Hallo!
Nun also der Huckleberry Finn. Kinder-, Jugendbücher? Wohl kaum, bestenfalls auch; aber weder Tom Sawyer noch dieses Buch sind für eine jugendliche Zielgruppe konzipiert. Der Unterschied zwischen beiden besteht vor allem in der für den Schriftsteller fortschreitenden Zeit, in der für ihn prägenden Erfahrung einer zweiten Mississippireise, die ihn nach Hannibal (= St. Petersburg) führte. Überwiegen in Tom Sawyer noch idyllische Momente, sind dort die Personen noch weitgehend positiv konnotiert, ändert sich dies im zweiten Buch: Gauner, Mörder, Strauchdiebe, Schmarotzer bevölkern den Fluss, kein romantisches Refugium (einzig die Natur und die Einsamkeit, die dann doch wieder nicht erträglich sind auf Dauer, vermitteln Ruhe und Beschaulichkeit; sobald man auf Menschen trifft ist nur noch von Gewalt, Betrug, Heuchelei die Rede).
Mark Twain träumt: Tom Sawyer als der kindliche Anarchist, einer, der sich um Koventionen nicht schert, verdreckt, phantasievoll, eine Figur, die er selbst zu sein wünscht und es doch nicht mehr kann. Wie oft in seinen Büchern singt er das Hohelied von Schmutz und zerrissener Kleidung, während er selbst peinlich genau gekleidet in zumeist weißem Anzug durch die Welt wandert, einer, der das Revolutionäre seiner jugendlichen Helden als verlorenes, unwiederbringliches Ideal betrachtet. Aber in "Huckleberry Finn" wird auch die Idylle des St. Petersburg erledigt: Er hat es nochmal gesehen, schlammige Gässchen, teilweise industrialisiert, verschwunden die romantischen Plätze seiner Kindheit, allüberall hat die Gier nach Geld Einzug gehalten, eine Gier, die für Twain zum Inbegriff der Verworfenheit der Welt wird. Und so flieht Huck den Mississippi hinunter, lässt die unerträgliche, bigotte Welt seiner "Witwe" hinter sich, verschenkt das erworbene Geld, verflucht seine schönen Kleider, sehnt sich nach Freiheit, Natur, Ungebundenheit. Eine Sehnsucht, die im Erlebten keine Entsprechung findet, Alkoholismus, Betrug, Mord - und trotzdem: Immer noch besser als Sonntagsschule, Kirche und gestärkte Laken.
Twains unsägliche Enttäuschung über eine (vermeintlich?) schöne und unwiederbringliche Jugend, über ein noch ursprüngliches Leben ist im gesamten Huckleberry Finn spürbar. Wobei Twain wie alle solchen Schriftsteller auch den eigenen, unbändigen Wunsch, das kleine Hannibal verlassen zu können, vergisst, der schon als Jugendlicher ein Getriebener war, auf Reisen, auf der Suche nach Abenteuer, nach einer Zufriedenheit, die ihn - hätte er sich gefunden - nicht zufrieden gestellt hätte. So wird ihm der Kindheitsort zur geträumten Idylle - und nach ihrem Wiedersehen diese Idylle (die es nie gab) zur verdreckten, ölverschmierten, modernisierten, geldgierigen Stadt. Das Wiedersehen vernichtet den Traum, nicht die Realität, nicht die Vergangenheit, die, als sie noch Gegenwart war, ihm ebenso unerträglich gewesen ist.
Huck ist das Idealbild des unverbildeten, natürlich-herzensguten Menschen: Er ist es in Sprache, Bildung, er erinnert ans Rousseausche Ideal vom edlen Wilden, an Thoreaus "Walden" nebst seiner idealen Staatskonzeption, die, sofern der Staat nur aus Menschen vom Typus Huckleberry bestehen würde, auch hätte verwirklicht werden können. Hucks Naivität decouvriert Heuchelei, gesellschaftliche Konvention, seine natürlich (= richtige) Weltsicht verbunden mit dem unweigerlich guten Herzen macht ihn zum Weisen, zum epikureischen Philosophen. (Mit Tom Sawyer rechnet nach meiner Erinnerung Twain am Ende des Buches ab: Ein irgendwie geschniegelter, zivilisatorisch verdorbener junger Mann, meilenweit von den Idealen seiner Jugend entfernt.)
Für mich sind bisher beide Bücher ein großer Lesegenuss, wobei sich meine Sichtweise auf die beiden Bücher mit dem Alter doch beträchtlich verschoben hat. Vielleicht werde ich Twain nach dem Huck noch ein wenig treu bleiben - hätte jemand Lust auf eine entsprechende Leserund?
lg
orzifar