Author Topic: Mark Twain: Huckleberry Finn  (Read 7547 times)

Offline sandhofer

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Mark Twain: Huckleberry Finn
« on: 13. September 2011, 20.28 Uhr »
Sodele - und weiter geht's. Huckleberry Finn gilt als Fortsetzung von Tom Sawyers Abenteuern und ist es auch insofern, als dass das Personal zu Beginn identisch ist und die Geschichte im Grunde genommen nahtlos dort anschliesst, wo Tom Sawyer aufgehört hat. Und doch hat Mark Twain eine Todsünde begangen, die jedem Verleger heutzutage den Schlaf rauben würde. Die Fortsetzung wird nämlich plötzlich nicht mehr aus der Sicht des allwissenden Erzählers geschildert, sondern mit Huckelberry Finn nimmt der Protagonist selber das Wort. Damit ist ein Verzicht auf ironische Zwischentöne fast vorprogrammiert, benötigt Ironie doch jenes augenzwinkernde Einverständnis zwischen Autor und Leser - so à la: "Ist unser lieber Tom nicht fast so blöd wie wir selber?" Und auch schon im zweiten Kapitel fällt auf, dass der Sklave Jim in einer Ausführlichkeit geschildert wird, mit der im Tom Sawyer kein Schwarzer sich brüsten konnte. Die Schilderung ist allerdings sehr ambivalent für meinen Geschmack. Wohl macht sich Twain keines groben Rassismus schuldig ("Nigger" als Begriff war zu seiner Zeit neutraler als heutzutage). Aber Jim - doch ein erwachsener Mann - ist von einer unsagbaren Beschränktheit. Hexenglaube, tiefste Naivität ... Menschen im tiefsten Mittelalter würde man sich ebenso vorstellen. Will Twain zeigen, in welchem erbärmlichen Zustand man damals seine Sklaven geistig hielt? Will er Huckleberrys Geistesverfassung damit andeuten? Ich habe erst Kapitel 1 und 2 gelesen ...
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #1 on: 17. September 2011, 16.15 Uhr »
Huckelberry Finn ist mittlerweile bei der Witwe ausgerissen und hat sich vor seinem Vater auf eine Insel geflüchtet. Dort trifft er den Nigger Jim.

Schöne Lesefrucht: Die Witwe versucht, Huck davon zu überzeugen, dass in Gebeten geäusserte Wünsche erfüllt werden. Huck zieht sich in den Wald zurück, um darüber nachzudenken und das Ganze mit seiner Erfahrung von der Welt abzugleichen. Seine Quintessenz: "So was ist logisch gesehen Quatsch." Mark Twain versteckt viel Anarchismus und religiöse Aufmüpfigkeit in diesem Charakter, auch wenn Huck dann ein paar Seiten sich als äusserst abergläubischer Mensch entpuppt, der an die Zauberei der Negersklaven glaubt. Twain ist hier ein mit allen menschlichen Inkohärenzen versehener Held geglückt.

 :hi:
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #2 on: 25. September 2011, 14.08 Uhr »
Und fertig ...

Mark Twains Kritik am (südstaatlichen) Kleinbürger könnte ätzender nicht sein. Dass so was relativ problemlos durchging, kann ich mir nur aus der Erzählperspektive erklären. Aber seine Kritik an der Lynchjustiz bzw. an der dahinterstehenden Moral und der Feigheit des Mobs, seine Kleinstädter, die nachgerade danach schreien, betrogen zu werden - und an Betrügereien, grosse und kleinen, mangelt es nicht -, seine bigotten Männer, die zwar zur Kirche gehen, aber ihre Waffen mitnehmen, aber ihre Sklaven nicht nur halten sondern auch für kleinste Vergehen brutal bestrafen: Huckleberry Finn ist im Grunde genommen ein grosses politisches Pamphlet. Das hier ist definitiv kein Jugendbuch mehr.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #3 on: 31. Oktober 2011, 00.44 Uhr »
Hallo!

Nun also der Huckleberry Finn. Kinder-, Jugendbücher? Wohl kaum, bestenfalls auch; aber weder Tom Sawyer noch dieses Buch sind für eine jugendliche Zielgruppe konzipiert. Der Unterschied zwischen beiden besteht vor allem in der für den Schriftsteller fortschreitenden Zeit, in der für ihn prägenden Erfahrung einer zweiten Mississippireise, die ihn nach Hannibal (= St. Petersburg) führte. Überwiegen in Tom Sawyer noch idyllische Momente, sind dort die Personen noch weitgehend positiv konnotiert, ändert sich dies im zweiten Buch: Gauner, Mörder, Strauchdiebe, Schmarotzer bevölkern den Fluss, kein romantisches Refugium (einzig die Natur und die Einsamkeit, die dann doch wieder nicht erträglich sind auf Dauer, vermitteln Ruhe und Beschaulichkeit; sobald man auf Menschen trifft ist nur noch von Gewalt, Betrug, Heuchelei die Rede).

Mark Twain träumt: Tom Sawyer als der kindliche Anarchist, einer, der sich um Koventionen nicht schert, verdreckt, phantasievoll, eine Figur, die er selbst zu sein wünscht und es doch nicht mehr kann. Wie oft in seinen Büchern singt er das Hohelied von Schmutz und zerrissener Kleidung, während er selbst peinlich genau gekleidet in zumeist weißem Anzug durch die Welt wandert, einer, der das Revolutionäre seiner jugendlichen Helden als verlorenes, unwiederbringliches Ideal betrachtet. Aber in "Huckleberry Finn" wird auch die Idylle des St. Petersburg erledigt: Er hat es nochmal gesehen, schlammige Gässchen, teilweise industrialisiert, verschwunden die romantischen Plätze seiner Kindheit, allüberall hat die Gier nach Geld Einzug gehalten, eine Gier, die für Twain zum Inbegriff der Verworfenheit der Welt wird. Und so flieht Huck den Mississippi hinunter, lässt die unerträgliche, bigotte Welt seiner "Witwe" hinter sich, verschenkt das erworbene Geld, verflucht seine schönen Kleider, sehnt sich nach Freiheit, Natur, Ungebundenheit. Eine Sehnsucht, die im Erlebten keine Entsprechung findet, Alkoholismus, Betrug, Mord - und trotzdem: Immer noch besser als Sonntagsschule, Kirche und gestärkte Laken.

Twains unsägliche Enttäuschung über eine (vermeintlich?) schöne und unwiederbringliche Jugend, über ein noch ursprüngliches Leben ist im gesamten Huckleberry Finn spürbar. Wobei Twain wie alle solchen Schriftsteller auch den eigenen, unbändigen Wunsch, das kleine Hannibal verlassen zu können, vergisst, der schon als Jugendlicher ein Getriebener war, auf Reisen, auf der Suche nach Abenteuer, nach einer Zufriedenheit, die ihn - hätte er sich gefunden - nicht zufrieden gestellt hätte. So wird ihm der Kindheitsort zur geträumten Idylle - und nach ihrem Wiedersehen diese Idylle (die es nie gab) zur verdreckten, ölverschmierten, modernisierten, geldgierigen Stadt. Das Wiedersehen vernichtet den Traum, nicht die Realität, nicht die Vergangenheit, die, als sie noch Gegenwart war, ihm ebenso unerträglich gewesen ist.

Huck ist das Idealbild des unverbildeten, natürlich-herzensguten Menschen: Er ist es in Sprache, Bildung, er erinnert ans Rousseausche Ideal vom edlen Wilden, an Thoreaus "Walden" nebst seiner idealen Staatskonzeption, die, sofern der Staat nur aus Menschen vom Typus Huckleberry bestehen würde, auch hätte verwirklicht werden können. Hucks Naivität decouvriert Heuchelei, gesellschaftliche Konvention, seine natürlich (= richtige) Weltsicht verbunden mit dem unweigerlich guten Herzen macht ihn zum Weisen, zum epikureischen Philosophen. (Mit Tom Sawyer rechnet nach meiner Erinnerung Twain am Ende des Buches ab: Ein irgendwie geschniegelter, zivilisatorisch verdorbener junger Mann, meilenweit von den Idealen seiner Jugend entfernt.)

Für mich sind bisher beide Bücher ein großer Lesegenuss, wobei sich meine Sichtweise auf die beiden Bücher mit dem Alter doch beträchtlich verschoben hat. Vielleicht werde ich Twain nach dem Huck noch ein wenig treu bleiben - hätte jemand Lust auf eine entsprechende Leserund?

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #4 on: 31. Oktober 2011, 07.42 Uhr »
Hallo!

Schon im Tom Sawyer ist ja die Kindheit alles andere als nur positiv dargestellt: Tom leidet schon immer an nächtlichen Alpträumen, was sich nicht bessert, nachdem er und Huck nachts auf dem Friedhof einem brutalen Mord beigewohnt haben und sie den Mörder fürchten. In Huckleberry Finn ist dann die Idylle definitiv perdü. Die Sache mit dem edlen Wilden Huck glaube ich nur bedingt. Auch Huck belügt und täuscht die Menschen ohne Not. Er ist eher ein realistisches Abbild des Menschen mit seinen Schwächen.

Eine Leserunde zu Twain? Wäre schön ... 2014 oder so ...  :angel:

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #5 on: 31. Oktober 2011, 14.42 Uhr »
Die Sache mit dem edlen Wilden Huck glaube ich nur bedingt. Auch Huck belügt und täuscht die Menschen ohne Not. Er ist eher ein realistisches Abbild des Menschen mit seinen Schwächen.

Vielleicht hat der calvinistische Schweizer noch strengere Moralvorstellungen als der katholische Österreicher :): Dort, wo Huck lügt, sind es Notlügen, lässliche Sünden, es ist der Übermut eines Jungen. Und als er Jim zum Narren hält und dieser sich traurig zurückzieht, entschuldigt er sich "sogar beim Nigger - und er hat es später nie bereut". Bösartig, egoistisch ist Huck nirgendwo, manchmal phantasievoll.

Eine Leserunde zu Twain? Wäre schön ... 2014 oder so ...  :angel:

Hm, unter der Voraussetzung, dass ich an diesem fernen Tag noch am Leben bin ... Möglicherweise aber werde ich mich schon vorher an einigen Büchern Twains verlustieren ;).

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #6 on: 01. November 2011, 06.55 Uhr »
hätte jemand Lust auf eine entsprechende Leserund?

Interessant wäre "Durch dick und dünn", diogenes, antiquarisch. Darin sind alle seine Amerikareisen enthalten, auch seine Jugend am Missisippi, worin er auch ein Abenteuer mit Tom und Huck eingebaut hat. Ich habe die ersten 50 Seiten schon einmal gelesen und war begeistert von seinen Beschreibungen. Insgesamt sind das über 900 (oder 1000) Seiten, die  sich garantiert lohnen.

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #7 on: 01. November 2011, 07.22 Uhr »
Vielleicht hat der calvinistische Schweizer noch strengere Moralvorstellungen als der katholische Österreicher :): Dort, wo Huck lügt, sind es Notlügen, lässliche Sünden, es ist der Übermut eines Jungen. Und als er Jim zum Narren hält und dieser sich traurig zurückzieht, entschuldigt er sich "sogar beim Nigger - und er hat es später nie bereut". Bösartig, egoistisch ist Huck nirgendwo, manchmal phantasievoll.

Durchaus einverstanden. Mit ein Grund, warum ich finde, dass Twain hier eine im Grossen und Ganzen doch realistische Schilderung von Jugend bzw. Kindheit gelungen ist. (Allerdings ist mir nicht ganz klar, welche Rolle Tom Sawyer, der ja zum Schluss nochmals auftritt, bei besagtem Schluss spielt. Phantasievoll auch er, aber allzu phantasievoll. Das Leben in ein Spiel umbiegend.)

Nostalgie tritt eher in Twains autobiografischem Life on the Mississippi auf, wo der Autor Dinge schildert, die es so zum Zeitpounkt des Abfassens des Textes bereits nicht mehr gab, was er aber, wenn ich mich recht erinnere, im Buch tunlichst ausklammert.
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #8 on: 01. November 2011, 15.32 Uhr »
Hallo!

Um das mit "naiven Wilden" zu präzisieren: Tatsächlich agiert Huck sehr häufig wie etwa die Reisenden aus den Perserbriefen (oder der Chinese Rosendorfers) - und deckt damit die Lächerlichkeit des Verhaltens anderer auf. Als er etwa nicht weiß, was ein Fehde ist, die sonntäglichen Aufrufe zur Brüderlichkeit in die Kirche von den sich befeindenden Familien mit dem Gewehr bei Fuß zur Kenntnis genommen werden (und die Predigt des Pfarrers noch explizit gelobt wird) - diese Form zwischen naiv, weltfremd und kindlich macht aus den Erwachsenen die wahrlich Lächerlichen und aus Hucks Einfalt Weisheit. Huck akzeptiert oberflächlich die Moral seiner Witwe oder von Mr. Grangerford, wenn er aber gemäß dieser Moral leben will (als er etwa Jim als entflohenen Nigger zu verraten beabsichtigt) kommt ihm seine - den anderen weit überlegene - natürliche Moral zu Hilfe.

Im Verhalten gegenüber Jim wird das besonders spürbar: Immer wieder spricht Huck mit großer Selbstverständlichkeit Rassenvorurteile aus, um dann nachdenklich zu werden: "Ich glaube fast, dass die Nigger ihre Kinder ebenso lieben wie die Weißen".

"Life on the Mississippi" schildert jenes so einschneidende Erlebnis seiner Flussfahrt nach über 25 Jahren, das ihn den Verlust von Kindheit, Jugend bzw. der damals erlebten Welt endgültig erscheinen ließ (und ihn wohl auch zu einem traurigen, alten Mann werden ließ), kenne ich leider (noch) nicht, soll aber alles nachgeholt werden.

@mombour: "Durch dick und dünn" würde ich gerne lesen, allerdings hat mein Insel-TB (ungekürzt) nur etwa knapp 600 Seiten. Außerdem beschreibt er dort seine erste Reise in den Westen (Originaltitel: Roughing it), vielleicht sind in deiner Ausgabe auch noch andere Reiseberichte enthalten. Sonst kann man kaum auf 1000 Seiten kommen. Sowohl "Leben auf dem Mississippi" als auch "Durch dick und dünn" würde ich gerne (sehr bald) lesen.

lg

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #9 on: 01. November 2011, 17.33 Uhr »
@mombour: "Durch dick und dünn" würde ich gerne lesen, allerdings hat mein Insel-TB (ungekürzt) nur etwa knapp 600 Seiten. Außerdem beschreibt er dort seine erste Reise in den Westen (Originaltitel: Roughing it), vielleicht sind in deiner Ausgabe auch noch andere Reiseberichte enthalten. Sonst kann man kaum auf 1000 Seiten kommen. Sowohl "Leben auf dem Mississippi" als auch "Durch dick und dünn" würde ich gerne (sehr bald) lesen.


 Ich las damals aus "Durch dick und dünn" in einer Ausgabe des Hanser-Verlages (Gesammelte WerkeII). Das waren wirklich, habe ich gerade nachgeprüft, etwas über 1000 Seiten und beginnt damit, dass er als Lotse auf einem Schiff auf dem Missisippi arbeitet. Das Buch war ausgeliehen. Soweit ich mich erinnere, waren darin alle seine Amerikareisen, einschließlich Hawaii, enthalten. Ich vermute,  der Beginn dieses Wälzers  ist sogar "Leben auf dem Missisippi". Ich ordere jetzt diesen Band II.

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mombour
« Last Edit: 01. November 2011, 18.36 Uhr by mombour »
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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #10 on: 02. November 2011, 02.19 Uhr »
Mehr als 1100 Seiten würden darauf hinweisen, dass es sich um "Leben auf dem Mississippi" und "Durch dick und dünn" handelt. Das sind aber zwei ganz verschiedene Werke, ersteres 1883 erschienen (nach der desillusionierenden Mississippireise), das andere 1872, das seinen Ausflug nach dem Wilden Westen nebst Goldrausch & Co beschreibt, nachdem er seinen Job als Lotse auf dem Mississippi verloren hatte. Es ist dies sein erstes größeres Werk, zusammengestellt aus vielen journalistischen Arbeiten.  Wir können gern beide lesen :).

lg

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #11 on: 03. November 2011, 13.00 Uhr »
Life on the Mississippi - ich würd's gerne nachschauen, aber ich habe mit Entsetzen festgestellt, dass mir das Buch bei einem meiner neulichen Umzüge abhanden gekommen ist - schildert das Leben auf dem Mississippi, wie es zur Zeit der Abfassung des Buchs schon nicht mehr existierte, allerdings, meine ich, ohne Bezugnahme grösseren Ausmasses auf die Aktualität. (Oder dann habe ich diese verdrängt ...) Während Roughing it sozusagen "live" verfasst wurde und den Wilden Westen schildert, wie er damals war. (Was eine gewisse Konfrontation erlaubt mit dem Wilden Westen Karl Mays, dessen Bücher auch ungefähr in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts spielen würden, der aber zu keiner Zeit den echten Westen erlebt hat.) Zu Unrecht hierzulande wenig bekannt, wie ich finde.
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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #12 on: 03. November 2011, 15.12 Uhr »
Hallo!

Den "Huck" abgeschlossen. Und das Ende, das letzte Viertel des Buches ist ein wenig unbefriedigend. Tom Sawyer taucht aus dem Nichts wieder auf (in zufällig-dickenscher Manier, das könnte man zur Not noch durchgehen lassen), die sich aber über rund 80 Seiten hinziehende Befreiung Jims in all ihren kuriosen Abwandlungen ist aber ein wenig übertrieben. Was bis dahin eine gelungene, bösartig-satirische Darstellung der Doppelmoral und Heuchelei der amerikanischen Gesellschaft gewesen ist, wird nun zu einer manchmal langweilenden Burleske. Toms unzählige Vorschläge und Handlungen, die Befreiung Jims zu verkomplizieren, sind sicherlich eine Kritik an trivialen Abenteuer- und Ritterromanen, der damals vorherrschenden dime novel (da es erst seit 1891 ein internationales Copyright gab, wurde das literarische Bedürfnis der Amerikaner bis zu diesem Zeitpunkt häufig von englischen Nachdrucken befriedigt, was für die Verlage ungleich günstiger war als eigene Autoren aufzunehmen), aber das Ausmaß dieser kuriosen Komplikationen scheint (mir) übertrieben.

Der tatsächlich revolutionäre Charakter ist Huck Finn, der auf naive Weise die Gesellschaftsordnung anerkennt, aber ihr dort, wo sie seiner natürlichen Moral widerspricht, ganz automatisch zuwiderhandelt. Immer wieder ringt er sich - scheinbar gegen seinen Willen - dazu durch, Jim trotz seiner Herkunft Moral und Intelligenz zuzusprechen (auch wenn er sich nie dazu versteigt, ihm auch explizit das Recht auf Freiheit zuzugestehen). Hucks Moral ist jene über alle Konventionen erhabene des Außenseiters, desjenigen, der da ohne erzieherisches Korsett aufgewachsen allem gegenüber eine menschlich-ethische Haltung einnimmt, ohne aber deshalb moralinsauer zu agieren. Vergleichbar vielleicht mit Holden Caulfield - ohne dessen intellektuelle Reflexionen - oder sogar mit einer Pippi Langstrumpf (die anarchischen Prinzipien von Kinder- und Jugendhelden sind zumeist einander ähnlich). Tom hingegen ist in diesem Buch bereits zivilisatorisch verdorben, er sieht - im Gegensatz zu Huck - nur noch die angelesenen Abenteuer, das eigene Vergnügen vor sich und vergisst zusehends die menschlichen Aspekte. Er erscheint seltsam weltfremd und ein wenig egoistisch, während Huck immer wieder ohne alle intellektuelle Anstrengung das Richtige unternimmt. Gerade weil er eben nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt wird, kann er so handeln wie er handelt.

@mombour: Ich habe die ersten Seiten von "Durch dick und dünn" begonnen - soll ich mit der Lektüre auf dich warten?

lg

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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #13 on: 03. November 2011, 15.48 Uhr »
@mombour: Ich habe die ersten Seiten von "Durch dick und dünn" begonnen - soll ich mit der Lektüre auf dich warten?

ups ;D. ;D Erstmal eine kleine Anekdote. Ich habe das Buch abends am 1.11. bei einem Antiquariat bestellt, die darum gefleht haben, man möge bei ihnen bestellen, denn man werde freundlich und gut bedient. Diese Werbung zieht, ist aber, wie es sich herausgestellt hat, nur das Blaue vom Himmel geleckt, denn bis heute  haben die das Buch nicht weggesendet, haben nicht mal gemailt: "Herzlichen Dank, dass Sie bei uns bestellt haben. Wir schicken ihnen das Buch zügig los." So etwas erwarte ich schon, wenn jemand mit zuvorkommender freundlicher Bedienung wirbt. Schließlich plädiere ich für Ehrlichkeit und nicht fürs Honig ums Maul schmieren (das ist bei uns ein Sprichwort, gibt es das auch in Austria?).

Zu lange Rede kurzer Vermerk. Ich war wenigstens halbintelligent genug und habe das Buch in der Morgenfrühe in unserer Unibibliothek bestellt. Die sagen zwar, ich könne das Buch am 8.11. abholen, erfahrungsgemäß ist das Buch aber früher da. Vielleicht schon Samstag/Montag. Ich werde per mail benachrichtigt.

Wenn du vorliest, dann bitte etwas langsam. Wenn ich das Buch habe, kann ich zügig aufholen. 50 Seiten in einem Atemzug bzw. pro Tag meine ich.

Liebe Grüße
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« Last Edit: 03. November 2011, 15.54 Uhr by mombour »
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Re: Mark Twain: Huckleberry Finn
« Reply #14 on: 03. November 2011, 16.08 Uhr »
Hallo!

Was die Form der Freundlichkeit anlangt haben wir ganz dieselben Vorstellungen. Und Honig wird auch in Österreich ums Maul geschmiert ;).

Vielleicht werde ich den "Letzten Mohikaner" oder "Onkel Toms Hütte" zwischenlesen. Würde thematisch-geographisch passen.

lg

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