimtipp, andere ebensogute Brasilianer sogar praktisch unbekannt, während jener unsägliche Hesse-Aufguss Millionen von Büchern verkauft?
Das ist wohl eher eine Klage als eine Frage. Wann waren auf den Bestsellerlisten jemals wirklich gute Bücher zu finden? :yodel:

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #5 on: 09. Oktober 2011, 17.26 Uhr »
Hallo!

Im Moment stecke ich im Jahr 1827, wo Ribeiro mit äusserster Präzision das Leben des Barons und seiner Familie bzw. seiner Sklaven schildert. Ich merke, wie ich beim Sklavenslang dem Nordestino Ribeiro kaum mehr folgen kann. Es geht also nur langsam voran.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #6 on: 10. Oktober 2011, 01.16 Uhr »
Hallo!

Ich bin ebenfalls erst im zweiten Kapitel und werde gerade über delikat schmeckende Holländer informiert. Saftig, zart, würzig. Diese Woche wird es mit dem Lesen aller Voraussicht nach auch nicht viel werden, obwohl einige Zeilen Zynismus und Sarkasmus des Abends mir immer wieder Freude machen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Ribeiro es mit dem Auswalzen seiner Ideen ein bisschen zu arg treibt, mit dem zu inkarnierenden Seelchen ging es mir jedenfalls so. Aber trotzdem: Macht schon Spaß zu lesen. Vorm Einschlafen muss ich noch überprüfen, ob nach der Vergewaltigung durchs Menschenfressertöchterlein auch aus dem zweiten Niederländer ein saftiges Steak zubereitet wird (nebst Kuttelsuppe).

lg

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So nebenbei (der Uhrzeit wegen beim Antworten): Viermal "Sorry, SMF was unable to connect to the database. This may be caused by the server being busy. Please try again later. "
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Offline sandhofer

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #7 on: 10. Oktober 2011, 19.52 Uhr »
Hallo!

Allerdings habe ich den Eindruck, dass Ribeiro es mit dem Auswalzen seiner Ideen ein bisschen zu arg treibt, mit dem zu inkarnierenden Seelchen ging es mir jedenfalls so.

Oh, keine Angst, die lässt er dann - jedenfalls bis und mit Kapitel 7. Ich persönlich fand die Idee aber recht putzig: Ein Kesselchen voller Seelchen, die nicht vorwärts und nicht zurück können.

So nebenbei (der Uhrzeit wegen beim Antworten): Viermal "Sorry, SMF was unable to connect to the database. This may be caused by the server being busy. Please try again later. "

Seufz, ja. Ich versuche, diese oder nächste Woche da mal nachzuhaken.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #8 on: 14. Oktober 2011, 00.07 Uhr »

Hallo!

Ein irgendwie ungustiöses Buch. Es ist schon einigermaßen schwer erträglich, seitenlange Traktate über das unwerte Leben der Schwarzen zu hören, vorgetragen von einem Priester, den mit der Greifzange anzufassen schon eine zu starke Annäherung wäre. Dazu ein Gutsbesitzer, der sich nach Gutdünken an den schwarzen Sklavinnen vergreift, devote Mischlinge, bigotte Frauen. Inwieweit dies alles ein Abbild des Brasilien des 19. Jahrhunderts ist vermag ich aus Unkenntnis der Geschichte nicht zu beurteilen, aber ich vermute, dass die Realität nicht sehr viel angenehmer gewesen sein dürfte. Und das Buch ist schon deshalb gut, weil es ein (allzu lebendiges) Bild dessen gibt, was Menschen einander unter Berufung auf Gott, Moral und Gesetz anzutun pflegen.

Diese Beklemmung im Leser entsteht trotz der wundersam anmutenden Passagen, trotz eines auktorialen Erzählers, der von Seelen und Seelchen erzählt, welche sich verirren, verängstigt warten auf eine Chance zur Inkarnation, trotz dieses phantastischen Realismus', der aber nirgendwo der beschriebenen Wirklichkeit ihre Schärfe nimmt. Im Gegenteil: Die ganze Grausamkeit und Unmenschlichkeit des Lebens dieser Sklaven erfährt auf diese Weise eine Art Verstärkung, für die ich kaum einen Grund anzugeben vermag. Ein schönes, grausames, hässliches Buch.

lg

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #9 on: 14. Oktober 2011, 08.42 Uhr »
Hallo!

Ein irgendwie ungustiöses Buch. Es ist schon einigermaßen schwer erträglich, seitenlange Traktate über das unwerte Leben der Schwarzen zu hören, vorgetragen von einem Priester, den mit der Greifzange anzufassen schon eine zu starke Annäherung wäre. Dazu ein Gutsbesitzer, der sich nach Gutdünken an den schwarzen Sklavinnen vergreift, devote Mischlinge, bigotte Frauen. Inwieweit dies alles ein Abbild des Brasilien des 19. Jahrhunderts ist vermag ich aus Unkenntnis der Geschichte nicht zu beurteilen, aber ich vermute, dass die Realität nicht sehr viel angenehmer gewesen sein dürfte.

Sie war genau so. Es ist ja so, dass sich Brasilien einiges darauf einbildet, relativ früh die Sklaverei offiziell abgeschafft zu haben. Allerdings war die Behandlung der Schwarzen nachher auch nicht viel besser. Und ist es wohl bis heute geblieben. Zumindest vor 15 Jahren war es noch so, dass der Junior der Familie seine ersten Sex-Versuche mit dem (immer mehr oder weniger Milchkaffee-farbenen) Dienstmädchen ausführte. Unter offener Zustimmung vom Papa und stillschweigender Duldung der Mama. Wehe allerdings der Tochter des Hauses, der es in den Sinn gekommen wäre, dasselbe mit dem auch nicht andersfarbigen Chauffeur zu tun. Überhaupt an so etwas wie sexuelle Abenteuer zu denken. Mini-Bikini am Strand her oder hin.

Und das Buch ist schon deshalb gut, weil es ein (allzu lebendiges) Bild dessen gibt, was Menschen einander unter Berufung auf Gott, Moral und Gesetz anzutun pflegen.

[...] Ein schönes, grausames, hässliches Buch.

Ja. Ich hoffe, am Wochenende zum Weiterlesen zu kommen.

Grüsse

sandhofer
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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #10 on: 15. Oktober 2011, 20.28 Uhr »
Hallo!

Kapitel 8

Der Mulatte, der weiss wird ... ein Standardthema in Brasilien, wo, aller offiziellen Gleichberechtigung zum Trotz, halt eben bis heute nur der Weisse wirklich alle Rechte hat. (O-Ton zu Pelé, dem es gelungen ist, seiner Fussballkarriere eine weitere, sportpolitische anzuhängen: Nun ist er weiss geworden.)

Ribeiro greift so ziemlich alle Tabu-Themen des modernen Brasilien auf.

Grüsse

sandhofer
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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #11 on: 15. Oktober 2011, 21.38 Uhr »

Hallo!

Ich bin nun auch im 8. Kapitel angekommen. Vieles an diesem Buch erinnert an den "Krieg am Ende der Welt" von Vargas Llosa, aber weniger literarisch verbrämt, brutaler, härter (obschon Llosas Buch, sein vielleicht bestes, auch nicht wirklich jugendfrei ist). Ich kann (noch?) nicht genau beschreiben, was dieses Buch für mich so realitätsnah, unerbittlich macht, denn Ribeiros Darstellung ist durch und durch literarisch. Dennoch habe ich das Gefühl von Realitätsnähe wie bei einer Dokumentation.

lg

orzifar

Die Geschichte Brasiliens ist eine terra incognita für mich - kannst du irgendetwas empfehlen? Und: Kennst du den Namensvetter des Autors, Darcy Ribeiro, ebenfalls Brasilianer, dessen Roman "Mulo" ich mir ebenfalls demnächst zu lesen vorgenommen habe?
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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #12 on: 16. Oktober 2011, 09.58 Uhr »
Hallo!

Ribeiros Darstellung ist literarisch. Seine Sprache grenzt ebenfalls hin und wieder an Manierismus, aber er bleibt Realist und auf dem Boden.

Darcy Ribeiro war zu Lebzeiten, wenn ich mich recht erinnere, eine recht umstrittene und schillernde Figur. Politiker, Romancier, Ethnologe (oder Anthropologe, so genau weiss ich das nicht mehr). Als Politiker und Romancier ein scharfer Kritiker des Umgangs, den die herrschenden Schichten in den ländlichen Regionen bis heute mit ihren Untergebenen (v.a. den Landarbeitern) pflegen, musste er zur Zeit der Militärdiktatur ins Exil gehen. Später kehrte er zurück und  politisierte auf der Linken.  Als Ethnologe bzw. Anthropologe hat er einen stufenförmigen zivilisatorischen Prozess entwickelt, der - meines Wissens zum ersten Mal - nicht eurozentristisch und teleologisch ausgerichtet ist. Er war es auch, der behauptet hat, Brasilien hätte das Zeug zu einer Weltmacht - einer Weltmacht auf Basis einer völlig neuen, weil auf Rassenmischung und letztendlich aus Sklaven hervorgegangenen Kultur. (Seine Bücher zu diesen Themen würden mich, ehrlich gesagt, mehr interessieren als seine Romane.)

Eine Geschichte Brasiliens ... hm ... ich kann mich schwach an Bradford E. Burns: A History of Brazil erinnern, das ich nicht schlecht fand. Allerdings habe ich es nicht (mehr?) in meinem Besitz.

Grüsse

sandhofer
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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #13 on: 20. Oktober 2011, 19.21 Uhr »

Hallo!

Mittlerweile im 10. Kapitel. Und die Leselust nimmt immer noch zu, ein wahrlich opulentes und großes Werk. Eingebettet in den Unabhängigkeitskampf Brasiliens, in den Kampf um das Ende der Sklaverei lässt Ribeiro anhand von vielen Erzählsträngen ein wunderbar-schreckliches Bild dieser Zeit, dieses Landes erstehen. Und immer, wenn man sich in ruhigeren Gefilden glaubt, bricht die auch nur ansatzweise entstehende Idylle, immer noch werden Schwarze ermordet, vergewaltigt, missbraucht, eingesperrt und aller Fortschritt so ad absurdum geführt. Selbst diejenigen, die da für die Freiheit, Unabhängigkeit kämpfen, wissen nicht wirklich, wofür sie ihr Leben opfern, Brandao, einer dieser kämpfenden Protagonisten zweifelt immer wieder am Sinn des Unternehmens oder sogar daran, ob es denn überhaupt diese Organisation, der er sich zugehörig fühlt, gibt.

Amleto, der opportunistische Aufsteiger, seine Herkunft als Mulatte verleugnend, Inbegriff des Heuchlers und rücksichtslosen Machtmenschen scheitert in seinen Nachkommen: Keiner wünscht das verbrecherisch erworbene Imperium weiterzuführen: Der Älteste ein Dichter, der die "ganze Menschheit wie alle Dichter als seinen Schuldner betrachtet" (schön gesagt :)) - der zweite ein Priester mit Neigung zu kleinen Jungen (soll vorkommen) und der Jüngste, kraftstrotzend und völlig uninteressiert an allem, was der Vater unter höherer (= weißer) Lebensart versteht.

Das Scheitern ist (bislang) der rote Faden des Buches: Leleu, der Schwarze mit Geschäftssinn, der sich durch Geschicklichkeit ein Auskommen sichert und durch die kleine Dafe erfährt, was denn das Leben wirklich bedeutend machte, spürt seine Ohnmacht angesichts der Verzweiflung der Kleinen über den Mord an ihrer Mutter, die sich der Vergewaltigung ihrer Tochter entgegenstellt und dies mit dem Tod bezahlt. Trotz solcher Elemente, die die Gefahr von Sentimentalität, reißerischer Darstellung in sich bergen, umschifft Ribeiro derartige Klippen mit Bravour: Keine Übertreibung, nur stille Traurigkeit, Schmerz über die Welt, die den eigenen Tod erstmals wünschenswert erscheinen lässt. Je mehr er, Leleu, sich um ein konfliktfreies Leben bemühte, desto weniger wollte ihm das geling. So er selbst - und so Ribeiro.

lg

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Re: João Ubaldo Ribeiro: Brasilien Brasilien (Viva o povo brasileiro)
« Reply #14 on: 24. Oktober 2011, 11.57 Uhr »
Bin natürlich unterwegs gar nicht zum Lesen gekommen, obowhl ich das Buch mit hatte ...  :(
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