Hallo!
Die konkrete Lösung bestimmter philosophischer oder politischer Probleme war auch nicht sein Anliegen, Sokrates verstand ja seine Tätigkeit in erster Linie als Hilfe zur Selbsthilfe. Er prüfte nicht nur den Wissensstand seiner Gesprächspartner, um ihnen nachzuweisen, auf welch schwankendem Grund ihre Auffassungen standen, sondern gab ihnen auch die Methode an die Hand, es selbst zu tun. Auf diese Weise wollte er bei denen, die überhaupt willens dazu waren, einen Erkenntnisprozess in Gang setzen. Erkenntnis hieß bei ihm ja immer Erkenntnis des Guten. Und die Erkenntnis des Guten führt zwangsläufig zum richtigen Handeln (wenn ich mich recht erinnere, ist das die Kernaussage des Protagoras).
Ja, diese Erkenntnis und das Tun sind fast in eins zu setzen. Wenigstens dann, wenn es sich um die "wahre" Erkenntnis handelt, eine Erkenntnis, die dieses Tun nach sich zieht - die gar nicht anders kann, können kann. Wäre dies nicht der Fall, so würde es sich nicht um die wahre Erkenntnis handeln.
Bezüglich der Apologie ein wenig off topic:
Der geistige Prozess, dieses Erkennen, ist für Sokrates die Voraussetzung. Und dieses Erkennen tut sich kund im (Zwie-)Gespräch, im logon didonai. Es klingt selbstverständlich, dass jemand, dem eine bestimmte Eigenschaft zu eigen ist, diese auch beschreiben, von ihr Rechenschaft ablegen könne. Aber zum einen ist dies so selbstverständlich nicht (dass etwa der Tapfere auch sagen könnte, was denn Tapferkeit ausmacht), zum anderen ist für Sokrates nur derjenige tapfer, der eben diese Eigenschaft beschreiben
kann (bezüglich Tapferkeit vergleicht er etwa Achill und Odysseus im "Hippias" und weist auf genau dieses Bewusstsein seiner eigenen Fähigkeiten hin: Weshalb Achill ein bloßer Draufhau ist, während tapfer nur der ist bzw. sein kann, der die Situation genau analysiert, Gefahren abschätzt etc. und aufgrund dieser seiner Beurteilung einer Lage dann tapfer oder eben auch nicht tapfer ist (hier dann Odysseus)). Nur wer das Wissen von etwas besitzt (in Sokrates' Fall auch das Wissen vom Wissen des Nichtwissens), kann wahrhaftig als einer dieser Eigenschaft Teilhaftiger bezeichnet werden.
Und bei Sokrates, wie im ersten Absatz bzw. von Anna erwähnt, ist diese Erkenntnis automatisch mit der "richtigen" Handlung verknüpft. Richtig Handeln kann nur der, der ein Bewusstsein dieser Richtigkeit hat - und da niemand gegen seine eigenen Interessen handelt (und das Richtige - wenn es denn "wirklich" im sokratischen Sinne erkannt wird - immer in diesem Interesse ist), wird der, der die Erkenntnis besitzt, auch dementsprechend sich verhalten.
Das steht nun etwa diametral der christlichen Ethik entgegen, wenn es dort heißt, dass wir werden sollten wie die Kinder (bzw. selig jene sind, die da eine gewisse Geisteseinfalt besitzen). Für Sokrates wäre ein solches Gutsein eine Unmöglichkeit, weil es eben ein Gutsein ohne Bewusstsein ist und tugendhaft sein eben die Kenntnis von Tugend voraussetzt. (Sonst ist man eben scheinbar mutig wie Achill.)
Eine Variante dieser Moralphilosophie bietet Kant an: Bei ihm ist dieses Wissen ebenfalls Voraussetzung, er schließt aber bezüglich der Handlungen auf das genaue Gegenteil wie Sokrates: Bei diesem ist Erkenntnis des Guten und gut handeln eins, bei Kant handelt moralisch immer nur der, der einen gewissen Widerstand überwindet, hier folgt das Tun zwar auch der Erkenntnis, aber es fällt dem Betreffenden schwer. Da scheint sich ein Unterschied in der Einschätzung der menschlichen Natur kund zu tun: Für Sokrates ist die gute Handlung eine Selbstverständlichkeit (nach dem Erkennen), für Kant ist sie sogar nur dann gut, wenn sie dem Betreffenden schwer fällt (der christlich Einfältige als gut Handelnder fällt bei beiden durch den Rost).
Ich habe die Apologie gestern abgeschlossen, muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Teile des Kriton und Phaidon in diese Apologie verlegt habe.
lg
orzifar
@Sandhofer: Jeder Autor schreibt ex post bzw. weiß, wie seine Geschichte enden wird. Das bedeutet nun nicht, dass der Figur ein Bewusstsein ihres vermeintlichen Endes in den Mund gelegt wird - oder aber, dass dies selbstverständlich ist. Aber natürlich stimmt es, dass Platons Sokrates ein Muster, Vorbild des philosophischen, weisen Menschen sein soll.