Author Topic: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7  (Read 4790 times)

Offline orzifar

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Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« on: 26. Juli 2011, 02.24 Uhr »
Seltsames Leseprojekt - zugegeben: Eigentlich wollte ich bloß den letzten Harry-Potter-Band lesen (fragen mich doch Kinder von Bekannten manchmal nach meiner Meinung), musste aber nach kurzer Zeit feststellen, dass so faszinierend die ersten 6 Teile nicht waren, dass mir Figuren und Handlung im Gedächtnis geblieben wären. So also habe ich kurzerhand beschlossen, alle sieben Bände zu lesen. Will sich dem zugegebenermaßen etwas sonderbaren Leseprojekt jemand anschließen? (So ganz sicher bin ich mir nicht, ob es dazu überhaupt etwas zu sagen gibt ;)).

lg

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #1 on: 26. Juli 2011, 20.08 Uhr »
Hallo!

Als ich noch pädagogisch tätig war, hätte ich diese Bücher fast mal (aus ebensolchen pädagogischen Gründen) gelesen. Ich bin heute nicht mehr pädagogisch tätig und meine Kinder haben die Bücher auch längst gelesen.

M.a.W.: passe.

Grüsse

sandhofer
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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #2 on: 27. Juli 2011, 00.52 Uhr »
Auch meine pädagogische Zeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen (letztere sind die mühsamsten ;)) liegt zurück, solche Gründe spielen keine Rolle. Ab und an fragen mich aber (Jugendliche) nach Literatur und so hab ich schon vor mehreren Jahren die ersten Bände gelesen (die allesamt so schlecht nicht sind, wie sie manchmal gemacht werden - aber natürlich auch so brilliant nicht, wie sie ihre Anhänger gerne hätten).

Vielleicht schaffe ich's, ein paar Zeilen zu schreiben; was wirklich Neues sind die Bände ja nicht, mutatis mutandis war das alles schon mal da (was nun aber auch nichts Schlechtes sein muss).

lg

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #3 on: 27. Juli 2011, 13.35 Uhr »
Ab und an fragen mich aber (Jugendliche) nach Literatur

Klingt nach dem Alten vom Berg ...  :yodel:  ;D Mich fragt keiner. Zum Glück.
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Offline orzifar

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #4 on: 27. Juli 2011, 16.00 Uhr »
Klingt nach dem Alten vom Berg ...  :yodel:  ;D Mich fragt keiner. Zum Glück.

Alt - naja, Berg - hm, mehr Hügel. Mit so einem Hut könnte ich auch dienen, beim Jodeln würde ich allerdings durchfallen.

Den ersten Teil nun abgeschlossen. Was macht nun diese Bücher - neben allen marketingtechnischen Maßnahmen - zu einem solchen Erfolg? Zum einen sicher die Parallelwelt: Wer hat sich nicht schon nach solchen Welten gesehnt angesichts einer Realität, die einigermaßen mühselig und beladen ist. Außerdem ist die Parallelwelt eine doppelte: Zum einen die der Zauberer, zum anderen jene von Hogwarts - und Internatsromane haben das Flair eines abgeschlossenen, fast nur den Jugendlichen oder Kindern zugängigen Lebensraumes mit seinen eigenen Gesetzen. Auch wenn von seiten der Erwachsenen eingegriffen wird: Zumeist erweist sich die Überschreitung der Regeln als notwendig und rettend, wodurch das Anarchische der Kinder und/oder Jugendlichen eine, die Legitimation schlechthin erfährt: Nur durch Überschreitung der Vorschriften wird die Welt gerettet, wird moralisches Handeln möglich. (Marlen Haushofers Kinderbuch "Müssen Tiere draußen bleiben?" funktioniert ganz ähnlich, wahrscheinlich kann man unzählige weitere Beispiele erfinden.)

Harry Potter ist der typische Protagonist einer solchen Geschichte: In der "normalen" Welt ein Außenseiter, unterdrückt, unterschätzt, ohne Entfaltungsmöglichkeiten. Allen Kindern ist das Gefühl der Ohnmacht bekannt, sowohl körperliche Nachteile als auch (vermeintlich) geistige Unterlegenheit. Und so bedient die Literatur sich der Umkehrung dieser Machtverhältnisse: Pippi Langstrumpf reussiert in körperlichen Belangen, die fünf Freunde, der Detektiv Kim (und unzählige andere) kämpfen auf geistig-moralischer Basis gegen eine oft engstirnige, bornierte Erwachsenenwelt. Harry nebst Ron, Hermine & Co. sind genau hier einzuordnen: Kraft einer vorurteilsfreien, kindlich offenen Betrachtungsweise sind sie den Erwachsenen überlegen.

Ich war allerdings schon als Kind ein recht pragmatischer Leser - und so hätten mich einige Sachen im ersten Band sicherlich verstört: Etwa dieser Hindernislauf in Richtung Stein der Weisen, wenn sie da auf eine verschlossene Tür stoßen und Harry kraft seiner Quidditch-Künste den richtigen Schlüssel unter vielen anderen herumschwirrenden zu fangen imstande ist. Mir hätte ganz sicher nicht eingeleuchtet, warum da überhaupt Schlüssel durch die Gegend schwirren, wenn man denn will, dass die Türe unzugänglich bleibt. Abschließen und einstecken hätte ich da wohl vorgeschlagen und wohl hinzugefügt, dass diese Zauberer sich nicht wirklich klug anstellen.

Konstituierend für diese Art von Büchern ist auch die meist strenge Schwarz-Weiß-Zeichnung der Figuren, die klare Unterscheidung von Gut und Böse. Aber - und das macht Rowling gut - auch das Überraschungsmoment ist notwendig: Sodass sich Snape erst im sechsten Teil (nach meiner Erinnerung) als das entpuppt, was Harry bereits im ersten vermutet - nämlich als Bösewicht - und dass ebenfalls pro Band zumindest ein vermeintlich Guter (oder Böser) am Ende die Seiten wechselt. Denn Kinder sollte man nicht unterschätzen: Allzu einfach konstruierte Geschichten langweilen sie genauso.

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #5 on: 03. August 2011, 14.56 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile bin ich im dritten Band, der mir nun wieder ein wenig besser gefällt als der zweite. Dort schien mir das Ende wiederum allzu konstruiert und der Kampf in der Kammer des Schreckens war von einer ähnlichen Unlogik geprägt wie jener um den Stein der Weisen.

Giesbert hat im Klassikerforum einmal darauf hingewiesen, dass die Dementoren eine Ver- und Bearbeitung der Rowlingschen Depressionen seien - und mir scheint diese Interpretation sehr plausibel. Überhaupt ist dieser ganze Band sehr viel besser strukturiert, die einzelnen Handlungsstränge besser verflochten als im vorhergehenden. Allerdings bin ich erst etwa in der Mitte, die Schwierigkeiten (spannendes Ende, Auflösen bisher rätselhaft bleibender Teile) werden zum Schluss hin größer werden.

Ob ich alle sieben Bände in einem Zug zu lesen imstande sein werde bezweifle ich mittlerweile, manchmal - etwa bei den unzähligen Quidditch-Spielen - bemerke ich denn doch ein leichtes Gähnen. Ein wenig zu simpel ist mir auch das Dreigespann Malfoy - Crabbe - Goyle konstruiert, hier sind nirgendwo Überraschungen verborgen, sie agieren allzu schablonenhaft.

Und nun hoffe ich, dass ich allenthalben auftauchenden Dementoren einen Patronus entgegensetzen kann.

lg

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #6 on: 12. August 2011, 14.18 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile habe ich rund 2000 Seiten Potter gelesen. So sehr unterscheiden sich die Bände nicht, der Aufbau wirkt recht ähnlich, Cliff-hanger für den nächsten Band, ein bis zwei Episoden in der "Muggelwelt".

Lord Voldemort als die Inkarnation des Bösen bleibt für mich ungreifbar, er ist nur sadistisch, machtbesessen, bösartig, aber einige spezifisch menschliche Züge würden ihn m. E. furchtbarer, weil verständlicher machen. So taucht dieses Böse einmal pro Band auf, tötet, verbreitet Furcht und Schrecken und bleibt dennoch eigentümlich steril. Obwohl sich bereits im vierten Teil (teilweise auch schon im dritten) die Problematik verschiebt: Voldemort als das unaussprechlich Schreckliche (wer denkt da nicht ans Jehova-Sagen ;)) bleibt im Hintergrund, Hauptursache für sein Wiedererstarken wird immer mehr die Ignoranz einer bürokratischen Welt, die sich weigert, ihre Ruhe zu opfern und die Zaubererwelt durch eine manipulierte Presse in vermeintlicher Ruhe wiegt. Fugde und Umbrigde (natürlich auch Percy) sind die Vertreter dieser Haltung, die den Buchstaben des Gesetzes hochhalten und den Gehorsam als ein Gut an sich betrachten (im Grunde ist das etwas, dass uns auch bei Sokrates begegnet, wenn er sich trotz des ungerechten Urteils zu fliehen weigert). Etwas, das in allen Internatsromanen eine wichtige Rolle spielt - und immer zeigt sich, dass ein maßvolles Übertreten der Regeln, Zivilcourage das in Frage stehende Problem besser lösen denn eine brav regelkonforme Haltung.

Was mir bei den Büchern am meisten fehlt ist der Humor. Nur ansatzweise werden die Eigenheiten bestimmter Personen ironisiert, insgesamt aber sind die Bücher von einem Bierernst, der mir ein wenig unangenehm ist. Die Begnung von Zauberer- und Muggelwelt böte ungeheuer viele Möglichkeiten für ironischen Witz (ansatzweise in Mr. Weasley verwirklicht), auch die häufig überspitzt gezeichneten Charaktere. Die, wie oben erwähnt, mir zu einseitig ausfallen, selbst dort, wo sie sich ins Gegenteil verkehren, bleiben sie noch innerhalb des gesteckten Rahmens. Mir wird (ab Teil 4) auch zuviel gestorben, wobei dieses Sterben ein marketingstrategisches Mittel war: So konnte man nach Ende eines Bandes immer spekulieren, wer denn in der nächsten Folge ins Gras beißen muss. Dadurch bekommen die Bücher einen etwas billigen Anstrich, weil sie sich den gängigen Fortsetzungsklischees in Film und Literatur fügen. Mag sein, dass dies eine gute PR-Maßnahme ist, die Qualität scheint mir darunter ein wenig zu leiden. Das heißt nicht, dass ich etwas gegen den Tod an sich in Jugendbüchern hätte, hier aber stirbt es sich spekulativ (mit dem Hintergedanken an Profitmaximierung).

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #7 on: 12. August 2011, 18.42 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile habe ich rund 2000 Seiten Potter gelesen.

Ich vermute, dass da meine ebenfalls rund 2'000 Seiten Gespräche mit Goethe eine befriedigendere Lektüre waren ...  ;D

Grüsse

sandhofer
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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #8 on: 20. August 2011, 16.37 Uhr »
Hallo!

Mittlerweile bin ich am Anfang des letzten (mir noch unbekannten) Teils. Spannend ist das Ganze mit Sicherheit und ich kann den Erfolg der Bände durchaus nachvollziehen, wenn ich auch den Eindruck habe, dass Rowling für die letzten Bücher eher mehr Ideenlieferant denn Autorin war. Die Inszenierung ist ein wenig zu perfekt, die Erwartungshaltungen von einem Teil zum anderen werden geschickt geschürt, doch scheint dahinter weniger die Idee einer Geschichte denn die Geschichte eines durchdachten Marketingkonzeptes zu stehen. Für mich ein wenig zu umfänglich, zu ausführlich - und, wie schon erwähnt, zu brutal.

Der Vergleich Voldemort - Hitler drängt sich auf. Beide als die Inkarnationen des absolut Bösen, beide mit Rassenideen, beide einsam, ohne Freunde, aber mit Anhängern. Auch die Mitläuferargumentationen werden übernommen, man habe nicht gewusst, worauf man sich einlässt bzw. habe erst im Verlauf der Zeit die wahre Absicht des "Führers" erkannt. Allerdings ist Voldemort auch eine Schwäche des Buches: Es leuchtet keineswegs ein, warum man sich ihm anschließt. So etwa sitzen zu Beginn des siebten Bandes alle um den Tisch, alle voller Angst, in der Unsicherheit, möglicherweise die Gunst des Herrschers zu verlieren. Dazu ein Lustmord an einer ehemaligen Hogwarts-Lehrerin, die schließlich einer Schlange verfüttert wird, aber die Lust scheint nur Voldemort selbst zu empfinden. Kann man durchaus einleuchtende Gründe dafür finden, dass die Nationalsozialisten erfolgreich Mitglieder rekrutieren konnten, bleibt dies bei den Gefolgsleuten des dunklen Lords unverständlich, sieht man von der Faszination des Bösen, von der Möglichkeit, sadistische Neigungen auszuleben, einmal ab. Es wird von einer zukünftigen Herrschaft gesprochen, es bleibt aber angesichts der Umstände unklar, was es für die Anhänger Voldemorts dabei (neben der Befriedigung perverser Gelüste) zu gewinnen gibt. Träte das Böse tatsächlich in dieser unverfälschten Form auf, müsste man sich keine Gedanken über einen möglicherweise eintretenden Erfolg desselben machen.

Ähnlich ergeht es dem Leser mit Snape: Man ist gespannt, was Dumbledore veranlasst, ihm Vertrauen zu schenken, die schlussendliche Erklärung fällt aber äußerst dürftig und unbefriedigend aus. Ohne die Entstehungsgeschichte der Bücher zu kennen vermute ich, dass die Konzeption der Figuren mehrfach verändert wurde, wohl auch aus verkaufstechnischen Gründen. Die Brüche im Charakter (wie bei Snape) könnten aus solchen immer wieder vorgenommenen Modifizierungen entstanden sein, vielleicht hat man sich erst nach und nach entschlossen, welche Personen man opfert bzw. bis in den letzten Teil mitnimmt.

Bei mir entsteht der Eindruck, dass sich hier eine gruselige Jugendgeschichte mit der Zeit (und dem Erfolg) zu einem splatterfilmartigen Fortsetzungsroman entwickelte, bei dem leisere Töne, Humor, Ironie zugunsten von exzessiver Gewalt und Brutalität immer stärker ausgeblendet werden. Das ist der Hauptgrund für mein relativ eingeschränktes Lesevergnügen.

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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #9 on: 21. August 2011, 08.01 Uhr »
Hallo!

Spannend ist das Ganze mit Sicherheit und ich kann den Erfolg der Bände durchaus nachvollziehen, wenn ich auch den Eindruck habe, dass Rowling für die letzten Bücher eher mehr Ideenlieferant denn Autorin war. Die Inszenierung ist ein wenig zu perfekt, die Erwartungshaltungen von einem Teil zum anderen werden geschickt geschürt, doch scheint dahinter weniger die Idee einer Geschichte denn die Geschichte eines durchdachten Marketingkonzeptes zu stehen. Für mich ein wenig zu umfänglich, zu ausführlich - und, wie schon erwähnt, zu brutal.

[...]

Bei mir entsteht der Eindruck, dass sich hier eine gruselige Jugendgeschichte mit der Zeit (und dem Erfolg) zu einem splatterfilmartigen Fortsetzungsroman entwickelte, bei dem leisere Töne, Humor, Ironie zugunsten von exzessiver Gewalt und Brutalität immer stärker ausgeblendet werden. Das ist der Hauptgrund für mein relativ eingeschränktes Lesevergnügen.

Dass sich Fortsetzungen - zumal wenn über einen sehr langen Zeitraum daran gewerkelt wurde - anders entwickeln als der Autor von 10 Jahren es mal plante, scheint mir normal. Karl May konnte innerhalb von Monaten ein Werk in Ziel und Tonfall völlig umkrempeln. Ich bin mir nicht mal sicher, ob dies ein Merkmal von Trivialliteratur sein könnte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob hier eine Marketingabteilung mitgeholfen hat, oder ob Fr. Rohland, die ja auch an schriftstellerischer Erfahrung gewonnen haben müsste, sich von sich aus "perfektioniert" und den Ton der Story geändert hat.

Aber das Ganze ist meinerseits ein wenig ins Blaue geredet, weil ich ausser Ausschnitten aus den ersten drei Büchern Potters Harry nicht näher kenne...

Grüsse

sandhofer
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Re: Joanne K. Rowling: Harry Potter 1 - 7
« Reply #10 on: 24. August 2011, 14.48 Uhr »
Hallo!

Dass sich Fortsetzungen - zumal wenn über einen sehr langen Zeitraum daran gewerkelt wurde - anders entwickeln als der Autor von 10 Jahren es mal plante, scheint mir normal. Karl May konnte innerhalb von Monaten ein Werk in Ziel und Tonfall völlig umkrempeln. Ich bin mir nicht mal sicher, ob dies ein Merkmal von Trivialliteratur sein könnte. Ich bin mir auch nicht sicher, ob hier eine Marketingabteilung mitgeholfen hat, oder ob Fr. Rohland, die ja auch an schriftstellerischer Erfahrung gewonnen haben müsste, sich von sich aus "perfektioniert" und den Ton der Story geändert hat.

Aber das Ganze ist meinerseits ein wenig ins Blaue geredet, weil ich ausser Ausschnitten aus den ersten drei Büchern Potters Harry nicht näher kenne...

Dass sich das Ziel (nicht nur eines Fortsetzungsromans) mit der Zeit verliert bzw. verlieren kann, liegt auf der Hand. Bei Potter habe ich den Eindruck, dass aus einer Schüler-Abenteuer-Zauberer-Geschichte mit der Zeit ein actionorientiertes Drehbuch wird, dessen Gestaltung zu einem Gutteil von den bereits begonnenen Verfilmungen abhing.

Die Wende Snapes Haltung betreffend (im letzten Teil) finde ich einerseits notwendig (wegen der von mir angemahnten, schwachen Motivationen für sein Tun), auch gut gestaltet, allerdings wird dadurch die permanente Aggression, Benachteiligung Potters gegenüber den Slytherins in gleicher Weise wieder unverständlich. Und warum die Ziele Dumbledores und Snapes bis zum Ende verborgen bleiben müssen, ist einzig durch das Aufrechterhalten des Spannungsbogens zu erklären, nicht aber aus dem Verlauf der Handlung selbst (es hätte etwa nicht den geringsten Grund gegeben, Mc Gonagall, Teile des Phönix-Ordens nicht über die Pläne zu informieren). Der doppelte Showdown (zweimal high noon: Einmal im Wald, dann in Hogwarts), das traumhafte Auftauchen Dumbledores habe ich ebenfalls mit gerunzelter Stirn betrachtet, bedauerlich auch, dass einiges irgendwie unvollendet blieb (mein Eindruck: Rowling hatte genug, deshalb auch der kurze Abschnitt des "19 Jahre später"): Umbridge hätte sich einen weiteren Auftritt verdient, auch die Dursleys usf. Statt des gedoppelten Action-Abschlusses eine längere Passage über das danach.

Gut gelungen bis zum Ende fand ich Luna Lovegood (nebst Papa Xenophilius): Sie bleiben plausibel, bringen auch jenes Stück Humor mit, das ich über weite Strecken vermisst habe (blutspritzendes Dahinsterben verkauft sich allemal besser denn Witz und Ironie - und es schreibt sich auch leichter). Hauptkritikpunkte für mich sind eben diese spekulativ erscheinende Brutalität, teilweise Überlängen und Wiederholungen sowie die relativ undifferenzierte Darstellung des Bösen in Voldemort (so wirkte deshalb Umbridge auf mich sehr viel beängstigender als der Dunkle Lord). Insgesamt aber eine spannende Unterhaltung, die gelesen zu haben ich durchaus nicht bereut habe (auch wenn möglicherweise 2000 Seiten Goethegespräche dadurch verschoben werden mussten ;)).

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