Hallo,
bin nun bis zum 27. Brief gekommen, Ankunft Usbeks in Paris. Alles dreht sich bislang um Religion und Moral, vor allem Sexualmoral, nur einmal (Brief Nr. 17) werden philosophische Zweifel (allerdings wieder bezüglich der religiösen Überlieferung) geäußert, die auf eine (wahrscheinlich) kommende, skeptizistische Auseinandersetzung hindeuten (ich rechne mit dem Einfluss des cartesisanischen Zweifels).
Angesichts des Bisherigen tut es mir leid, keine weibliche Person in der Leserunde zu haben

. Das, was als moslemische Sexualmoral präsentiert wird, ist so fern dem üblichen - auch in Mitteleuropa auffindbaren - Machismo nicht. Die Frau als eine per se minderwertige Person, deren Zweck es ist, dem Manne (im Bett) bzw. als Zierde und Schmuck zu dienen, wobei die sexuelle Anziehung und Verwirrung, die sie ausübt (und den Betreffenden verunsichert), der besseren Argumentation wegen umgekehrt wird: So wird also diejenige, die Begierden weckt, selbst als lüstern gedacht, indem man das eigene männliche Denken und Verhalten auf den anderen überträgt und ihm genau das unterstellt, was man selbst spürt. (In der Eifersucht männlicherseits habe ich derlei oft gesehen: Je untreuer, je eifersüchtiger.)
Hierin unterscheidet sich die Sexualmoral Usbeks nicht im mindesten von der christlichen: Auch hier eine minderwertige, durch unterstellte Triebe schwache Frau, die der Führung bedarf bzw. als Gefahr gesehen wird, weil sie als Auslöser für all die den Mann beunruhigenden Gelüste fungiert. Das ist Grundlage für Hexenverfolgung (wer im Hexenhammer etwa die Verhörmethoden liest, hat ständig den Eindruck, dass da ein eifersüchtiger Liebhaber begierig fragt, dass es ihm um sexuelle Erregung zu tun ist, für die er dann die Ursache derselben zu bestrafen sucht.) Bei Philosophen liest sich so etwas ganz ähnlich, Paradebeispiel sind Schopenhauer und Nietzsche, deren hormonelle Verunsicherung allerhand Schwachsinniges bezüglich der Frau zutage förderte. Besonders amüsant der einsame Spaziergänger von Maria Sils, der die Peitsche mitnehmen wollte zum Weibe, um seiner eigenen (lebenslang pubertären) Verunsicherung Herr werden zu können (und der Ausspruch Russels, dass 90 % der Damen ihm die Peitsche weggenommen und um die Ohren gehauen hätten, hat sehr viel Wahres).
Und so spricht Usbek von der Schamlosigkeit des Weibes in Paris, weil sie ihm sein unverhülltes Antlitz präsentiert, während das einzig Schamlose sich in diesem Augenblick nur in ihm selbst befindet. Da man sich heutzutage in manchmal abenteuerlichen Kopftuchdiskussionen gefällt, sei nur noch erwähnt, dass es derlei im christlichen Abendlande (mit der nur in Nuancen unterschiedlichen Sexualmoral) bis noch vor gar nicht langer Zeit ebenfalls gab: Ich habe meine Großmutter nie ohne Kopftuch gesehen und noch heute werden auf dem Land (auf dem ich mittlerweile wieder den größten Teil meiner Zeit zubringe) offene Haare bei älteren Frauen ganz unverhohlen als - tatsächlich - schamlos bezeichnet.
lg
orzifar
@sandhofer: Weißt du, inwieweit sich die Troglodytengeschichte von Herodot von der hier dargestellten unterscheidet? und ob die Begründung für die Unreinheit des Schweines im Koran tatsächlich derart abenteuerlich ist? (ich zweifle ...)