Endlich begonnen. Doch schon bei der Einleitung von Jonas Cohn in Toynbees "Geschichtswissenschaft" kräuseln sich mir die Zehennägel. Ein ungeheures Sammelsurium von Platitüden, substanzloses Geschwafel über Selbstverständlichkeiten. Das, was da über Aufstieg und Verfall von Kulturen gesagt wird, ist von absoluter Beliebigkeit, lässt sich ohne jegliche geistige Anstrengung auf alles und jedes mit ein bisschen Phantasie anwenden. Wenn das in dieser Form sich fortsetzt werde ich das Buch unzweifelhaft weglegen, für derartige Einsichten lohnt es sich kaum, ein paar wenige Seiten sich zu Gemüte zu führen, geschweige denn 1000 Seiten.
Als Beispiel mögen solche Sätze dienen: "Die tiefere Einheit der Seele wird auf verschiedenen Wegen zu erreichen versucht, die alle vom Makrokosmos zum Mikrokosmos, von der Außenwelt zur Menschenseele führen und die unleidliche Gegenwart überschreiten." (Mit Bezug auf den Verfall von Kulturen.) Und dann, um solche Worthülsen endgültig zu relativieren, werden noch gegensätzliche Wege der "Überwindung" angegeben, einer wendet sich der Vergangenheit, ein anderer der Zukunft zu (mehr Möglichkeiten bietet der Zeitpfeil ohnehin nicht). Dann werden noch philosophische Abkehr oder Zuwendung an ein geistig Ewiges angeführt, außerdem bestimmte Gruppen, die mehr zum einen oder anderen neigen würden. Hier bleibt einzig die bewundernswerte und sprichwörtliche Geduld des Papiers als Lesefrucht zurück.
Und - wie halt immer bei solchen kruden Theorien - ist die Hegelei nicht weit: "Schöpfung wäre nicht schöpferisch, wenn sie nicht alle Dinge Himmels und der Erden in sich aufnähme, einschließlich ihrer eigenen Antithese." Soso.
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Weiter im Text, den ich nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu Ende lesen werde. Toynbee himself: "Die wirkenden Kräfte sind nicht national, sondern gehen von allgemeinen Ursachen aus, die auf jeden der Teile wirken und in ihrer partiellen Wirkung nicht verständlich sind, wenn man ihre Wirkung auf den Gesellschaftskörper in zusammenfassender Schau sieht." (Irgendwie wirkt irgendwas nicht bloß Nationales auf alles und kann nur verstanden werden, wenn man sich das im einzelnen ansieht.)
"Verschiedene Teile werden verschieden von derselben allgemeinen Ursache berührt, weil sie jeweils in verschiedener Weise auf die von dieser Ursache in Bewegung gesetzten Kräfte reagieren und weil sie umgekehrt zur Bildung eben dieser Kräfte beitragen." (Gleiches wirkt auf Verschiedenes verschieden, weil Verschiedenes verschieden reagiert. Es gibt auch Rückkopplung.)
"Ein Gesellschaftskörper, können wir sagen, steht im Laufe seines Lebens einer Folge von Fragen gegenüber, die jedes Glied, so gut es vermag, zu lösen hat." (Es passiert was - und man reagiert, nach Möglichkeit so, dass es positive Auswirkungen für das Teil hat.)
"Das Auftreten jeder Frage ist eine Herausforderung, sich einer Probe zu unterziehen, und durch diese Reihe von Proben differenzieren sich die Glieder des Gesellschaftskörpers fortschreitend voneinander." (Immer noch passiert was, die Lösungen sind unterschiedlich. Dadurch kann es zu unterschiedlichen Entwicklungen kommen.)
"Ganz und gar unmöglich ist es, die Bedeutung des Verhaltens eines einzelnen Gliedes oder einer einzelne Probe zu erfassen, ohne von dem ähnlichen oder unähnlichen Verhalten seiner Genossen Kenntnis zu nehmen und ohne die aufeinanderfolgenden Proben als eine Reihe von Ereignissen im Leben des ganzen Gesellschaftskörpers im Blick zu haben." (Die Reaktion eines Teiles ist immer nur verständlich mit Blick auf das Ganze - siehe erster Teil dieses Absatzes.)
Das erinnert schwer an Habermas' Einleitungssatz vom Teil und Ganzen, von den reziproken Wirkungen etc. Irgendwie wirkt irgendwas auf alles und dieses alles, in Teile zerlegt, wirkt wieder zurück. Das sind Allerweltsweisheiten für Studentenstammtische im ersten Semester.
Geschichte, historische Literatur zu lesen macht mir in der Regel Spaß. Geschichtstheorien nur höchst selten - und solche an Hegel, Spengler und Konsorten geschulte Ansätze sind mir ein Gräuel. Ich habe mit dem Studium solcher Theorien einige Zeit verbracht - und es war großteils verlorene Zeit. Da dieselbe mit zunehmendem Alter zwischen den Fingern zerrinnt, habe ich mir angewöhnt, sie nicht mit für mich unsinnigen Dingen zu verbringen. Deshalb werde ich mich - auch wenn ich selbst diese Leserunde angestoßen habe, mich von derselben wieder zurückziehen. Toynbee entpuppt sich leider als wesentlich unlesbarer als angenommen. Ich sehe mich meine Zeit wesentlich sinnvoller mit Demandt verbringen (oder auch den unzähligen Bänden der Kulturgeschichte Durants, der zu schreiben versteht und auf theoretische Unterfütterungen verzichtet).
Tut mir leid. Ich hoffe auf das sandhofersche Verständnis.
lg
orzifar