Hallo!
Vor einigen Tage ausgelesen. Und ich muss gestehen, dass mich die zweite Hälfte des Buches noch mehr beeindruckt hat. (Für mich persönlich eigenartig, dass ich an dieses Buch sehr wenig konkrete Erinnerungen hatte, hingegen über "Gammler, Zen und hohe Berge" noch sehr viel genauer Bescheid weiß). - Immer wieder fahren die Hauptfiguren scheinbar motivationslos durch die USA, unruhig, getrieben nach Zielen strebend, die sie nicht zu definieren vermöchten. Ein Drang nach Erleben, nach einem alternativen Lebenskonzept, das aber, wie häufig bei solchen jugendlichen Lebensentwürfen, sich einer genaueren Beschreibung entzieht und seine Kraft aus der Opposition gegenüber herkömmlichen Entwürfen bezieht, ohne diesen Antagonismus aber zerfallen würde. Und so endet diese Alternative oft in einer durch Drogen verursachten, permanenten Trance, in unendlichen Diskussionen, Plänen, Schein-Erkenntnissen.
Kerouac stellt implizit auch das moralisch Fragwürdige solchen Tuns dar: Dean Moriarty (den ich in meiner Jugend in zahlreichen Variationen kennengelernt habe) zeigt sich von allem und jedem begeistert, leidet unter seiner schrecklichen Kindheit und Jugend in diversen Heimen, steht mit Ordnungshütern auf Kriegsfuß, stiehlt - aus Langeweile, aus dem Bedürnfnis nach Spannung oder einzig, um irgendetwas zu tun - Autos, betrachtet gerührt kleine mexikanische Kinder, ohne aber sich der Verantwortung für seine eigenen Kinder (die über ganz Amerika verstreut werden) bewusst zu sein. Eine Art drogeninduzierter, pseudomoralischer Egotrip, der mit seltsamen Idealisierungen (die meist von Leuten außerhalb des Milieus konstruiert werden) aufräumt: Denn es gibt keinen Ehrenkodex unter Verbrechern oder Süchtigen - und es ist auch nicht zu sehen, warum dies so sein sollte.
Das macht die Qualität der Darstellung aus: Keine dümmliche Verklärung von Freiheit und Drogen, sondern (möglicherweise sogar ungewollt) eine ungeschminkte Schilderung des Lebens auf der Straße in all seinen Höhen und Tiefen, mit seinen ekstatischen Festen, Orgien, aber auch mit all dem Katzenjammer, der Verzweiflung, Zukunftslosigkeit. Und mit Personen, deren Moral sich nicht wesentlich unterscheidet von jener, der sich die Mitglieder der kritisierten Gesellschaft befleißigen. Daneben gibt es ganz wundervoll beobachtete Szenen, welche ich in dieser Form mutatis mutandis nur allzu oft erlebt habe: Als etwa der schwarze Musiker am Tisch von Sal und Dean Platz nimmt, einer, der nur noch für seine Musik lebt, der aber offenbar des Alkohols und der Drogen wegen zu keinem vernünftig-nachvollziehbaren Satz mehr fähig ist, eigentlich nur noch Laute, Ausrufe von sich gibt. Für Dean aber ist dieses Gebrabbel Weisheit, höchste Erkenntnis - und so lallt und stammelt der eine, während der andere daraus höchsten Erkenntnisgewinn zu ziehen glaubt und dieses Lallen mit Ausrufen größter Begeisterung quittiert.
Vielleicht mag jemandem, der solch groteske Szenen nie gesehen hat, eine derartige Unterhaltung konstruiert, künstlich erscheinen. Aber ich habe Ähnliches unzählige Male in realiter erlebt, kannte namentlich einen Alkoholiker, der mit drei völlig sinnfreien "Sätzen" (eigentlich Ausrufen: "Hasta la vista", "Wie läuft der Hase?", "Porsche Carrera") über Jahre hinweg seine Unterhaltungen bestritt. Und dem es keineswegs an Gesprächspartnern mangelte, Gesprächspartner, die sich zwar eines geringfügig größeren Wortschatzes bedienten, der aber mitnichten sinn- oder ausdrucksvoller war. Man stand gemeinsam an der Theke, leerer, glasiger Blick, hörte plötzlich eine der oben genannten Interjektionen, dann Stille. Und Minuten später nickt das Gegenüber, bestätigt - oder lacht ob der Originalität der Bemerkung. Oder die völlig bezugslose Begeisterung von Kiffern, auf etwas Beliebiges, einen Hydranten, eine Buchsbaumhecke hinweisend "hey, wow, schau, diese Ziegel, dieser Baum, dieses Schild, hey d i e s e r Buchstabe, das AAAAAAAAAA". All das in einer Form, als wäre dem Betreffenden der Sinn aller Philosophie plötzlich aufgegangen und ihm als Zugabe noch die Jungfrau Maria erschienen.
Aber es ist ein schließlich nur noch exzessiv-verzweifelter Zustand, da ihm eine zeitliche Beschränkung zueigen ist; die ganz pragmatischen Probleme der Geldbeschaffung, Ernährung, des Wohnens etc. stellen sich auch für den gesellschaftlichen Außenseiter - und mit noch größerer Vehemenz, ein. Diese orgiastisch anmutende Heiterkeit ist eine bloß noch verzweifelte, eine, deren Ende kurzfristig durch Ernüchterung, langfristig durch völligen körperlichen und geistigen Verfall ein Ende findet. (Die Hälfte der von mir erinnerten Personen mit einem solchen Hintergrund leben nicht mehr, die meisten Überlebenden vegetieren bloß noch, ein sediert-reduzierter Zustand des "Auf den Tod Wartens". Garniert mit Erzählungen "von früher", wobei dieses "früher" alles ist, was sie besitzen, tatsächlich aber immer ein Nichts war.)
lg
orzifar