Author Topic: Jack Kerouac: Unterwegs  (Read 2907 times)

Offline orzifar

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Jack Kerouac: Unterwegs
« on: 06. Oktober 2010, 14.33 Uhr »
Hallo!

Die Befürchtung, mit Gemeinplätzen, jugendlichen Romantizismen, Platitüden konfrontiert zu werden, hat sich nicht bestätigt. Mein Gedächtnis vermag nur noch wenig zu erinnern, Namen, einige kurze Szenen, nicht aber Sprach- und Erzählduktus, der mir sehr viel genauer, ausgereifter scheint als vermutet.

Sal, die icherzählende Hauptfigur des Romans mit literarischen Allüren (und vermutlich ein alter ego des Autors) bricht aus seinem relativ gesicherten Studentenleben aus und begibt sich auf die Reise nach Westen, Dean Moriartys wegen, eines verrückten, vorbestraften Aussteigers, der durch seine unbekümmerte, intensive - auch naive - Lebensweise zu imponieren vermag. Es ist keine geschönte Darstellung eines wilden Lebens, sondern ein reiches Panoptikum an Abgründen, Verzweiflung, ständigen finanziellen Nöten, verrückten Beziehungen und Liebeskummer. Das Leben auf der Straße als Abbild des bürgerlichen Lebens: Sal trifft Verrückte, Alkoholiker, Menschen, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind als auch stille, verzweifelte, integre Persönlichkeiten. Er weiß - bzw. glaubt zu wissen, was alles er nicht will, aber sein Suchen bleibt unbestimmt, eine Gier nach Leben, von dem er aber nicht sagen könnte, was denn das eigentlich ist.

Ich habe knapp die Hälfte gelesen und bin angenehm überrascht. Hatte ich doch den Roman viel romantischer in Erinnerung, Verklärung einer vergangenen Epoche, einer "guten alten Zeit", welche zumeist nur deshalb gut erscheint, weil man selbst noch jung war und die Schwierigkeiten, Traurigkeiten dieser Vergangenheit ausblendet wie der romantische Kriegsheld vor Stalingrad. Und immer Erinnerungen an das eigene Erleben (eine Generation nach Salinger), ebenso verrückt, ebenso anstrengend, ebenso intensiv. Aber keine Romantik: Allein die Tatsache, dass viele meiner eigenen Bekannten aus dieser Zeit nicht mehr leben, lässt eine solche Verklärung nicht zu.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #1 on: 06. Oktober 2010, 17.02 Uhr »
Hallo orzifar

Das deckt sich doch ungefähr mit meinen Erinnerungen. (Allerdings ist meine Lektüre erst drei oder vier Jahre her.) Kerouac wirkt verblüffend ehrlich und realistisch. Er bestätigt so die autobiografischen Wurzeln des Textes. (Die englischsprachige Wikipediaseite gibt übrigens einen Personenschlüssel.)

Aber wieso "Salinger"?  ???

Und immer Erinnerungen an das eigene Erleben (eine Generation nach Salinger), [...]

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #2 on: 06. Oktober 2010, 17.45 Uhr »
Aber wieso "Salinger"?  ???

Und immer Erinnerungen an das eigene Erleben (eine Generation nach Salinger), [...]

*lach* - mein Gehirn konnte auf Anfrage keine plausible Erklärung liefern (naja, doch: Die Hauptfigur namens "Sal" und einen etwa in diese Zeit gehörigen Schriftsteller dieses Namens) - bzw.: Vielleicht habe ich meinen jugendlichen Drogenkonsum bezüglich Langzeitfolgen denn doch unterschätzt  ;D

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #3 on: 13. Oktober 2010, 00.52 Uhr »
Hallo!

Vor einigen Tage ausgelesen. Und ich muss gestehen, dass mich die zweite Hälfte des Buches noch mehr beeindruckt hat. (Für mich persönlich eigenartig, dass ich an dieses Buch sehr wenig konkrete Erinnerungen hatte, hingegen über "Gammler, Zen und hohe Berge" noch sehr viel genauer Bescheid weiß). - Immer wieder fahren die Hauptfiguren scheinbar motivationslos durch die USA, unruhig, getrieben nach Zielen strebend, die sie nicht zu definieren vermöchten. Ein Drang nach Erleben, nach einem alternativen Lebenskonzept, das aber, wie häufig bei solchen jugendlichen Lebensentwürfen, sich einer genaueren Beschreibung entzieht und seine Kraft aus der Opposition gegenüber herkömmlichen Entwürfen bezieht, ohne diesen Antagonismus aber zerfallen würde. Und so endet diese Alternative oft in einer durch Drogen verursachten, permanenten Trance, in unendlichen Diskussionen, Plänen, Schein-Erkenntnissen.

Kerouac stellt implizit auch das moralisch Fragwürdige solchen Tuns dar: Dean Moriarty (den ich in meiner Jugend in zahlreichen Variationen kennengelernt habe) zeigt sich von allem und jedem begeistert, leidet unter seiner schrecklichen Kindheit und Jugend in diversen Heimen, steht mit Ordnungshütern auf Kriegsfuß, stiehlt - aus Langeweile, aus dem Bedürnfnis nach Spannung oder einzig, um irgendetwas zu tun - Autos, betrachtet gerührt kleine mexikanische Kinder, ohne aber sich der Verantwortung für seine eigenen Kinder (die über ganz Amerika verstreut werden) bewusst zu sein. Eine Art drogeninduzierter, pseudomoralischer Egotrip, der mit seltsamen Idealisierungen (die meist von Leuten außerhalb des Milieus konstruiert werden) aufräumt: Denn es gibt keinen Ehrenkodex unter Verbrechern oder Süchtigen - und es ist auch nicht zu sehen, warum dies so sein sollte.

Das macht die Qualität der Darstellung aus: Keine dümmliche Verklärung von Freiheit und Drogen, sondern (möglicherweise sogar ungewollt) eine ungeschminkte Schilderung des Lebens auf der Straße in all seinen Höhen und Tiefen, mit seinen ekstatischen Festen, Orgien, aber auch mit all dem Katzenjammer, der Verzweiflung, Zukunftslosigkeit. Und mit Personen, deren Moral sich nicht wesentlich unterscheidet von jener, der sich die Mitglieder der kritisierten Gesellschaft befleißigen. Daneben gibt es ganz wundervoll beobachtete Szenen, welche ich in dieser Form mutatis mutandis nur allzu oft erlebt habe: Als etwa der schwarze Musiker am Tisch von Sal und Dean Platz nimmt, einer, der nur noch für seine Musik lebt, der aber offenbar des Alkohols und der Drogen wegen zu keinem vernünftig-nachvollziehbaren Satz mehr fähig ist, eigentlich nur noch Laute, Ausrufe von sich gibt. Für Dean aber ist dieses Gebrabbel Weisheit, höchste Erkenntnis - und so lallt und stammelt der eine, während der andere daraus höchsten Erkenntnisgewinn zu ziehen glaubt und dieses Lallen mit Ausrufen größter Begeisterung quittiert.

Vielleicht mag jemandem, der solch groteske Szenen nie gesehen hat, eine derartige Unterhaltung konstruiert, künstlich erscheinen. Aber ich habe Ähnliches unzählige Male in realiter erlebt, kannte namentlich einen Alkoholiker, der mit drei völlig sinnfreien "Sätzen" (eigentlich Ausrufen: "Hasta la vista", "Wie läuft der Hase?", "Porsche Carrera") über Jahre hinweg seine Unterhaltungen bestritt. Und dem es keineswegs an Gesprächspartnern mangelte, Gesprächspartner, die sich zwar eines geringfügig größeren Wortschatzes bedienten, der aber mitnichten sinn- oder ausdrucksvoller war. Man stand gemeinsam an der Theke, leerer, glasiger Blick, hörte plötzlich eine der oben genannten Interjektionen, dann Stille. Und Minuten später nickt das Gegenüber, bestätigt - oder lacht ob der Originalität der Bemerkung. Oder die völlig bezugslose Begeisterung von Kiffern, auf etwas Beliebiges, einen Hydranten, eine Buchsbaumhecke hinweisend "hey, wow, schau, diese Ziegel, dieser Baum, dieses Schild, hey d i e s e r Buchstabe, das AAAAAAAAAA". All das in einer Form, als wäre dem Betreffenden der Sinn aller Philosophie plötzlich aufgegangen und ihm als Zugabe noch die Jungfrau Maria erschienen.

Aber es ist ein schließlich nur noch exzessiv-verzweifelter Zustand, da ihm eine zeitliche Beschränkung zueigen ist; die ganz pragmatischen Probleme der Geldbeschaffung, Ernährung, des Wohnens etc. stellen sich auch für den gesellschaftlichen Außenseiter - und mit noch größerer Vehemenz, ein. Diese orgiastisch anmutende Heiterkeit ist eine bloß noch verzweifelte, eine, deren Ende kurzfristig durch Ernüchterung, langfristig durch völligen körperlichen und geistigen Verfall ein Ende findet. (Die Hälfte der von mir erinnerten Personen mit einem solchen Hintergrund leben nicht mehr, die meisten Überlebenden vegetieren bloß noch, ein  sediert-reduzierter Zustand des "Auf den Tod Wartens". Garniert mit Erzählungen "von früher", wobei dieses "früher" alles ist, was sie besitzen, tatsächlich aber immer ein Nichts war.)

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #4 on: 13. Oktober 2010, 19.59 Uhr »
Persönlich glaube ich ja, dass Kerouac sehr genau wusste, was er beschrieb. Die Mär vom Dichter im Drogenrausch ist halt auch eben eine solche.
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Offline orzifar

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #5 on: 14. Oktober 2010, 00.28 Uhr »
Zweifelsohne. Auch wenn ich seine Erfahrungen nicht anzweifle, zum Schreiben gehört immer auch Disziplin, Geduld, Ausdauer - und ein permanenter Drogenrausch befördert diese Dinge keineswegs. Die Mär feiert bei genau jenen fröhliche Urständ, die längst ausschließlich sich dem Saufen, Kiffen & Co hingeben.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Jack Kerouac: Unterwegs
« Reply #6 on: 14. Oktober 2010, 21.13 Uhr »
Umso verblüffender, wie sich Kerouac davon zu distanzieren versteht. Ohne diese Zeit madig zu machen - weder sich noch dem Leser -, aber auch ohne nostalgische Verklärung. Realismus im guten Sinne.

Oder vielleicht eben auch nicht verblüffend.
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