Author Topic: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit  (Read 11863 times)

Offline mombour

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Hallo

Diese Woche habe ich mir schon zweimal die 7. Sinfonie angehört, die „Leningrader“. Krzysztof Meyer erwähnt sie schon im Vorwort. Diese Sinfonie steht für den beharrliche Widerstand und Kampf gegen die Truppen der Wehrmacht, die 1941 die sowjetische Grenze passiert hatten und Leningrad 900 Tage belagerten. Die Musik ist auch eine Symphonie über den Menschen in Russland. Warum beginne ich damit, schließlich führt Krzysztof Meyer die Begebenheiten um die 7. Sinfonie in einem späteren Kapitel noch ausführlicher aus. Meyer  erwähnt schon auf der ersten Buchseite,

Quote from: Schostakowitsch
daß er wie nur wenige Künstler der Musikgeschichte im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld seiner Zeit verankert ist.

So sind auch viele Musiken für bestimmte Anlässe komponiert worden. Schon in seiner Jugend gibt es Hinweise dafür, dass Schostakowitsch politische Ereignisse in Musik festzuhalten versucht. Krzysztof Meyer erzählt, der elfjährige Mitja (Kürzel von Dimitri) sei während der Februarrevolution auf dem Newskiprospekt gewesen und habe demonstrierende Arbeiter gesehen, ein junger Arbeiter wurde vor seinen Augen erschossen. Dieses prägte ihn und er komponierte die „Hymne an die Freiheit“, einen „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“, „Kleine Revolutionssymphonie“.

Dimitri spielte seit seinem neunten Lebensjahr Klavier und war sehr begabt. Allerdings dachten seine Mutter und sein erster Klavierlehrer, der seine Kompositionen nicht ernst nahm, er werde Pianist und kein Komponist. Eine Professorin am Leningrader Konservatorium, Alexandra Rosanowa, erkannte sein kompositorisches Talent, Aleksandr Glasunow schickte ihn ans Petrograder Konsrvatorium. Schostakowisch war erst dreizehn Jahre alt. Kein Wunderkind wie Mozart, aber eine Wunderjugend.

Mir macht es große Freude, das Leben dieses Komponisten zu durchstreifen. Von Krzysztof Meyer habe ich jetzt schon den Eindruck, er formuliert sehr sorgfältig, versucht in angenehmer Lesart, für uns das Leben dieses Komponisten aufzublättern, wobei er auch die Zeitgeschichte einfließen lässt, so habe große Zuversicht auf ein schönes Leseereignis.

Krzysztof Meyer scheint geradezu prädestiniert zu sein, diese Biografie zu schreiben. Er ist Pole, kennt also den Osten, studierte Komposition u.a. bei Koryphäen auf diesem Gebiet: Penderecki, Lutowslawski, Boulanger. Heute ist er Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln. Er vollendete Schostakowitsch's Oper „Der Spieler“ (nach Dostojwskij nehme ich an).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 18. September 2011, 17.20 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #1 on: 19. September 2011, 13.33 Uhr »

Quote from:  mombour
« am: Gestern um 15:42 »
Er vollendete Schostakowitsch's Oper „Der Spieler“ (nach Dostojwskij nehme ich an).

Hab ich im ersten Moment auch gedacht. Die Oper heißt aber Die Spieler und behandelt Szenen aus Gogols gleichnamiger Komödie. Nachzulesen im Anhang.
Überhaupt -  mit  der Schott-Ausgabe habe ich viel Buch für wenig Geld erworben! Es beinhaltet neben über 500 eng bedruckten Seiten Biographie den besagten umfangreichen Anhang, Notenbeispiele (!) und viele Bilder (keins das S. mit Lunatscharski, Stalin o. einer anderen Politgröße zeigt). Mein Interesse bezieht sich vor allem auf das Zeitgeschichtliche, die Problematik Kunst und totalitärer Staat , Künstler in der Diktatur.
Fasziniert war ich wieder von der künstlerisch unglaublich kreativen revolutionären und postrevolutionären Zeit in Russland, die ziemlich zu Anfang des Buches schon zur Sprache kommt, und es tut richtig weh, mitzuverfolgen, wie das allmählich erstickt wird und mit der dämlichen Doktrin vom sozialistischen Realsmus endet.
Die Person Schostakowitschs erscheint mir noch ein bisschen blässlich. Vielleicht war er so?

Quote from:  mombour« am: Gestern um 15:42 »
Von Krzysztof Meyer habe ich jetzt schon den Eindruck, er formuliert sehr sorgfältig, versucht in angenehmer Lesart, für uns das Leben dieses Komponisten aufzublättern

Es ist eine Übersetzung von Nina Kozlowski. Ich finde den Text manchmal etwas hölzern und wenig aussagekräftig. Beispiel:

Quote from:  K. Meyer, S.133
Die Art der Komik war bei Schostakowitsch von Anfang an sehr originell. Sie ging hauptsächlich  im Bereich der Harmonik und Orchestration in eine Groteske oder gar eine ironische Parodie über; die Banalität mancher Ideen war aber schlicht schockierend. Diese Vorliebe für Extravaganz ist nicht nur das Ergebnis einer Beeinflussung durch die Ästhetik mancher westlicher Komponisten…

Anschaulichkeit geht anders. Das sind so Stellen, bei denen ich mich frage, was sie überhaupt aussagen wollen. Und ist da nicht auch ein Nachklang sozialistischer Sprachregelung zu spüren? Banalität= Extravaganz ist doch schon sehr um die sozialistische Ecke gedacht.

Zu meiner Freude habe ich vor ein paar Tagen festgestellt, dass meine Lieblingsopernbühne in dieser Saison Schostakowitschs  Lady Macbeth von Mzensk, eine Oper, mit der er bei Stalin sehr angeeckt ist, auf dem Spielplan hat. Leider kann ich sie erst besuchen, wenn wir unsere Leserunde wahrscheinlich schon beendigt haben.



Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #2 on: 19. September 2011, 15.43 Uhr »

Die Person Schostakowitschs erscheint mir noch ein bisschen blässlich. Vielleicht war er so?

Er war etwas schüchtern. Das wird erwähnt.


Es ist eine Übersetzung von Nina Kozlowski. Ich finde den Text manchmal etwas hölzern und wenig aussagekräftig. Beispiel:

Quote from:  K. Meyer, S.133
Die Art der Komik war bei Schostakowitsch von Anfang an sehr originell. Sie ging hauptsächlich  im Bereich der Harmonik und Orchestration in eine Groteske oder gar eine ironische Parodie über; die Banalität mancher Ideen war aber schlicht schockierend. Diese Vorliebe für Extravaganz ist nicht nur das Ergebnis einer Beeinflussung durch die Ästhetik mancher westlicher Komponisten…

Anschaulichkeit geht anders. Das sind so Stellen, bei denen ich mich frage, was sie überhaupt aussagen wollen. Und ist da nicht auch ein Nachklang sozialistischer Sprachregelung zu spüren? Banalität= Extravaganz ist doch schon sehr um die sozialistische Ecke gedacht.

Was bei Schostakowitsch Groteske ist, glaube ich zu hören, wenn ich seine Musik höre. Bei Parodie wird es schon schwieriger. Vielleicht kommen wir im Laufe der Leserunde noch auf ein geeignetes Musikbeispiel. Es hätte erklärt werden müssen, eine Parodie auf was? Was banal erscheint in Schostakowitsch's Musik, erläutere ich noch anhand des Scherzos op 7. Offensichtlich wis in der von dir zitierten Textstelle unter Banalität doch was anderes verstanden. Hört sich wirklich merkwürdig an.

Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich nebenbei noch seine Musik höre. Wenn ich eine Musikerbiografie lese, ist das bei mir völlig normal. Da wir nicht mit youtube verlinken, gebe ich bei speziellen Musiken geeignete Sichwörter, die bei Youtube nur noch ins Suchfeld kopiert werden müssen. Vielleicht gibt es noch Musikhörer unter uns. ;D

Während Dimitri sein Studium mit Begeisterung aufnahm, herrschte Not im Land. Auch im Konservatorium wurde des Winters nicht geheizt. Man lehrte und lernte in Winterkleidung. Geld war nichts Wert, Tauschhandel blühte auf. An Alkohol war nicht heranzukommen. Man trank Spiritus, Formalin, Kölnischwasser oder produzierte für den Eigenbedarf. Alexandr Glasunow, der Rektor des Konservatoriums, war sich Dimitris Begabung bewusst und förderte ihn mit Stipendien. Er hatte öfters Anfälle von Trunksucht, Dimitri versorgte ihn mit Alkohol, weil sein Vater von Berufswegen leicht an Alkoholika herankam. Als 1922 Dimitis Vater starb, wurde die Not noch größer. Dimitri verdiente sehr wenig Geld in den Filmtheatern, in denen er zu Stummfilmen life am Piano  improvisierte.  Einige Zeit kämpften sich die Schostawowitsch's durchs Leben. Das Leben in Russland damals war sehr schwer, trotzdem, und das ist wohl typisch russisch: Der Russe verliert in seinem Herzen nie die Vaterlandliebe. Die Mutter hatte die Schnapsidee, nach Amerika aus zuwandern. Die Reaktion von Soja, Dimitiris Schwester, in einem Brief an ihre Tante Nadeschda, die in Amerika lebte(ein Auszug):
Quote from: Soja Schostakowitsch
Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Russe in Amerika leben kann. Dort gibt es kein richtiges Leben und keine Menschen. Alle sind wie Maschinen. Sie haben nicht unsere russische Seele, und sie haben keine Kunst und keine Talente. Amerika wird vom Materialismus regiert...
(Seite 44)
.
Wir erleben auch einen Generationswechsel von Komponisten. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ergänzend zum Buch sei zu erwähnen, Strawinsky, der ein Schüler Rimsky-Korsakows war, schrieb seine erste Symphonie noch im Schatten seinen Lehrers, noch sehr traditionell. Der echte Strawinsky brach erst später durch.  Aber nun, wenn wir Schostakowitscht's frühe Kompositionen durch unsere Ohren fließen lassen, finden wir das heute nicht mehr so modern, wie es Glasunow empfand. In seinem Scherzo fis-moll für Orchester op. 1 hören wir durchaus auch, wie beim sehr frühen Strawinsky, das 19. Jahrhundert heraus, an sich noch traditionell komponiert, zeigt aber, wie gut der dreizehnjährige schon Instrumentation beherrscht hat. In dem späteren Scherzo ES-Dur op.7 (1923/24) zeigen sich schon typische Schostakowitsch-Merkmale „wie zum Beispiel die Vorliebe für exzentrischen Humor, Groteske und absichtliche Benutzung banaler Phrasen.“ (Seite 55). Um versuchen zu verstehen, was mit banalen Phrasen gemeint ist, höre ich mir das Stück mal an:
hier.

Eine Phrase ist die Aneinanderreihung von zwei Motiven. Ich höre in dem Scherzo, wie sich ein rhythmisches Motiv in  Abwärts -und Aufwärtsbewegungen mehrmals wiederholt, sodass es aufgrund exzessiver Wiederholungen durchaus banal erscheint. Natürlich hätte ich von Krzysztof Meyer erwartet, dass er erklärt, was „banale Phrasen“ sind.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 21. September 2011, 13.18 Uhr by mombour »
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Offline Sir Thomas

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #3 on: 19. September 2011, 15.53 Uhr »
... mit  der Schott-Ausgabe habe ich viel Buch für wenig Geld erworben!

Schott ist ein hervorragender Verlag für Noten und Partituren. Dass die auch Biografien vertreiben, wusste ich gar nicht. Interessant.

LG

Tom 

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #4 on: 20. September 2011, 16.09 Uhr »
Zu den Vorzügen dieser Biografie gehört, dass sich Krzysztof Meyer in manchen Kapiteln von Schostakowitsch direkt wegbewegt und Kapitel zur Zeitgeschichte einfügt, wie das über die aufstrebende russische künstlerische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Zeit, in der Schostakowitsch heranwuchs, war die Zeit, in der sich die Kunst von ästhetischen Kanons des 19. Jahrhunderts verabschiedete und völlig neues schuf. In der Malerei bildeten sich verschiedene Künstlergruppen, in Moskau, München, Paris. Sehr Selbstbewusst traten sie auf, die jungen Wilden. So äußert sich Alesandr Benua: Wir und nur wir, die Russen, können jetzt eine große, wundervolle, lebendige, und originelle Kunst schaffen.“ Das ist sicher eine Überschätzung. War ist, Kandinsky und Chagall sind Recht immer noch in aller Munde. Viele andere Künstler dieser Zeit sind vergessen. Auch in der Literatur wurde neu experimentiert, Andrei Bely, Issaak Babel u.a. In der Musik brach Strawinsky mit „Le sacre du printemps“ mit allen früheren Vorstellung von Musik.

Kryzystof Meyer erzählt von dem Komponisten Jefim Golyschew, der unabhängig der Wiener Schule (Schönberg, Berg, von Webern) zur Zwölftonmusik gelangte, „die ersten Versuche in dieser Richtung bereits im Jahre 1914“ (Seite 74) unternahm, noch vor Schönberg, der die Zwölftontechnik erst in den zwanziger Jahren formulierte. Das ist eindeutig falsch. Nicht vor Schönberg machte Golyschew seine ersten Versuche. Arnold Schönberg brach mit „Drei Klavierstücke op. 11“ aus dem Jahre 1909 schon vor Golyschew aus den Tonarten hinaus, darum diese Stücke, die ersten Versuch darstellen, die direkt zur Zwölftonmusik führten.

Die russische Staatsmacht versuchte nach der Revolution Einfluss auf Kunst und Kultur zu nehmen:
Jewgeni Samjatin äußerte sich über die revolutionären Künstler, die oft „Schlauköpfe waren...

Quote from: Samjatin
die genau wußten, wann sie die rote Kappe anlegen und wann sie diese wieder abnehmen sollen, wann sie den Zaren und wann Hammer und Sichel zu rühmen haben.
(Seite 74) Alexandr Blok sprach, in dem er die Roten meinte, sie nehmen Ruhe und Freiheit, sie nehmen die schöpferische  Freiheit (vgl. Seite79).

Manche Avantgardisten waren bereit mit der sowjetischen Führungsmacht zusammenzuarbeiten. Diese Leute begannen, den Ton im Kunstleben anzugeben. Die Revolution zerstörte künstlerische Formationen und brachte neue hervor. z.B. in der Malerei der Produktivismus (Nikolai Tarabukin).
Wirklich interessant wird es, und das ist wohl  typisch sowjetisch, wenn Kunst, eine Ausdrucksform einen neuen Ökonimie werden soll, wie Alexei Gan (1922) ausgedrückt hat, auf diese Weise eine „spekulative Handlungsweise im künstlerischen Schaffen“ gefordert wird. Es gab aber auch einen anderen Zweig dieser Neuen, die an das 19. Jahrhundert anknüpfen wollten. Laut der Resolution des Zentralkomitees vom 27. Februar 1922 durfte nun bestimmt werden, welche literarischen werke erscheinen durften, welche nicht.

Und Schostakowitsch? Er fiel in eine Schaffenskrise, wusste nicht, wie er nach der ersten Symphonie weiter komponieren solle und konzentrierte sich auf das Klavierspiel. Dann begann Schostakowitsch kompositorisch zu experimentieren (avangardieinestisch zu werden). Im Jahre 1926 komponierte  Klaviersonate, in der er die Tonalität. Wenn Krzyzsztof Meyer schreibt, er habe in dieser Sonate zum ersten Mal mit der Tonalität gebrochen, heißt das nicht, dass er zum atonalen Komponisten wurde. Er experimentierte und ignorierte die klassische Sonatenform, benutzte wie Béla Bartók im „Allegro Barbaro“ (1911) und wie in Strawinskys „Piano Rag Music" (1919) das Klavier als Schlaginstrument. Sergej Prokofiew gehörte zu den wenigen, die die Sonate geschätzt haben. Prokofiew wurde vorgeworfen, er schätze diese Musik nur, weil es entfernte Verbindungen zu seiner dritten Klaviersonate aufgezeigt waren.
Die Sonate gespielt von  Boris Petrushansky hier.

und als Vergleich die dritte Klaviersonate von Prokofiew. Es spielt Emil Gilels: hier

Auch die folgenden Werke, die Aphorismen für Klavier und die Symphony Nr.2 waren experimentiell, musikalische Erzeugnisse ihrer Zeit, sind heute aber fast vergessen, erzielten auch damals keine Breitenwirkung. Die Symphony Nr.2 komponierte Schostakowitsch zum 10. Jahrestag der Revolution und hat durchaus einige musikalische Raffinessen, wie der Biograf zu erzählen weiß.

Mit der Oper „Die Nase“ scheint Schostakowitsch wieder in die erfolgreiche Schiene zu kommen. Er ergänzte die Oper mit Inhalten aus anderen Gogolschen Werken, auch Smerdjakows Lied aus den Brüdern Karamasow. Erstmals in der Musikgeschichte taucht ein Musikstück auf, welches nur mit Schlaginstrumenten gespielt wird (Zwischenspiel zum zweiten Bild).
Diese Oper wird z.Zt im Opernhaus Zürich gespielt. Siehe hier

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mombour
« Last Edit: 21. September 2011, 13.29 Uhr by mombour »
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Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #5 on: 20. September 2011, 23.01 Uhr »

Quote from:  mombour, gestern 15:43
Da wir nicht mit youtube verlinken, gebe ich bei speziellen Musiken geeignete Sichwörter, die bei Youtube nur noch ins Suchfeld kopiert werden müssen.

Super. Danke!

Das Scherzo in Es-Du, op7 ist wirklich ein sehr schönes Beispiel für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung bei Schostakowitsch. Ich finde dieses kleine Musikstück überaus evokativ und witzig. Das bei youtube abgebildete Seurat- Gemälde Die Zirkusreiterin, ein Bild das Kafka zu Auf der Galerie inspiriert haben soll, passt ausnehmend gut dazu! Meyer spricht zum Glück in Bezug auf dieses Werk von„absichtlich banalen Phrasen“. Denn es ist schon sehr raffiniert, wie diese zunächst stampfende, fast tonlose Musik, (2X) von chopinartigen Klavierläufen wie aus einer anderen Zeit oder einer anderen  Welt durchkreuzt wird! Das Bass-Gequake der Oboe(?) nimmt schon Prokofjews Ente aus Peter und der Wolf vorweg und die letzten (5?) Töne sind wie ein Peitschenhieb …


Sehr informativ , mit links etc: die Seite der Schostakowitsch-Gesellschaft http://www.schostakowitsch.de/

Offline sandhofer

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #6 on: 21. September 2011, 08.37 Uhr »
Hallo zusammen!

Da haben wir uns offenbar falsch verstanden. Direkte Links dürft Ihr schon einstellen, ich dachte, es gehe darum, die YouTube-Videos direkt ins Forum einzubetten. Das wäre technisch machbar, habe ich aber deaktiviert.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #7 on: 21. September 2011, 13.32 Uhr »
Hallo zusammen!

 Direkte Links dürft Ihr schon einstellen, ...
Sehr gut. Ich habe die links  eingeragen. So ist es auch einfacher zu bedienen. :)
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Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #8 on: 22. September 2011, 17.39 Uhr »
Das Scherzo in Es-Du, op7 ist wirklich ein sehr schönes Beispiel für Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung bei Schostakowitsch.

Witzig ist auch das Scherzo á la russe von Stravinsky.

Nach der anstrengenden Musik der Klaviersonate und dem Prokofiew mal ein entspannenderes Kapitel, in dem wir Schostakowitsch selbst etwas in die Nähe rücken. Um berühmte Komponisten ranken sich Legenden. Auch um Schostakowitsch, der unheimlich leicht und schnell komponieren konnte, es ist so, als schreibebe er auch schwierige Parituren aus sich selbst einfach so heraus. Die Oper „Die Nase“ entstand auch ziemlich schnell.

Eine heitere Geschichte. Im Herbst 1928 legte man dem Komponisten eine Platte mit dem Foxtrott „Tea for two“ auf. Er wurde dann darum gebeten innerhalb einer Stunde dieses Stück aufzuschreiben und neu zu instrumentieren. Es wurde ihm sogar gestatten das Stück noch einmal anzuhören. Dann ging er ins Nebenzimmer. Nach einer dreiviertel Stunde  kam er hinaus mit diesem: Hier.

Dies ist übrigens die Originalinstrumentation, (Es gibt etliche Verarbeitungen); hier meines Erachtens bloß zu langsam vorgetragen.

Es war auch die Zeit, als Schostakowitsch begann, Filmmusik zu schreiben. Exemplarisch sei hier die Musik zu „Das neue Babylon“ vorgestellt. Einmal ging er ins Filmstudio. Er trug einen weißen Schal, grauen Hut, eine Ledertasche unterm Arm. Er soll damals „ein fast kindliches Gesicht gehabt haben.“ Nun rollten aber Schwierigkeiten an. Der Film und die Musik mussten amtlich geprüft werden und  fiel durch. So musste Schostakowitsch noch einmal Szenen umschreiben, arbeitete außerdem noch unter Zeitdruck, weil der Premierentermin schon festgesetzt war. Die Werke, die in dieser Zeit entstanden, waren nicht erfolgreich und gerieten ins Vergessen. Meyer erzählt ausführlich über die Schwächen der dritten Symphonie. Es gab auch bei den Zeitgenossen über diese Symphony kaum ein gutes Wort. Es wurde nicht verstanden, warum Schostakowitsch so ideenlos, trivial komponieren konnte, vor allem nach Der Nase. Fielen ihm die Ideen aus? Heute wissen wir nicht, was in Schostakowitsch gefahren ist. Ich habe mir die  Musik von „Das neue Babylon“ angehört. Es hört sich einigermaßen passabel an, aber Schostakowitsch konnte es später noch viel besser: Nämlich in den beide Jazzsuiten. Wie in der „Nase“ kommen in der Fimmusik Tänze vor, doch zurückhaltend, eher lahm. Die Jazzsuiten sind bedeutend schmissiger. Er konnte es besser. Ja. Doch hören wir uns „Das neue Babylon“ mal an (Marco Tezza - Jugend-Symphonie Orchester des Saarlandes): hier

Nun kommen wir tiefer in die Verstrickungen zwischen Schostakowitsch und der Kremlideologie.[heul]

Ich finde es großartig, wenn ein Komponist der ernsten Muse sich zur leichten Muse schlenkert. Genauer. Schostakowitsch selber machte da wohl nicht so einen großen Unterschied. „Die Nase“ ist voll von Tänzen, „The new Babylon“ auch. Wenn es Schostakowitsch darauf angelegt hätte, hätte er der Johann Strauß jr. des 20. Jahrhunderts werden können. Da bin ich mir sicher.

Bloß,
und das ist das Dilemma


Damals Unterhaltungsmusik oder Jazz in der Sowjetunion zu komponieren (in der damaligen Moderne wurde im Westen durchaus auch jazzig komponiert, auch Strawinsky, der emigriert war), war für einen Komponisten nicht ungefährlich und konnte die Karriere kosten. Auch Schostakowitsch's Musik wurde von den Machthabern im Kreml beobachtet. Schon Ende der zwanziger Jahre glaubten die Kremlianer, in Schostakowitsch einen Komponisten gefunden zu haben, der ganz offiziell unter dem Diktat der Staatsmacht komponieren könnte (sozusagen als Repräsentat des Staates). Gerade in dieser Zeit enstand der Foxtrott „Tahiti Trott“!!!  Schostakowitsch wollte sich nie vom Staate kapern lassen, er wurde aber, und das ist tragisch, „für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.“ So formuliert es Meyer auf Seite 151.  Für eine Schostakowitsch-Biografie ist es immer wichtig, auf diese Problematik einzugehen, und Meyer macht das, soweit ich das überblicken kann, sehr ordentlich. Wir haben wohl keine Ahnung, wie Schostakowisch komponiert hätte, wenn er in Paris gelebt hätte. Seine (angeblich) freiwillige Zusammenarbeit mit dem Staat, war von Zweifeln übersäht.  Schostakowisch äußerte sich in einer Umfrage über Unterhaltungsmusik sehr seltsam, hat aber, es kann doch nicht anders sein, mit dem von der Staatsmacht unter Druck stehenden Komponisten zu tun. Meyer äußert sich nicht so direkt, aber meint wohl dasselbe.  Schostakowitch machte wirklich einen Vorschlag, wie die Unterhaltungsmusik bekämpft werden soll, weil sein „Tahiti Trott“ vom „Russischen Verband der proletarischen Musiker“ als für die sowjetische Kultur schädlich eingestuft worden war. IDIOTEN.

Quote from: Schostakowitsch
Ich sehe es als einen politischen Fehler meinereits an, daß ich dem Dirigenten Malko erlaubt habe, meine Transkription des Tahiti-Trott aufzufühen....
Harry Neuhaus, Meyer sagt nicht, wer das ist, äußerte sich so:

Quote
Leichte Musik ist für die Musik das, was Pornographie in der Literatur ist.

Mit anderen Worten: Ende der zwanziger Jahre wurde ziemlich gemein gegen die Unterhaltungsmusik gehetzt. Krzysztof Meyer führt ein ziemlich krasses Beispiel an für  Schostakowischs Konformismus:

Quote from: Schostakowitsch
...es gibt keine Musik ohne Ideologie, und die Komponisten haben immer, bewußt oder unbewußt, mit ihrer Musik politische Konzeptionen ausgedrückt....
(Seite 154).

Da Schostakowitsch in den Jahren 1928-1931 viel leichte Musik komponierte und sich seinen Verstrickungen bewusst wurde, publizierte er den Artikel „Erklärung über die Pflichten eines Komponisten“ in dem er sich rechtfertigte, zwar leichte Musik geschrieben zu haben, aber

Quote from: Schostakowitsch
Das einzige Werk, das meiner Meinung nach einen Platz in der sowjetischen Musikgeschichte einnehmen könnte, ist die Symphonie >Der 1. Mai<, ungeachtet all ihrer Schwächen. Ich will damit sich sagen, daß alles übrige nichts Wert sei. Aber die anderen Werke verbinden sich mit dem Theater und haben deshalb keine eigenständige  Bedeutung.

Auf solche Art und Weise versuchte sich Schostakowitsch aus den Verstrickungen mit dem Staat zu lösen -   "lösen" sicher übertrieben......vorübergehend vielleicht.....

Liebe Grüße
mombour
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Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #9 on: 23. September 2011, 14.54 Uhr »

Quote from:  mombour, gestern um 17:37
Schostakowitsch wollte sich nie vom Staate kapern lassen, er wurde aber, und das ist tragisch, „für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.“ So formuliert es Meyer auf Seite 151

Quote from:  Meyer, S.151
Die einmal aufgenommene Zusammenarbeit war kaum aufzukündigen und Schostakowitsch wurde für immer in die höllische Maschinerie des sowjetkommunistischen Systems hineingezogen.

Bei diesem Satz habe ich auch aufgemerkt! Er markiert eine Zäsur. Die Falle ist zugeschnappt. Schade nur, dass Meyer nicht oder kaum erläutert, wie das sowjetische System und speziell die Kulturpolitik zu einer "Höllenmaschine" werden konnte. Bis in die 20er Jahre hinein gab es ja noch so etwas wie Meinungsfreiheit, Liberalität und Kulturvielfalt, sie wurde nicht nur geduldet, sondern gefördert. So etwas wie Chagalls(!) Kunstakademie in Witebsk unter Mitwirkung  Lissitzkys und Malewitschs war möglich! Russland war in jenen Jahren fast so etwas wie ein Eldorado für westeuropäische Intellektuelle und Künstler. Dann diese 180Grad-Wende!
Auch wie Schostakowitsch in diese "höllische Maschinerie" hineingerät, wird mir bislang zu wenig deutlich. War er naiv?  Wie hoch war der Grad seiner Zustimmung zu dem System, welche politischen Vorbehalte hatte er? War er ein Technokrat, ein Fachididiot, der nur komponieren wollte? Meyer spricht einmal beiläufig von seinem „krankhaften Ehrgeiz“. Und wenn seine Zusammenarbeit widerwillig oder erzwungen war, welchen Repressalien war es ausgesetzt, von wem? Meyer spricht hier(auf S.150) "von ordinären Forderungen der staatlichen Angestellten" – die Formulierung verstehe ich nun überhaupt nicht. Und auf Seite 149 heißt es ebenfalls eher beiläufig: "Sein ehrgeizigstes Werk, Die Nase vermochte seine Position nicht zu festigen. ….Man scheute nicht davor zurück eine Aktion zu organisieren, bei der sich Arbeiter in Briefen über eine solche Oper entrüsteten." Ist doch ungeheuerlich. Warum wird darauf nicht näher eingegangen? Wer ist „man“? und dann: Welche Auswirkungen hat die Zusammenarbeit mit dem Regime auf seine Musik? Welches sind seine Zugeständnisse, wo gibt er eigene Positionen auf? Ich hoffe, ich tue Meyer nicht Unrecht. Sicher gibt es nicht viel Aufklärendes von S. selbst, er ist ja vor der Peristroika , dekoriert mit Leninorden, gestorben. Aber gibt es wirklich so wenig Selbstzeugnisse und Zeugnisse anderer, die eine klare Sprache sprechen? Was ist mit den Akten? Überhaupt -  wird dieses Kapitel nationaler Schande von den russischen Historikern heute aufgearbeitet?
Ich hoffe, wir bekommen auf all das noch Antworten. 



Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #10 on: 23. September 2011, 15.58 Uhr »

Auch wie Schostakowitsch in diese "höllische Maschinerie" hineingerät, wird mir bislang zu wenig deutlich. War er naiv?  Wie hoch war der Grad seiner Zustimmung zu dem System, welche politischen Vorbehalte hatte er? War er ein Technokrat, ein Fachididiot, der nur komponieren wollte? Meyer spricht einmal beiläufig von seinem „krankhaften Ehrgeiz“. Und wenn seine Zusammenarbeit widerwillig oder erzwungen war, welchen Repressalien war es ausgesetzt, von wem?

Im Vorwort schreibt Meyer, dass der Zugang zum Quellenmaterial sehr schwierig, oft auch unmöglich war. Wer weiß, was in den Akten noch herumliegt?  Schostakowitsch hatte einige Freunde, die Beziehungen zum Kreml hatten. Deswegen warfen sie ein Auge auf ihn. Das Schostakowisch nicht dumm war, beweist sein von Meyer erwähnter Artikel "Erklärung von den Pflichen eines Komponisten", in dem Schostakowitsch darlegt, seine Unterhaltungswert habe keine besondere Bedeutung für die Sowjetunion, weil sie nur für einige Theater geschrieben wurden. Nur die erste Symphonie werde einen Platz in der Musikgeschichte finden. Er leugnete also öffentlich seine Liebe zur Unterhaltungsmusik ab. Ganz bewusst, um sich zu schützen.

Weiter geht's:

Nun man ganz privat. Tatjana Gilwenko hat Schostakowitsch nicht geheiratet, weil er sich nicht entscheiden konnte. Sie heiratete dann einen anderen. Bei Nina Warsar war er auch zögerlich. Nina solle erst ihr Studium beendeb, außerdem waren seine künftigen Schwiegereltern skeptisch, weil der junge Komponist finaziell schwammig auf dem Boden stand. In diesem Zusammenhang wird erwähnt, Schostakowitsch sei ein ziemlich nervöser Mensch gewesen, launisch, unfähig sich zu beherrschen. Schostakowisch pendelt zwischen dem Entschluss zu heiraten, dann wieder nicht. Aus Angst und Furcht, dachte sogar ernsthaft an eine Ruckkehr zu Tatjana. Als 1931 ein Hochzeitstermin festgesetzt wurde, erschien er nicht zur Hochzeit. Einige Tage war er verschwunden, tauchte dann ziemlich niedergeschlagen wieder auf. Eine psychische Krise von kurzer Dauer. In der Biografie wurde schon erwähnt, Schostakowitsch sei ein schüchterner Mensch gewesen. Jetzt erfahren wir:

Quote from: Meyer
Immer deutlicher wurde sein fast schon krankhaftes Unvermögen, Bekanntschaften zu schließen. Außerdem plagten ihn verschiedenerlei Hemmungen und Ängste angesichts der Notwendigkeit, seinen Platz im beruflichen Umwelt und ganz allgemein unter Menschen.
(Seite 163).

Obwohl Schostakowitsch vom Ehrgeiz getrieben war, wieder eine erfolgreiche Symphonie wie die erste  Symphonie zu schreiben, kümmerte er sich aber nicht weiter darum, wie sein Bekanntheitsgrad erhöht werden könnte. Bekanntlich machte er keine Auslandsreisen. Ich frage mich, wie doppelt schwer muss es für ihn gewesen sein, in diesem elenden Sowjetsystem zu leben.
Er hat Nina dann doch geheiratet.

Zu dieser Zeit entstand seine berühmte Oper „Lady Mcbeth von Mzensk“, eine Oper mit cantablen Gesangspartien. Das Orchester wird durch ein Militätorchester u.a. aufgestockt. Eine tragisch-satirische Oper, der Komponist in seiner Musik sich  in Komik und Groteske vertieft. Der vierte Satz schlägt allerdings  pessimistiche Töne an. Szenen unter Zwangsarbeitern.

Hier ein Ausschnitt. Vierter Akt? (Elena Nebera, Berlin).

Das 10. Kapitel des Buches beginnt mit einem Ausflug in die Kulturpolitik nach 1932. Die sowjetische Staatsmacht ermächtigte sich besonderen Einfluss auf die Literatur und machte Maxim Gorki zu seinem Repräsentanten. Auf dem ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes verweigern Bulgakow, Mandelstamm und Anna Achmanowa den Treueeid. Gorki beendete den gkeit zum Staat Kongress mit folgenden Worten:

Quote from: Gorki
Es lebe die Partei Lenins, des Führers des Proletariats, es leben der Führer der Partei, Josef Stalin.
(Seite 185). Schostakowitsch versuchte,seine Unabhängigkeit zum Staate zu bewahren, so finden sich in den Jahren 1932-1936 kaum parteiideologisch freundliche Ausagen.

Ich möchte nun auf zwei Werke des Komponisten zu sprechen kommen, die mir gefallen, die in dieser Zeit enstanden sind:

1.) 24 Präludien op. 34

Präludien durch alle Tonarten. Kleine Miniaturen, in denen Schostakowitsch auf Chopin, Mahler, Skrijabin, Rachmaninow und Prokofiew zurückgriff. Die Stückchen sind recht unterschiedlich. Im d-moll-Präludium paraphrasiert der Komponist eine Gavotte von Prokofiew. Leopold Stokowski orchesttrierte das es-moll-Präludium. Artuubinstei setzte sich für die Verbreitung der Präludien ein.

Hören wir einige Stücke daraus: hier.

Hier noch drei Präludien im Arrangement für Violine und Klavier: hier

2.) Klavierkonzert (Streicher, Trompete, Klavier)

Steht der Neoklassik sehr nahe. Der erste Satz im klassischen Sonatenschema.  Meyer eist darauf hin, dass der mittlere Satz, das Lento, eine Analogie zum zweiten Satz des Ravel-Konzertes G-Dur ist. Im letzten Satz Zitate aus Haydn und Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“ (Man  denke auch an das Konzert für zwei Klaviere von Francis Poulenc, in dem im Mittalsatz Mozart imitiert wird):

Hier nun Schostakowitsch mit Martha Argerich (zwei Videos): hier.

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #11 on: 23. September 2011, 21.55 Uhr »

Quote from:  mombour, heute
Im Vorwort schreibt Meyer, dass der Zugang zum Quellenmaterial sehr schwierig, oft auch unmöglich war.
   
Ja, da hast du recht, ins Vorwort hätte ich schon mal schauen können ;).
Dass die Biographie schon in den Siebzigern noch zur Zeit des real existierenden Sozialismus geschrieben worden ist, ist der heutigen erweiterten und überarbeiteten Fassung, wie ich finde, noch anzumerken. Ich verstehe, dass damals der Zugang zu den Quellen fast unmöglich war, aber heute? Da wäre es schon interessant zu erfahren inwiefern und von wem der Zugang verwehrt wird.

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #12 on: 26. September 2011, 13.27 Uhr »
Hallo,

am Wochenende war ich ein wenig faul, doch nun geht es weiter. ;D

Nun kommen wir zu ereignisreichen Kapiteln, die sich insbesondere um die Symphonien 4,5, und 7 ranken, die Jahre 1936 -1941. Wenn mich jemand fragen würde, mit welcher Symphony sollte ich beginnen, so wie man in Literaturforen fragt, mit welchem Roman von Thomas Mann sollte man beginnen, würde ich sagen, zuerst die fünfte Symphonie, dann die siebente und dann vielleicht doch die vierte Symphonie, weil die vierte Schostakowitschs Stimmung jener schweren Zeit wiederspiegelt, die damit begonnen hat, als Stalin am 28. Januar 1936 einer Aufführung der Lady Macbeth von Mzensk beiwohnte und urteilte: „Chaos statt Musik“. Dieser Wortlaut wurde auch  als  Überschrift für einen Artikel in der Prawda übernommen, der gleichfalls am 28 Januar erschien, in dem Schostakowitschs Oper den Boden gleichgemacht wurde. Es ist schon großartig, dass dieser Artikel offenbar vollständig in der Biografie wiedergegeben ist. Gleichzeitig auch schaurig, weil wir ablesen können, wie der Machtapparat über (ihrer Meinung nach) unliebsame Musik dachte. Da dieser Artikel nicht unterzeichnet war, so sagt Meyer, sei der Artikel die Meinung des Machtapparates gewesen. Aus heutiger Sicht, steht in diesem Artikel natürlich bodenloser Unsinn drin, die Musik verneine die Oper, Der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist sollsich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die  nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw...

Dass Schostakowitsch von nun an von Ängsten und Selbstmordgedanken getrieben war, ist verständlich, wurden in dieser Zeit viele Künstler verhaftet und umgebracht. Meyer erzählt vom Schriftstellerkongress, in dem über seine Musik übel hergezogen worden ist.  Ziemlich schizophren finde ich, dass auch sein erstes Klavierkonzert und die 24 Präludien im Kreuzfeuer der Kritik standen, obwohl gerade diese Musik sich auf alte Musik beruft, mit avangardistischer Musik nichts zu tun hat. Dieser Umstand symbolisiert deutlich, dass das Musikverständnis engstirniger Sowjets keinen Pfifferling wert war. Das Kapitel droht, sich in einem spannenden Agententhriller wie einer von Frederick Forsythe auszuweiten (natürlich übertrieben), weil ein übereifriger Beamter des „Volkskommissariats für innere Angelegenheiten“ Schostakowitsch einreden wollte, er gehöre einer Teroristengruppe an, die Stalin umbringen wolle (hier nenne ich mal wieder eine Seitenzahl, sonst glaubt man mir nicht: Seite 217). Schostakowitsch lebte wirklich gefährlich, weil schon Bekannte seines Umfeldes verhaftet und umgebracht wurden.

In dieses drückenden Zeit enstand die Symphonie Nr. 4, deren Änhören ich empfehle, wenn man sich in Schostakowistchs Musik schon etwas hineingehört hat. Krzysztof Meyers Musikbeschreibungen machen sowieso aufs Musikhören neugierig. Mit ergeht es jedenfalls so. Das besondere an der Vierten ist der tragische Ton, „die die Persönlichkeit des Komponisten wiedergeben.“ (Seite 222).  Im Finale taucht ein Trauermarsch auf. Krzysztof Meyer bedauert sicher zurecht, dass „belustigend ...groteske Episoden“ in diesem Werk letztmals auftauchen. Er habe „niemals mehr einen so übermütigen, sorglosen, und exzentrischen Ton gefunden.“

Und nun die vierte Symphonie, verteilt auf acht Videos mit Charles Dutoit, NHK Symphony Orchestra, NHK Hall:
hier

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #13 on: 26. September 2011, 14.54 Uhr »
Hallo,

noch einmal zurück zur vierten Symphonie. Meyer drückt sich zu zaghaft aus, sodass man es überlesen könnte, Schostakowitsch nämlich darum gebeten wurde, die vierte Symphonie aus dem Programm zu nehmen, weil sonst "administrative Mittel" angewandt werden könnten, d.h. er hätte, wenn diese Musuik bei der Kremlobrigkeit durchfällt, in arge Schwierigkeiten kommen können.

Darum komponierte Schostakowitsch seine fünfte Symphonie auf den ersten Blick recht brav, weil seine Oper "Lady McBeth von Mrensk" u.a. übel beschimpft wurde und Stalin schon anderen Komponisten nahegelegt hat, sie sollen lieber Volkslieder komponieren, anstatt so etwas Entartetes. . Schostakowitsch stand  in dem Dilemma, entweder er komponiert brav und traditionell oder es geschehe ihm sonst etwas. Darum komponierte Schostakowitsch seine fünfte Symphonie wohlklingend und bezieht sich, was die Satzbezeichnung angeht auf Beethoven, in der Musik auf Gustav Mahler (er hat Mahler gründlich studiert).

Meyer erzählt auf seine Art Seiten lang über die Symphonie. Hier mein Eindruck:

Natürlich ist hier nicht komplett alles brav und langweilig hinkomponiert worden, Schostakowitsch hätte sich doch nie so weit der Obrigkeit ausgeliefert. So gibt es im ersten Satz groteske Schlenker, Blasmusik mit Millitätgetrommel (erinnert an die Leningrader Symphonie), das so zarte Hauptthema des Kopfsatzes wird später ziemlich gewaltmäßig, bösartig verzerrt. Typisch Schostakowitsch, an diesen Stellen ist durchaus das elendige Sowjetsystem, allerdings gut getarnt, auszumachen. Der zweite Satz im Charakter eines fröhlichen Menuets ist in neoklassistischer Heiterkeit traditionell komponiert worden,. als wolle der Komponist sagen, schau doch, Stalin, wie schön traditionell ich komponieren kann. Schostakowitsch hat gesagt, diese Symphonie sei stark autobiografisch, ich meine, dieses im dritten Satz, dem Largo, zu erspüren. Diese Streicher, diese einsame Oboe,  wie ein langgezogener Schmerz, der sich ewig dahin zieht, sein Schmerz, dass seine Oper so brutal durchgefallen war, dazu sicher auch der Schmerz über stalinistische Opfer in seiner freundschaftlichen Umgebung. Die letzten Takte der Sinfonie sind dann wie ein großer Aufschrei, deftig mit Blech und ein sich quälend wiederholender Ton der Violinen.

Diese Symphonie ist nicht ohne Grund von allen Seiten gelobt worden und ist sogar von der Staatsmacht wohlwollend angenommen worden. Es ist wunderbare Musik, die sich u.a auch auf Gustav Mahler bezieht. Das Haupthema, des ersten Satzes ist so schön leicht schwebend, dass es unmittelbar gar nicht so auffällt, wie unerhört chromatisch diese Musik ist.
Eine Höhrgenuss in sieben Videos mit der Kölner Philharmonie unter Semyon Bychkov:
hier

Aus dem 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstandenen Klavierquintett g moll, in dem Schostakowitsch im ersten und zweiten Satz auf Bach'sche Polyphonie zurückgreift, hören wir den dritten Satz, das Scherzo, mit Martha Argerich, Mischa Maisky, Joshua Bell, Henning Kraggerud, Yuri Bashmet.
hier

Das Quintett zählt zu den bedeutenden Kammermusikwerken Schostakowischs.

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« Last Edit: 26. September 2011, 16.16 Uhr by mombour »
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Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #14 on: 27. September 2011, 17.41 Uhr »

Nur mal so zwischendurch.: Dimitri Dimitrijewitsch Schostakowitsch * 25.09.1906!


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edit:Ups! Heute ist ja schon der 27.!
« Last Edit: 27. September 2011, 20.24 Uhr by Gontscharow »