Hallo!
Walpole gebührt die Ehre, den (einen) ersten Schauerroman der Frühromantik geschrieben zu haben. Das Mittelalter stand zu diesem Zeitpunkt (1764) in Verruf, es entsprach so gar nicht dem vernünftigen, aufgeklärten Jahrhundert, galt vielmehr als eine Zeit, die endgültig überwunden schien. Walpole aber hatte ein Faible für die Gotik, erbaute sich ein entsprechendes Schlösschen (die Urteile über diesen Landsitz schwanken von wundervoll und detailgetreu bis hässlich-kitschig) und schuf eben diesen Roman (Initialzündung dafür war, nach Berichten des Autors, ein Traum).
Was immer Walpole an diesem Abend gegessen haben mag: Er schiene besser daran getan zu haben, wenn er sich der Nahrung ganz entschlagen hätte. Der Roman ist gar gräulicher Kitsch, nur für Leser mit starkem Magen zu empfehlen. Manfred, der Fürst zu Otranto, ist ein Usurpator, verschiedene Prophezeihungen weisen auf den Untergang seines Geschlechtes hin, den er mit allen Mitteln (und Intrigen) zu verhindern sucht. Am Ende schlägt das Unternehmen fehl, der Fürst endet im Kloster, die Kinder sind tot und der rechtmäßige Erbe übernimmt die Krone.
Bis man endlich dahin gelangt muss man jeglichen nur denkbaren Schauerromankitsch ertragen. Alle Figuren sind im Grunde blass, konturlos, die Frauen devot, keusch, manchmal (im Falle der Kammerzofe) neugierig und geschwätzig, die Feuchtigkeit der alten Gemäuer ist nicht weiter verwunderlich ob der Hektoliter an Tränenflüssigkeit, die von den Damen vergossen werden. Und auch mit dem sonstigen Gesundheitszustand der holden Weiblichkeit steht es nicht zum Besten: Kaum eine Szene, in der nicht einer Dame ihr niedriger Blutdruck zum Verhängnis wird und sie ohnmächtig hinsinkt (aus Verzweiflung, Freude, Schrecken). Dieser Teil der Gesellschaft ist also ein Fall für den Internisten und/oder Psychologen.
Und da wären noch die Männer: Ein Schurke (der genannte Manfred), ein junger Held (vormals Bauernbursche, dann natürlich - wie könnt' es anders sein, der rechtmäßige Erbe), dessen langweiliger Edelmut auf die Nerven fällt und dem man nach der dritten Ankündigung, ihn zum Tode zu verurteilen, dieses Dahinscheiden bereits sehnlichst wünscht, ein untadeliger Mönch (mit dubioser Vergangenheit und herrschaftlicher Abkunft, der sich als Vater des vorgenannten Bauernburschen entpuppt) und ein weiterer schwacher Fürst mit Neigung zu jungfräulichen Mädchen. Diese gesamte Schlossbelegschaft rennt durch die modrigen Räume, der Wind weht, die Türen knarzen, Kerzen werden ausgeblasen, Nebel verhüllt den Mond, Porträts verlassen seufzend ihre Rahmen und Statuen haben, wenn denn der Frevel zu groß wird, Nasenbluten. Dazu erscheinen Körperteile eines Riesen (Teil einer Prophezeigung), ein riesiger Helm aus dem Nichts und erschlägt den Sohn des Usurpators, ein ebensolches Riesenschwert taucht auf (hat dann aber keine Funktion), Verschollene kehren nach jahrelanger Gefangenschaft von Kreuzzügen heim, Ritter kommen und gehen und schlagen sich ohne einander viel zu fragen die Köpfe ein, worauf man nach stattgehabten Kampf überrascht feststellt, dass es wieder mal den Falschen erwischt hat.
Walpole lässt kein Klischee aus, der Handlungsverlauf ist vorhersehbar und dadurch langweilig, einzig die Dialoge manchmal von unfreiwilliger Komik (während ständig lilienweiße Hände mit Tränen genetzt werden). Es ist - auch wenn Walpole als Erster und damit Begründer eines Genres gelten kann - ein wirklich grauenhaftes Stück Prosa; und wenn man im Nachwort von der Bedeutung des Konfliktes zwischen weltlicher und kirchlicher Macht sprechen hört, vom "Sinn des situativen Kontextes der Handlung und der atmosphärischen Qualität des 'gestimmten Raumes'" oder von Manfred als einem gelungenen Typus des Gewaltherrschers liest (dieser Manfred ist primitiv, einfach und dumm gezeichnet und nicht einmal stimmig: Denn sein schließliches Abtauchen ins Kloster passt überhaupt nicht zu seinem sonstigen Verhalten; andererseits muss man wahrlich froh sein über diese Wendung, kommt der Roman doch dadurch endlich zu seinem Abschluss), dann hat man den Eindruck, dass nicht nur Walpole sich sein schweres Abendessen hätte ersparen sollen, sondern auch der Schreiber des 30seitigen Nachworts.
Wer sich manchmal bei E. T. A. Hoffmann ein wenig langweilt sei vor der "Burg von Otranto" eindringlich gewarnt: Jeder Groschenroman birgt ebenso viele Überraschungsmomente wie dieses Machwerk. Dem ist auch nicht mit dem Hinweis zu entkommen, dass es sich hier um ein literarhistorisches Werk handelt: Von seinem Erstlingsstatus einmal abgesehen ist das wirklich fürchterliches Elaborat.
lg
orzifar