Hallo!
Abgeschlossen. Und ich muss ein wenig Abbitte leisten bei Conrad, dass ist doch mehr als ein ergreifender Roman über die russische Seele, über Herzensergießungen edler und verdorbener Sozialrevolutionäre und ähnlichem Seelenschmarrn. Vor allem die Schilderung der ganzen hochherzigen Exilgemeinde mit ihrem Pathos, Sentiment, der blasierten Demagogie ist sehr gut gelungen. Conrad ist es darum zu tun, die Sinnlosigkeit von Revolutionen aufzuzeigen, es ist ein Roman über die bei solchen Umsturzversuchen "gefressenen Kindern". Deshalb fühlte er sich - zu Recht? - zehn Jahre später in dieser seiner wenig zukunftsfrohen Haltung bestätigt, nachdem Lenin & Co in Russland die Macht übernommen hatten.
Die Stärke des Romans liegt in seiner zynischen, sarkastischen Grundhaltung, sie macht den Roman plausibel, verleiht den Figuren Authentizität abseits aller zuvor erwähnten dostojewskischen Sozialromantik. Wenngleich das Handlungsgerüst selbst - oder besser - seine Protagonisten manchmal fragwürdig erscheinen: V. a. die edle Schwester des verratenen Haldin, aber auch der Verräter Rasumov selbst, der von Fall zu Fall allzu romanhafte Eigenschaften zeigt (etwa beim Geständnis seines Verrats vor der versammelten sozialrevolutionären Gilde). Nett hingegen die Darstellung der Boshaftigkeit des großen Feministen und Vorkämpfers für eine bessere Welt, Peter Antonowitsch, seine schleimige, selbstgefällige Doppelmoral, Bewunderer der "Frauenherzen", auf der anderen Seite rücksichtsloser Unterdrücker subalterner (weiblicher) Hausangestellter.
Und der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Romans, die unfreiwillige Eingemeindung des auf seine Ruhe und sein Fortkommen bedachten Rasumov, ist gut gelungen, nachvollziehbar, sie wirkt nirgends konstruiert, sondern repräsentiert ein menschliches Spezifikum der Bestätigung vorgefasster Meinung. Sowohl die Erwartungshaltung der Geheimpolizei als auch die der Exilrevolutionäre ist verständlich - und auch die Verzweiflung Rasumovs selbst, der im Grunde nur ein biederes Leben zu führen wünschte und durch bloß zufällige Umstände in das Netz der politischen Verstrickungen gerät. Vielleicht aber hätte man das Ganze noch banaler, noch unaufgeregter, noch emotionsloser schildern sollen, da die besten Stellen des Romans keineswegs die Peripetien, dramatischen Momente sind, sondern - wie erwähnt - die psychologisch feinen Beschreibungen einer oberflächlichen und dümmlichen Gesellschaft, die sich selbstgenügsam mit hohlem Pathos versorgt.
lg
orzifar