Hallo!
Teile des ersten Buches scheinen auch im zweiten auf: So der sehr lesbare Bericht über die Kindheit, der mich darin bestärkt, meinem Kleinen mit größtmöglicher Geduld alle Erscheinungen der Welt zu erklären (sofern ich denn eine Antwort liefern kann). Im Laufe eines Tages geht die Anzahl der Fragen über 100 weit hinaus und so liefer ich Erklärungen zu den verschiedenen Lichtern am Armaturenbrett im Auto, zu Bäumen, Insekten, Traktoren mit Heuladungen, großen und kleinen Misthaufen (alles Fragen von gestern

) usf. Ganz wichtig erscheint mir die _Freude_, um die es Feynman immer wieder geht: Das Schöne daran, etwas zu entdecken, zu verstehen. Diese Freude, logische Zusammenhänge zu begreifen, kenne ich aus der eigenen Kindheit: Von H. v. Ditfurths Büchern, die mir kein _wunder_bares, metaphysisches Verständnis der Welt lieferten, sondern auf nachvollziehbare Weise erklärten. Die Freude des Begreifens logischer Zusammenhänge war ein sehr prägendes Erlebnis.
Schmunzeln musste ich auch über Feynmans kursorische Abrechnung mit der Philosophie und - v. a. - den Sozialwissenschaften. Was letztere betrifft (die er als Scheinwissenschaften - m. E. zu Recht - bezeichnet) fühlte ich mich an ein vor nicht allzu langer Zeit geführtes Gespräch mit einem Soziologieprofessor erinnert: Den ich immer wieder auf das Fragwürdige seiner Methoden bzw. seiner (Schein-)Erkenntnisse hinwies und der schließlich verärgert meinte, ob ich denn gleich die gesamten Geisteswissenschaften zugunsten der Naturwissenschaften aufgeben wolle: Was ich - lächelnd - bejahte, sofern die Erkenntnisse nicht über das hinausgingen, was er mir soeben als solche präsentiert habe. - Es entstand aus dieser Unterhaltung keine Freundschaft für's Leben.
1Feynman weist immer wieder auf die Wichtigkeit des Zweifelns in der Wissenschaft, darauf, dass die Darstellung von Forschungsergebnissen so objektiv und neutral als möglich gehalten werden sollte und dass v. a. jene Dinge, die der ursprüngliche These widersprechen, Erwähnung finden sollten. (Das war etwa in meinem oben erwähnten Gespräch einer der Hauptkritikpunkte: Ganz offenkundig erhielt der gute Soziologe durch ein Ausklammern von Widersprüchlichkeiten jene Ergebnisse, der er erzielen wollte. Das gibt's natürlich auch in den Naturwissenschaften, nur halten sich dort solche "manipulierten" Resultate weniger lang. Während in der Soziologie oder Philosophie auf solchen Erkenntnissen ganze Schulen gegründet werden, die sich über Jahrhunderte halten.)
Aber das Buch hat auch Schwächen, etwa das letzte Kapitel über Religion und Wissenschaft. Die ganze Darstellung ist recht trivial und zeugt auch nicht von einer eingehenden Beschäftigung mit den religiösen Phänomenen bzw. deren Entstehung. Das, was er über die Vermächtnis der (christlichen) Religion sagt, ist bestenfalls ein Gemeinplatz, eine Beliebigkeit, aus der sich - natürlicherweise - rein gar keine Konsequenzen ergeben. Weshalb man auch nicht weiß, worauf Feynman mit diesem seinen Beitrag hinaus will, wenn er davon schreibt, dass "diese beiden Säulen" des Abendlandes (der Zweifel der Wissenschaft, die Ethik des Christentums) versöhnt werden sollen. Feynmans implizite - und naive - Annahme, das moralische, ethische Codices in irgendeiner Weise an religiöse Vorstellungen gebunden seien bzw. diese jene konstituieren, sind schlicht unsinnig - laufen auf spezifisch religiöse Argumentationen hinaus, dass Moralität an solche Kodifizierungen gebunden sei. Andererseits spricht er wieder von einer selbstverständlichen Moralität atheistischer Wissenschaftler.
Moralische Ge- und Verbote haben sich als evolutionär sinnvoll erwiesen (es erscheint im Sinne des Überlebens nicht besonders zielführend, durch Töten von Mitgliedern der eigenen Horde seine eigene Lebensbasis zu untergraben) - und sie wurden häufig in ein religiöses System integriert. Aber nicht dieses System konstituiert die Ge- und Verbote, diese sind "vor-religiös", sie sind mutatis mutandis auch bei Tieren zu finden. Somit schafft etwa das Christentum (oder auch jede andere Religion) nicht diese Moral, sondern diese wird in ein religiöses System integriert (und es ist ohnehin offenkundig, dass Atheisten oder Nihilisten weder moralischer noch unmoralischer agieren - im Gegenteil: Das Apodiktische und Doktrinäre von Religionen gebiert Unmoral; sobald man mit "geoffenbarten" Regeln zu tun hat, die bei sich ändernden Gesellschaftsbedingungen nicht mehr modifiziert werden dürfen, hat man es mit einem repressiven System zu tun, auch mit einem System, dass möglicherweise eine Moral fordert (etwa monogames Verhalten), das mit der Natur nicht vereinbar ist.
In mancher Hinsicht erscheint mir Feynman naiv: Er - einer ihm selbstverständlichen Wissenschaftlichkeit und Objektivität - verpflichtet, meint offenbar, dass andere durch rationale Argumente wie selbstverständlich zu überzeugen seien. So seine Versuche, sich mit Astrologen, medizinischen Quacksalbern etc. zu unterhalten, wobei er - und dies war auffällig - nie von den Ergebnissen solcher Gesprächsversuche berichtet hat. Hier greift wohl Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz: Kein noch so augenscheinlicher Gegenbeweis kann einen wahren Gläubigen von seinem Glauben abbringen, im Gegenteil: Er versteht einen solchen Beweis als eine Versuchung, ihn von seinem rechten Weg abzubringen und glaubt deshalb nur noch intensiver.
Oder: "Ich glaube nicht, dass Wissenschaft die Existenz Gottes widerlegen kann, das halte ich für ausgeschlossen." Natürlich nicht, denn die Beweisführung für das Behauptete obliegt immer demjenigen, der diese Behauptung aufstellt. Und dann führt Feynman noch eine Wahrscheinlichkeitsskala an, auf der der Gottesbeweis in der Nähe des Unwahrscheinlichen, bestätigte physikalische Erkenntnisse in der Nähe des Wahrscheinlichen angesiedelt sind. Das halte ich nun ebenfalls für Nonsens: Weder gibt es Wahrscheinlichkeiten für Gott, noch eine für eine mehrfach bestätigte Theorien. (Gott hat - wie oben schon erwähnt - in dem Ganzen rein gar nichts verloren: Weil eben das bloße Feststellen nicht die Existenz des Festgestellen beweist. Ich kann etwa eine rosarote Plüschmonade auf einem Spiegelei sitzend postulieren, die die Welt erschaffen hat - aber diese Monade hat auf einer Wahrscheinlichkeitsskala eben nichts verloren.) Und ich halte auch Poppers Trennung von Wahrheit und Gewissheit für sehr sinnvoll (Feynman verwendet die Begriffe oft synonym): Die Wahrheit als etwas zu erreichendes, der wir uns annähern sollen, können (die implizit alle Wissenschaft lenkt, indem wir glauben, dass es etwas gibt, das man erkennen und beschreiben könne), während Gewissheit nie zu erlangen ist: Denn selbst wenn wir diese absolute Wahrheit in irgendeinem Bereich erlangt hätten, könnten wir das nicht wissen.
Feynman behandelt die Frage nach der Existenz Gottes wie ein wissenschaftliches Problem. Das ist überhaupt nicht möglich, da alles, was die wissenschaftliche Kritik auszeichnet, auf das Gottesproblem nicht angewandt werden kann. Hier liegt vielleicht sein prinzipielles Problem (doppelt: Das des Aufsatzes und sein eigenes, individuelles): Er kann sich offenbar keine andere Herangehensweise an ein Problem vorstellen als die ihm vertrauten wissenschaftliche und versucht diesen Ansatz naiverweise auf das Gottesproblem zu übertragen. Das scheint auch das Beispiel des in einer religiösen Familie aufgewachsenen jungen Mannes zu belgen, der da aufgrund eines naturwissenschaftlichen Studiums seinen Glauben zu verlieren beginnt. Hier hat Feynman eine falsche Vorstellung von der Gottesgewissheit gläubiger Menschen, auch wenn er meint, dass ein Wissenschaftler aufgrund des verpflichtenden Zweifels allen Theorien gegenüber, "anders" glaube als ein religiöser Mensch. Diesen "idealen Gläubigen" mag es zwar geben, aber er dürfte die (wohl auch recht einfältige) Ausnahme von der Regel sein. Andererseits bin ich mir bezüglich der Schlussfolgerung nicht so ganz sicher: Dass ein Wissenschaftler "so" (= naiv) nicht glauben könne (ich kenne Gegenbeispiele, die wie gespaltene Persönlichkeiten funktionieren: Einerseits Wissenschaftler, andererseits Gläubiger - und in diesem Bereich keiner Kritik zugängig). Zweifelsfreie Gewissenheiten werden "gefühlt", sie werden durch Argumente nicht berührt.
Ich habe den Eindruck, dass Feynman z. T. eine falsche Vorstellung vom Menschen hat: Seinem Hang zum Irrationalen, seiner - mangelnden - Begeisterung für nachvollziehbare, logische Zusammenhänge, für Naturwissenschaft, die - auch für mich - soviel mehr an Wunder und faszinierenden Tatsachen birgt als dubiose metaphysische oder philosophische Spekulationen.
Das Wunderbare an diesem Buch (aber das wird wohl auch nur der empfinden, der Wissenschaft mag): Dass Feynman zeigt, wieviel Freude im Forschen steckt, wieviel Begeisterung und Faszination das Nachdenken über Probleme birgt, wie schön und reich die Welt ist ganz ohne alle Transzendenz und metaphysischem Brimborium.
So - das mal schnell hingeschrieben (Fehler bitte nachsehen), denn vor meiner Tür begehrt eine Kinderschar Einlass in das Allerheiligste und will Kontakt zum Hohepriester: Welchen ich zu gewähren mich gezwungen sehe.
lg
orzifar
1) Exkurs: Ich glaube auch nicht (selbst wenn ich mir selbst das Wasser abgrabe mit dieser Aussage), dass man legitimerweise von einer Literaturwissenschaft sprechen kann. (Natürlich abhängig von der Wissenschaftsdefinition, die aber bei mir eine grundsätzlich naturwissenschaftliche ist im Sinne von Wiederholbarkeit von Experimenten, einer Wahrheit, der sich anzunähern die Aufgabe darstellt und von der man, selbst wenn sie erreicht werden sollte, nicht weiß, dass man sie erreicht hat. Etc.) Soviel ich mich in meinem Leben über Literatur unterhalten habe: Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Man kann mehr oder weniger intelligent über Bücher sprechen, man kann mehr oder weniger gut erklären, warum ein Buch mehr fasziniert als ein anderes, man kann verschiedenste Analysemethoden bezüglich eines Textes anwenden: Aber von "Wahrheit" (oder auch von sich annähernder Wahrheit) kann nicht gesprochen werden. Aber man kann argumentieren - und die Argumente für oder gegen einen Text sind nicht beliebig: Die vorgebrachten Argumente können abgewogen werden und mehr oder weniger Gültigkeit beanspruchen.