Author Topic: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit  (Read 11864 times)

Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #15 on: 28. September 2011, 10.34 Uhr »
Quote from: Autor: mombour« am: 26. September 2011, 14.54 Uhr »
Es ist schon großartig, dass dieser Artikel offenbar vollständig in der Biografie wiedergegeben ist.

Das finde ich auch! Diese zwei Tage nach dem Opernbesuch Stalins in der Prawda erschienene “Rezension" der Lady Macbeth von Mzensk dokumentiert den ganzen Irrsinn und die Verlogenheit des Systems. Nach der Lektüre dieses Verrisses, der nach dem Gesetz der multiplizierten Negativität eigentlich eine Lobeshymne ist, freue ich mich umso mehr auf den Besuch Oper! Ich bin gespannt, ob und wie die Inszenierung dem historischen Kontext Rechnung trägt.
 
Mit dem Verriss der Lady Macbeth von M. und den mehr oder weniger versteckten Drohungen darin wird ein Exempel statuiert: Seht her, Musiker, Maler, Poeten, das passiert, wenn  ihr so schreibt, malt, dichtet. Denn was über Schostakowitschs Oper gesagt wird, richtet sich ausdrücklich auch an die Adresse  von Künstlern und Wissenschaftlern allgemein. Dieser Artikel markiert das Ende der russischen Moderne. Es fallen inkriminierende Stichworte wie vulgärer Naturalismus, Formalismus, Degeneration etc, nur allzu vertraut! Die Parallelität zu Bücherverbrennung und Ächtung "entarteter Kunst" zur gleichen Zeit in Deutschland macht einen erschaudern.
Meyer dokumentiert die verheerenden Auswirkungen. Es ist wie ein Lehrstück, wenn man liest, wie Schostakowitschs Musikerkollegen sich distanzieren und Kritiker, die seine Oper gelobt haben, reihenweise umfallen und ihre Meinung widerrufen, andere aber auch standhalten, S. vom Publikum stehende Ovationen bekommt etc. Sehr erstaunlich und anrührend fand ich den zitierten Brief Maxim Gorkis an Stalin, in dem er sich für S. einsetzt.

Ja, und die 5. Symphonie nach der unter Druck revozierten 4. in c-  moll? Ist das nun ein Zu-Kreuze-Kriechen oder unterschwelliger Protest? Meyer, der das Ganze mehr vom Formalen her betrachtet, hält es für einen Kompromiss. Mich wundert, dass Meyer nirgendwo auf die .Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, herausgegeben von Solomon Wolkow  eingeht. Danach soll Schostakowitsch später gesagt haben:

 Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. [...] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.[1]“(zitiert nach wikipedia)

Weißt du, warum Meyer diese Memoiren nicht erwähnt? Sie scheinen nicht ganz unumstritten. Aber obiger Ausspruch,wenn nicht authentisch,  ist gut erfunden!

Quote from: Autor: mombour« am: 26. September 2011, 13.27 Uhr »
Diese Streicher, diese einsame Oboe,  wie ein langgezogener Schmerz, der sich ewig dahin zieht, sein Schmerz, dass seine Oper so brutal durchgefallen war, dazu sicher auch der Schmerz über stalinistische Opfer in seiner freundschaftlichen Umgebung. Die letzten Takte der Sinfonie sind dann wie ein großer Aufschrei, deftig mit Blech und ein sich quälend wiederholender Ton der Violinen.

Ich finde das sehr schön und treffend beschrieben! Nur, wo hörst du im 3. Satz eine einsame Oboe? Ich höre eine einsame Flöte und eine Klarinette. Auf die Oboe hab ich vergeblich gewartet, oder hab ich mich verhört?
Danke auch für den Link zum Klavierquintett in g-Moll. Es gefällt mir sehr, wie überhaupt für mich die Scherzi von S (auch in der 5.) das beste sind. Die Musiker des Klavierquintetts spielen wirklich furios! Auch wenn ich bei den wippenden Mähnen manchmal an die Muppet-Show denken musste. ;)
« Last Edit: 28. September 2011, 10.39 Uhr by Gontscharow »

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #16 on: 28. September 2011, 11.29 Uhr »

Weißt du, warum Meyer diese Memoiren nicht erwähnt? Sie scheinen nicht ganz unumstritten. Aber obiger Ausspruch,wenn nicht authentisch,  ist gut erfunden!

Wenn ich meine Erinnerungen durchwühle, fällt mir ein, manche haben gedacht, diese Memoiren wären von Schostakowitsch selber und Wolkow sei sein Pseudonym. So habe ich mal gelesen, eine Theorie. Umstritten ist das Buch auf jedenfall, weil man, zumindest damals, vor über 25 Jahren, als ich in das Buch mal hineinsah, nicht genau wusste, wer Solomon Wolkow war, der Komponist oder irgendein anderer.  Ob man heute mehr darüber weiß, ist mir unbekannt.

Es mag sein, dass ich mich bei der fünften Symphonie mit der Oboe geirrt habe. Werde ich mir noch einmal anhören. ;D

Nachdem ich nun die achte Symphonie vollständig gehört habe, sage ich, nach der Siebenten die Achte hören. Sie spricht mich sehr an und vermittelt das inhaltliche Programm.

Wir kommen zu den Werken, die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. Drei Symphonien, die Siebente, die den Widerstand musikalisch ausdrückt, die Achte, der Schmerz und das Leid des Krieges, die Neunte, den Sieg in Töne ausdrückt. Gewaltige Musik, deren populärste die Siebente Symphonie ist, die in Leningrad während der Belagerung komponiert worden ist, die Bedeutendste aber die achte Symphonie ist.

Parallel zum Meyer nehme ich noch die rororo-Bildmonographie von Detlef Gojowy zur Hand, welche, was die Deutung der Symphonien angeht, den Meyer ergänzt.

Schostakowitsch: Siebte Sinfonie – Leningrader Sinfonie


Der große Vaterländische Krieg begann, als die deusche Wehrmacht in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritten. Am 08. August erschienen erstmals feindliche Flugzeuge über Leningrad. 900 Tage und Nächte lang wurde Leningrad vom feindlichen Geschütz bedrängt. Als für die Russen der Krieg begann, war Schostakowitsch Vorsitzender der staatlichen Prüfungskommission in der Klavierklasse am Leningrader Konservatorium. Am 19. Juli begann er mit der Komposition der 7. Sinfonie.

Obwohl es sich um eine reine Instrumentalsymphonie handelt, hat die Musik eine Textgrundlage und bezieht sich nach Detlef Gojowy offenbar auf den 79. Psalm Davids, der Klage wider der Zerstörung Jerusalems (vgl. die Ausführungen von Gojowy, rororo-bildmonografie, Seite 70)

Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:


Quote
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.

(Meyer, Seite 259)

Weil dieses das Musikprogramm war, sollten möglichst viele Menschen diese Musik verstehen. So komponierte er im ersten Satz die drei Themen einstimmig. Nach den beiden ersten Themen folgt an Stelle der Durchführung ein drittes Thema, welches 12 Mal immer wieder in anders gearteter Instrumentierung sich wiederholt, sehr eindringlich übrigens, das ganze ein großes crescendo. Ähnlichkeiten mit dem Bolero sind hier nicht wegzudenken. Übrigens nahm Béla Bartók die Abwärtsbewegung dieses Themas im vierten Satz vom „Konzert für Orchester“ wieder auf. Die Einfachheit der Themen vergleicht Gogowy mit der Einfachheit alter liturgischer Melodien. Dieses wuchtige anschwellen des Themas wird mit Trommelwirbel („Trommelfeuer“). Dieses unerbittliche starre Wiederholen des Themas im crescendo bis zum Äußersten kann als harter Widerstand gegen feindliche Truppen gedeutet werden, und so es Schostakowitsch auch gemeint, als er sagte, er widme diese Symphonie dem Kampf gegen den Faschismus.  Das Finale kündigt den Sieg an, sagt Krzyzstof Meyer, in der Tat, die letzten Takte zeugen von einer Unbeschwertheit, wenn nicht sogar größte Freude. Er ist schon erstaunlich, dass Schostakowitsch in der achten Symphonie dann noch mal das Leid so zentral in den Vordergrund stellt, ohne Hoffnung.

Hier nun die siebente Symphonie

Mit dieser Symphonie komponierte sich Schostakowitsch nach oben. Nun war er der Komponist Nr. 1 in der Sowjetunion. Allerdings sagt Meyer ähnliches schon in dem Kapitel über "Lady Macbeth von Mzensk". :) Allerdings relativiert Meyer, die Siebte sei zwar sehr populär, was er auf die Umstände der Entstehung zurückführt, andere Symphonien seien aber bedeutender, z. B. auch die Achte.

Die achte Symphonie entstand kurz nach der Schlacht von Stalingrad, nach dem Sieg über die 6. Armee der Wehrmacht. Diese sehr lange Symphonie, der erste Satz ist mit 25 Minuten länger als die komplette neunte Symphonie, zeigt die große Begabung des Komponisten, bestimmte Gefühle in Musik auszudrücken. Das Beste ist, wir vergessen die Zeit, wenn wir den ersten Satz hören und lassen diese Schmerzensmusik in uns hinein. Diese Musik ist so tragisch, dass mir Tränen gekommen sind. Es ist schier unglaublich, was für tiefe Schmerzen und großes Leid Schostakowitsch in dieser Musik ausdrücken konnte.  In Anbetracht dessen, muss ich mich doch über folgende Aussage Schostakowitschs wundern:
„Dieses Werk spiegelt meine Gedanken und Gefühle nach den freudigen Meldungen über die ersten Siege der Roten Armee wieder. Ich versuchte darin die Nahe Zukunft der Nachkriegsepoche...“

Krzysztof Meyer sagt auf Seite 281 selbst, „Die Symphonie Nr. 8 erreicht im ersten Statz ein ungeahntes Ausmaß von Tragik.“
Zu anderen Schlüssen kann man kaum kommen, wenn man diese Musik anhört. Ich vermute, Schostakowitsch sprach von „freudigen Meldungen...“ um die Kremlführung ihm gegenüber friedlich zu stimmen. Vielleicht bezog sich Schostakowitschs Äußerung auf den dritten Satz, der Toccata: äußerst schwungvoll und mitreißend. Trotzdem, die Symphonie wurde als ein „Epos der Qual“ bezeichnet. Nach der Toccata, im vierten Satz die Symphonie in eine schmerzzerrende Passacaglia gleitet, Oberstimmen werden von einer sich wiederholenden Bassfigur getragen. Dieser vierte Satz allein schon genial, die fröhliche Toccata bei mir aber auch freudig ankommt, wie die wunderbaren Scherzi in anderen Werken. Der vierte Satz ohne Pause in den fünften Satz übergeht.
Sehr interessant ist, was der Dirigent Pierre-Dominique Ponnelle über die achte Symphonie zu sagen hat: hier.

Und nun das komplette Werk mit Concertgebouw Orchestra, Bernard Haitink. Man beachte, der erste Satz besteht schon aus drei Videos. Und dann klicke man sich durch die anderen Sätze (insgesamt fünf Sätze). Um das Hörvergnügen nicht zu trüben, epfehle ich allerdings in diesem Falle, lieber eine CD-Scheibe in den Player zu legen. hier.

Die neunte Symphonie ist überraschend kurz ausgefallen. Es ist die Symphonie über „unseren großen Sieg“, wie man damals sagte. Im Winter 1944/45 wurde bekannt, dass er eine neue Symphonie schreibe. Er unterbrach aber die Arbeit, weil er rasch „ihre Unbrauchbarkeit“ erkannt habe, wie Meyer es ausdrückt. Er hat wohl sein kompositorisches Konzept geändert und begann noch einmal. Innerhalb weniger Tage hat er sie komponiert (Seite 295). Formell greift Schostakowitsch auf die Frühklassik zurück, heitere, fröhliche Musik. Schmunzeln musste ich, als Meyer über den ersten Satz schrieb:
Quote from: Meyer
Die eindeutige Tonart – Es-Dur – tritt in nahezu reiner Form auf, obwohl sie der Komponist auf recht originelle Weise mit fremden Tönen >>beschmutz<<.
;D

Es folgt die Neunte. Orchester weiß ich nicht. Es steht dort nur dies: 2011 교향악축제 목포시립교향악단 쇼스타코비치 교향곡 9번 1 mov 지휘 진윤일 Jin Yun IL (fünf Videos für die kleine Symphony ::)). Aber die Musik ist Zucker.  hier.

Bei youtube las ich noch, das Fagottsolo im vierten Satz bedeute "Nie wieder Krieg". "Es könnte - denkt man an die martialische Blechbläsereinleitung - aber auch eine Klage des verbitterten und einsamen Komponisten gegen den Diktator Stalin sein..".

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« Last Edit: 28. September 2011, 15.14 Uhr by mombour »
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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #17 on: 03. Oktober 2011, 12.32 Uhr »
Hallo,

nun geht es endlich weiter:

Schostakowitsch kommt in arge Bedrängnis mit dem Staate.

 Nach dem Krieg wird im Jahre 1946 die Zeitschrift „Kultur und Leben“ gegründet (hrsg. Vom ZK der KpdSU), die offenbar nur deswegen herausgegeben wurde, um ideologishe Abweichler anzugreifen. Zu anfangs wurden literarische Werke angegriffen, übrigens u.a.von Autoren, die mir (oder uns im Westen) nicht geläufig sind. An der Spitze dieser ideologischen Angriffe stand der Sekretär des ZK der KpdSU Andrei Schdanow, mit dem dann auch Schostakowitsch zu tun hatte. Nach Auffassung von Schdanow sollten alle kultuellen Einflüsse aus dem Westen ausgeschaltet werden. Dieses 18. Kapitel ist wieder so ein hervorragendes Kapitel, in dem der Leser  dieser Biografie Einblick in die  verrückten Vorstellungen sowjetischen Kulturlebens bekommt. Anna Achmatowa, ja, die kennen wir doch, sie wurde angegriffen wie auch Michail Soschtenko, dessen satirische Werke sich damals großer Beliebtheit erfreuten. Die Hohlkritik dieses Schdanow ging bis unter die Gürtellinie. Achmatowa bezeichnete er als „Halbdirne“ und „Halbnonne“ (Seite 304) Im Jahre 1949 spitzte sich sein Kampf mit den „Kosmopoliten und Formalisten“ zu. Seine Kulturkritik weitete sich  über die anderen Künste aus. Literatur, Musik, Theater, Bildende Kunst und Film. Auf der Liste der Komponisten mit  „antinationalen, fomalistischen Tendenzen“ standen u.a. Prokofiew, Schostakowitsch, Chatschaturjan, Kabalewski,. Das sind die uns heute noch bekanntesten. Kabalewski wurde später von der Liste gestrichen.

Dann wurde am 10. Februar 1948 die folgenschwere Parteiresolution „Über die Oper >>Die große Freundschaft<< veröffentlicht. Muradelis Oper wurde scharf angeriffen und auch über Schostakowischs „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde ähnlich kritisiert wie im Prawda-Artikel 1936.
 
Krzyzszof  Meyer zitiert eine Aussage von Schostakowitschs Sohn Maxim, welche Bände spricht:

Quote from: Maxim Schostakowitsch
1948 war ich zehn Jahre alt. Als mein Vater nach der Rede Schdanows allseits verfolgt wurde, zwang man mich bei der Prüfung in der Musikschule ihn ebenfalls zu verdammen.

Auf dem Komponistenverband im Februar sollte sich Schostakowitsch über seine Musik äußern, ihm wurde allerdings eine vorgefertigte Rede zugeschoben, er dazu gezwungen war, diese abzulesen, darin er der Partei recht zu geben hatte und eigene Fehler zugab. Sozialistischer Maulkorb. Noch im Herbst 1948 wurde Schostakowitsch von seinen Professurstellen in den Konservatorien von Leningrad und Moskau des Amtes enthoben. Eine Zeit lang komponierte er für die Schublade.

Auf dem ersten Blick verwunderlich, dass Schostakowitsch im Jahre 1949 vom Kreml eingeladen wurde, an dem Panamerikanischen Kongress für Kultur und Fridenssicherung teilzunehmen. Schostakowitsch lehnte ab, u.a. weil seine Musik nicht aufgeführt werden durfte. Irgendwann war dann Stalin selbst am Telefon und konnte dem Komponisten doch dazu bewegen, mitzufahren. Das Aufführungsverbot wurde widerrufen. Offenbar brauchte Stalin einen großen Vorzeigekomponisten, der die sowjetische Musik in den USA gut repräsentieren kann. Auf dem Kongress hielt Schostakowitsch in New York einen Vortrag „über die Rolle der Musik in der sowjetischen Gesellschaft“, Meyer nimmt aber an, Schostakowitsch wusste gar nichts vom Inhalt des Vortrages. Er las den Text zwar in russischer Sprache aber die Übersetzung ins Amerikanische, entsprach wohl nicht dem, was der Komponist sprach. Der Inhalt der Rede, wie  die New York Times  vom 28. März berichtete, „wimmelte von Schlagworten und Angriffen auf den Westen und Amerika.“ Da die Amerikaner über die  schwierigen Umständen, die der Komponist in der Sowjetunion ertragen musste, informiert waren, bekam er aber großen Beifall. Nach dem Kongress wurden die Sowjets aber von amerikanischen Behörden wieder in ihr Land geschickt, obwohl noch einige Konzerte geplant waren. Eine sehr schöne Gestik führender amerikanischer Musiker war gewesen, als sie Schostakowitsch ein Dokument übergaben, in dem sie die internationale Sprache der Musik priesen, sein Besuch sei „ein Symbol für das Band, das die Musik zwischen allen Menschen knüpfen kann:“ (Seite 328). Die hatten mehr begriffen, als die ollen Sowjetbonzen.

Liebe Grüße
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« Last Edit: 03. Oktober 2011, 13.50 Uhr by mombour »
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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #18 on: 04. Oktober 2011, 16.36 Uhr »
Hallo,

Im Jahre 1950, während den Feiern zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach, bekannte Schostakowitsch, wie sehr er Bachs Wohltemperiertes Klavier bewunderte, er wolle diese „phantastische Tradition“ fortsetzen. Das war wohl die Geburtsstunde des Vorhabens, einen Zyklus durch alle Tonarten zu komponieren. Vom Oktober 1950 – Februar 1951 komponierte Schostakowisch seine  24 Präludien und Fugen für das Klavier. Ich hatte mal Vergnügen einem Konzert beizuwohnen, in dem eine russische Pianistin einige Stücke dieses Werkes zum besten gab. Es ist wirklich wunderbare Stücke darunter. Was ich nicht verstehe ist, dass viele Kritiker über diese Stücke gelästert haben, nur einige wenige haben das Werk damals verteidigt. Als Schostakowisch die ersten 12 Präludien und Fugen erstmals aufführte, war er allerdings sehr schlecht in Form und spiellte mangelhaft, sodass man sich nach diesem Auftritt wirklich nicht ein Urteil über diese Musik  bilden konnte. Später waren diese Stücke erfolgreich, als eine Pianistin den kompletten Zyklus darbot. Die Bachfuge in der Musiksprache Schostakowitschs zu hören, ist ein Hörerlebnis wert. Da gibt es Stücke, die sich streng an die Tonarten halten, andere die total chromatisch der Tonarten entfliehen. Die Stücke sind von recht unterschiedlicher Stimmung: pessmimistisch, humorig, lyrisch usw. Der Komponist bediente sich auch mit Tonskalen, die in russischer Volks-und Kirchenmusik gepflegt wurden.

Fünf Hörbeispiele:

1)Prelude & Fugue op 87 n. 15 - Mariangela Vacatello (dieses No. 15 mag ich besonders ;D): hier.

2) Keith Jarrett plays Shostakovich Prelude And Fugue No. 5 in D Major: hier.

3) David Jalbert plays Shostakovich Prelude and Fugue no. 24 in d minor: hier.

4)Konstantin Alexeev. Shostakovich. Prelude and Fugue a-moll op.87 №2: hier.

5) Tatiana Nikolayeva Plays Shostakovich Prelude and Fugue No. 8 in f sharp minor : hier.

Als bekannt wurde, dass Stalin am 06. März 1953 um 4 Uhr 07 gestorben war, fragte seine Tochter Galina. „Wird nun alles anders?“ Schostakowitsch antwortete: „Hoffentlich“

Diese Anwort widerspricht dem, was er öffentlich bekennt: „Es werden Tausende von Jahren vergehen, un d viele Ereignisse im schnell dahinschwindenden Leben werden in Vergessenheit geraten, aber der Name und das Werk und das Werk Stalins werden ewig leben....“ (Seite 343)
1953: Nach acht Jahren schuf Schostakowitsch wieder eine Symphonie. Diese Symphonie gilt als Abrechnung mit dem Stalinismus. Viele Werke hatte er für offensichtlich für die Schublade komponiert, auch sein Violinkonzert lag Jahre lang darin, sein Jüdischen Lieder aufführen zu lassen, war nicht möglich, weil in der Sowjetunion antisemitische Stimmung herrrschte. Diese 10. Symphonie, sehr bedeutend für sein Schaffen, auch heutzutage wird sie oft aufgeführt, war eines der wenigen bedeutenden Werke, die Schostakowitsch in seiner größten Schaffenskrise schuf. Ich vermute, die Schaffenskrise wurde auch wegen der Drangsalierungen durch den Kreml ausgeköst, und in seiner Erleichterung, Stalin war nicht mehr, konnte er sich wieder einer Symphonie widmen. Der zweite Satz stellt nach Aussage des Komponisten „ein musikalisches Portrait des verbrecherischen Tyrannen“ dar. Zu Beginn des Satzes wird ein Thema aus Mussorgskis „Boris Godunow“ paraphrasiert.

Stalins Fratze mit Simón Bolivar Youth Orchestra of Venezuela Gustavo Dudamel, conductor (Zweiter Satz, 10. Symphony)
hier.

Der erste Satz ist getragen von tragisch pessimistischer Stimmung. Im dritten Satz des Werkes bedient er sich der Initialen seines Namens "D-Es-C-H" (kommt auch in anderen Werken vor). Der Pessimismus löst sich erst im vierten Satz auf.

Nach Stalins Tod gab es zwar zaghafte Anfänge der Stalinisierung, Repressalien gab es aber immer noch. Krzyszof Meyer berichtet vom Schicksal Boris Pasternak. Schostakowitschs Stellung verbesserte sich zwar, er musste aber immer wieder Zugeständnisse machen. Er übernahm diverse Ämter, arbeitete u.a. im Sekretariat des Komponistenverbandes, wurde 1960, ganz offensichtlich gegen seinen Willen, er vergoss Tränen,, in die Kommunistische Partei gedrängt.

Schostakowitsch gilt als der bedeutendste Komponist von Streichquartetten im 20. Jahrhundert darum werden wir einen Blick darauf werfen. Das Streichquartett Nr. 4 entstand 1949, das Nr. 5 entstand 1952.
Das Vierte gilt in der Quartett-Literatur als bedeutend. Im kurzen ersten Satz gibt es eine „stufenweise Aufschichtung der Stimmen bei gleichzeitiger Benutzung der leeren Saiten, was den Eindruck einer sich ständig vergrößernden Insrumentenzahl hervorruft.“ (Seite 360) Der zweite Satz  ist voll von Traurigkeit. Krzysztof Meyer schwärmt, im dritten Satz habe er eines seiner besten Scherzi geschrieben.

Streichquartett Nr. 4, Borodin-Quartet (vier Videos): hier.

Das fünfte Streichquartett hat symphonischen Charakter und erinnert an manche früheren Orchesterwerke. Ein sehr kompliziertes Werk, wie Meyer sich ausdrückt. Es enthält so viele Neuerungen, dass dieses Quartett Schostakowitsch zum bedeutendsten Komponisten dieser Gattung im 20. Jahrhundert machte.

Streichquartett Nr. 5, St. Petersburg String Quartet.(drei Videos): hier.
Auch wenn er diese Werke schuf, hing er noch in einer Schaffenskrise. Er klagte „Mein Kopf arbeitet schlecht, und ich komponiere nichts“ (Seite 364 in einem Brief an Kara Karajew). Im Februar 1957 schrieb er an seinen Komponistenfreund Edisson Denissow: „Ich komponiere schlecht. Ich habe ein Klavierkonzert beendet, das keinerlei künstlerische oder ideelle Werte besitzt.“ 1955 war auch seine Mutter gestorben, 1954 seine Frau Nina Wassiljewna. In der Ehe hat es durchaus auch gekrieselt, eine zeitlang lebten sie getrent. Über solch persönliche Angelegenheiten erfahren wir in dieser Biografie bisher nur extrem spärliches. Die Schaffenskrise überwand Schostakowitsch erst 1959 und komponierte für den Cellisten Msislaw Rostropowitsch ein Cellokonzert. In nur drei Tagen komponierte er 1960 sein Streichquartett Nr. 8, welches autobiografisch ist. Die fünf Sätze gehen ineinander über. Er benutzte Zitate aus früheren Werken. Nach der Beendigung des Werkes, soll Schostakowitsch gesagt haben: „Ich habe es mir selbst gewidmet.“ Im Quartett geht das bekannte Revolutionslied „Im Kerker zu Tode gemartet“ in Motive über, die aus Lady Macbeth sind. Schostakowitsch sagte wortwörtlich: „Die Pseudotragik dieses Quartetts liegt darin, daß ich beim Komponieren so viele Tränen vergoß wie Urin nach einem halben Dutzend Bier.“

Dimitri Shostakovich String Quartet No 8  Kopelman Quartet (drei Videos): hier.

Mehr Musik höre ich heute nicht mehr.

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #19 on: 04. Oktober 2011, 20.18 Uhr »
Quote from:  mombour« am: Gestern um 12:32 »
...nun geht es endlich weiter

 ;D Was soll das denn heißen? Dein Pensum ist enorm; Du postest ja fast so schnell wie Schostakowitsch komponiert!  Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten. Deshalb noch mal kurz zurück:

Quote from: Autor: mombour« am: 28. September 2011, 11.29 Uhr »
Der große Vaterländische Krieg begann, als die deutsche Wehrmacht...

Der "Große Vaterländische..." ist raffinierte stalinistische Sprachregelung und und für mich daher nur in Gänsefüßchen genießbar.
Der Krieg zementierte Stalins Macht und erstickte jeden etwa noch verbliebenen Widerstand. Meyer beschreibt, wie die vom Kriegsdienst befreiten "Kulturschaffenden" zur Stärkung des Kampfeswillen, aber eben auch zu Propagandazwecken für das Systems herangezogen wurden. Jede Äußerung gegen den Krieg bzw für den Sieg über Nazideutschland wurde zur Zustimmung für Stalin. Dieses Dilemma drückt sich, wie ich finde in dem von dir zitierten ganz in der stalinistischen Phraseologie gehaltenen Aussage Schostakowitschs über seine Leningrader Symphonie aus:

Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:
Quote
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.
(Meyer, Seite 259)

Schostakowitsch scheint von seiner 7. Symphonie nicht überzeugt gewesen zu sein und Meyer folgt ihm da und hält sie mehr oder weniger für ein Propagandawerk.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von der Symphonie – da überfrachtet mit historischem Pathos – halten soll.

Quote from: Autor: mombour« am: Heute um 16:36 »
Mehr Musik höre ich heute nicht mehr.

Gut zu wissen, denn ich komme kaum hinterher mit dem Lesen und Musikhören. Aber mach bitte ruhig weiter in deinem Tempo!
Den ersten Satz der Neunten hab ich gehört. Wunderbar, wie das chinesische Orchester dazu passt!
Die „Fratze Stalins“ hebe ich mir noch ein bisschen auf!
 
edit hat einige Leerzeilen entfernt.
« Last Edit: 05. Oktober 2011, 22.26 Uhr by orzifar »

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #20 on: 04. Oktober 2011, 20.52 Uhr »
Schostakowitsch scheint von seiner 7. Symphonie nicht überzeugt gewesen zu sein und Meyer folgt ihm da und hält sie mehr oder weniger für ein Propagandawerk.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von der Symphonie – da überfrachtet mit historischem Pathos – halten soll.

Ich weiß , woran du es ausnachst, dass Schostakowitsch von der 7. Symphonie nicht so überzeugt gewesen ist. Im europäischen Azsland und in den USA wurde sie ja aufgeführt. Merkwürdigerweise wird in späteren Kapiteln nicht mehr erwähnt, dass sie in der Sowjetunion später noch aufgeführt worden ist. Vielleicht ist es aber auch ein Zufall, dass Meyer da nichts erwähnt. Es sind die fünfte, achte und die erste Symphony, die mehrmals aufgeführt worden sind.

Was ich selber von der vierten Symphony halten soll, die Meyer lobt, weiß ich nicht. Die ist bei mir nicht angekommen. Da sie aber die Stimmungen von Schostakowitsch wiederspiegelt, muss ich da noch mal ran. Die Siebente ist natürlich populär wegen der Einfachheit der Melodien und wegen der Wirkung (erster Satz). Für mich auch eine Symphonie, die ich rein vom hören her mag. Die fünfte Symphonie ist für meine Begriffe auch für Popularität tauglich. Ich mag sie ganz besonders. Die achte Symphonie ist sehr anspruchsvoll, hat aber Tiefe und Emotionen. Wenn man sich da hineinhören kann, wird man sie mögen. Ich halte sie für eins der großen Meisterwerke.

Tja nun, wenn die ganzen Ablenkungen mit dem Nobelpreis losgehen, werde ich auch wieder langsamer im Lesen ;D Habe das Wochenende auch nichts inhaliert. Da brauchte ich wirklich mal eine Pause. ;) 

Liebe Grüße
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Offline sandhofer

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #21 on: 05. Oktober 2011, 14.47 Uhr »
Hallo zusammen!

Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten.

Gut, dass Du dich meldest. Ich hätte vor ein paar Tagen den Thread beinahe in ein anderes Unterforum verschoben, weil ich dachte, der sei aus Versehen in den Leserunden gelandet.  :D

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #22 on: 05. Oktober 2011, 19.19 Uhr »

Hallo zusammen!

Aber im Ernst: Ich kam in den letzten Tagen kaum zum Lesen und gar nicht zum Antworten.

Gut, dass Du dich meldest. Ich hätte vor ein paar Tagen den Thread beinahe in ein anderes Unterforum verschoben, weil ich dachte, der sei aus Versehen in den Leserunden gelandet.  :D

Grüsse

sandhofer

Das spricht ja nun nicht gerade für eine aufmerksame fürsorgliche Begleitung unseres Threads, Herr Moderator! ;D ( Wo ist der Tattergreis mit dem Krückstock und dem drohenden Zeigefinger?)

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #23 on: 10. Oktober 2011, 14.16 Uhr »
Ich habe mal eine längere Pause gemacht, damit ihr auch genügend Zeit habt, die Musik anzuhören. ;D

Und weiter gehts.

Nach Stalins Tod setzte nach dem XXII. Parteitag der KpdSU die Entstalinisierung ein, allerdings sehr träge. Als 1961 ein Gedichtband  von Marina Zwetajewa erschienen war, einer Autorin, die durch das stalinistische Regime 1941 in den Selbstmord gerieben war, betrachtete man diese veröffentlichung als Tauwetter. Es erschienen auch die Memoiren von Ilja Ehrenburg und Solchenizyns Roman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“.  Aber der Schein trügt. Chruschtschow erwies sich in der Kunst als völlig von Unkenntnis geschlagen. Die Dodekaphonie sei Musik des Lärms, schlicht und einfach Kakophonie. Ukrainische, russische, kasachische Tänze liebte er natürlich. Als bekommen wir den Eindruck, es sei nicht wesentlich anders als z.zt. Stalins. Trotzdem traten Auflockerungen ein. Leonard Bernsstein gab im Jahre 1959 mit den New Yorker Philharmoikern. Auf dem Programm stand u.a. „Le Sacre du Printemps“, ein Werk des emigrierten Strawinsky, welches seit 30 Jahren in Russland nicht mehr aufgeführt worden war. Nach 50 Jahren Abwesenheit kam Strawinsky 1962 selbst nach Russland. In Russland war bekannt, dassStrawinsky die Bolschewiken und  lhre Ideologie hasste, darum lehnte er 1925 eine Einladung ab. Sowjetische Musikexperten verunglimpften in ihren Büchern die Musik ihres emigrierten Landsmannes. Zur Zeit seines Besuches begegnete Strawinsky auch Schostakowitsch. Doch diese kurzen Begegnungen verliefen sehr kühl, und sie blieben sich fremd. Zwischen beiden war eine tiefe Kluft.  In künstlerische und ästhetische Ansichten gab es unüberbrückbare Differenzen, in politischen Ansichten auch. Strawinsky hatte sich allerdings in seiner „Musikalischen Poetik“ sehr kritisch über Schostakowischs fünfter Sinfonie geäußert, sogar gegenüber Stalin Verständnis gezeigt, dass er die Lady MacBeth  verurteilt. Keine Voraussetzungen für eine Komponistenfreundschaft (allerdings, Strawinsky it über so manchen hergezogen, Rachmaninow ist in der Romantik hängengeblieben, Vivaldi habe nur 400 Variationen von einem Konzert komponiert, usw., na ja, nehme ich nicht so todernst, nicht wahr?). Wie wars denn mit Brahms und Bruckner? Da lief auch nichts.

Auf zwei bedeutsame Werke aus den sechziger Jahren möchte ich eingehen:

1)1961: Symphonie Nr. 13 für Baßstimme, Chor und Orchester.

Schostakowitsch verwendet das Gedicht „Babi Jar“ des bekannten Autors Jewgeni Jewtuschenko, welches damals sehr umstritten war. In dem Gedicht geht es um ein Massaker an Juden in der Schlucht Babi Jar in der Nähe von Kiew. Dieses gedicht wurde heftig kritisiert, weil nur das Schicksal der Juden im Vordergrund stand, und der Autor nicht die menschen anderer Nationalitäten erwähnt, die damals umgekommen sind. Fehlender Patriotismus war die sowjetische Diagnose. Abgesehen vom zweiten Satz ist sehr viel Traurigkeit in dieser Musik. Ich mag diese Musik, weil Schostakowisch seine Musik mit respektvollem Ernst vor den gefallenen Menschen in die Ohren des Höhrers flößt. Auch wenn wir den Text nicht kennen, spüren wir den Charakter einer Passionsmusik, einer würdevollen Trauermusik. Die Beziehung zwischen Text und Musik ist engverflochten. Es ist gar nicht verwunderlich, dass Meyer viele Bezüge zur achten Symphonie feststellen. Die Achte ist ebenso eine Symphonie der Trauer. Auffallend ist, dassSchostakowitsch seine 13. Symphonie ziemlich streng tonal komponiert hat. In der Biografie konnen wir auch Jewtuschenkos Test lesen. Bei dieser Symphonie hat sich Meyer sehr viel Zeit genommen. Finde ich auch richtig. Die Musik ist wohlklingend, andächtig komponiert. Eine Symphonie, die mir auf Anhieb gefallen hat.
Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor. Es gab ja im Vorfeld der Uraufführung auch einige Turbulenzen. Die Symphony aber, wurde zum Erfolg. Der „Prawda“ war die Uraufführung im Dezember 1962 aber nur eine Zeile wert.

Und nun die Musik mit Mikhail Petrenko- bass
Chorus and Orchestra of The Mariinsky Theatre (Kirov Opera)/ Valery Gergiev.(Sieben Videos, der Text wird in Englisch eingelendet): hier

Die Tradition des Chores, bzw. Solostimmen innerhalb einer Symphony, begann mit Beethovens neunter Symphonie, wurde von Liszt in seiner Faustsymphonie fortgeführt, die mit dem "Chorus Mysticus" ausklingt.  Gustav Mahler brachte diese Tradition zu einem Höhepunkt, und Schostakowitsch führte sie weiter fort.

2.)Das Violoncellokonzert Nr.2 aus dem Jahre 1966


Krzysztof Meyer hält es für das vielleicht beste seiner Instrumentalkonzerte.
Quote from: Meyer"
Es handell sicher dabei eher um eine Symphonie denn um ein Instrumentalkonzert.
(Seite 435)

Schade, wenn Meyer das Konzert für sein bestes hält, dass er dann nur sehr kurz darauf eingeht. Was wir erfahren, und jetzt auch hören können, ist eben, dass dieses Konzert mit typischem Schostakowitsch – Sypmphonie-Stil geprägt ist. Dieses Werk ist auch seinem Freud Msistlaw Rostropowisch gewidmet.

Schostakowitsch: Cello Concerto No. 2  Maxim Kozlov - cello, Delta David Gier - conductor, South Dakota Symphony Orchestra
Concert recording November 2010: hier. (Zwei Videos)

1961 hat Schostakowitsch wieder geheiratet. "Sie hat nur einen Fehler. Sie ist erst knapp 27 Jahre alt.", meinte er.
In den sechziger Jahren machte sich auch eine Muskelschwäche bemerkbar. 1966 ein Herzinfarkt.  Schostakowitsch wurde nie wieder so richtig gesund.
Quote from: Meyer, Seite 462
Von nun an kämpfte Schostakowisch ständig gegen seine immer schwächer werdende Gesundheit an.

mombour
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Offline Gontscharow

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #24 on: 11. Oktober 2011, 11.48 Uhr »
Quote from: mombour« am: 03. Oktober 2011, 12.32 U
Schostakowitsch kam in arge Bedrängnis mit dem Staate.

Tja, das ist wieder so ein interessantes und höchst wichtiges Kapitel, über das ich gern hätte mehr erfahren wollen und bei dem ich mich vom Autor allein gelassen fühlte. Zwölf Jahre nach Chaos statt Musik, der Generalabrechnung mit der künstlerischen Avantgarde, gibt es 1948 plötzlich eine erneute Kampagne gegen die (übrig gebliebenen) Künstler in der Sowjetunion. Warum gerade jetzt? Hatte das mit der Nachkriegszeit, dem kalten Krieg zu tun? Was  steckte dahinter, welches waren die Ziele, wofür musste das herhalten? Meyer erklärt kaum etwas. Er zitiert seitenweise unkommentiert Reden und Beschlüsse des Komponistenverbandes und irgendwelcher anderer Gremien, mit dem Effekt, dass ich mich durch die absurde gewalttätige Pseudologik der Texte in eine Erzählung von Kafka versetzt fühlte.
Die Kampagne gegen Sch. bezog sich nicht nur auf die Oper Lady Macbeth v. M., die war ja von der Bildfläche verschwunden und die vierte Symphonie gar nicht erst erschienen, die Kampagne ging gegen die Werke, in denen Sch. ohnehin schon Zugeständnisse an das Regime gemacht hatte, auch gegen die Leningrader Symphonie, die laut Meyer angeblich ein Propagandawerk war. Я не понимаю!
Meyer erklärt auch nicht, was sozialistischer Realismus in der Musik eigentlich sein soll. Volkstümelei? Neben dem schon bekannten Formalismus wird den Musikern jetzt ja auch vorgeworfen, sie seien Kosmopoliten. (Wie verträgt sich das mit der Internationale?) Traditionalismus? Anbiederung an den Geschmack der Massen, das gesunde Volksempfinden? Oder einfach an den unbedarften Musikgeschmack Stalins und Schdanows?
Der reine Hohn ist ja, dass Sch. nachdem er aller Ämter enthoben und unter Veröffentlichkeitsverbot steht, genötigt wird, als Vorzeigekünstler die Sowjetunion in den USA zu vertreten und da kommt dann auch noch der Exil-Russe Nabokov(Cousin Vladimirs) mit seiner provokanten Frage und bringt ihn in Bedrängnis! Wie konnte Sch. nur all diesem Druck stand halten? Wie konnte er unter diesen Umständen überhaupt kreativ arbeiten und noch gescheite Musik schreiben? Mindestens seit den dreißiger Jahren wusste er von Folterungen, Todeslisten, Lagern, er hatte das Beispiel von Kollegen vor Augen, er musste selbst damit rechnen. Wie konnte er diese ungeheure Repression ertragen und damit leben? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er, wie das bei Meyer rüberkommt, alles unter Verschluss gehalten hat und sich lediglich durch seltene Ausbrüche in Form von Fehlhandlungen, im Alkohol , durch nervöses Kettenrauchen und natürlich kryptisch in seiner Musik Luft verschafft haben soll.
Ich glaube, mombour, wir lesen die falsche Biographie. Die Zagheit und Verhaltenheit, mit der sich Meyer  seinem Thema nähert, war in den 70ern, als er diese Biographie ursprünglich geschrieben hat, sicher angebracht, zumal in Polen. Heute glaub ich, kann man mehr erwarten. Ich habe mich noch mal ein bisschen im internet umgesehen und fand in mehreren Rezensionen namhafter Zeitungen die einhellige Meinung, dass man um die überarbeitete und 2004 neu herausgegebene Biographie  Solomon Wolkows nach den umstrittenen Memoiren von 79 nicht herumkommt. Der Verdacht der Fälschung scheint ausgeräumt. Maxim Schostakowitsch soll nach seiner Übersiedlung in den Westen die Echtheit bestätigt haben.
Nähere Informationen:http://www.zeit.de/2004/26/SM-Schosta
Ich lese Meyers Biographie noch zu Ende, werde mir die Wolkow-Biographie aber schon mal bestellen.

Quote from: mombour« am: Gestern um 14:16 »
Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor.
??? Wer warf wem was vor? Ich gehe doch davon aus, du meinst, dass Jewtuschenko dem Chruschtow … Ich war noch gar nicht so weit im Buch und habe das schleunigst nachgelesen.
Ich kann verstehen, dass Meyer so lange bei der 13.Symphonie verharrt und deren 1. Satz zum Bedeutendsten zählt, was Sch. komponiert hat! Das Gedicht von Jewtuschenko hat mich erschüttert! Hier  ist es noch einmal vollständig (Übersetzung von Paul Celan) Ich kannte es bislang nicht. Jewtuschenko war in den 60ern als Spaßvogel und Satiriker Schlaf schneller Genosse in Westdeutschland bekannt und beliebt. Aber kannte jemand dieses Gedicht von 1961?
Er hat recht: Es steht kein Denkmal über Babi Jar Ich war noch zu Sowjetzeiten in Kiew und Babi Jar. Wohl wissend, was dort geschehen war, sah ich:  von der Schlucht nichts mehr, eine weite hügelige Grünanlage, kein Hinweis auf das Massaker an den Juden, stattdessen ein pompöses Denkmal Bolschewiki im Kampf gegen den Faschismus(das vielleicht zur Zeit des Jewtuschenko-Gedichts noch nicht stand). Erst nach Auflösung der Sowjetunion hat man angefangen, der Opfer zu gedenken. Umso großartiger finde ich, was Jewtuschenko und Schostakowitsch da Anfang der 60er gegen alle Zeitströmung und gegen den verbohrten Antisemitismus Stalins und seiner Nachfolger geschaffen haben. Danke für den link zur 13.Symphonie! Diesen ersten Satz habe ich bestimmt nicht zum letzten Mal gehört!
 
Heute abend nehme ich an einer Opersoiree zu Lady Macbeth v. M. teil. Bin schon sehr gespannt.
« Last Edit: 11. Oktober 2011, 11.56 Uhr by Gontscharow »

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #25 on: 12. Oktober 2011, 18.36 Uhr »
Hallo mombour!

Die Schostakowitsch-Soiree im Kasseler Staatstheater war klasse. Nun weiß ich endlich, wie Mzensk ausgesprochen wird! Nein, im Ernst, neben späten Liedern nach Alexander Blok und Michelangelo-Gedichten zum Thema Tod - von sehr guten Sängern (auf russisch und italienisch) vorgetragen-, gab es eine hervorragende Einführung in Werk, Zeit und die besonderen Umstände der Lady Macbeth und – das war wirklich beeindruckend -  man konnte an einer Probe teilnehmen. Die Musik, wenn man sie so life erlebt, ist überwältigend! Ich werde noch zum Schostakowitsch-Fan. Den Sängern, besonders auch den Chorsängern schien diese expressive Musik unglaublich viel Spaß zu machen. Was im Pravda-Artikel Chaos statt Musik als Negativum beschrieben wird “… die Musik schnattert, stöhnt, keucht…“ wurde hier geradezu lustvoll dargeboten. Also, ich freu mich auf die Premiere im November. Habe mir auch die Erzählungen von Leskow bestellt, um auch die Opernhandlung besser beurteilen zu können. Die war ja auch ein Stein des Anstoßes.

Liebe Grüße
Gontscharow

Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #26 on: 15. Oktober 2011, 16.39 Uhr »
Quote from: mombour« am: 03. Oktober 2011, 12.32 U
Schostakowitsch kam in arge Bedrängnis mit dem Staate.

Tja, das ist wieder so ein interessantes und höchst wichtiges Kapitel, über das ich gern hätte mehr erfahren wollen und bei dem ich mich vom Autor allein gelassen fühlte. Zwölf Jahre nach Chaos statt Musik, der Generalabrechnung mit der künstlerischen Avantgarde, gibt es 1948 plötzlich eine erneute Kampagne gegen die (übrig gebliebenen) Künstler in der Sowjetunion. Warum gerade jetzt?

Weiß ich auch nicht, warum gerade jetzt.


Meyer erklärt auch nicht, was sozialistischer Realismus in der Musik eigentlich sein soll. Volkstümelei? Neben dem schon bekannten Formalismus wird den Musikern jetzt ja auch vorgeworfen, sie seien Kosmopoliten. (Wie verträgt sich das mit der Internationale?) Traditionalismus? Anbiederung an den Geschmack der Massen, das gesunde Volksempfinden? Oder einfach an den unbedarften Musikgeschmack Stalins und Schdanows?

Das Problem liegt vielleicht darin, Krzysztof Meyer ist kein Historiker, sondern ein Musiker. Im Falle Schostakowitschs wäre es eine glückliche Zusammenarbeit zwischen einem Komponisten und einem Historiker, eine Biografie gemeinsam zu erstellen. Was die Kompositionen angeht, da hat Meyer ja viel zu sagen. Gut deswegen sind historisch einige Schwächen sicherlich da. Die historische Abrissen laufen ja immer daraus hinaus, dass Meyer dann zu den Künstlern kommt, die Repressalien, etwas Musikgeschichte usw. Vielleicht hätte er mit Karl Schlögel  gemeinsam das Buch schreiben sollen. :)


 Wie konnte er diese ungeheure Repression ertragen und damit leben? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er, wie das bei Meyer rüberkommt, alles unter Verschluss gehalten hat und sich lediglich durch seltene Ausbrüche in Form von Fehlhandlungen, im Alkohol , durch nervöses Kettenrauchen und natürlich kryptisch in seiner Musik Luft verschafft haben soll.
Ich glaube, mombour, wir lesen die falsche Biographie.

Ich habe noch nichts andere gehört, als dass er in seiner Musik unauffällig gegen den Staat bollern konnte. Kunst als Ventil gegenüber Represalien? Bei Schostakowitsch kann ich mir nichts anderes vorstellen. Aus meiner Erinnerung heraus, dürfte Solomon Wolkow auch zu keiner anderen Lösung kommen (soweit meine Erinnerung mich ncht trügt), allerdings scheint er explizit auf die politische Situation einzugehen. Er schrieb auch das Buch "Stalin und Schostakowitsch: Der Diktator und sein Künstler". Von Karl Schlögel interessiert dich sicher u.a. dieses Buch: "Terror und Traum. Moskau 1937, darin Schlögel auch über die fünfte Sinfonie schreibt (Ich habe es nicht gelesen, aber eine Freundin, die in Leningrad geboren ist).

Die Gedichte von Jewtuschenko kenne ich nicht. Ich bin beeindruckt, weil du in  "Babi Yar" warst. Wahnsinn. Zu meiner Zeit, als ich in Kassel wohnte, habe ich den "Rosenkavalier" gesehen. Bei der "Lady Macbeth" ware ich auch gerne dabei. Ich weiß ja nicht, ob die das auf unserer Provinzbühne mal hingekommen.

Liebe Grüße
mombour
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Offline mombour

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Re: Krzysztof Meyer- Schostakowisch: Sein Leben, sein Werk, seine Zeit
« Reply #27 on: 15. Oktober 2011, 17.15 Uhr »
Quote from: mombour« am: Gestern um 14:16 »
Chruschtschow warf Jewtuschenko Unterstützung des Antisemitismus vor.
??? Wer warf wem was vor? Ich gehe doch davon aus, du meinst, dass Jewtuschenko dem Chruschtow … Ich war noch gar nicht so weit im Buch und habe das schleunigst nachgelesen.

Da hatte ich wahrlich Unsinn geschrieben. Bei Meyer heißt es auf Seite 417:
Quote
...bei dem es zu einem heftigen Wortwechsel mit Jewtuschenko  kam, der Chruschtschow Unterstützung des Antisemitismus vorwarf.

 .....     .....     .....     .....   

Ziemlich spät, wir sind schon im Jahre 1967, offenbart uns Krzysztof Meyer, dass Schostakowitsch schon seit Ende der fünfziger Jahre an „einer eigenartigen Krankheit“ litt. Schmerzen in, den Händen, während eines Konzertes Bewegungseinschränkung des rechten Armes, Muskelschwäche. !960, während der Hochzeit seines Sohnes Maxim, stürzte er, weil Muskeln versagten, ein komplizierter Beinbruch war die Folge. Seitdem hinkte er etwas. Die Krankheit verschlimmerte sich, häufiges Zittern. Meyer schreibt, anfang der sechziger Jahre diagnostizierten Ärzte „eine Art Poliomyelitis, also Kinderlähmung. Nach seinem Herzinfarkt 1966 konnte er monatelang keine Note schreiben. In dieser Zeit las er viel, z.B. Alexandr Blok. Sein Poem „Die Zwölf“ zählte zu Schostakowitschs Lieblingswerken. So schrieb er 1967 „Sieben Romanzen nach Worten von A. Blok.“ In diesem Jahr auch das Violinkonzert Nr. 2 enstand, welches er für seinen Freund Dawid Oistrach schrieb. Von Schostakowitsch wurde aber erwartet, dass er eine Musik zum 50 Jahrestag der Revolution schreibe. Offenbar hatte Schostakowitsch keine Lust, und schuf ein sehr schlecht komponiertes Poem für Orchester, dieses Stück er „Oktober“ nannte. Schostakowitsch habe ziemlich selten mal schlecht komponiert, erfahren wir von Biografen. Rostropowitsch hat gesagt, es handele sich hier um absichtlich schlecht komponierte Musik (vielleicht hatte Schostakowitsch die Nase voll, für den Staat zu komponieren, brach er doch früher schon mal eine Oper ab, komponierte sie einfach nicht zu Ende: „Der stille Don“ nach Michail Scholochow).

Anstatt seiner staatsbürgerlichen Pflichten als Komponist nachzukommen, komponierte er zwei Werke, die eine Verbindung zum Thema Tod aufweisen: , die Symphonie Nr. 14, Streichquartett     Nr.13. Offenbar bereitete sich Schostakowitsch in diesen Werken innerlich auf das Ende seines Lebens vor.
Hatte Schostakowitsch gerade erst mit der 12- Tontechnik experimentiert, schuf er mit der 13. Symphonie ein Werk, was bisherige Vorstellungen einer Symphonie sprengte, eine Symphonie für Sopran, Baß, sechs Schlaginstrumente, Celesta und 19 Streicher. Das Werk hat elf kurze Sätze, die sich in fünf größere Abschnitte aufteilen lassen. Für die Thematik des Todes sprechen die hierfür ausgewählten Texte von Lorca, Apollinaire, Kjuchelbecker und Rilke.  Im Streichquartett  Nr. 13, b-moll zitiert Schostakowitsch aus „Chorfragmenten über Trauer und Tod“ aus der Filmmusik zu König Lear.“ (Seite 460)

Ein Video braucht man nicht, nur aufmerksames hören. Mandelring Quartet: http://www.youtube.com/watch?v=Z2YrajPOL_c

Die letzten Jahre von Schostakowitsch fallen in die Jahre, die als „sowjetischer Realismus“ bezeichnet werden. Nach  Chruschtschows Sturz galt die nachstalinistische Phase als beendet. Leonid Breschnew stieg auf zur Macht, dabei ich doch die Seltsamkeit bemerke möchte, dass Breschnew als Generalsekretär zu Beginn der 70er Jahre kultisch verehrt wurde. Es scheint tief in Menschen zu sein, dass sie eine Kultfigur gebrauchen oder danach sehnsüchteln. An sich nichts Neues. Im Alten Ägypten gab es das auch schon, will jetzt aber nicht vom Thema abdriften. Steve Jobs war auch so eine Art Kultfigur. Breschnew anullierte einige Reformen Chruschtschows, allerdings, es entwickelten sich Oppositionszweige, gegen die harsch angegangen wurde. Ich erinnere mich noch als damals Sacharow und Solschenizyn als Regimekritiker durch die Presse gingen. Solschenizyn „wurde von den Behörden schikaniert, in der Presse verunglimpft, aber seiner Freiheit nicht beraubt.“ - Ich frage mich jetzt, durfte er damals publizieren?  In einigen Sowjetrebubliken wuchs das Nationalgefühl an. Es bildeten sich nationale Bewegungen, so gabe es in der Ukraine eine besonders große Verhaftungswelle. Beschnew glaubte an den „Triumph des Sozialismus auf der ganzen Welt“ (Breschnew, 1971), der Einfluss von Dissidenten wuchs aber, sodass Solschenizyn 1974 verhaftet und dann ausgewiesen wurde.

Schostakowitsch hatte für Dissidenten eine Sympathie, meinte aber, Solschenizyn solle „es nicht mit der Bande im Kreml aufnehmen....Ein Schriftsteller muß arbeiten. Er soll schreiben...“
Die Krankheit schreitete fort. Hinzu kam die Diagnoe Lungenkrebs. Schließlich war ein Lungenflügel funktionsuntüchtig, Metastasen. Schostakowitsch  starb im Krankenhaus.

Krzyzstof Meyer schildert in einem Abschlusskapitel, seine persönlichen Begegnungen mit Schostakowitsch, in dem wir noch einiges persönliches, z.B. über Schostakowitschs Charakter erfahren. Die Tatsache, dass Meyer in der Biografie verhältnismäßig wenig persönliches zu erzählen wusste, liegt vielleicht an Schostakowitsch selbst.

Quote from: Meyer
Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.
(Seite 492)

1974 komponierte er das Streichquartett Nr. 15, es-moll, das längste Quartett, sechs Sätze, die ineinander übergehen, darin enthalten auch eine Elegie, ein Trauermarsch. 
Quote from: Meyer
„Auf bewundernswerte Weise verstand es der Künstler, ein fünfunddreißigminütiges großes Adagio zu schaffen, das den Zuhörer von der ersten bis zur letzen Note fesselt und in Spannung hält.“
(Seite   482/83). Borodin-Quartet, sechs Videos: hier.

Quote from: Schostakowitsch"
Lieber Krzyzstof,...Ich bin wieder im Krankenhaus wegen Herz-Lungen- Komplikationen. Nur mit größten Schwierigkeiten kann ich mit der rechten Hand schreiben. Bitte deshalb nicht böse sein für diese krumme Schrift....Mit herzlichem Gruß D. Schostakowitsch
PS: Obwohl es mir sehr schwerfällt, habe ich eine Sonate für Viola und Klavier geschrieben. D. Sch.

Daraus das "Scherzo" (Spencer Martin (viola) Miko Kominami (piano) Luther College Faculty): hier.

FINE

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Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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