Hallo!
Mittlerweile entwickelt sich das Buch zu meinem Leseerlebnis dieses Jahres. Großartig erzählt, mit jenen mythologisch-phantastischen Aus- und Abschweifungen, welche die Lateinamerikaner so wunderbar beherrschen. Die Handlung ist zweigeteilt, auch wenn sich immer wieder Verbindungen ergeben: Zum einen die zu Reichtum gekommene Familie Amletos, zum anderen die Sklaven, Unterprivilegierten und deren Kampf für eine gerechtere Welt. Gegen Ende des Buches wird auch der Aufstand von Canudos, den schon Vargas Llosa im "Krieg am Ende der Welt" ein Denkmal gesetzt hat, wieder zum Thema, ein Panorama der Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Beschreibung einer Wirklichkeit, die in ihrer Grausamkeit schon wieder unwirklich ist.
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Das, was ich zuvor vom Scheitern schrieb, scheint tatsächlich Programm (ich habe das Buch - zu meinem Leidwesen - nun beendet und bedaure, dass trotz der über 700 Seiten es nicht doppelt so umnfänglich war). Die letzten Kapitel spielen im 20. Jahrhundert und demonstrieren, dass sich im Grunde nichts geändert hat an den Strukturen, dass einzig Worte wie Sklaverei durch andere ersetzt wurden, die große Menge aber immer noch gefoltert, gequält, unterdrückt wird. Durch diesen zeitlichen Schlenker in die Gegenwart wird die Aktualität und Schärfe des Buches evident: Was der um seinen Seelenfrieden bemühte Leser ansonsten als historische, lange zurückliegende und literarisch verbrämte Ereignisse betrachten könnte, wird so zu einer die Jahrhunderte überdauernde Unterdrückung, die im Hier und Jetzt nichts von ihrer Realität eingebüßt hat.
Der Roman bietet (glücklicherweise) keine Lösung, er demonstriert, beschreibt die Hoffnungslosigkeit großer Teile des Volkes, er zeigt anhand der Freiheitskämpferin Maria Da Fe wie denn ein humaner Widerstand aussehen könnte - und zeigt gleichzeitig das Scheitern dieses Widerstandes bzw. verlegt sein Gelingen in eine ferne, irreale Zukunft. Die Ungeheuerlichkeit, dass im Namen des christlichen Europas die Einwohner eines ganzen Kontinentes ausgerottet wurden wird abgelöst von Jahrhunderten der nicht minder ungeheuerlichen Sklaverei, schließlich moderner Unterdrückung mit Worten, die die Unterdrückung in Gegenwart und Zukunft symbolisieren und die dem Dieb des mythologisch-wunderbaren Korbes im letzten Kapitel erscheinen: Ratenzahlung, Gebühren, Kommission, Anlagepapiere, Vermögenswert, Investitionshilfe ...
Neben dieser Aktualität aber ist dies auch ein Roman, der ganz wunderbar, bilderreich erzählt wird, humorvoll, geistreich, berührend, ohne zum Kitsch, zur Effekthascherei zu verkommen. Glänzend gemacht auch die Zeitsprünge, Spannung erzeugend, trotzdem nirgendwo die klare Konzeption störend, keine rätselhaften Passagen, die den Leser über die handelnden Personen im Unklaren lassen (wie etwa bei Llosas "Grünem Haus" oder dem "Gespräch in der Kathedrale". Ich schätze solche Klarheit ungemein, ist sie doch meist schwerer zu verwirklichen denn künstlerisches Vexierspiel mit Perspektivenwechsel, der häufig konzeptionelle Schwierigkeiten zu verbergen sucht. Unverständlich, wie Sandhofer schon eingangs erwähnte, dass ein solches Werk bei uns so gut wie unbekannt ist, andererseits: 730 eng bedruckte Seiten sind schon an sich ein nicht unbeträchtliches Hindernis.
lg
orzifar