Hallo!
Langsam beginne ich mich zu gewöhnen. Das Panorama einer mit Vergnügen in den Untergang tanzenden Welt, an die Zeichnungen George Grosz' erinnernd. Ich befinde mich mitten im dritten Buch (Kapitel 14), mein Widerstand gegen Sprache und simple Kurzcharakteristiken hat nachgelassen, wobei ich nicht mit Sicherheit zu entscheiden vermag, ob dies an mir oder am Buch liegt. (Ich glaube aber doch: Am Buch, Freuchtwanger lässt sich ein wenig mehr auf die Figuren, ihr Innenleben ein, auch wenn manche Wendungen nicht hinreichend motiviert erscheinen.)
Zwischendurch Wasserstandsmeldungen der wirtschaftlichen Entwicklung: Produktionsziffern, Inflationsraten, aber auch hier fehlt der organische Zusammenhang, das konnte der im Magris-Thread erwähnte Brunngraber besser. Einen ähnlichen (aber besser ausgestalteten) Effekt erzielen die in Kapitel 10 referierten "bayrischen Lebensläufe", dieser Querschnitt durch die bayrische Bevölkerung anhand von Lieblingsliedern, Begräbnismärschen und geleisteten Meineiden unterscheidet sich wohltuend von den anderen Beschreibungen. (Überhaupt, wie schon erwähnt, ist manche Adjektivwahl zwischen nachlässig und befremdlich angesiedelt: Was das Charakteristische an "gewölbten Augen" sei will sich meinem geistigen Auge nicht erschließen, "langnägelige Pratzen" fallen in eine ähnliche Kategorie. Meine Phantasie versagt sich diesen Darstellungen häufig - und ich befürchte, dass es nicht ausschließlich an meinem Vorstellungsvermögen liegt. Zudem ist jede zweite Nase höckerig, sind eben zwei Drittel aller Gesichter fleischig - und so werden die Figuren kaum unterscheidbar.)
Mittlerweile haben sich die einzelnen Handlungsstränge untereinander verflochten, jeder kennt jeden bzw. steht mit jedem in Verbindung - und dies in einer Häufigkeit, die manchmal Dickensche Zufallsausmaße annimmt. Der Sohn des Anwalts Geyer steht in Verbindung mit der Freundin (später Frau) des Angeklagten, ein Geschworener schläft mit derselben, der Sohn eines anderen Geschworenen ist der Freund des Freundes von Krüger usf. Gut, München ist kleiner als das London Dickens, trotzdem muten die so hergestellten Verbindungen schon ein wenig sehr konstruiert an.
Und auch die Motivationen bleiben häufig unklar. Was etwa Johanna Krain (die Frau Krügers) an dem unehelichen Sohn Geyers findet, ist nur schwer nachzuvollziehen; noch schwerer zu verstehen ist der Beweggrund desselben, ihr mehr oder weniger offen seine Beteiligung an politischen Morden zu gestehen. Hier scheint Feuchtwanger mit sanfter Gewalt seine Geschichte vorwärts treiben zu wollen, auch auf Kosten der Logik und des gesunden Menschenverstandes.
lg
orzifar