Author Topic: Julian Barnes: Der Zitronentisch  (Read 5117 times)

Offline orzifar

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Julian Barnes: Der Zitronentisch
« on: 12. Mai 2010, 20.12 Uhr »
Nachdem ich Flauberts Papagei mit Vergnügen gelesen habe, nun diese Geschichtensammlung von Barnes. 3 von 11 habe ich hinter mir - und das klingt genau so, wie es diesmal um mein Vergnügen bestellt ist. Eine ziemliche dürftige Angelegenheit, Geschichten vom Altwerden und Altsein, vorgeblich humorig, aber bestenfalls zum müden Schmunzeln anregend. Ob ich mir die restlichen 8 Erzählungen antun werde, wage ich zu bezweifeln, wenigstens müsste eine der nächsten das Versprechen abliefern, dass sich das Durchhalten lohnt.

Die vielleicht beste Charakteristik dieser Erzählungen der Klappentext. Dort vermerkt Frau Heidenreich, dass es Geschichten "mit Tempo, Frechheit und Witz" seien. Und genau so stell ich mir die Literatur vor, von der Heidenreich genau das sagt. Humor aus der Brigitte, serviert mit "Tempo". Naja ...

lg

orzifar
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Offline Anna

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #1 on: 12. Mai 2010, 21.18 Uhr »
Hallo orzifar!

Nach Deiner Rezension zu "Flauberts Papagei" habe ich mir "Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" angeschafft. Beim erstem kurzen Reinschauen schien es mir durchaus Lesevergnügen zu versprechen. Jetzt bin ich etwas nervös geworden. Musstest Du auch den Namen Heidenreich erwähnen? Da sinkt einem ja sofort das Herz in die Hose. :o Aber ich will nicht verzagen, das Buch gilt immerhin als sein stärkstes.

Gruß
Anna
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Offline sandhofer

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #2 on: 12. Mai 2010, 21.30 Uhr »
Selber schuld ... wer liest denn schon freiwillig Bücher, die von Frau Heidenreich "rezensiert" wurden ...  >:D
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Offline orzifar

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #3 on: 12. Mai 2010, 22.18 Uhr »
Selber schuld ... wer liest denn schon freiwillig Bücher, die von Frau Heidenreich "rezensiert" wurden ...  >:D

Nun, dafür kann das Buch aber wirklich nichts ;). Aber diese Geschichten sind leider wirklich billig, während ich mich  mit dem Papagei gut unterhalten habe.

@Anna: Ich lese deine Beiträge zur Strudlhofstiege im Klassikerforum mit großem Vergnügen, sie spiegeln meine Einschätzung dieses Buches als eines der besten der deutschsprachigen Literatur sehr gut wieder. Das Schöne dran: Man kann es - wie fast alle hervorragenden Bücher - öfter lesen.

lg

orzifar
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Offline mombour

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #4 on: 13. Mai 2010, 09.00 Uhr »
Hallo,

So schlecht findse ich den Zitronentisch nicht. Natürlich darf man das Buch nicht vergleichen mit Proust, Strudlhofstiege oder ähnlichem vergleichen. Das ist doch klar. Das literarische Niveau der Geschichten ist unterschiedlich. Überzogen finde ich den Plot in der Geschichte um einen Konzertbesucher, der sich immer schrulligere Methoden ausdenkt, damit die Zuhörer während des Konzertes in Stille verharren. Zu anfangs aber recht witzig. Die Geschichte mit dem Frisör hat mir gefallen, auch die Variation der Falun-Legende, auch die der Witwen, die sich regelmäßig beim Frühstück treffen.

Als Höhepunkt sehe ich die elfte Erzählung um Turgenjews letzte Liebe. Vielleicht liest orzifar diese noch. ;D

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 13. Mai 2010, 09.08 Uhr by mombour »
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Offline sandhofer

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #5 on: 13. Mai 2010, 12.17 Uhr »
Selber schuld ... wer liest denn schon freiwillig Bücher, die von Frau Heidenreich "rezensiert" wurden ...  >:D

Nun, dafür kann das Buch aber wirklich nichts ;).

Nein. Aber der Verlag, der mit Fr. Heidenreichs Aussagen auf der Umschlagsklappe Werbung macht. Ich glaube nicht, dass wir Fr. Heidenreich auf - z.B. - Prousts "A la Recherche du Temps Perdu" finden werden ...  ;)
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Offline orzifar

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #6 on: 13. Mai 2010, 13.25 Uhr »
So schlecht findse ich den Zitronentisch nicht. Natürlich darf man das Buch nicht vergleichen mit Proust, Strudlhofstiege oder ähnlichem vergleichen. Das ist doch klar. Das literarische Niveau der Geschichten ist unterschiedlich. Überzogen finde ich den Plot in der Geschichte um einen Konzertbesucher, der sich immer schrulligere Methoden ausdenkt, damit die Zuhörer während des Konzertes in Stille verharren. Zu anfangs aber recht witzig. Die Geschichte mit dem Frisör hat mir gefallen, auch die Variation der Falun-Legende, auch die der Witwen, die sich regelmäßig beim Frühstück treffen.

Schlecht wäre übertrieben. Gepflegte Langeweile. Etwa bei den von dir erwähnten Geschichten des Haareschneidens oder bei der "Falun-Legende", die ich beide schwach fand. Das sind 0815-Erzählungen, die sich im Vorbeigehen schreiben, weder witzig noch originell. Die Damen im Café waren noch amüsanter, aber nicht viel mehr. Genau das, was die gute Heidenreich dort zu finden glaubt, fehlt mir völlig: Witz, Esprit, geistreiche Wendungen. Da werden Ideen einfach mal kurz verwurstet - und das wars.

Natürlich wollte ich die Erzählungen nicht mit großen Romanen vergleichen (die Strudlhofstiege kam mir nur in die Tastatur, weil ich Annas Kommentare im Klassikerforum sehr treffend fand); vergleichbar wären sie etwa mit Sammlungen von Brandstetter, die aber ungleich geistreicher und lesbarer sind.

Als Höhepunkt sehe ich die elfte Erzählung um Turgenjews letzte Liebe. Vielleicht liest orzifar diese noch. ;D

Tut er ;). Die 11. (und letzte Erzählung) ist bei mir "Die Stille". Mal gucken ;).

Nein. Aber der Verlag, der mit Fr. Heidenreichs Aussagen auf der Umschlagsklappe Werbung macht. Ich glaube nicht, dass wir Fr. Heidenreich auf - z.B. - Prousts "A la Recherche du Temps Perdu" finden werden ...  ;)

Die "Recherche" ist der Heidenreich wahrscheinlich zu dick, da mangelt's an "Tempo". (Oder meinte sie eine Taschentuchmarke zum Reinheulen?) Aber ganz so sicher bin ich mir nicht, ob sich der Popularität der Dame wegen ihre Empfehlungen nicht auch bei Büchern finden, welche zum einen wirklich Qualität besitzen, zum anderen dem spezifischen Heidenreich-Publikum schmackhaft gemacht werden sollen. Und der Verlag kann natürlich was dafür, die wollen verkaufen und würden auch Bin Laden einen Klappentext schreiben lassen, wenn denn das verkaufsfördernd wirken würde. Und sie das Kerlchen im Hindukusch auftreiben könnten.

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orzifar
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Offline orzifar

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Re:Julian Barnes: Der Zitronentisch
« Reply #7 on: 14. Mai 2010, 23.30 Uhr »
Hallo,

weitergelesen, wobei die letzte Geschichte nicht jene über Turgenjew, sondern Sibelius war. Gerade dieser Zufall hat mich dann auch zum Weiterlesen animiert, Sibelius, dessen Violinkonzert in D-Moll mich an einen berührend schönen Abend bzw. Nacht erinnert.

Die Turgenjew-Erzählung changiert zwischen Pygmalion und Marienbader Elegie, wenngleich mir das "Heraustreten" aus der Geschichte, das von seiten des Erzählers provokative Vergleichen zwischen Liebe des 19. und Sex des 20. Jahrhunderts nicht wirklich zusagte; überhaupt scheint der Autor seine Fortschrittlichkeit immer dadurch zeigen zu wollen, dass in fast jeder Geschichte einmal das Wort "ficken" fällt. Oder aber die Sachen wurden schlecht übersetzt.

Am meisten berührt - aber das mag eben sentimentale Gründe haben, hat mich Sibelius, sein Übergang vom Schreiben der Musik zur absoluten Stille, die Verweigerung der letzten Symphonie in diesem Gedanken, die Welt nicht weiter akustisch belästigen zu wollen. (Dass er es doch getan hat - abseits aller biographischen Fragwürdigkeit der Erzählung - dafür sei ihm gedankt).

Eine weitere Geschichte, jene des alternden Konzertbesuchers, der sich über hüstelnde, niesende, raschelnde, flüsternde Konzertbesucher beschwert, habe ich amüsiert gelesen (wer, der auch nur einmal ein Konzert besucht hat, kennt nicht das Gefühl, mit einer Unzahl TBC-Kranken im Saal zu sitzen) - aber auch hier wurde es mir dann fast zu lang, der Einfall auf 20 Seiten ausgedehnt vermag nicht zu tragen. Aber jetzt mit nur noch drei ungelesenen Geschichten werde ich das Buch auch brav zu Ende bringen.

lg

orzifar
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