Hallo!
Mittlerweile bin ich am Anfang des letzten (mir noch unbekannten) Teils. Spannend ist das Ganze mit Sicherheit und ich kann den Erfolg der Bände durchaus nachvollziehen, wenn ich auch den Eindruck habe, dass Rowling für die letzten Bücher eher mehr Ideenlieferant denn Autorin war. Die Inszenierung ist ein wenig zu perfekt, die Erwartungshaltungen von einem Teil zum anderen werden geschickt geschürt, doch scheint dahinter weniger die Idee einer Geschichte denn die Geschichte eines durchdachten Marketingkonzeptes zu stehen. Für mich ein wenig zu umfänglich, zu ausführlich - und, wie schon erwähnt, zu brutal.
Der Vergleich Voldemort - Hitler drängt sich auf. Beide als die Inkarnationen des absolut Bösen, beide mit Rassenideen, beide einsam, ohne Freunde, aber mit Anhängern. Auch die Mitläuferargumentationen werden übernommen, man habe nicht gewusst, worauf man sich einlässt bzw. habe erst im Verlauf der Zeit die wahre Absicht des "Führers" erkannt. Allerdings ist Voldemort auch eine Schwäche des Buches: Es leuchtet keineswegs ein, warum man sich ihm anschließt. So etwa sitzen zu Beginn des siebten Bandes alle um den Tisch, alle voller Angst, in der Unsicherheit, möglicherweise die Gunst des Herrschers zu verlieren. Dazu ein Lustmord an einer ehemaligen Hogwarts-Lehrerin, die schließlich einer Schlange verfüttert wird, aber die Lust scheint nur Voldemort selbst zu empfinden. Kann man durchaus einleuchtende Gründe dafür finden, dass die Nationalsozialisten erfolgreich Mitglieder rekrutieren konnten, bleibt dies bei den Gefolgsleuten des dunklen Lords unverständlich, sieht man von der Faszination des Bösen, von der Möglichkeit, sadistische Neigungen auszuleben, einmal ab. Es wird von einer zukünftigen Herrschaft gesprochen, es bleibt aber angesichts der Umstände unklar, was es für die Anhänger Voldemorts dabei (neben der Befriedigung perverser Gelüste) zu gewinnen gibt. Träte das Böse tatsächlich in dieser unverfälschten Form auf, müsste man sich keine Gedanken über einen möglicherweise eintretenden Erfolg desselben machen.
Ähnlich ergeht es dem Leser mit Snape: Man ist gespannt, was Dumbledore veranlasst, ihm Vertrauen zu schenken, die schlussendliche Erklärung fällt aber äußerst dürftig und unbefriedigend aus. Ohne die Entstehungsgeschichte der Bücher zu kennen vermute ich, dass die Konzeption der Figuren mehrfach verändert wurde, wohl auch aus verkaufstechnischen Gründen. Die Brüche im Charakter (wie bei Snape) könnten aus solchen immer wieder vorgenommenen Modifizierungen entstanden sein, vielleicht hat man sich erst nach und nach entschlossen, welche Personen man opfert bzw. bis in den letzten Teil mitnimmt.
Bei mir entsteht der Eindruck, dass sich hier eine gruselige Jugendgeschichte mit der Zeit (und dem Erfolg) zu einem splatterfilmartigen Fortsetzungsroman entwickelte, bei dem leisere Töne, Humor, Ironie zugunsten von exzessiver Gewalt und Brutalität immer stärker ausgeblendet werden. Das ist der Hauptgrund für mein relativ eingeschränktes Lesevergnügen.
lg
orzifar