Author Topic: Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod  (Read 8736 times)

Offline mombour

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Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« on: 03. Oktober 2010, 10.57 Uhr »
Hallo,

Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod

Dem  Schweizer Juristen Peter Noll, Freund von Dürrenmatt und Frisch, wird Blasenkrebs diagnostiziert. In einem Tagebuch vom 28. Dezember 1981 - 30. September  1982 lesen wir seine „Diktate über Sterben & Tod“, doch sie enthalten viel mehr, politische Ansichten, philosophische und religiöse Überlegungen, wir erfahren, dass Trotzki die Atomenergie vorausgesagt hat und  Johann Peter Hebel ein Gedicht über die Vergänglichkeit geschrieben hat, darin wir lesen können, wie Basel nach einem Atomkrieg aussieht. Goethe habe im Zauberlehrling die Unbeherrschbarkeit der Technologie vorausgesehen. Es wandelt sich die Aussagekraft von Gedichten im Wandel der Zeiten. Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Blick.

Wie sieht es nun mit dem Blick auf den Tod aus? Weiterleben um jeden Preis? Peter Noll steht die Menschenwürde an erster Stelle.

Quote from: Peter Noll
Ich will nicht in die chirurgisch-urologisch-radiologische Maschine hineinkommen, weil ich dann Stück um Stück meiner Freiheit verliere.

Also keine Operation. Sein Tod solle zelebriert werden, die Gemeinde solle sich mit dem Tod auseinandersetzen. „Nichts soll vertuscht, nichts verharmlost werden, auch den Ausweg der Verdrängung möchte ich versperren.“ Peter Noll legt den Finger in die Wunde christlicher Gläubigkeit, die meist zu  verhöhnender Gelegenheitsgläubigkeit verschrumpft ist.. „Wir alle kommen ja nur noch zu Beerdigungen in einer Kirche“, ( man könne hier ergänzen, evtl. noch zu Trauungen), so wird Christentum nicht gelebt, sondern nur gestorben, im letzten Atemzug noch überlegt, vielleicht gibt es doch ein ewiges Leben oder die schwierigste Christenfrage „Was ist Auferstehung?“ - Jesus ist physisch auferstanden, es gebe doch Zeitzeugen, trotzdem, ich weiß, mein Körper verwest doch – hier könnt ich endlos weiterspinnen, aber genau das meint doch Peter Noll. Wir gehen in die Kirche, hören eine Predigt, die schön ist, und am Montag wird wieder gesündigt. Die Praxis des Christentums ist  unausgegoren.

Quote from: Peter Noll
Die Exaktheit der Diagnose hat, verglichen mit der Ungewissheit des therapeutischen Erfolges, etwas Absurdes....Der Tumor hat die Blasenwand völlig durchwachsen, und so wie man Tumore eben kennt, will er weiterwachsen.

Noll liest „Mars“ von Fritz Zorn, über einen jungen Mann, der über seine Krebserkrankung schreibt, mit 32 Jahren stirbt. Das Buch ist genau das Gegenteil von dem uns vorliegenden Tagebuch. Zorn, hier passt der Name, schreibt voll Hass und Zorn, offenbar auch über seine bisherige Vergangenheit völlig verbittert.  Dieses Buch zu lesen, wäre für mich wahrscheinlich schrecklich. Es ist erstaunlich, wie es Peter Noll gelingt, ein erbauliches Tagebuch zu Papier bringen. Er hat sehr viel zu erzählen, und wenn er über Schmerzen schreibt, dann labt er sich nicht darin, wie entsetzlich das ist, im Gegenteil, er schreibt ziemlich nüchtern:
Quote from: Peter Noll
Meine Schmerzen sind jetzt da, stumpf und schwer, aber ich kann nichts über sie aussagen, weil ich mich auf keine fremde gleichartige Erfahrung berufen kann.

Im Gegensatz zum Tier kann unser Gehirn an den „Tod“ und an „Gott“ denken. Trotz dieser Besonderheit werden diese Gedanken heutzutage gerne verdrängt. Wir sind den Schimpansen ähnlich, lesen wir, schauen uns den toten Verwandten kurz an , befühlen ihn und wenden uns ab. Für Freunde wäre es einfacher, ein Krebspatient liege im Krankenhaus, schon abgeschoben, vielleicht verabschiede man sich noch, das war's. So beobachtete Peter Noll einen Schwund an Freundeskontakten.  Ich denke mir, für einen Kranken ist es doch immer schön, wenn er Kontakte pflegen kann, Freunde unbeschwert auf ihn zu kommen können. Aber es liegt eben in der Luft, Menschen meiden die Berührung mit dem Tod. Ein Krebskranker steht schon mit einem Bein außerhalb unseres Daseins, wohin niemand möchte. „Noch totaler verdrängt ist die Gottesvorstellung“, sagt Noll, auch in meiner Umgebung, so habe ich den Eindruck, laufen mehr Agnostiker und Atheisten herum, obwohl bei religiös-fundamentalistischen o.ä. Richtungen heute eher ein Zulauf zu beklagen ist (Nolls Tagebuch erschien posthum 1984). Noll hat die Begabung sehr feine kompakte Zitate an den Mann zubringen, die sich für mehr noch als nur für Kalenderblätter eignen. Drei Beispiele:
Quote from: Peter Noll
Das Gehirn denkt Gott. Das heisst nicht, dass es ihn geben muss, das heisst aber zwingend, dass die Frage nach ihm unabweislich und dass der empirische Positivismus eine lahme Ente ist.
Quote from: Peter Noll
Die Bedürfnislosigkeit macht freier als die Erfüllung aller Bedürfnisse.

Quote from: Peter Noll
Der Todkranke, der sich der medizinischen Apparatur übergeben hat, ist wirklich hilflos, weil die Hilfe, die er bekommt, kalt ist.

Überrascht war ich, als Peter Noll über Hoimar von Ditfurth's Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ erzählt. Das Buch vermittelt „die Idee,“ so Noll,  „die Evolution der Welt sei die noch im Gange befindliche Schöpfung und ihr Ende münde ins Jenseits, wo der Geist herrsche, ist imposant und plausibel." Das ist famos und erinnert mich an Ken Wilber „Halbzeit der Evolution“. Von Hoimar von Ditfuth habe ich „Am Anfang war der Wasserstoff“ gelesen und wusste gar nicht, dass der Autor spirituell veranlagt ist. Das Buch strahlt von Optimismus, Peter Noll gibt hier einen leichten Dämpfer, denn er weist darauf hin, der Autor verschweige schamhaft, „dass das Gesetz der Evolution, jedenfalls auf dieser Erde zur Vernichtung führen wird.“ Ich denke, Noll hat das Wettrüsten der Atommächte im Hinterkopf. Nun, unseren blauen Planeten gibt es heute noch.

Epilog

Was bringt es, sich zu verewigen, sei es in Weltliteratur, Musikgeschichte oder Kunstgeschichte. Falls man „nach dem Tode in irgendeiner Form als dieselbe Persönlichkeit weiterlebt“, kann dieses doch egal sein. Der Drang nach Verewigung, so Noll, setze voraus, dass man an eine Existenz nach dem Tode nicht glaube. Der Autor schließt in dieser Hinsicht allerdings die magischen Vorstellungen der Alten Ägypter aus, für die das Jenseits nur ein verlängerter Arm des Diesseits gewesen war. Die „Diktate über Sterben & Tod“ sollen nicht von Ewigkeitsvorstellungen geleitet sein, nur davon, der Leser möge „sich mit  Sterben, Tod und Jenseitsvorstellungen schon im Leben auseinandersetzen“. Die Bewusstheit, das Leben ist begrenzt, hat für den Autoren dieser Diktate einige Vorteile verschafft. Die Sinnoasen suche er sorgfältiger aus, manches werde zur Sinnoase, wofür er früher achtlos vorbeigegangen sei. Unwichtiges wird beiseite gelassen, er konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was wirklich noch wichtig ist. Ich denke, Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden, geht es ähnlich wie Herrn Noll. Unser aller Leben ist begrenzt. Wenn wir das Bewusstsein haben, der nächste Atemzug könne unser letzter sein, dann wären wir Menschen wirklich in der Gegenwart angekommen und würden uns keine Gedanken oder Sorgen um den nächsten Tag machen. Vor der Lektüre habe ich nicht wissen können, welche Freude mir dieses Buch schenken würde.

Liebe Grüße
mombour

PS: Max  Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch - hierin schreibt er über den Tod seines Freundes.
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Offline sandhofer

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #1 on: 03. Oktober 2010, 20.54 Uhr »
Noll liest „Mars“ von Fritz Zorn, über einen jungen Mann, der über seine Krebserkrankung schreibt, mit 32 Jahren stirbt. Das Buch ist genau das Gegenteil von dem uns vorliegenden Tagebuch. Zorn, hier passt der Name, schreibt voll Hass und Zorn, offenbar auch über seine bisherige Vergangenheit völlig verbittert.  Dieses Buch zu lesen, wäre für mich wahrscheinlich schrecklich.

Ich habe Zorn beim ersten Erscheinen gelesen. Und nach über 30 Jahren steht es noch immer in meinem Regal. Als "schrecklich" habe ich es seinerzeit nicht empfunden. Aber ich war damals ungefähr im Alter von Fritz Angst (wie Zorn "in Wirklichkeit" hiess), und mich hat v.a. seine Kritik am Schweizer Bürgertum - der "Goldküste", wo er aufgewachsen ist - beeindruckt und beeinflusst. Wie so manchen Schweizer 68er bzw. Post-68er ... Es wäre eigentlich mal an der Zeit, diese Eindrücke nachzuprüfen ...
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Offline orzifar

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #2 on: 04. Oktober 2010, 01.28 Uhr »
Von Fritz Zorns Buch habe ich immer wieder gehört, es aber nie gelesen. Wurde stante pede an der Bibliothek entlehnt und in den nächsten wochen gelesen werden. Zumindest nehm ich mir das vor ;). (Als dezenter Hinweis für eventuell interessierte Mitleser zu verstehen.)

lg

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Offline mombour

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #3 on: 04. Oktober 2010, 07.09 Uhr »
Hallo Ihr,

ich kenne jemanden, die Fritz Zorn auf Seite 150 abgebrochen hat, weil er dauernd seinen Hass auf seine Eltern loslässt und sich in seinem Leiden  suhlt. Warscheinlich liegt sein offenbar unbändiger Hass, seine Unzufriedenheit auch darin, weil er schon vor seiner Krebserkrankung an Depressionen litt. Ich habe das Gefühl, dass man während einer Zorn - Lektüre aufpassen muss, dass man sich psychisch nicht so sehr in den Keller mitziehen lässt.

Und so etwas was wollt ihr lesen? ;D
Nun, wenn der Nobelpreistrubel sich etwas gelegt hat, lese ich gerne mit. Im November. :laugh:

Peter Nolls Buch gilt bei den Sterbebüchern schon fast als Klassiker, und ich möchte das unbedingt empfehlen. Ich habe an sich gedacht, irgendjemand von euch wird das Buch schon kennen. :).

Liebe Grüße
mombour
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Offline sandhofer

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #4 on: 04. Oktober 2010, 16.23 Uhr »
@Mars:

Und so etwas was wollt ihr lesen? ;D
Nun, wenn der Nobelpreistrubel sich etwas gelegt hat, lese ich gerne mit. Im November. :laugh:

Es wäre ja wirklich mal an der Zeit, meine Erinnerungen an eine Lektüre von vor über 30 Jahren zu überprüfen. Noll habe ich hingegen seinerzeit beim ersten Erscheinen links liegen lassen. So was finde ich nun deprimierend. Während ich es sonst gerne mit Arno Schmidt halte: I love a good hater.  :)
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Offline orzifar

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #5 on: 04. Oktober 2010, 18.22 Uhr »
Und so etwas was wollt ihr lesen? ;D
Nun, wenn der Nobelpreistrubel sich etwas gelegt hat, lese ich gerne mit. Im November. :laugh:

Die Gontscharow-Orzifar-Diskussion unter anderen Voraussetzungen: Da ich in meinem Leben eine erkleckliche Anzahl Menschen getroffen habe, die mit Fug und Recht den Titel eines Riesenarschloches für sich beanspruchen hätten dürfen, bin ich nicht ausschließlich dem Idyllischen verhaftet und kann Sandhofers (Schmidts) Diktum nur unterschreiben ;).

Peter Nolls Buch gilt bei den Sterbebüchern schon fast als Klassiker, und ich möchte das unbedingt empfehlen. Ich habe an sich gedacht, irgendjemand von euch wird das Buch schon kennen. :).

Noch nicht ;). Aber ich sollte mich langsam bescheiden ...

lg

orzifar
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Offline Gontscharow

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #6 on: 05. Oktober 2010, 12.06 Uhr »

Mars habe ich seinerzeit "natürlich" gelesen. Es geht darin - im Gegensatz zu Nolls Buch - nicht um das wie auch immer geartete Leben nach, sondern um das Leben vor dem Tod, ein in diesem Falle falsch oder nicht gelebtes, als dessen Konsequenz der Krebs erscheint. Der vielzitierte "Hass" richtet sich gegen das Krankmachende in der bürgerlichen Gesellschaft, das -  und die Wandlung von Angst in Zorn -  ist keineswegs psychisch herabziehend - im Gegenteil!
Mars ist ein notwendiger, leider (zu) später Befreiungsschlag - ein erschütterndes Dokument.
Ich werde das Buch trotzdem nicht noch einmal lesen, bin aber gespannt auf eure Kommentare.

Offline Anita

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #7 on: 05. Oktober 2010, 13.55 Uhr »
Falls es interessiert, die Krebserkrankung wird psychologisch als die Rebellion angesehen, die man nach außen tragen müsste und nicht tut, die dann innerlich "explodiert". Man sagt auch, dass Menschen, die nicht ihr eigenes Leben führen "Krebskandidaten" wären. Und dann wären wir, so wie ich das jetzt verstanden habe, bei Zorn, den ich mir auf jedem Fall mal ansehen werde. (Menno, meine To-do Liste wird immer länger  ;D )

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #8 on: 05. Oktober 2010, 20.18 Uhr »
Und dann wären wir, so wie ich das jetzt verstanden habe, bei Zorn, den ich mir auf jedem Fall mal ansehen werde.

Vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus: Dass die Psychologen das bei Zorn/Angst abgeschrieben haben? Es klingt nach literarischer Metapher, schlimmer: nach Volkspsychologie ...
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Offline Gontscharow

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #9 on: 05. Oktober 2010, 21.11 Uhr »

Da ist man mir zuvorgekommen. ;) Gerade wollte ich dir, Anita, folgendes antworten:

Ja, was du schreibst, hat einige Ähnlichkeit mit dem, was Fritz Z. über seine Krankheit sagt. Das Buch ist vielleicht nicht ganz unschuldig an der Herausbildung dieser Theorie. Offen gestanden, halte ich nicht viel davon. Sie ist wissenschaftlich und empirisch , glaube ich, unhaltbar.
Ich halte es eher mit Susan Sontag Krankheit als Metapher, wenn dir das was sagt?!

@ sandhofer: Du warst natürlich wieder schneller und rigoroser.

 

Offline Anita

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #10 on: 05. Oktober 2010, 22.08 Uhr »
Ich hab das ja auch sehr distanziert beschrieben, gelle meine Herren  ;) Aber wenn man selber chronisch erkrankt ist, schaut man halt mal, was die eigene Krankheit so "bedeuten" könnte. Was ich allerdings nicht widerlegen konnte bisher, dass in meinem Umfeld alle an Krebs erkrankten Menschen, wirklich ein gewisses "Helfersyndrom" hatten.

Ja "Krankheit als Metapher" müsste ich mir bei dieser Gelegenheit dann auch vornehmen, mensch Jungs  ;D

LG
Anita
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Offline Anna

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #11 on: 05. Oktober 2010, 23.03 Uhr »
Ich hab das ja auch sehr distanziert beschrieben, gelle meine Herren  ;)

Ich weiß nicht, ob meine weiblichen Instinkte mich trügen, aber ich glaube, Gontscharow ist gar kein Herr, oder?

"Mars" habe ich auch gelesen. Mir hat es damals imponiert, dass Fritz Zorn angesichts seiner tödlichen

Krankheit nochmal ordentlich auf den Tisch gehauen hat, anstatt versöhnlich abzutreten. Heute bin ich mir nicht sicher, ob seine Schuldzuweisungen an Gesellschaft und Familie nicht sehr einseitig waren. Wenn ich im November nach Deutschland fahre, werde ich in den elterlichen Bücherschränken mal nach dem Buch fahnden.

Gruß
Anna
« Last Edit: 01. Januar 2025, 16.36 Uhr by Anna »
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Offline orzifar

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #12 on: 06. Oktober 2010, 00.59 Uhr »
Ich weiß nicht, ob meine weiblichen Instinkte mich trügen, aber ich glaube, Gontscharow ist gar kein Herr, oder?

Och  >:D also ich hätt nix gesagt. Jetzt muss Anita die ganzen Geschlechterschablonen wieder neu sortieren ;D.

Gontscharow(a) - hat das letzte Wort!

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #13 on: 06. Oktober 2010, 09.46 Uhr »
Aber wenn man selber chronisch erkrankt ist, schaut man halt mal, was die eigene Krankheit so "bedeuten" könnte.

Als individuelles Erlebnis oder als individuelle Deutung will ich so was ja auch nicht und niemand madig machen. Zorns Interpretation seiner Krankheit war für ihn selber durchaus stimmig und macht von daher auch für mich als Rezipienten Sinn. Ich zweifle aber daran, dass Noll ihr für sich zugestimmt hätte. Bei einem fünfjährigen, an Leukämie erkrankten Kind macht sie wohl auch keinen Sinn. Bei meinem Vater hat ein Lungenkrebs dafür gesorgt, dass er sich nicht zu Tode saufen konnte. Aber während das Saufen durchaus situativ-individuell (sprich: psychologisch) motiviert war, würde ich den Lungenkrebs eher auf seinen Zigarettenkonsum zurückführen.

Was ich allerdings nicht widerlegen konnte bisher, dass in meinem Umfeld alle an Krebs erkrankten Menschen, wirklich ein gewisses "Helfersyndrom" hatten.

Du hast meinen Vater nicht gekannt ...  ;)
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Offline Anita

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Re:Peter Noll - Diktate über Sterben & Tod
« Reply #14 on: 06. Oktober 2010, 10.27 Uhr »
Was ich allerdings nicht widerlegen konnte bisher, dass in meinem Umfeld alle an Krebs erkrankten Menschen, wirklich ein gewisses "Helfersyndrom" hatten.

Du hast meinen Vater nicht gekannt ...  ;)

Danke sandhofer, genau so was suche ich  :)

Quote from: orzifar
Jetzt muss Anita die ganzen Geschlechterschablonen wieder neu sortieren

Schablonendenken …

Da muss ich dann doch drauf antworten, orzifar wollte es ja nicht anders.

Wenn es keine Menschen gegeben hätte, die irgendwann angefangen hätten zu ordnen, sortieren und zu zählen, diese Systeme also zu erstellen, dann hätte es auch keine Wissenschaft gegeben. Wenn man also anfängt wissenschaftlich zu betrachten, dann erstellt man Schubladen. Soweit ich weiß basiert darauf jedes Naturgesetz. Und in der Schule lernt man dann direkt: Die Ausnahme bestätigt die Regel.

Geschlechterschablonendenken …

Ja, nach wie vor wehre ich mich dagegen, dass man den Frauen heute einfach die „männliche“ Schablone von 3000 Jahren Patriarchat überziehen möchte. Ich distanziere mich einfach von den emanzipierten Frauen, die mir einfach das „männliche“ Käppchen anziehen und dann meinen, Frau von heute zu sein.  Das ist mir zu einfach, ich denke, es gibt wunderbare „weibliche“ Attribute, ob diese nun unbedingt weiblich sind sei einfach mal dahingestellt, die in der kapitalistischen Welt untergehen. Mir fehlt einfach die natürliche weibliche Entwicklung.

Dass ich ein Schablonendenken hätte, wie das im Netz oft interpretiert wird, liegt an meiner Offenheit, denke ich. Ich gehe nie an eine Sache, wenn ich ein neues Thema betrachte, und lehne sofort ab. Wie schon oft erwähnt, halte ich es zunächst für möglich. Diese Möglichkeit zeigt sich dann oft mit Fragezeichen an euch weitergerichtet an, oder wenn ich mich mit, man sagt, schon etwas distanziere. Das zeigt über mich eigentlich, dass ich mich mit diesem Thema noch auseinander setze, und dass ich für mich noch kein akzeptables Resultat gewonnen habe. Dann bin ich noch in der Findungsphase. Und natürlich frage ich euch dann???

LG
Anita, ja die zugibt, noch nicht fertig zu sein  :)

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