Author Topic: Lion Feuchtwanger, Erfolg  (Read 11223 times)

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Lion Feuchtwanger, Erfolg
« on: 03. September 2009, 22.57 Uhr »
Teilnehmer: Bartlebooth, orzifar

Dann wenden wir uns einem zu, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe, obwohl ihn so viele lieben. Die Geschichte Feuchtwangers ist hier wohl bekannt, erfolgreicher Bestsellerautor, von den Nazis ins Exil getrieben, in den USA gestorben.

„Erfolg“ ist der erste Band einer Trilogie, die sich mit dem aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland beschäftigt. Das Buch spielt also in der Zwischenkriegszeit.

Begonnen wird mit einem politischen Prozess. Der Museumsdirektor Martin Krüger steht vor Gericht. Er soll des Meineids überführt werden. Allerdings wird der tatsächliche Gegenstand des Prozesses erst allmählich dargelegt (auf Seite 60: noch keine genaue Ahnung). Dafür werden uns die Protagonisten vorgestellt. Zuerst die Politiker, dann die Geschworenen. Auffällig ist, dass es alles Leute sind, die mitten in der Gesellschaft stehen. Auch Krüger, der hier wegen des Erwerbs unschicklicher Bilder für die Staatsgalerie, der er vorsteht, verurteilt werden soll (das ist natürlich, wie gesagt, nicht der offizielle, aber der politische Grund), stellt sich selbst als jemand dar, der für seine Überzeugungen nicht zu kämpfen bereit ist. Zwar schwört er sich in seiner Zelle, dass alles anders wird, sobald er heraus ist, aber so richtig glauben kann der Leser das nicht.

Interessant, dass der titelgebende Erfolg zuerst in der Werteskala auftaucht, die Krüger für sich selbst gemacht hat. Erfolg steht über Komfort, Reisen und Frauen, aber unterhalb der Freunde und der Arbeit. Das sollte man sich vielleicht mal merken. Ein titelgebender Wert von mittlerer Wichtigkeit eines mittelmäßigen Menschen herausgehobener Stellung.
« Last Edit: 15. September 2009, 00.44 Uhr by orzifar »
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #1 on: 06. September 2009, 10.02 Uhr »
Der erste Abschnitt, „Justiz“, ist beendet, Martin Krüger erwartungsgemäß verurteilt. Das Buch liest sich flüssig weg, wenn ich mich auch mit einigen sprachlichen Eigenarten nicht so recht anfreunden kann, so etwa mit dem häufig verwendeten PPA anstelle eines Gliedsatzes.
Doch ganz abgesehen davon ist mir auch die Ausgestaltung der Thematik etwas zu grell geraten. Die bayrische Justiz wird als ein vollkommenes Willkürsystem dargestellt, in dem der Justizminister nach eigenem Gutdünken und aus einer Laune des Augenblicks heraus ganz pilatesk Gnade gewährt oder verweigert. Ich weiß nicht, wie historisch akkurat es ist, ob Rechtsbeugung im Namen einer „volkstümlichen“ Auslegung des Rechts Gang und Gäbe war. Natürlich ist das dann noch kontrastiert mit dem jüdischen Workaholic Dr. Geyer, der auf höhere Weihen im Preußischen verzichtet, um seinen aussichtslose Mission in der Bayrischen Provinz auszufechten. Ich weiß nicht, ich weiß nicht.
Wahrscheinlich ist es auch dieser Darstellung geschuldet, dass die Urteilsverkündung im Gegensatz zu den Vernehmungen der wichtigsten Zeug/innen nicht direkt im Text auftaucht. Auch nicht die Urteilsfindung, das komplizierte Geschworenensystem und dessen Rolle bei der Urteilsfindung erschließt sich dem Leser zudem nicht. Ok, ich habe verstanden: Willkür allenthalben und Mittelmaß und distanzierte Gleichgültigkeit auf Seiten des Großbürgertums, das etwas ausrichten könnte. Doch die Mächtigen ziehen lieber im Hintergrund die Strippen, um sich und die eigenen Entscheidungen nicht direkt exponieren, und dadurch die eigene Position gefährden zu müssen. Wenn so lächerlich die bayrische Justiz der Weimarer Zeit funktionierte, wenn es nicht einmal notwendig war, den Entscheidungen auch nur den Anschein einer Begründung mitzugeben, dann wundert einen natürlich gar nichts mehr. Aber irgendwie scheint mir diese Kritik aus heutiger Sicht dann doch sehr holzschnittartig.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #2 on: 06. September 2009, 13.51 Uhr »
Hallo Bartlebooth,

ich habe nun auch begonnen (erst wenige Seiten), werde mich spätestens morgen noch ausführlicher äußern. Kann deine Eindrücke aber im Großen und Ganzen teilen. In meinem Bücherbestand hat sich die Feuchtwangerbiographie von Wilhelm von Sternburg gefunden, ich werde sie - je nach zur Verfügung stehender Zeit - nebenher lesen.

Zur Willkür: Man sollte dieselbe in der Justiz nicht unterschätzen ;). Gab es bei der Amigo-Affäre (um geographisch im Land zu bleiben) je Verurteilungen? Oder nur die politischen Konsequenzen?

Liebe Grüße

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #3 on: 07. September 2009, 18.36 Uhr »
Hallo!

"Holzschnittartig" trifft v. a. auf die Figuren zu. Ich habe erst etwa 70 Seiten gelesen, bin aber nicht wirklich glücklich mit der Darstellung. Die Charaktere sind allzu simpel gezeichnet, Feuchtwanger scheint sich auch wenig Mühe zu geben, charakterisiert schablonenhaft, indem er bei Einführung einer neuen Figur einfach ein paar - lieblos gezeichnete - Merkmale anführt. An der Willkür des geschilderten Systems habe ich gar keine so großen Zweifel, deren Darstellung aber erinnert an einen Kolportageroman. In jedem Fall habe ich auf den "ungewöhnlichen politischen Scharfblick" (Umschlagtext, den Kindler zitierend) bislang vergebens gewartet. Andere, vergleichbare Romane hatten da mehr zu bieten (Oskar Maria Grafs "Anton Sittinger" oder der "Untertan" von H. Mann).

Die Sprache: Brav, bieder; einige bayrische Einsprengsel, um das Lokalkolorit zu betonen, wirken eher wie Fremdkörper. Ansonsten auch hier das Treffendste: Holzschnittartig. Die Szenen machen einen wenig durchkomponierten, etwas nachlässigen Eindruck, Massenware mit vorgeblichem Anspruch. Und auch die Handlung konnte bislang nicht entschädigen, allzu vorhersehbar, ohne originelle Wendungen oder dem entsprechendem Witz.

Alles sehr leicht lesbar und für mich gut vorstellbar, dass sich dieser Roman gut verkaufen ließ. Für mich bisher zu viel Handlung, zu wenig Sorgfalt in der Ausgestaltung.

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #4 on: 08. September 2009, 14.55 Uhr »
"Holzschnittartig" trifft v. a. auf die Figuren zu. Ich habe erst etwa 70 Seiten gelesen, bin aber nicht wirklich glücklich mit der Darstellung. Die Charaktere sind allzu simpel gezeichnet, Feuchtwanger scheint sich auch wenig Mühe zu geben, charakterisiert schablonenhaft, indem er bei Einführung einer neuen Figur einfach ein paar - lieblos gezeichnete - Merkmale anführt. An der Willkür des geschilderten Systems habe ich gar keine so großen Zweifel, deren Darstellung aber erinnert an einen Kolportageroman.

Ja, da war ich vielleicht nicht genau genug. Dass es Willkür im Justizsystem gab und sicher auch noch gibt, das ziehe ich nicht in Zweifel. Dass diejenigen, die die Willkür ausüben so dümmlich und schablonenhaft agieren, das ist das zentrale Problem des Textes. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Bis Seite 200 sehe ich noch keine Besserung.

Dafür eine neue Überlegung zum Erfolg: Gerecht ist, was erfolgreich ist. Diese bahnbrechende Erkenntnis stammt, wenn ich mich recht entsinne von Jacques Tüverlin.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #5 on: 08. September 2009, 17.24 Uhr »
Dass diejenigen, die die Willkür ausüben so dümmlich und schablonenhaft agieren, das ist das zentrale Problem des Textes. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Bis Seite 200 sehe ich noch keine Besserung.

*seufz* - ich hatte gehofft, es würde besser. Bisher ist das Buch eine einzige Enttäuschung, inhaltlich wie sprachlich. Hingeschluderte Beschreibungen (70 % der Gesichter sind fleischig), die Satzkonstruktionen (wie du schon bemerkt hast) gewöhnungsbedürfig, wobei kein spezifischer Stil erkennbar wird, sondern nur Nachlässigkeit und Oberflächlichkeit. Ich hatte mich auf die Lektüre gefreut, meine Erwartungshaltung scheint in jedem Fall zu hoch gewesen zu sein. Die beiden historischen Romane "Goya" und "Jud Süß" habe ich in wesentlich besserer Erinnerung, vielleicht trügt dieselbe aber auch. Das hier ist billige Unterhaltung mit sozialkritischem Anspruch, der nirgendwo eingehalten werden kann.

Dafür eine neue Überlegung zum Erfolg: Gerecht ist, was erfolgreich ist. Diese bahnbrechende Erkenntnis stammt, wenn ich mich recht entsinne von Jacques Tüverlin.

Ja, war er. Über diesen Satz bin ich auch gestolpert. Hier lugt möglicherweise der Hegelschen Weltgeist über den Feuchtwangerschen Zaun, der ja lange Zeit mit der Weltrevolution kokettiert hat.

Aber überall fehlt was, der machiavellistische Ansatz des Justizministers Klenk versumpft alsbald im Weißwurstessen, die Überlegungen zur Gerechtigkeit seitens des Anwalts Geyers geraten ziemlich trivial und oberflächlich, häufig habe ich den Eindruck, eine mittelmäßige politische Kolummne zu lesen in einer ebenso mittelmäßigen Zeitung. Die Personen wirken austauschbar, ebenso die geschilderten physiognomischen Details; da werden - wie in einem Volkshochschulkurs für angehende Autoren - schnell mal Nase und Augen beschrieben oder Haarfarbe - und schon hat sich's. Wäre der Roman von einem mir bislang unbekannten Autor geschrieben, ich hätte ihn schon ad acta gelegt.

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #6 on: 11. September 2009, 15.54 Uhr »
Hallo!

Ich habe nun Buch 2 abgeschlossen, Begeisterung hat sich nach wie vor nicht eingestellt, allerdings finde ich den zweiten Teil ein wenig angenehmer. Manchmal hat man doch den Eindruck, als ob Feuchtwanger sich mehr bemüht hätte, von allzu platten Gedankengängen Abstand zu nehmen (etwa im Räsonieren über die Funktion des Schriftstellers, auch wenn man dem Ergebnis von Herrn Tüverlin nicht unbedingt zustimmen kann).

Insgesamt aber wirkt der Roman wie der Entwurf zu einem solchen, vieles wird kurz angerissen, dann wieder fallengelassen, dazu passend die Sprache, die nachlässig, verkürzt, bewusst(?) grammatikalisch falsch ist. Sofern diese halb ans Umgangssprachliche angelehnte Ausdrucksweise in voller Absicht eingesetzt wird, kann man von einem Misslingen des Stilmittels sprechen. Und es gibt so viele Verdrehungen, dass ich mir manchmal nicht sicher bin, ob es sich eben nun um einen Druckfehler oder um eine stilistische Eigenart handelt. Etwa (ein Beispiel unter vielen) zu Beginn des dritten Buches: "Es ruhte die Tennismeisterin auf, aus dem Kreise ihrer hysterischen Bewunderer in die gesunde Luft Johannas zu treten." Aufruhen? Spezifisch bayrisch? Wohl kaum, eher etwas zwischen Druckfehler und seltsamer Wortneuschöpfung.

Die Handlung plätschert gemütlich vor sich hin, ein Sittenbild der gehobenen Gesellschaft zur Zeit der Hyperinflation in den 20igern, gruppiert um den zu Unrecht verurteilten stellvertretenden Museumsdirektor Krüger. Man schläft miteinander, säuft, vergnügt sich - aber eben auch nicht mehr, das ist leicht zu lesen, zu leicht. Ein zweiter Handlungsmittelpunkt scheint sich - möglicherweise - um den deutschnationalen Monteuer Kutzner (= Hitler) zu bilden, aber die Darstellung der proletarischen Kreise krankt ebenso an Oberflächlichkeit.

Vorläufig werde ich weiterlesen, nach 100 Seiten war das ganz und gar nicht sicher, nachdem 8 von maximal 10 erforderlichen Ärgernispunkten bezüglich Frustrationstoleranz erreicht waren.

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #7 on: 13. September 2009, 14.58 Uhr »
Ich sehe schon, du rennst mir davon, zum Glück hatte ich ein bisschen Vorsprung.

Grundsätzlich kann ich mich dir anschließen. Immer noch weiß ich nicht, in welchem Zusammenhang eigentlich Krügers Meineid geschworen wurde; immer noch ist mir unklar, wie groß die erzählte Zeitspanne ist, wie lange Krüger also regulär sitzen müsste. Man hat den Eindruck, dass die Erzählung zwar nominell ein Ziel hat (Krüger aus dem Gefängnis zu holen), aber dass dieses Ziel irgendwie diffus in der Zukunft liegt. Johanna hat ja auch selbst den Eindruck, dass sich am Ende des zweiten Buches niemand mehr so recht für ihre Mission interessiert. Wenn das ein Abbild der bayrischen haute volée sein soll, dann ist es mir erneut ein bisschen zu eindimensional geraten.

Gut gefallen haben mir die Kapitel zu Cajetan Lechner, hier hat sich Feuchtwanger endlich einmal ein bisschen Zeit für eine Figur genommen. Leider ist das Kapitel kurz und Lechner taucht erst mal nicht mehr auf. Gut gefallen hat mir auch das Statistikkapitel, solche Kapitel mag ich eh immer gern, in denen einfach Daten nebeneinander gestellt werde und man sich selbst seine Gedanken dazu machen darf. Ansonsten habe ich auch nach 330 Seiten noch nicht verstanden, worauf das alles hinausläuft, außer darauf, dass sich die Mächtigen nur um sich selber kümmern und sich nicht ernsthaft für ihre Mitmenschen interessieren.
« Last Edit: 13. September 2009, 16.00 Uhr by Bartlebooth »
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #8 on: 13. September 2009, 15.12 Uhr »
Hallo!

Langsam beginne ich mich zu gewöhnen. Das Panorama einer mit Vergnügen in den Untergang tanzenden Welt, an die Zeichnungen George Grosz' erinnernd. Ich befinde mich mitten im dritten Buch (Kapitel 14), mein Widerstand gegen Sprache und simple Kurzcharakteristiken hat nachgelassen, wobei ich nicht mit Sicherheit zu entscheiden vermag, ob dies an mir oder am Buch liegt. (Ich glaube aber doch: Am Buch, Freuchtwanger lässt sich ein wenig mehr auf die Figuren, ihr Innenleben ein, auch wenn manche Wendungen nicht hinreichend motiviert erscheinen.)

Zwischendurch Wasserstandsmeldungen der wirtschaftlichen Entwicklung: Produktionsziffern, Inflationsraten, aber auch hier fehlt der organische Zusammenhang, das konnte der im Magris-Thread erwähnte Brunngraber besser. Einen ähnlichen (aber besser ausgestalteten) Effekt erzielen die in Kapitel 10 referierten "bayrischen Lebensläufe", dieser Querschnitt durch die bayrische Bevölkerung anhand von Lieblingsliedern, Begräbnismärschen und geleisteten Meineiden unterscheidet sich wohltuend von den anderen Beschreibungen. (Überhaupt, wie schon erwähnt, ist manche Adjektivwahl zwischen nachlässig und befremdlich angesiedelt: Was das Charakteristische an "gewölbten Augen" sei will sich meinem geistigen Auge nicht erschließen, "langnägelige Pratzen" fallen in eine ähnliche Kategorie. Meine Phantasie versagt sich diesen Darstellungen häufig - und ich befürchte, dass es nicht ausschließlich an meinem Vorstellungsvermögen liegt. Zudem ist jede zweite Nase höckerig, sind eben zwei Drittel aller Gesichter fleischig - und so werden die Figuren kaum unterscheidbar.)

Mittlerweile haben sich die einzelnen Handlungsstränge untereinander verflochten, jeder kennt jeden bzw. steht mit jedem in Verbindung - und dies in einer Häufigkeit, die manchmal Dickensche Zufallsausmaße annimmt. Der Sohn des Anwalts Geyer steht in Verbindung mit der Freundin (später Frau) des Angeklagten, ein Geschworener schläft mit derselben, der Sohn eines anderen Geschworenen ist der Freund des Freundes von Krüger usf. Gut, München ist kleiner als das London Dickens, trotzdem muten die so hergestellten Verbindungen schon ein wenig sehr konstruiert an.

Und auch die Motivationen bleiben häufig unklar. Was etwa Johanna Krain (die Frau Krügers) an dem unehelichen Sohn Geyers findet, ist nur schwer nachzuvollziehen; noch schwerer zu verstehen ist der Beweggrund desselben, ihr mehr oder weniger offen seine Beteiligung an politischen Morden zu gestehen. Hier scheint Feuchtwanger mit sanfter Gewalt seine Geschichte vorwärts treiben zu wollen, auch auf Kosten der Logik und des gesunden Menschenverstandes.

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #9 on: 16. September 2009, 20.15 Uhr »
Hallo!

Ende des dritten Buches. Meine zu Beginn vehemente Abneigung beginnt sich zu legen, wenngleich die grundsätzlichen Einwände aufrecht bleiben. Das Ganze soll eine Gesellschaft zeigen, die in ihrer Dummheit, ihrem Egoismus Neigung zeigt, faschistischen, nationaltümelnden Bewegungen zu folgen.  Soll! Denn wenn die Darstellung der höheren Gesellschaftsschichten auch einigermaßen plausibel erscheint (immer abzüglich der schon erwähnten, handlungsnotwendigen Konstrukte), so sind Arbeiterklasse, "der kleine Mann" sehr schablonenhaft gezeichnet. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Feuchtwanger von Unterschichten einen sehr theoretischen Begriff sein eigen nannte, kein Vergleich etwa zu Sperbers Schilderungen der kommunistischen Bewegung in "Wie eine Träne im Ozean". Sowohl der nationalistische Kreis um Ratzenberger/Bornhaak als auch jener sozialistisch-kommunistische um Pröckl/Lechner sind wenig glaubwürdig, die Figur des geniehaften Ingenieurs Pröckl, der über die Möglichkeit der Kunst unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen räsoniert und schreibt, scheint eine obskure, wirklichkeitsfremde Erfindung. Wobei die Frage nach dem Sinn, der Möglichkeit künstlerischen Schaffens während politischen Umbruchszeiten dem Autor ein zentrales Anliegen sein dürfte.

Eine Antwort bietet (vielleicht) der Erfinder und Maler Brendel-Landholzer, der, das scheint nicht vollkommen klar entscheidbar, berechtigt-unberechtigt in einem Irrenhaus seiner Tätigkeit nachgeht. Ein Topos, dem ich üblicherweise mit großer Skepsis gegenüberstehe (diese meist kindisch-einfältige Verbindung zwischen Genie und Wahnsinn), der aber hier (ich habe das Schlimmste befürchtet) so misslungen gar nicht ist. Die Bildbeschreibungen haben einiges für sich, auch die Person des Malers, wenngleich ich vermute, dass die Gesamtsituation in Psychiatrien weniger heimelig war als dort geschildert.

Möglicherweise wollte Feuchtwanger mit dem Buch zu viel: Eine Darstellung der komplizierten Verflechtung von Kunst und Politik, Gesellschaftskritisches sowohl über die Mächtigen als auch über Arbeiter. Wobei die Verbindung der verschiedenen Sphären immer krampfhaft wirkt: Der Großindustrielle Reindl mit seinem Faible für den proletarischen Pröckl nebst dessen Schnaderhüpfeln ist wohl einzig in einem Roman vorstellbar.

Zur Verurteilung Krügers: Ganz klar wird der Grund derselben wirklich nicht; ich meine, dass Krüger nach dem Selbstmord der Malerin ausgesagt hat, nicht bei ihr gewesen zu sein und dass diese seine Aussage durch Ratzenbergers gegenteilige Aussage zu seiner Verurteilung wegen Meineids führte.

So nebenher: Gedenkst du die "Geschwister Oppenheim" und "Exil" im Anschluss zu lesen?

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #10 on: 19. September 2009, 16.58 Uhr »
Hallo orzifar,

also dein Tempo kann ich eindeutig nicht mitgehen. Ich bin zwar auch schon auf Seite 450 und habe also die Hälfte des Schinkens hinter mir, aber noch schneller kann ich gerade nicht. Daher nur eine Zwischenmeldung.

Mir ist nicht klar, was dich gerade mit dem Buch versöhnt hat. Nach meiner Auffassung ist alles noch wie am Anfang, wenn nicht gar schlimmer. In Ordnung, die Verflechtungen der Figuren werden etwas klarer, aber tiefere Einblicke erhält man dadurch nicht. Ich weiß nicht, was Feuchtwanger wollte, ob zu viel oder zu wenig, jedenfalls flutsche ich so durch eine immer noch sehr skizzenhafte, dabei tatsächlich von Zeit zu Zeit nicht ganz ununterhaltsame Beschreibung typisiert handelnder Charaktere hindurch, deren große Zusammenhänge mit dem aufkommenden Unrechtsregime sich mir aber nach wie vor nicht erschließen wollen. Ich meine: Ja, das sind halt Karikaturen der Mächtigen, so was habe ich oft und besser gelesen. Das Besondere, das, was zu Hitler (bzw. Kutzner) führt, das kann ich nach wie vor nicht begreifen. Ich lese, dass sich verschiedene Figuren für ihn interessieren, doch diese Figuren lerne ich ja gar nicht kennen. Und die Mächtigen scheinen vor allem auf persönlichen Vorteil aus, ihr Urteil auf persönliche Vorlieben und Animositäten zu stützen. Nun ja. Ist das so etwas Besonderes? Mit Verlaub, da ist mein protorassistischer Gemüsehändler von unten im Haus interessanter.

Ich lese, wie gesagt, weiter flüssig den Backstein weg, aber wenn nichts Unerwartetes mehr geschieht, sehe ich keinen Grund, mit der Trilogie weiterzumachen.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #11 on: 21. September 2009, 01.46 Uhr »
Hallo Bartlebooth,

Lästere ich derart oft über Bücher, dass dich die Zeile

Quote from: orzifar
Meine zu Beginn vehemente Abneigung beginnt sich zu legen, wenngleich die grundsätzlichen Einwände aufrecht bleiben.

zur Aussage

Mir ist nicht klar, was dich gerade mit dem Buch versöhnt hat.

verführt hat?  ;) Versöhnung sieht anders aus, allerdings werden manche der Figuren greifbarer. Zu Anfang war ich nahe daran, das Buch wegzulegen. Der Beginn des 5. Buches (corr. viertes) hat allerdings eine - für mich negative - Überraschung bereit. (Soll ich mit "Spoilern" achtgeben, mich stört so etwas meist gar nicht. Im übrigen werde ich mein Lesetempo drosseln, dann finde ich auch Zeit für Magris und die Rothbiographie.) Bald wieder mehr, die nächsten beiden Wochen könnten der Umstände wegen auf meine Lesegeschwindigkeit ohnehin einen negativen Einfluss haben.

Liebe Grüße

orzifar
« Last Edit: 21. September 2009, 12.56 Uhr by orzifar »
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #12 on: 21. September 2009, 09.03 Uhr »
Hallo orzifar,

immerhin scheint dich das dritte Buch ja mehr überzeugt zu haben als die ersten beiden. Das kann ich für mich so nicht unterschreiben. Ich muss mich zwar noch nicht lautstark über das Buch ärgern, aber jetzt, da ich auch das dritte Buch beendet habe, kann ich trotzdem keine auch nur graduelle Verbesserung zum Anfang feststellen. Wie gesagt, die Figuren bleiben Karikaturen. Vor allem der Besuch beim Maler Landholzer war da ein negativer Höhepunkt. Entschuldige bitte, ein von der Justiz Betrogener, der sich – absichtlich oder nicht, das ist ja nicht so ganz klar – in die Anstalt einweisen lässt und dort diese sehr plakativen Szenen über das Jüngste Gericht und die Schöpfung malt… meinen Güte! Da war ich wirklich schon kurz davor, die Hände überm Kopf zusammenzuschlagen.
Dann kommt im letzten Kapitel noch die Revue, die ähnlich zaunpfahlartig gestrickt ist. Der Lärm, der zur Münchner Stadthymne wird, in den die jubelnde Menge aber – es fehlte: schunkelnd – einstimmt. Was soll das denn? Natürlich ist mir klar, dass wir über ein Buch reden, dass 80 Jahre alt ist, aber wie schon mehrfach hier bemerkt, es gibt einfach viel subtilere Psychogramme aus derselben Zeit, sei es Musil, sei es Mann oder wer auch immer. Das vorliegende Buch hat keine der Qualitäten, die ich von den Genannten her kenne.

(Soll ich mit "Spoilern" achtgeben, mich stört so etwas meist gar nicht. Im übrigen werde ich mein Lesetempo drosseln, dann finde ich auch Zeit für Magris und die Rothbiographie.)

Also bitte. Du darfst schreiben, was auch immer, wann auch immer du willst.

Herzlich, Bartlebooth.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #13 on: 29. September 2009, 14.01 Uhr »
Hallo!

Nachdem mir die Charaktere Ende des dritten Buches plausibler erscheinen wollten, die Darstellung insgesamt gelungener, die Figuren greifbarer, wartet das vierte Buch mit hanebüchenen Konstruktionen auf. Der bisherige bayrische Justizminister Klenk wechselt nach seiner Krankheit zu den Wahrhaft Deutschen - und weder Person noch Umstände machen einen solchen Wechsel nachvollziehbar. Feuchtwanger betreibt ein literarisches Marionettentheater und lässt seine Puppen die unmöglichsten Verrenkungen ausführen, nur um zu dem von ihm ins Auge gefassten Ziel zu gelangen. Er nimmt die widersinnigsten Wendungen in Kauf um dieses Zieles willen.

Dadurch gerät die Darstellung einer Entwicklung hin zum Nationalsozialismus künstlich und stilisiert. Kaum irgendwo gibt es Figuren, deren Hinwendung zu Kutzner verständlich erscheint - v. a. den Hauptpersonen des Buches glaubt man dies nicht (bzw. sieht ihnen allzu gut an, was der Schriftsteller mit ihnen vor hat; so sind die Kurzcharakteristiken von Teilnehmern einer Veranstaltung der Wahrhaft Deutschen plausibler. Jedoch: Solche Verkürzungen sind auch wesentlich einfacher). Feuchtwanger tut seinen Gestalten allenthalben Gewalt an wie ein jugendlicher Lyriker, der auf seine Verse so lange eindrischt, bis sie sich endlich erbarmen, einen müden Reim zu gebären (auch wenn dieser nur auf prosodisch äußerst schmerzhafte Weise zustande kommt). Eine konzise, psychologisch stimmige Beschreibung des beginnenden Nationalsozialismus erwartet man vergebens. (Um irgendwas Lobendes zu sagen: Das Kapitel 9, ein historischer Abriss der reovlutionären Geschichte Münchens ist gelungen.)

Sprachlich ist das Ganze bescheiden, die immer wieder versuchte Anlehnung an das bayrische Idiom hingegen ein vollkommener Reinfall: Das erinnert an Heimatfilme aus den 70igern, die den Spagat zwischen Hochsprache und Dialekt versuchten und bei diesem Unternehmen stets eine ganz fürchterliche Kunstsprache produzierten.

Liebe Grüße

orzifar
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #14 on: 30. September 2009, 12.14 Uhr »
Hallo,

nachdem Klenk sich jetzt den Wahrhaft Deutschen anschließt, weil man ihn mit dem Schäufelchen gehauen hat, musste ich mal was Ernstahftes zwischenreinschieben.
Doch als kleiner Zwischenruf nur das Folgende: Ich erzählte einem Freund, der mir das Buch übrigens wärmstens ans Herz gelegt hatte, von meinen Schwierigkeiten mit dieser grellen Darstellung und sagte, dass ich mir selbst in Bayern nicht vorstellen könne, dass die gesamte politische Kaste sich so gar nicht um politische Inhalte und nur um den Machterhalt kümmert. Er erwiderte, dass die Formulierung genauso vor einigen Tagen in irgendeiner Zeitung über Herrn Seehofer stand. Und als ich dann gesehen habe, dass die CSU bundesweit die Partei ist, die am unglaubwürdigsten empfunden wird (Umfrage nach der Wahl), kam ich dann doch ins Grübeln: Kann es sein, dass in Bayern immer noch ein Residuum des reinen Opportunismus in der Politik vorhanden ist, und zwar nicht nur auf den hinteren Bänken? Ich bin ja nur ein Zugezogener, der Freund, mit dem ich sprach, ist gebürtiger Münchner, er findet das alles sehr treffend, was bei Feuchtwanger so steht...

Herzlich, Bartlebooth.
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