Author Topic: Horace Walpole: Die Burg von Otranto  (Read 7821 times)

Offline orzifar

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Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« on: 12. September 2011, 17.14 Uhr »
Hallo!

Walpole gebührt die Ehre, den (einen) ersten Schauerroman der Frühromantik geschrieben zu haben. Das Mittelalter stand zu diesem Zeitpunkt (1764) in Verruf, es entsprach so gar nicht dem vernünftigen, aufgeklärten Jahrhundert, galt vielmehr als eine Zeit, die endgültig überwunden schien. Walpole aber hatte ein Faible für die Gotik, erbaute sich ein entsprechendes Schlösschen (die Urteile über diesen Landsitz schwanken von wundervoll und detailgetreu bis hässlich-kitschig) und schuf eben diesen Roman (Initialzündung dafür war, nach Berichten des Autors, ein Traum).

Was immer Walpole an diesem Abend gegessen haben mag: Er schiene besser daran getan zu haben, wenn er sich der Nahrung ganz entschlagen hätte. Der Roman ist gar gräulicher Kitsch, nur für Leser mit starkem Magen zu empfehlen. Manfred, der Fürst zu Otranto, ist ein Usurpator, verschiedene Prophezeihungen weisen auf den Untergang seines Geschlechtes hin, den er mit allen Mitteln (und Intrigen) zu verhindern sucht. Am Ende schlägt das Unternehmen fehl, der Fürst endet im Kloster, die Kinder sind tot und der rechtmäßige Erbe übernimmt die Krone.

Bis man endlich dahin gelangt muss man jeglichen nur denkbaren Schauerromankitsch ertragen. Alle Figuren sind im Grunde blass, konturlos, die Frauen devot, keusch, manchmal (im Falle der Kammerzofe) neugierig und geschwätzig, die Feuchtigkeit der alten Gemäuer ist nicht weiter verwunderlich ob der Hektoliter an Tränenflüssigkeit, die von den Damen vergossen werden. Und auch mit dem sonstigen Gesundheitszustand der holden Weiblichkeit steht es nicht zum Besten: Kaum eine Szene, in der nicht einer Dame ihr niedriger Blutdruck zum Verhängnis wird und sie ohnmächtig hinsinkt (aus Verzweiflung, Freude, Schrecken). Dieser Teil der Gesellschaft ist also ein Fall für den Internisten und/oder Psychologen.

Und da wären noch die Männer: Ein Schurke (der genannte Manfred), ein junger Held (vormals Bauernbursche, dann natürlich - wie könnt' es anders sein, der rechtmäßige Erbe), dessen langweiliger Edelmut auf die Nerven fällt und dem man nach der dritten Ankündigung, ihn zum Tode zu verurteilen, dieses Dahinscheiden bereits sehnlichst wünscht, ein untadeliger Mönch (mit dubioser Vergangenheit und herrschaftlicher Abkunft, der sich als Vater des vorgenannten Bauernburschen entpuppt) und ein weiterer schwacher Fürst mit Neigung zu jungfräulichen Mädchen. Diese gesamte Schlossbelegschaft rennt durch die modrigen Räume, der Wind weht, die Türen knarzen, Kerzen werden ausgeblasen, Nebel verhüllt den Mond, Porträts verlassen seufzend ihre Rahmen und Statuen haben, wenn denn der Frevel zu groß wird, Nasenbluten. Dazu erscheinen Körperteile eines Riesen (Teil einer Prophezeigung), ein riesiger Helm aus dem Nichts und erschlägt den Sohn des Usurpators, ein ebensolches Riesenschwert taucht auf (hat dann aber keine Funktion), Verschollene kehren nach jahrelanger Gefangenschaft von Kreuzzügen heim, Ritter kommen und gehen und schlagen sich ohne einander viel zu fragen die Köpfe ein, worauf man nach stattgehabten Kampf überrascht feststellt, dass es wieder mal den Falschen erwischt hat.

Walpole lässt kein Klischee aus, der Handlungsverlauf ist vorhersehbar und dadurch langweilig, einzig die Dialoge manchmal von unfreiwilliger Komik (während ständig lilienweiße Hände mit Tränen genetzt werden). Es ist - auch wenn Walpole als Erster und damit Begründer eines Genres gelten kann - ein wirklich grauenhaftes Stück Prosa; und wenn man im Nachwort von der Bedeutung des Konfliktes zwischen weltlicher und kirchlicher Macht sprechen hört, vom "Sinn des situativen Kontextes der Handlung und der atmosphärischen Qualität des 'gestimmten Raumes'" oder von Manfred als einem gelungenen Typus des Gewaltherrschers liest (dieser Manfred ist primitiv, einfach und dumm gezeichnet und nicht einmal stimmig: Denn sein schließliches Abtauchen ins Kloster passt überhaupt nicht zu seinem sonstigen Verhalten; andererseits muss man wahrlich froh sein über diese Wendung, kommt der Roman doch dadurch endlich zu seinem Abschluss), dann hat man den Eindruck, dass nicht nur Walpole sich sein schweres Abendessen hätte ersparen sollen, sondern auch der Schreiber des 30seitigen Nachworts.

Wer sich manchmal bei E. T. A. Hoffmann ein wenig langweilt sei vor der "Burg von Otranto" eindringlich gewarnt: Jeder Groschenroman birgt ebenso viele Überraschungsmomente wie dieses Machwerk. Dem ist auch nicht mit dem Hinweis zu entkommen, dass es sich hier um ein literarhistorisches Werk handelt: Von seinem Erstlingsstatus einmal abgesehen ist das wirklich fürchterliches Elaborat.

lg

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #1 on: 12. September 2011, 19.07 Uhr »
Hallo!

Es ist - auch wenn Walpole als Erster und damit Begründer eines Genres gelten kann - ein wirklich grauenhaftes Stück Prosa; [...]

Meinst Du nun den Stil oder den Inhalt? Letzeres würde mich nicht wundern - Schauerroman ist per definitionem "grauenhaft". Nicht im Sinne von "Grauen erregend" sondern im Sinne von "dilettantisch, unfreiwillig komisch". Noch der Grossmeister des Schauerromans - Sue - konnte dem nicht entrinnen.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #2 on: 12. September 2011, 20.05 Uhr »
Meinst Du nun den Stil oder den Inhalt? Letzeres würde mich nicht wundern - Schauerroman ist per definitionem "grauenhaft". Nicht im Sinne von "Grauen erregend" sondern im Sinne von "dilettantisch, unfreiwillig komisch".


Wäre bloß der Inhalt allein grauen-haft. Die gesamte Handlung, die Verflechtungen, Charaktere, die Motivationen der Figuren, das ganze Ambiente: All das ist derart dilettantisch, dass man sich kaum einen Groschenroman denken kann, der diese Dinge schlechter gelöst hätte. Eugene Sue kenne ich nur in Auszügen: Ich habe ihn nicht ganz so trivial in Erinnerung wie Walpole (wobei mich diese meine Erinnerung auch täuschen könnte). Das hier mutet wie eine Parodie auf einen Schauerroman an: Jedesmal, wenn man einen veritablen Ohnmachtsanfall befürchtet rumpelt's auch schon und die Jungfer liegt da - hingestreckt von ihrer Sensiblilität. Gräulich, grausig, grauenhaft. So viel Grauen hat kein Schauerroman verdient ;).

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #3 on: 13. September 2011, 20.15 Uhr »
Neben Sue erinnere ich mich auch an Lewis' The Monk. Ähnlich schlecht konstruiert, mit äusserst schlechten Gedichten gespickt. Angeblich welche der Protagonisten, aber in Tat und Wahrheit hat Lewis natürlich die Gelegenheit benutzt, seine eigenen ansonsten unverkäuflichen Elaborate loszuwerden ...
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Offline sandhofer

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #4 on: 05. Juni 2012, 10.44 Uhr »
Hallo!

Hab's mittlerweile auch gelesen. Im Gegensatz zu Monk Lewis - dem es bierernst war um sein Elaborat - will mir allerdings scheinen, dass Walpole den Leser ganz schön auf den Arm nimmt, den Leser und die Literaturgeschichte bzw. die Literaturkritiker (allen voran Voltaire, der damals für Europa war, was heute MRR für Deutschland). Das Ungeregelte, Unvollkommene steht im Vordergrund - und gräbt prompt allem anderen das Wasser ab.

Grüsse

sandhofer
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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #5 on: 05. Juni 2012, 11.30 Uhr »
PS.

und wenn man im Nachwort von der Bedeutung des Konfliktes zwischen weltlicher und kirchlicher Macht sprechen hört, vom "Sinn des situativen Kontextes der Handlung und der atmosphärischen Qualität des 'gestimmten Raumes'" oder von Manfred als einem gelungenen Typus des Gewaltherrschers liest

Wenn er denn nicht wirklich zu fett genachtmahlt hat, oder seine Leser auf eigene Rechnung veräppelt, so muss es sich beim Schreiber Deines Nachwortes wohl wirklich um einen jener literaturwissenschaftlichen Helden handeln, die a) ihre Texte immer viel zu ernst nehmen, b) sich selber dito und deshalb c) allüberall Tiefsinn zu erblicken vermeinen ...

 :yodel:
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Offline sandhofer

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #6 on: 06. Juni 2012, 09.43 Uhr »
Ich habe im Blog meine Ideen zu fixieren versucht.  :yodel:
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Offline orzifar

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #7 on: 07. Juni 2012, 02.18 Uhr »
Vielleicht ist diese Lesart die einzig mögliche - um nicht den Brennwert des in Frage stehenden Werkes genau bestimmen zu müssen. (Mir gebricht's an Zeit, genauer darauf einzugehen - und nochmal reinlesen: Igitt - hier sollte ein Davonrennsmiley stehen ...)

lg

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #8 on: 07. Juni 2012, 08.50 Uhr »
Nun ja - selbst wenn's nicht als Karikatur gedacht war: Geworden ist es eine. Und eine sehr amüsante, wie ich finde ...  >:D
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Offline Gontscharow

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #9 on: 07. Juni 2012, 10.57 Uhr »

... um nicht den Brennwert des in Frage stehenden Werkes genau bestimmen zu müssen.

Orzifar! Da verstehe ich als gute Reudeutsche keinen Spaß. Wer den Brennwert von Büchern bestimmt, bestimmt auch den von Menschen! Bitte erst wieder in zweihundert Jahren sich solcher Bonmots zu bedienen! Obwohl dann voraussichtlich von Verschrottungswert die Rede sein wird. Süß-sauer-lächel…

Offline orzifar

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #10 on: 07. Juni 2012, 14.39 Uhr »

... um nicht den Brennwert des in Frage stehenden Werkes genau bestimmen zu müssen.

Orzifar! Da verstehe ich als gute Reudeutsche keinen Spaß. Wer den Brennwert von Büchern bestimmt, bestimmt auch den von Menschen! Bitte erst wieder in zweihundert Jahren sich solcher Bonmots zu bedienen! Obwohl dann voraussichtlich von Verschrottungswert die Rede sein wird. Süß-sauer-lächel…

Aber ich dachte doch nur an ein ganz kleines privates Autodafé in meinem Zentralheizungsofen für feste Brennstoffe - wenn denn der Winter naht ...

@sandhofer: Ich weiß nicht. Ich halte es für problematisch, bei einem Buch festzustellen, dass es - weil man dem Autor einen solchen Mist nicht zutrauen kann (will) - einfach anders aufgefasst werden muss. Gerade in der nachfolgenden Romantik gibt es ähnliche Werke (Eichendorffs Schloss Dürande oder Das Marmorbild), die, wenn sie auch einen bestimmten Zeitgeist widerspiegeln, für normale Magennerven unverdaulich sind. Und dass Walpole bloße Satire ist - ich weiß nicht ... Wobei: Selbst als Shakespeareparodie kann ich mir Unterhaltsameres vorstellen.

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #11 on: 07. Juni 2012, 14.45 Uhr »
Ich halte es für problematisch, bei einem Buch festzustellen, dass es - weil man dem Autor einen solchen Mist nicht zutrauen kann (will) - einfach anders aufgefasst werden muss.

Ich ja auch. Und für eine genaue Analyse habe ich, ehrlich gesagt, weder Zeit noch Lust. Aber ich habe mich bei der Lektüre der Groteske amüsiert. Nebenbei: es gibt Autoren, die es wirklich ernst meinen mit dem Schauerlichen ...

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Offline sandhofer

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #12 on: 07. Juni 2012, 18.54 Uhr »
Noch ein Stichwort zu Walpole: Er hat eindeutig Die Gesänge des Maldoror vom Comte de Lautréamont beeinflusst. Lautréamont seinerseits gehörte dann zum Pantheon des französischen Surrealismus ...
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Offline Regina

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #13 on: 07. Juni 2012, 21.14 Uhr »
Du stehst mit deiner Einschätzung nicht alleine da, sandhofer.
In "Fantasy: the 100 best books" enden Moorcock/Cawthorn ihren Artikel mit:
There is enough evidence in Otranto to suggest that Walpole might have taken the joke more lightly than some of his doom-laden successors.

Interessant fand ich ihren Hinweis auf Giovanni Piranesis Architekturphantasien. Die Carceri sind wohl verantwortlich für die unendlichen Kerkerweiten und auch der dicke Trumm von Helm soll bei Piranesi zu finden sein.
Boethius - Trost der Philosophie
Peter Altenberg - Prodromos
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Offline sandhofer

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Re: Horace Walpole: Die Burg von Otranto
« Reply #14 on: 08. Juni 2012, 07.20 Uhr »
Du stehst mit deiner Einschätzung nicht alleine da, sandhofer.
In "Fantasy: the 100 best books" enden Moorcock/Cawthorn ihren Artikel mit:
There is enough evidence in Otranto to suggest that Walpole might have taken the joke more lightly than some of his doom-laden successors.

Es müsste halt mal genauer untersucht werden, wenn das nicht gemacht worden schon ist. Aber dazu bin ich aktuell zu faul. Vielleicht später mal als Pensionist ...  :angel:

Nebenbei: Wikipedia ist wieder mal ungenau in den Details (wie soll man dann das Grosse ernst nehmen, wenn schon die Kleinigkeiten nicht stimmen?): Es war schon die zweite, und nicht, wie der Satz "1766 folgte die dritte Auflage, die bereits den Untertitel „A Gothic Story“ trug." suggeriert, erst die dritte Auflage, in der Walpole seinen Roman als gotisch stilisierte.
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