um uns aus der Verwirrung zu vertreiben, wähle ich als Ausgangspunkt, Márais Beschäftigung mit dem Kynismus (Kap.4) und dem, was Anita gesagt hat:
Leben ohne Gesellschaft! Und ohne Zeit, sprich Uhr, das nähert sich meinem Leben, aber es gibt immer irgendwelche Zwänge denen man sich doch unterwirft. Eben, zum Schluss sagt er genau das, was man schnell erkennt: Einsamkeit! Der Begriff Armut, den würde ich lieber mit Freiheit betiteln, diese Erkenntnis entspricht nämlich auch dem was Peter Bieri, besser bekannt als Pascal Mercier, in „Handwerk der Freiheit“ erklärt, oder was ich aus Nietzsche entnehme.
Antisthenes, ein Schüler des Sokrates, begründete das Gymnasium Kynosarges, begründete damit auch die Lebensweise (philosophische Richtung wäre übertrieben) der Kyniker. Das bekommt alles eine heitere Note, weil der Begriff Kyniker von Kyon = Hund abstammen soll, und wir müssen Márai eine Portion Humor zusprechen, wenn er sagt:
...ich bummelte tagsüber in den Straßen herum und sowohl mein gesellschaftliches, wie auch mein Liebesleben übertraf in keiner Weise das Niveau eines herrenlosen Straßenköters.
Nichts ist wertvoller als die Tugend, nach der der Kyniker strebt, die äußeren Güter verachtend.
„Lieber will ich verrückt werden als Lust genießen“ heißt die Maxime. Und Hirschberger weiter in
„Geschichte der Philosophie“:Das führt zu einer Verachtung auch der Kulur, der Wissenschaft, de Religion, der nationalen Bindungen, und besonders auch der Sitte und des Anstandes.
So konnte Diogenes von Sinope der diese Lebensweise bis ins extreme lebte, in der Öffentlichkeit onanieren, in der Tonne leben (was allerdings eine Legende ist). Der Kyniker kennt keine Scham. Die reiche Herrin allerdings auch nicht, die keine Scham empfindet, wenn sie sich vor ihrem Dienstboten auszieht, vgl. Kap.6 (Dienstboden und Dienstmädchen waren in den Augen der Herrschaft nicht als Menschen anzusehen, sondern als Maschinen, die funktionieren mussten, man vgl. hierzu den hervorragenden Dienstmädchenroman „Édes Anna“ von Dezső Kosztolányi). Der Kyniker lebt auch von Bedürfnislosigkeit, hierzu legt uns die Begebenheit des Diogenes Zeugnis ab, der seinen Trinkbecher wegwarf, als er sah, wie ein Kind das Wasser mit bloßen Händen auffing.
Mit seiner Lebensweise katapultiert sich der Kyniker aus der Gesellschaft heraus und lebt wie ein Straßenköter. Márai wollte diesen Weg gehen, zumindest versuchen,
„eines Tages der Welt den Rücken zu kehren,“ denn das Leben in der Gesellschaft
„wo das Gesetz des Angebotes und der Nachfrage den Wert der Dinge bemißt, ohne dabei seinen Mitmenschen zu schaden, vermag man nur mit Hilfe von Geld.“ Sein Geld reichte aber nicht aus.
Márai spricht von Angebot und Nachfrage, vom Leben in der Gesellschaft, in der die materiellen Güter so wichtig sind, und ich bekomme den Eindruck, dass Márai das Leben der Kyniker, als Extrem der Lebensauffassung „Zurück zur Natur“, dem Kapitalismus gegenüberstellt. Im zweiten Kapitel lasen wir schon
„Ein richtiger Reicher vermehrt sein Vermögen so lange er lebt.“ Das ist die Grundmaxime des Kapitalismus. Im Kapitalismus lebt man nicht auf diese Weise, dass man niemanden schadet, wie es noch bei der Erläuterung zum Tugendbegriff bei Voltaire (vgl. 4. Kap.) geheißen hat. Sondern diese sinnlose Gier von Bankenspekulanten hat uns in die Wirtschaftskrise geführt. Diese sinnlose Geldgeilheit drückt sich in der Unzufriedenheit des Googlekonzerns aus, der, obwohl sie ihren Quartalsgewinn ins Fünfache gesteigert haben, in diesen Tagen ziemlich unzufrieden ist, siehe
hier . Die kapitalistische Lebensart bringt keinen Frieden, ich denke, Márai weiß das auch.
Armut mit Freiheit zu bezeichnen , die Idee finde ich sehr gut. Ich vermute, Márai meint das auch. Das Ziel ist, sich von Zwängen loszulösen, d.h. auch keinen Wecker mehr zu gebrauchen. In unserem festgefahrenen Leben ist das kaum noch möglich. Wenn man über das Leben eines Armen lesen will, dann lese man Henry Miller. KeinGeld und ich fühle mich reich wie ein Millionär, so ungefähr heißt es im Koloß von Maroussi. Das Glück in der Armut finden ist ein erstrebenswertes Ziel. Als ob Márai verzweifelt um Antworten ringt, jammert er aber über die Armen, dann preist er sie wieder. Mir scheint, Márai will diverse Aspekte der Armut herausstellen, darum erzählt er einmal von Voltäire, dann von Stoa und Kynismus und gibt zu Beginn es Buches kund, er habe auch Franz von Assisi gelesen. Dieses Hin- und Hertreiben gefällt mir nicht, weil ich den Eindruck gewinne, er habe keine klare Linie.
Ich muss es jetzt wirklich deutlich predigen. Lese man doch lieber Henry Miller, wie glücklich arm er in Paris gewesen ist und nicht das Hin-und Hergefusel wie auch hier:
So arm, wie in jener Zeit in Frankreich, habe ich mich weder früher noch später je gefühlt. Ich fühle mich geradezu verlaust und verkrüppelt, die Armut beeinflußte so sehr meinen Gemütszustand, daß ich reif gewesen wäre für den Hof der bettler im XV. Jahrhundert, reif für die Gesellschaft eines Villon. Den Luxus, den ich später nie entbehrte und dessen Mangel mich auch nie schmerzlich berührte, begehrte ich in Paris, sozusagen wie einen mir abhanden gekommenen Körperteil;..
Den Bieri muss ich auch noch lesen. Ich glaube der subbt irgendwo. Armut ist gleich Freiheit. Diese Erkenntnis erfreut mich. Ja, es ist schon lustig, dass wir oft auf gleiche Lektüren fliegen. Zur Zeit bekomme ich wieder Lust auf geistiges. Möchte dieses Jahr noch mit dem Philosophen N...

beginnen und das dazugehörige Buch von Safranski lesen und dann sein Buch über Schopenhauer, in dem Safranski über Hegels Philosphie erzählt, passt ja gerade zum KertészKaddisch. Woraus ich hinauswill, für Márai ist Armut auch Freiheit. Wenn er sich nicht um die Uhr kümmern muss, nicht hetzen muss, macht er sich auch hierin von gesellschaftlichen Zwängen frei.
Außerhalb der Gesellschaft und im Besitz der rückeroberten Zeit begannen meine abgestumpften Sinne sich allmählich wieder zu beleben, langsam begann ich zu genesen und fing an menschliche Farbe zu bekommen...
Das kann der zentrale Satz des Buches sein. Das ist Freiheit, Menschsein. Kapitalismus ist Versklavung des Geistes. In diesem Sinne kann ich mich mit „Schule der Armen“ versöhnen.
Liebe Grüße
mombour