Author Topic: Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)  (Read 8870 times)

Offline mombour

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Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« on: 20. Januar 2010, 13.03 Uhr »
Es lesen:

Anita
mombour

Hallo Anita,

zu anfangs war ich wie vor dem Kopf gestoßen, da er im Vorwort schreibt:

Quote from: Márai
„..die Armen nicht nur ungeschickt leben, sondern sich auch schlecht benehmen.“

Da dachte ich, der Autor sei von dämlichen Vorurteilen besessen. Doch als ich dann gelesen habe, neun Zehntel der Menschheit seien arm,  er muss das irgendwie anders gemeint haben, vielleicht ironisch. Dann hat mich gestört, dass er den Armen belehrend gegenüber stehen will. Na,ja, da lese ich erst mal weiter.

Erstes Kapitel:

Armut als der normale Zustand des Menschen. Den Vergleich mit der Tierwelt finde ich sehr schon. Kein Tier, außer Ameisen u.ä., hortet und klammert sich an erworbene Güter. Menschen bilden sich ein, reich zu sein, nur weil sie viel haben. Das ist der Knackpunkt. Márai propagiert eine Welt, in der die meisten Leute kein Geld, kaum Besitz haben. Hier schwingt die Lebensphilosophie durch, des Menschen Glück ist nicht von den Gütern abhängig, welche er besitzt. Aber trotzdem, bekomme ich einen Dämpfer, denn es heißt Armut sei nicht etwas gutes, auch das Leben nicht. Was will denn der Autor?. Auch das Glück sei nicht Endzweck der Existenz, untermauert durch ein Rilke-Zitat.

Im ersten Kapitel geht es um Definition von Armut und Reichtum, interessant, dass das eine noch das andere vom Geld abhängig ist. Man kann mit Geld alles mögliche kaufen, trotzdem, so Márai, „kann sich zum Beispiel ein dummer Mensch trotz all seines Geldes die Fähigkeit der klugen Überlegung nicht erkaufen...“  Diese Trennung von klug und dumm, diese Dualitäten mag ich sowieso nicht, weil sie recht plumb und ungehobelt klingen. Darum gefiel mir folgendes Zitat besonders:

Quote from: Márai
Der Reichtum ist letzten Endes etwas Symbolisches und Beschränktes, und die Reichen sind im höheren Sinne des Wortes ebenfalls arme Menschen, da sie statt der Wahrheit, die sie so fürchten wie ein Köter den Hundefänger, sich mit Surrogaten oder Symbolen der Wahrheit begnügen müssen, welche die Literatur und die auf ihr Eigenbild zugeschnittene Gesellschaft ihnen fatamorganaartig vorgaukelt. Nur die allerfühligsten Reichen, die so gegabt sind, daß sie Arme sein könnten, wissen, wie beschrankt ihre Macht des Geldes ist, und das nicht nur der Besitz des Geldes sie von den Armen trennt.

Nach Márai kann man sich die Tugend kaufen. Wie soll das möglich sein? Was versteht er denn unter Tugend. Er sagt ja ganz richtig,  dass man sich „keinesfalls das heiter beglückende Gefühl, das die Erkenntnis und die praktische Ausübung der sittlichen Wahrheiten der Seele schenkt“ kaufen kann. Ja sicherlich, das glaube ich auch. Der Reiche will alles mit Geld erreichen und will seine Vermögenswerte steigern, der Arme, so habe ich das verstanden, hat auch die Fähigkeit, ohne Geld glücklich zu sein. Ach, dann bin ich also doch wieder dorthin zurückgekommen, dass der Mensch ohne Besitz und Güter glücklich sein kann. Nur die „allerfühligsten Reichen“ können auch glücklich sein, wenn sie nicht nur nach materiellen Werten jagen. Armut also eine Tugend. Wenn Sándor Márai das so meint, bin ich mit ihm einverstanden - Trotzdem, zu Beginn sagt er, die Armen leben ungeschickt und haben keine Manieren. Sind das nicht nur triviale Klischees?

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 27. Januar 2010, 16.30 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anita

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #1 on: 20. Januar 2010, 17.11 Uhr »
Hallo mombour.

Quote from: mombour
Quote from: Márai
„..die Armen nicht nur ungeschickt leben, sondern sich auch schlecht benehmen.“

Da dachte ich, der Autor sei von dämlichen Vorurteilen besessen. Doch als ich dann gelesen habe, neun Zehntel der Menschheit seien arm,  er muss das irgendwie anders gemeint haben, vielleicht ironisch. Dann hat mich gestört, dass er den Armen belehrend gegenüber stehen will. Na,ja, da lese ich erst mal weiter.

Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich nun doch ganz schnell lesen musste, habe aber erst diese Einleitung gelesen.

Quote from: Zeltner - Ein Leben in Bildern
Seine Kindheit verbrachte Márai in einem Haus, dessen Lage, Nachbarschaft, Geräumigkeit und für die Zeit der Jahrhundertwende erstaunlich moderne Ausstattung er in den Bekenntnissen bunt, amüsant und in allen Einzelheiten beschrieben hat. ... Dieses Haus kündete selbstbewußt vom technischen Fortschritt, vom aufstrebenden Kapitalismus des gerade angebrochenen neuen Jahrhunderts ...

Insgesamt würde ich Márai dem guten alten Bürgertum zuordnen, und wenn ich mir diese Sätze so durchlese, meint Márai auch nicht arm wie wir arm betiteln würden, sprich Unterschicht, sondern er ordnet sich selber dort ein  ;D  Und wer ist arm?, derjenige der Langeweile hat, oder Armut als Krankheit `die man durch Beweglichkeit der gelähmten Glieder zurückerlangt´. Mir kam, obwohl auch mal die Taler in der Tasche erwähnt werden, die Geistesarmut in den Sinn. Ansonsten müsste ich mich ja schon wieder heillos über diese ganzen Aussagen aufregen und wettern   ;D

Bis später
Anita

Edit: mombour ich bin auch hin und her gerissen, und komme nicht genau dahinter, was uns Márai hier vermitteln möchte ...

"Armut als der normale Zustand des Menschen" so wird er geboren, arm, dann komme ich wieder auf mein geistlos, dumm und ohne Bildung. Dann würde Reich auch gleichbedeutend sein mit geistreich, und der Satz "Darum sind auch die Reichen im allgemeinen so traurig." eine andere Bedeutung haben, die recht schön klingt, ABER man fällt immer wieder auf die Nase, dass es eben nicht so passt.

`Die Armut macht 90% der Menschheit aus, das ist auch die Masse, die sich etwas vorgaukkeln lässt, die vor Begeisterung tobt, die Revolutionen ausfechtet und mordet.`

Das habe ich mir hinter das erste Kapitel geschrieben, wo es ja zum Schluss wieder auf die Belehrung auskam: Eine Belehrung für die Armen, warum man erst gar nicht reich werden will!?  ;)

Anita
« Last Edit: 20. Januar 2010, 19.49 Uhr by Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #2 on: 21. Januar 2010, 16.22 Uhr »
Bevor ich mich weiter verwirren lasse, lese ich erstmal weiter. ;D

Im Zweiten Kapitel, über das Unglück, wird vielleicht etwas klarer, was Márai will. Es geht um bestimmte Lebensweisen, wie z.B. Menschen auf Unglück reagieren. Bei den Armen ist das Unglück sowieso da, sie machen aber kein Theater darum.

Quote from: Màrai
Das Unglück umgibt das Dasein der Armen wie die Luft die Erdkugel."

Das Unglück erscheint den Armen als völlig selbstverständlich.

Der Reiche dagegen, der meint, sich alles mit Geld kaufen zu können, er nimmt das Unglück nicht gelassen hin, sondert schreit es hinaus und stellt es jammernd in den Mittelpunkt. Ach wie schrecklich ist mein Unglück, stöhn.

Quote from: Márai
In den Augen der Reichen erscheint das Unglück gewissermaßen als Attraktion

Es wird gejammert, es wird getratscht. Tratscherei als Lebensinhalt.

An diesen Beispielen ist mir klar geworden, Márai meint verschiedene Lebenseinstellungen.

Im dritten Kapitel geht es um Schönheit. Eststmal, na ja, der Arme wird als dumm postuliert  >:D ( das ist das schwere Kreuz des Buches,dadurch er seinen Essay verschandelt). Der Arme, weil er sich einfach um sein Überleben kümmern muss und wohlmöglich aus seiner gewohnten Umgebung nie herauskommt, hat keine Zeit, sich darum zu kümmern, was schön ist, denn er kümmert sich mehr um das Lebenspraktische. Márai gibt mehrere Beispiele.

Mir gefällt diese Lebenseinstellung gar nicht. Nun, bei Menschen, die existentiell um Hunger leiden, da mag es so sein, denn diese Armen wollen nur noch essen und trinken, sonst sterben sie. Aber über diese Leute spricht Márai  nicht.

Quote
Fragen wir den Armen, was er von einer malerischen Gegend gesehen hat, die er mit einem Sack Gerstenschrot auf dem Buckel von Ort zu Ort , inmitten duftender Wälder und blumiger Wiesen durchwandert hat. Die Antwort wird lauten: "Die Kleeernte wird heuer gut ausfallen,...

Mir gefällt da viel mehr die Lebenseinstellung, die Pessoa in seinem "Buch der Unruhe" dargelegt hat. Dort erzählt er von einem Mann, der schon immer, jahrzehntelang, in dem einen Restaurant gearbeitet hat, in dem er immer noch arbeitet. Dieser Mensch lebte so, als wäre er der glücklichste Mensch auf Erden, obwohl er in seinem Leben fast nur die vier Wände des Restaurants gesehen hatte. Wahre Freude kommt eben von innen. Auch Pessoa, der sich in Lissabon den Sonnenuntergang anschaut, sagt sich, ich brauche niemals nach China zu fahren, denn hier bei mir zu Hause ist der Sonnenuntergang genauso schön. Also, diese Mentalität gefällt mir viel besser.
 Pessoa war sicher nicht reich. :angel:

Liebe Grüße
mombour[/quote]
« Last Edit: 27. Januar 2010, 16.32 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #3 on: 21. Januar 2010, 17.20 Uhr »
Hallo mombour.

Heute habe ich das zweite und dritte Kapitel gelesen, und mir ist nun klar was Márai jetzt meint.

Zweites Kapitel:
Unglück, für die Armen ist es das Dasein, für die Reichen eine Attraktion. Den Reichen bringt es eine Erkenntnis, „der Arme schwimmt im Unglück“, „es ist deren Gewohnheit“. Der Schriftsteller schreibt am besten im Unglück (ist das so, aus dem Leid heraus?) Brot, für den Armen heißt Brot Brot, für den Reichen, der Broterwerb.

Wenn das Buch jetzt immer so weiter gegangen wäre, und nur ellenlang Klischees aufgezählt hätte, wäre es jetzt soweit gewesen, dass ich es in die Ecke gepfeffert hätte. Feiern können nur die Armen … Auch das Beispiel über die Gossensprache als Fremdsprache der Armen, ich fand das mittlerweile nicht mehr witzig, konnte es nicht mehr recht als bissige Satire durchgehen lassen, höchstens noch als Zynismus, aber auf der untersten Stufe.

Drittes Kapitel:
Ganz klar geht da der Stumpfsinn als Träger der Armut hervor und woran es liegt: „Sobald er aber zu Geld kommt, wächst sein ästhetisches Empfinden im Verhältnis zum erworbenen Vermögen“ S. 48 oder „Im Verhältnis dazu, wie sein Geld abnimmt, schwindet auch die Anziehungskraft der Natur.“

Also „Armut“ hat nichts mit Geld zu tun, aber Geld nimmt einen enormen Einfluss auf die Armut: hoh, hoh! Weil man einfach mit Geld freier bestimmen kann, unabhängiger ist …

Und nun kommt Márais erste Belehrung: die Miniaturgärten der Japaner. Reiche wollen immer größer, immer mehr; man kann aber im Kleinen auch Wunder verbringen was dann sogar Kunst werden kann.

Bis später
Anita
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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #4 on: 21. Januar 2010, 17.29 Uhr »
Mir gefällt da viel mehr die Lebenseinstellung, die Pessoa in seinem "Buch der Unruhe" dargelegt hat. Dort erzählt er von einem Mann, der schon immer, jahrzehntelang, in dem einen Restaurant gearbeitet hat, in dem er immer noch arbeitet. Dieser Mensch lebte so, als wäre er der glücklichste Mensch auf Erden, obwohl er in seinem Leben fast nur die vier Wände des Restaurants gesehen hatte. Wahre Freude kommt eben von innen. Auch Pessoa, der sich in Lissabon den Sonnenuntergang anschaut, sagt sich, ich brauche niemals nach China zu fahren, denn hier bei mir zu Hause ist der Sonnenuntergang genauso schön. Also, diese Mentalität gefällt mir viel besser.

Das ist auch "eher" meine Einstellung, ein sehr steiniger Weg, wenn man nicht von Geburt an diese absolute innere Zufriedenheit spürt. Ich habe das eher extra in Anführungsstriche gesetzt, ich würde ihn gerne gehen, aber  ;D Und ich denke, dieses ABER versucht Márai hier in Worte zu fassen, manchmal sehr ungeschickt  :wut: Wird er zum Schluss bei Pessoa auskommen? (Übrigens habe ich mir dieses Buch notiert  ;) )

Gruß
Anita
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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #5 on: 22. Januar 2010, 19.57 Uhr »
Hallo mombour .

4. Kapitel

Ui, jetzt darf ich sogar nicht mehr mitreden, denn arm kann ich nicht sein da Kinder, Frauen und Dichter weder arm noch reich sind, quasi irgendwelche Zwitterwesen.
Die „exotische“ oder „romantische“ Umdichtung sind nur aufgesetzte Gesichter der Zufriedenheit, dann wäre ich lieber weiterhin „arm“. Auch als Zyniker verdrängt man eher die Wirklichkeit.

Ah jetzt kommt Márai mit der Einheitsvorstellung: Leben ohne Gesellschaft! Und ohne Zeit, sprich Uhr, das nähert sich meinem Leben, aber es gibt immer irgendwelche Zwänge denen man sich doch unterwirft. Eben, zum Schluss sagt er genau das, was man schnell erkennt: Einsamkeit! Der Begriff Armut, den würde ich lieber mit Freiheit betiteln, diese Erkenntnis entspricht nämlich auch dem was Peter Bieri, besser bekannt als Pascal Mercier, in „Handwerk der Freiheit“ erklärt, oder was ich aus Nietzsche entnehme. UND dem armen Nietzsche ist diese Einsamkeit nicht sonderlich gut ergangen, ich bin auch der festen Meinung, dass der Mensch ein Herdentier ist. So ganz abseits in der Isolation ist nicht mein Ding, auch wenn das dann heißt ich muss Kompromisse eingehen.
Eine Parallelwelt betreten mit einigen wenigen Menschen, die ähnlich ticken okay, aber nie völlig einsam, das könnte ich nicht ertragen.

Aber ich bin ja so frei, das selber zu bestimmen  ;)

LG
Anita
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Offline mombour

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #6 on: 24. Januar 2010, 11.27 Uhr »
um uns aus der Verwirrung zu vertreiben, wähle ich als Ausgangspunkt, Márais Beschäftigung mit dem Kynismus (Kap.4) und dem, was Anita gesagt hat:

Quote from: Anita
Leben ohne Gesellschaft! Und ohne Zeit, sprich Uhr, das nähert sich meinem Leben, aber es gibt immer irgendwelche Zwänge denen man sich doch unterwirft. Eben, zum Schluss sagt er genau das, was man schnell erkennt: Einsamkeit! Der Begriff Armut, den würde ich lieber mit Freiheit betiteln, diese Erkenntnis entspricht nämlich auch dem was Peter Bieri, besser bekannt als Pascal Mercier, in „Handwerk der Freiheit“ erklärt, oder was ich aus Nietzsche entnehme.

Antisthenes, ein Schüler des Sokrates, begründete das Gymnasium Kynosarges, begründete damit auch die Lebensweise (philosophische Richtung wäre übertrieben) der Kyniker. Das bekommt alles eine heitere Note, weil der Begriff Kyniker von Kyon = Hund abstammen soll, und wir müssen Márai eine Portion Humor zusprechen, wenn er sagt:

Quote from: Márai
...ich bummelte tagsüber in den Straßen herum und sowohl mein gesellschaftliches, wie auch mein Liebesleben übertraf in keiner Weise das Niveau eines herrenlosen Straßenköters.

Nichts ist wertvoller als die Tugend, nach der der Kyniker strebt, die äußeren Güter verachtend. „Lieber will ich verrückt werden als Lust genießen“ heißt die Maxime. Und Hirschberger weiter in „Geschichte der Philosophie“:

Quote from: Hirschberger
Das führt zu einer Verachtung auch der Kulur, der Wissenschaft, de Religion, der nationalen Bindungen, und besonders auch der Sitte und des Anstandes.

So konnte Diogenes von Sinope  der diese Lebensweise bis ins extreme lebte, in der Öffentlichkeit onanieren, in der Tonne leben (was allerdings eine Legende ist). Der Kyniker kennt keine Scham. Die reiche Herrin allerdings auch nicht, die keine Scham empfindet, wenn sie sich vor ihrem Dienstboten auszieht, vgl. Kap.6 (Dienstboden und Dienstmädchen waren in den Augen der Herrschaft nicht als Menschen anzusehen, sondern als Maschinen, die funktionieren mussten, man vgl. hierzu den hervorragenden Dienstmädchenroman „Édes Anna“ von Dezső Kosztolányi). Der Kyniker lebt auch von Bedürfnislosigkeit, hierzu legt uns die Begebenheit des Diogenes Zeugnis ab, der seinen Trinkbecher wegwarf, als er sah, wie ein Kind das Wasser mit bloßen Händen auffing.

Mit seiner Lebensweise katapultiert sich der Kyniker aus der Gesellschaft heraus und lebt wie ein Straßenköter. Márai wollte diesen Weg gehen, zumindest versuchen, „eines Tages der Welt den Rücken zu kehren,“ denn das Leben in der Gesellschaft „wo das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage den Wert der Dinge bemißt, ohne dabei seinen Mitmenschen zu schaden, vermag man nur mit Hilfe von Geld.“ Sein Geld reichte aber nicht aus.

Márai spricht von Angebot und Nachfrage, vom Leben in der Gesellschaft, in der die materiellen Güter so wichtig sind, und ich bekomme den Eindruck, dass Márai das Leben der Kyniker, als Extrem  der Lebensauffassung „Zurück zur Natur“, dem Kapitalismus gegenüberstellt. Im zweiten Kapitel lasen wir schon „Ein richtiger Reicher vermehrt sein Vermögen  so lange er lebt.“ Das ist die Grundmaxime des Kapitalismus. Im Kapitalismus lebt man  nicht auf diese Weise, dass man niemanden schadet, wie es noch bei der Erläuterung zum Tugendbegriff bei Voltaire (vgl. 4. Kap.) geheißen hat. Sondern diese sinnlose Gier von Bankenspekulanten hat uns in die Wirtschaftskrise geführt. Diese sinnlose Geldgeilheit drückt sich in der Unzufriedenheit des Googlekonzerns aus, der, obwohl sie ihren Quartalsgewinn ins Fünfache gesteigert haben, in diesen Tagen ziemlich unzufrieden ist, siehe  hier . Die kapitalistische Lebensart bringt keinen Frieden, ich denke, Márai weiß das auch.

Armut mit Freiheit zu bezeichnen , die Idee finde ich sehr gut. Ich vermute, Márai meint das auch. Das Ziel ist, sich von Zwängen loszulösen, d.h. auch keinen Wecker mehr zu gebrauchen. In unserem festgefahrenen Leben ist das kaum noch möglich. Wenn man über das Leben eines Armen lesen will, dann lese man Henry Miller. KeinGeld und ich fühle mich reich wie ein Millionär, so ungefähr heißt es im Koloß von Maroussi. Das Glück in der Armut finden ist ein erstrebenswertes Ziel. Als ob Márai verzweifelt um Antworten ringt, jammert er aber über die Armen, dann  preist er sie wieder. Mir scheint, Márai will diverse Aspekte der Armut herausstellen, darum erzählt er einmal von Voltäire, dann von Stoa und Kynismus und gibt zu Beginn es Buches kund, er habe auch  Franz von Assisi gelesen. Dieses Hin- und Hertreiben gefällt mir nicht, weil ich den Eindruck gewinne, er habe keine klare Linie.

Ich muss es jetzt wirklich deutlich predigen. Lese man doch lieber Henry Miller, wie glücklich arm er in Paris gewesen ist und nicht das Hin-und Hergefusel wie auch hier:

Quote from: Márai
So arm, wie in jener Zeit in Frankreich, habe ich mich weder früher noch später je gefühlt. Ich fühle mich geradezu verlaust und verkrüppelt, die Armut beeinflußte so sehr meinen Gemütszustand, daß ich reif gewesen wäre für den Hof der bettler im XV. Jahrhundert, reif für die Gesellschaft eines Villon. Den Luxus, den ich später nie entbehrte und dessen Mangel mich auch nie schmerzlich berührte, begehrte ich in Paris, sozusagen wie einen mir abhanden gekommenen Körperteil;..

Den Bieri muss ich auch noch lesen. Ich glaube der subbt irgendwo. Armut ist gleich Freiheit. Diese Erkenntnis erfreut mich. Ja, es ist schon lustig, dass wir oft auf gleiche Lektüren fliegen. Zur Zeit bekomme ich wieder Lust auf geistiges. Möchte dieses Jahr noch mit dem Philosophen N... ;D beginnen und das dazugehörige Buch von Safranski lesen und dann sein Buch über Schopenhauer, in dem Safranski über Hegels Philosphie erzählt, passt ja gerade zum KertészKaddisch. Woraus ich hinauswill, für Márai ist Armut auch Freiheit. Wenn er sich nicht um die Uhr kümmern muss, nicht hetzen muss, macht er sich auch hierin von gesellschaftlichen Zwängen frei.

Quote from: Márai
Außerhalb der Gesellschaft und im Besitz der rückeroberten Zeit begannen meine abgestumpften Sinne sich allmählich wieder zu beleben, langsam begann ich zu genesen und fing an menschliche Farbe zu bekommen...

Das kann der zentrale Satz des Buches sein. Das ist Freiheit, Menschsein. Kapitalismus ist Versklavung des Geistes. In diesem Sinne kann ich mich mit „Schule der Armen“ versöhnen.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 27. Januar 2010, 08.46 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline Anita

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #7 on: 24. Januar 2010, 12.53 Uhr »
Welchen Hirschberger meinst du mombour?
Quote from: Hirschberger
Das führt zu einer Verachtung auch der Kultur, der Wissenschaft, der Religion, der nationalen Bindungen, und besonders auch der Sitte und des Anstandes.

Quote from: mombour
So konnte Diogenes von Sinope der diese Lebensweise bis ins extreme lebte, in der Öffentlichkeit onanieren, in der Tonne leben (was allerdings eine Legende ist). Der Kyniker kennt keine Scham. Die reiche Herrin allerdings auch nicht, die keine Scham empfindet, wenn sie sich vor ihrem Dienstboten auszieht … Mit seiner Lebensweise katapultiert sich der Kyniker aus der Gesellschaft heraus und lebt wie ein Straßenköter.

Das passt jetzt nicht so ganz hier herein, aber diese Auswirkung ist es, warum ich N… lange in die Ecke gefeuert habe. Wenn „Gott tot ist“, es keine Moralvorstellung oder Tugend mehr gibt, welche Instanz gibt es dann noch, die die Bestie Mensch vom … abhält?
Habe dann nach Jahren Karl Jaspers gelesen, der es so interpretiert, dass das „goldene Kalb“ im christlichen Glauben lebt, tot ist der „wahrhafte“ Gott.

Quote from: mombour
Das ist die Grundmaxime des Kapitalismus. Im Kapitalismus lebt man nicht auf diese Weise, dass man niemanden schadet, wie es noch bei der Erläuterung zum Tugendbegriff bei Voltaire (vgl. 4. Kap.) geheißen hat. Sondern diese sinnlose Gier von Bankenspekulanten hat uns in die Wirtschaftskrise geführt.

Eben!

Das ich von einigen Zwängen frei bin, habe ich allerdings einem Zwang zu verdanken. Der Prozess sich Des-sich-damit-Abfindens in einer Welt, in der man sich nur mit Geld/Beruf/Wohlstand definiert, ist ungehörig schwierig. Das Abseits von der Gesellschaft leben gehört dazu, und zynisch wird man dadurch auch.

So, und nun lese ich mal weiter  :)

Schönen Sonnatg
Anita
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Offline mombour

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #8 on: 24. Januar 2010, 13.35 Uhr »
Welchen Hirschberger meinst du mombour?
Quote from: Hirschberger
Das führt zu einer Verachtung auch der Kultur, der Wissenschaft, der Religion, der nationalen Bindungen, und besonders auch der Sitte und des Anstandes.

Quote from: mombour
So konnte Diogenes von Sinope der diese Lebensweise bis ins extreme lebte, in der Öffentlichkeit onanieren, in der Tonne leben (was allerdings eine Legende ist). Der Kyniker kennt keine Scham. Die reiche Herrin allerdings auch nicht, die keine Scham empfindet, wenn sie sich vor ihrem Dienstboten auszieht … Mit seiner Lebensweise katapultiert sich der Kyniker aus der Gesellschaft heraus und lebt wie ein Straßenköter.

Das passt jetzt nicht so ganz hier herein, aber diese Auswirkung ist es, warum ich N… lange in die Ecke gefeuert habe. Wenn „Gott tot ist“, es keine Moralvorstellung oder Tugend mehr gibt, welche Instanz gibt es dann noch, die die Bestie Mensch vom … abhält?

1) Hirschberger: Ich meine Johannes Hirschberger: Geschichte der Philisophie Ich habe eine zweibändige Ausgabe vom Komet-Verlag. Originalverlag ist Herder, Freiburg.

2) Nun ja, Diogenes passt hier m.M.n. schon hinein, auch wenn ich nie wie ein Kyniker vagabundieren möchte, und Diogenes natürlich das äußerste Extrem eines Kynikers gelebt haben soll. Es ging ja darum, sich außerhalb einer Gesellschaft zu bewegen.

Ich weiß nicht, ob der Schnauzbart aus seiner These "Gott ist tot" folgert, es gäbe dann keine Moralvorstellung, keine Tugend, oder ob das dein Gedankengang ist. Auf jedenfall weiß man durch die heutige Neurobiologie, dass das Moralempfinden im Gehirn ensteht (vgl. exemplarisch mal hier). Einen Gott oder eine höhere Instanz braucht man nicht dazu. :angel:
Ich kann dich beruhigen, ich kenne ganz liebenswerte Atheisten und der Diogenes hatte von Neurobiologie null Ahnung ;D

nun denn, genieße den Sonntag :hi:
mombour
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Offline Anita

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #9 on: 24. Januar 2010, 15.08 Uhr »
Hallo mombour.

Quote from: mombour
2) Nun ja, Diogenes passt hier m.M.n. schon hinein, auch wenn ich nie wie ein Kyniker vagabundieren möchte, und Diogenes natürlich das äußerste Extrem eines Kynikers gelebt haben soll. Es ging ja darum, sich außerhalb einer Gesellschaft zu bewegen.

Oh ich meinte auch eher meine Äußerung.

Quote from: mombour
Ich weiß nicht, ob der Schnauzbart aus seiner These "Gott ist tot" folgert, es gäbe dann keine Moralvorstellung, keine Tugend, oder ob das dein Gedankengang ist.

Ja, okay, es ist auch ganz schwierig, dieses komplexe Thema (das meinte ich damit, dass Nietzsche {oh Pardon  ;D} hier jetzt den Rahmen sprengt) hier skizzenhaft aufzunehmen. Ganz unten in deinem Artikel steht was, was doch wieder darauf schließen lässt, dass man Moral zumindest vorgelebt bekommen sollte, ansonsten entwickelt sich dieser Mandelkern anders.
Genau in dem Beispiel des Kapitalismus sieht man wohin es führt, wenn man keine Instanz, einen Riegel, davor setzt. Ich bin da sehr skeptisch ... Muss ja auch nicht Gott sein, aber irgendwas, bin da sehr offen  ;)

6. Kapitel

Quote from: Márai
{Wanderschaft} ... der Suche nach Antwort auf die ewige Frage der Armut sind.

Da habe ich jetzt aber gestaunt! Da nimmt Márai tatsächlich mein Beispiel, nur handelt es sich bei ihm um eine Mandelentzündung oder Blinddarmentzündung, nach ein paar Wochen ist man wieder gesund. Chronisch Kranke werden in diese "Reise" hinein katapultiert, ohne dass man diese Weisheit/Wissen/Lehre begriffen hat. Die Freiheit kann man aber erst genießen, wenn man die negativen Konsequenzen akzeptiert.

Quote from: Márai
Die moderne Seelenforschung neigt zu der Annahme, daß der Mensch nur dann erkrankt, wenn er von den Verantwortungen des Lebens fliehen will.

Da sag ich jetzt mal nix zu  :-X

Bis dann
Anita
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Offline wanderer

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #10 on: 24. Januar 2010, 17.08 Uhr »
Hallo Mombour,

ich folge mit Interesse, was Du und Anita über Schule der Armen überdenkt.

Du hast geschrieben:

Wenn man über das Leben eines Armen lesen will, dann lese man Henry Miller.

Könntest Du bitte schreiben, welches Buch von H. Miller Du meinst?

Danke!
Gruß
wanderer

Offline mombour

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #11 on: 24. Januar 2010, 17.24 Uhr »
Könntest Du bitte schreiben, welches Buch von H. Miller Du meinst?

Ich meine insbesondere "Der Wendekreis des Krebses", "Der Koloß von Maroussi".
 Vieles von Millers Lebensart und Philosophie kann man auch in "Big Sur" erlesen. Dieses Buch habe ich aber noch nicht gelesen.

Liebe Grüße
mombour
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Offline wanderer

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #12 on: 24. Januar 2010, 19.22 Uhr »
Danke Mombour,

Der Wendekreis des Krebses habe ich jetzt bestellt.

Viele Grüße
wanderer

Offline Anita

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #13 on: 25. Januar 2010, 11.55 Uhr »
Gestern abend habe ich noch Kapitel 7 und 8 gelesen, und nun bin ich restlos von Márai enttäuscht, was für eine Phrasendrescherei   ::)

Über Kapitel 7 muss wohl jede Frau die Augen rollen, auch seinerseits konnte man ein anderes Frauenbild haben. In seinen Romanen ist es zwar ähnlich, aber besser verpackt. In "der Möwe" setzt er gar die Frau mit Krieg gleich.
8. Kapitel reiht sich dann ein Klischee ans nächste, das habe ich ehrlich gesagt total gelangweilt gelesen.

Quote from: Márai
Natürlich trinken die Armen nicht zum Vergnügen, sondern um ihre Verzweiflung zu betäuben, doch hat diese Verzweiflung meist überhaupt keinen bestimmten Grund.

Auch setzt er "Armut" wieder mit Geldmangel in Verbindung. Essays von ihm, sind mir jetzt sehr suspekt   ;D

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Sándor Márai: Schule der Armen (Essay)
« Reply #14 on: 25. Januar 2010, 12.46 Uhr »
Vieles von Millers Lebensart und Philosophie kann man auch in "Big Sur" erlesen.

Ist jetzt OT, entschuldige, aber: "Big Sur" ist für mich ein Werk von Jack Kerouac; von Miller kenne ich nur "Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch". Meinst Du dieses?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus