Author Topic: Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens  (Read 2703 times)

Offline orzifar

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Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens
« on: 01. Juni 2010, 18.10 Uhr »
Hallo!

Ich bin mir nicht sicher, je etwas von J. Conrad gelesen zu haben (und wenn doch, so hat es offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen).

Dieses Buch nun beginnt mit einem Vorwort des Autors, nachdem sein Buch (Ersterscheinung 1911) 10 Jahre später wieder aufgelegt wurde. Ein Vorwort, in dem sich Conrad nicht entblödet, seinen eigenen Roman zu erklären, zu rechtfertigen, die Figurenkonstellation zu begründen etc. Weil er in der mittlerweile stattgefundenen russischen Revolution eine Bestätigung dessen zu erblicken glaubte, was er einige Jahre früher beschrieben hatte. Derlei ist selbstredend immer Unsinn, der Roman ist gut oder schlecht - völlig unabhängig davon, ob nun die Zeitläufte ein ähnliches Ereignis hervorbringen oder auch nicht.

Schreibweise, Handlung erinnern stark an Dostojewski (etwa an die Dämonen). Wenngleich Conrad distanzierter beschreibt, analytischer, weniger emotional. Da ich kein Freund der tränenschweren "russischen Seele" bin, der edlen Huren, idealistischen Revolutionäre und anderer empfindungsreicher Schwermut, ist mir eine solche Distanz durchaus Recht. Dennoch (ich habe etwa die Hälfte des Buches gelesen) nehmen für meinen Geschmack die dostojewskischen Platitüden ein wenig überhand (obschon doch mit einiger Ironie untermischt). Der erste Teil spielt in Russland, beschreibt den Revolutionär Haldin, der einen hohen Würdenträger tötet und von Rasumov der Polizei ausgeliefert wird. Diese beiden Figuren sind wie aus "Schuld und Sühne" oder eben den "Dämonen" entlehnt, so edel wie auch infam, stets erschüttert von großen Ideen und tiefen Gefühlen.

Im zweiten Teil (in der Schweiz spielend) trifft man auf die nicht minder edle Schwester des Revolutionärs, die durch Zufall dem "Mörder" ihres Bruders begegnet. (An dieser Stelle halte ich derzeit.)

Conrad führt einen Erzähler ein, den englischen Vertrauten der Schwester (dem auch - unvermeidlich in solchen Romanen - die Aufzeichnungen Rasumovs zur Verfügung stehen), dadurch kann er kommentierend, räsonierend eingreifen. Das Ganze liest sich sehr leicht, auch spannend, es erinnert in vielem (etwa den zahlreichen Dialogen) an Dostojewski, ohne aber dessen exzessivem Pathos. Insgesamt eine leicht lesbare Lektüre, die aber bislang ein wenig den Tiefgang vermissen lässt.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens
« Reply #1 on: 01. Juni 2010, 20.40 Uhr »
Hm ... ein Conrad, den ich nicht kenne. Wohl auch nicht kennen muss ...  :angel:
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Offline orzifar

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Re:Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens
« Reply #2 on: 04. Juni 2010, 15.16 Uhr »
Hallo!

Leider kaum Zeit zum Lesen, mit dem Fortgang des Buches aber  zufriedener. Conrad erspart dem Leser den Revolutionär mit der tiefen, russischen Seele, sondern lässt seinen Verräter Rasumov zum bewunderten Widerstandskämpfer wider Willen werden. Das ist nachvollziehbar gestaltet und führt zu einigem Amusement; außerdem wird mit dem hauptberuflichen Wichtigmacher und Kämpfer gegen - was eigentlich? gegen alles irgendwie, v. a. aber _für_ seine eigene Bedeutung Peter Iwanowitsch eine Figur geschaffen, die für viele revolutionäre Bewegungen typisch ist.

Rasumov also wird zum großen Helden, bewundert von der Schwester des von ihm Verratenen, eingebunden in den Widerstand der Exilrussen gegen seine Überzeugung, als Held gefeiert und umschwärmt von seltsamen Figuren wie der Madame de S., auch Revolutionärin mit esoterischem Flair, alt und geschminkt, ein seltsam grinsender, rotbemalter Totenschädel. So in ihrer Beschreibung erinnernd an eine kürzlich im Fernsehen erblickte Dame von etwa 75 Lenzen, aufgedonnert, wasserstoffblond, die Lippen aufgespritzt und von vermeintlicher Jugendlichkeit nur so strotzdend. (Den männlichen Widerpart solcher der Gruft entsprungenen Untoten spielen Lagerfeld oder Joop, welche wie weiland Schneewittchens Stiefmutter einige Zeit vor den Spiegeln zu verbringen scheinen, um von denselben dann doch immer negativ beschieden zu werden.)

Die Darstellung dieser lächerlichen, pseudorevolutionären Personen gelingt Conrad gut, sie sind mit offenkundiger Freude an der - bösartigen - Beschreibung gestaltet. Von Weltverbesserern jedweder Couleur scheint er nicht viel gehalten zu haben.

lg

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Offline orzifar

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Re:Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens
« Reply #3 on: 07. Juni 2010, 23.48 Uhr »
Hallo!

Abgeschlossen. Und ich muss ein wenig Abbitte leisten bei Conrad, dass ist doch mehr als ein ergreifender Roman über die russische Seele, über Herzensergießungen edler und verdorbener Sozialrevolutionäre und ähnlichem Seelenschmarrn. Vor allem die Schilderung der ganzen hochherzigen Exilgemeinde mit ihrem Pathos, Sentiment, der blasierten Demagogie ist sehr gut gelungen. Conrad ist es darum zu tun, die Sinnlosigkeit von Revolutionen aufzuzeigen, es ist ein Roman über die bei solchen Umsturzversuchen "gefressenen Kindern". Deshalb fühlte er sich - zu Recht? - zehn Jahre später in dieser seiner wenig zukunftsfrohen Haltung bestätigt, nachdem Lenin & Co in Russland die Macht übernommen hatten.

Die Stärke des Romans liegt in seiner zynischen, sarkastischen Grundhaltung, sie macht den Roman plausibel, verleiht den Figuren Authentizität abseits aller zuvor erwähnten dostojewskischen Sozialromantik. Wenngleich das Handlungsgerüst selbst - oder besser - seine Protagonisten manchmal fragwürdig erscheinen: V. a. die edle Schwester des verratenen Haldin, aber auch der Verräter Rasumov selbst, der von Fall zu Fall allzu romanhafte Eigenschaften zeigt (etwa beim Geständnis seines Verrats vor der versammelten sozialrevolutionären Gilde). Nett hingegen die Darstellung der Boshaftigkeit des großen Feministen und Vorkämpfers für eine bessere Welt, Peter Antonowitsch, seine schleimige, selbstgefällige Doppelmoral, Bewunderer der "Frauenherzen", auf der anderen Seite rücksichtsloser Unterdrücker subalterner (weiblicher) Hausangestellter.

Und der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Romans, die unfreiwillige Eingemeindung des auf seine Ruhe und sein Fortkommen bedachten Rasumov, ist gut gelungen, nachvollziehbar, sie wirkt nirgends konstruiert, sondern repräsentiert ein menschliches Spezifikum der Bestätigung vorgefasster Meinung. Sowohl die Erwartungshaltung der Geheimpolizei als auch die der Exilrevolutionäre ist verständlich - und auch die Verzweiflung Rasumovs selbst, der im Grunde nur ein biederes Leben zu führen wünschte und durch bloß zufällige Umstände in das Netz der politischen Verstrickungen gerät. Vielleicht aber hätte man das Ganze noch banaler, noch unaufgeregter, noch emotionsloser schildern sollen, da die besten Stellen des Romans keineswegs die Peripetien, dramatischen Momente sind, sondern - wie erwähnt - die psychologisch feinen Beschreibungen einer oberflächlichen und dümmlichen Gesellschaft, die sich selbstgenügsam mit hohlem Pathos versorgt.

lg

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Offline sandhofer

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Re:Joseph Conrad: Mit den Augen des Westens
« Reply #4 on: 21. Juni 2010, 12.54 Uhr »
Und ich muss ein wenig Abbitte leisten bei Conrad

Dann muss ich wohl meine Aussage vom 1. Juni auch relativieren. Allerdings: Gleich hinrennen und bestellen werde ich diesen Conrad auch nicht.  ;)
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