Weißt du, warum Meyer diese Memoiren nicht erwähnt? Sie scheinen nicht ganz unumstritten. Aber obiger Ausspruch,wenn nicht authentisch, ist gut erfunden!
Wenn ich meine Erinnerungen durchwühle, fällt mir ein, manche haben gedacht, diese Memoiren wären von Schostakowitsch selber und Wolkow sei sein Pseudonym. So habe ich mal gelesen, eine Theorie. Umstritten ist das Buch auf jedenfall, weil man, zumindest damals, vor über 25 Jahren, als ich in das Buch mal hineinsah, nicht genau wusste, wer Solomon Wolkow war, der Komponist oder irgendein anderer. Ob man heute mehr darüber weiß, ist mir unbekannt.
Es mag sein, dass ich mich bei der fünften Symphonie mit der Oboe geirrt habe. Werde ich mir noch einmal anhören.

Nachdem ich nun die achte Symphonie vollständig gehört habe, sage ich, nach der Siebenten die Achte hören. Sie spricht mich sehr an und vermittelt das inhaltliche Programm.
Wir kommen zu den Werken, die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. Drei Symphonien, die Siebente, die den Widerstand musikalisch ausdrückt, die Achte, der Schmerz und das Leid des Krieges, die Neunte, den Sieg in Töne ausdrückt. Gewaltige Musik, deren populärste die Siebente Symphonie ist, die in Leningrad während der Belagerung komponiert worden ist, die Bedeutendste aber die achte Symphonie ist.
Parallel zum Meyer nehme ich noch die rororo-Bildmonographie von Detlef Gojowy zur Hand, welche, was die Deutung der Symphonien angeht, den Meyer ergänzt.
Schostakowitsch: Siebte Sinfonie – Leningrader SinfonieDer große Vaterländische Krieg begann, als die deusche Wehrmacht in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritten. Am 08. August erschienen erstmals feindliche Flugzeuge über Leningrad. 900 Tage und Nächte lang wurde Leningrad vom feindlichen Geschütz bedrängt. Als für die Russen der Krieg begann, war Schostakowitsch Vorsitzender der staatlichen Prüfungskommission in der Klavierklasse am Leningrader Konservatorium. Am 19. Juli begann er mit der Komposition der 7. Sinfonie.
Obwohl es sich um eine reine Instrumentalsymphonie handelt, hat die Musik eine Textgrundlage und bezieht sich nach Detlef Gojowy offenbar auf den 79. Psalm Davids, der Klage wider der Zerstörung Jerusalems (vgl. die Ausführungen von Gojowy, rororo-bildmonografie, Seite 70)
Schostakowitsch sagte über diese Symphonie:
Als ich an der neuen Symphonie arbeitete, dachte ich an die Größe unseres Volkes, an seine Heldenhaftigkeit, an die wunderbaren humanistischen Ideen, an die menschlichen Werte, an unsere wunderschöne Natur, an die Menschheit, an die Schönheit...Meine Symphonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unseren sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad.
(Meyer, Seite 259)
Weil dieses das Musikprogramm war, sollten möglichst viele Menschen diese Musik verstehen. So komponierte er im ersten Satz die drei Themen einstimmig. Nach den beiden ersten Themen folgt an Stelle der Durchführung ein drittes Thema, welches 12 Mal immer wieder in anders gearteter Instrumentierung sich wiederholt, sehr eindringlich übrigens, das ganze ein großes crescendo. Ähnlichkeiten mit dem
Bolero sind hier nicht wegzudenken.
Übrigens nahm Béla Bartók die Abwärtsbewegung dieses Themas im vierten Satz vom „Konzert für Orchester“ wieder auf. Die Einfachheit der Themen vergleicht Gogowy mit der Einfachheit alter liturgischer Melodien. Dieses wuchtige anschwellen des Themas wird mit Trommelwirbel („Trommelfeuer“). Dieses unerbittliche starre Wiederholen des Themas im crescendo bis zum Äußersten kann als harter Widerstand gegen feindliche Truppen gedeutet werden, und so es Schostakowitsch auch gemeint, als er sagte, er widme diese Symphonie dem Kampf gegen den Faschismus. Das Finale kündigt den Sieg an, sagt Krzyzstof Meyer, in der Tat, die letzten Takte zeugen von einer Unbeschwertheit, wenn nicht sogar größte Freude. Er ist schon erstaunlich, dass Schostakowitsch in der achten Symphonie dann noch mal das Leid so zentral in den Vordergrund stellt, ohne Hoffnung.
Hier nun die siebente Symphonie
Mit dieser Symphonie komponierte sich Schostakowitsch nach oben. Nun war er der Komponist Nr. 1 in der Sowjetunion. Allerdings sagt Meyer ähnliches schon in dem Kapitel über "Lady Macbeth von Mzensk".

Allerdings relativiert Meyer, die Siebte sei zwar sehr populär, was er auf die Umstände der Entstehung zurückführt, andere Symphonien seien aber bedeutender, z. B. auch die Achte.
Die achte Symphonie entstand kurz nach der Schlacht von Stalingrad, nach dem Sieg über die 6. Armee der Wehrmacht. Diese sehr lange Symphonie, der erste Satz ist mit 25 Minuten länger als die komplette neunte Symphonie, zeigt die große Begabung des Komponisten, bestimmte Gefühle in Musik auszudrücken. Das Beste ist, wir vergessen die Zeit, wenn wir den ersten Satz hören und lassen diese Schmerzensmusik in uns hinein. Diese Musik ist so tragisch, dass mir Tränen gekommen sind. Es ist schier unglaublich, was für tiefe Schmerzen und großes Leid Schostakowitsch in dieser Musik ausdrücken konnte. In Anbetracht dessen, muss ich mich doch über folgende Aussage Schostakowitschs wundern:
„Dieses Werk spiegelt meine Gedanken und Gefühle nach den freudigen Meldungen über die ersten Siege der Roten Armee wieder. Ich versuchte darin die Nahe Zukunft der Nachkriegsepoche...“
Krzysztof Meyer sagt auf Seite 281 selbst, „Die Symphonie Nr. 8 erreicht im ersten Statz ein ungeahntes Ausmaß von Tragik.“
Zu anderen Schlüssen kann man kaum kommen, wenn man diese Musik anhört. Ich vermute, Schostakowitsch sprach von „freudigen Meldungen...“ um die Kremlführung ihm gegenüber friedlich zu stimmen. Vielleicht bezog sich Schostakowitschs Äußerung auf den dritten Satz, der Toccata: äußerst schwungvoll und mitreißend. Trotzdem, die Symphonie wurde als ein „Epos der Qual“ bezeichnet. Nach der Toccata, im vierten Satz die Symphonie in eine schmerzzerrende Passacaglia gleitet, Oberstimmen werden von einer sich wiederholenden Bassfigur getragen. Dieser vierte Satz allein schon genial, die fröhliche Toccata bei mir aber auch freudig ankommt, wie die wunderbaren Scherzi in anderen Werken. Der vierte Satz ohne Pause in den fünften Satz übergeht.
Sehr interessant ist, was der Dirigent Pierre-Dominique Ponnelle über die achte Symphonie zu sagen hat:
hier.Und nun das komplette Werk mit Concertgebouw Orchestra, Bernard Haitink. Man beachte, der erste Satz besteht schon aus drei Videos. Und dann klicke man sich durch die anderen Sätze (insgesamt fünf Sätze). Um das Hörvergnügen nicht zu trüben, epfehle ich allerdings in diesem Falle, lieber eine CD-Scheibe in den Player zu legen.
hier.Die neunte Symphonie ist überraschend kurz ausgefallen. Es ist die Symphonie über „unseren großen Sieg“, wie man damals sagte. Im Winter 1944/45 wurde bekannt, dass er eine neue Symphonie schreibe. Er unterbrach aber die Arbeit, weil er rasch „ihre Unbrauchbarkeit“ erkannt habe, wie Meyer es ausdrückt. Er hat wohl sein kompositorisches Konzept geändert und begann noch einmal. Innerhalb weniger Tage hat er sie komponiert (Seite 295). Formell greift Schostakowitsch auf die Frühklassik zurück, heitere, fröhliche Musik. Schmunzeln musste ich, als Meyer über den ersten Satz schrieb:
Die eindeutige Tonart – Es-Dur – tritt in nahezu reiner Form auf, obwohl sie der Komponist auf recht originelle Weise mit fremden Tönen >>beschmutz<<.

Es folgt die Neunte. Orchester weiß ich nicht. Es steht dort nur dies: 2011 교향악축제 목포시립교향악단 쇼스타코비치 교향곡 9번 1 mov 지휘 진윤일 Jin Yun IL (fünf Videos für die kleine Symphony

). Aber die Musik ist Zucker.
hier.Bei youtube las ich noch, das Fagottsolo im vierten Satz bedeute "Nie wieder Krieg". "Es könnte - denkt man an die martialische Blechbläsereinleitung - aber auch eine Klage des verbitterten und einsamen Komponisten gegen den Diktator Stalin sein..".
Liebe Grüße
mombour