Author Topic: Lion Feuchtwanger, Erfolg  (Read 11224 times)

Offline orzifar

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #15 on: 30. September 2009, 14.50 Uhr »
Hallo du,

Doch als kleiner Zwischenruf nur das Folgende: Ich erzählte einem Freund, der mir das Buch übrigens wärmstens ans Herz gelegt hatte, von meinen Schwierigkeiten mit dieser grellen Darstellung und sagte, dass ich mir selbst in Bayern nicht vorstellen könne, dass die gesamte politische Kaste sich so gar nicht um politische Inhalte und nur um den Machterhalt kümmert. Er erwiderte, dass die Formulierung genauso vor einigen Tagen in irgendeiner Zeitung über Herrn Seehofer stand. Und als ich dann gesehen habe, dass die CSU bundesweit die Partei ist, die am unglaubwürdigsten empfunden wird (Umfrage nach der Wahl), kam ich dann doch ins Grübeln: Kann es sein, dass in Bayern immer noch ein Residuum des reinen Opportunismus in der Politik vorhanden ist, und zwar nicht nur auf den hinteren Bänken? Ich bin ja nur ein Zugezogener, der Freund, mit dem ich sprach, ist gebürtiger Münchner, er findet das alles sehr treffend, was bei Feuchtwanger so steht...

in der Sache treffend - das mag sein. Ich habe ja auch einige Zeit in München verbracht (noch zu Zeiten des allmächtigen Franz Josef) und die Erfolge des schreienden, schwitzenden Volkstribuns erlebt (bei seinem Tode war ich hingegen in Griechenland und werde nie die Freudenfeier bayrischer Bekannter vergessen, die sich zu Ehren des Herzinfarkts einen gar fürchterlichen Rausch ansoffen). Die Allmacht der CSU ist schon was Besonderes, vor allem auch dadurch, weil eben zum einen jeder weiß, dass das durchaus keine honetten, ehrsamen Männer sind, sie sie zum anderen aber trotzdem wählen (wohl in dem Gefühl: De san sou wia mia). Also: Das alles mag in der Sache stimmen, ist aber künstlerisch-literarisch eine Katastrophe.

Gerade in diesem vierten Buch jongliert Feuchtwanger mit seinen Charakteren nach Belieben und ohne Rücksicht auf innere Stimmigkeit. Etwa der Dr. Geyer, der aus unerfindlichen Gründen seine Affenliebe zum unehelichen Sohn entdeckt, dann dieser Fememord, der so völlig überspitzt dargestellt ist (wie auch der Bruder Kutzners eine bloße Karikatur darstellt), das Geständnis des missratenen Sohnes, an diesem Mord beteiligt gewesen zu sein, was von seiten Geyers mit einer großen Krise und ebenso großen Rede im Parlament beantwortet wird, im Anschluss schickt der Abgeordnete aber seinem Sohn Geld, damit dieser sich im Bedarfsfalle ins Ausland absetzen könne. Das ist alles derart beliebig und undurchdacht, dass man dem Roman (ob nun Willkür, Intrigantentum, Machtgeilheit durchaus der Realität entsprechen spielt eine untergeordnete Rolle) kaum Mittelmaß konzedieren kann.

Ich werde im übrigen vielleicht doch noch eines der Fortsetzungsbücher lesen, weil ich nur schwer glauben kann (und diesem Glauben auch meine Erfahrung mit anderen Büchern Feuchtwangers widerspricht), dass er ständig so schludrige Romane verfasst hat. In diesem Buch jedenfalls bedient er sich brachialer Gewalt, um die Handlung in seine gewünschte Richtung zu lenken.

Liebe Grüße

orzifar
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #16 on: 01. Oktober 2009, 14.34 Uhr »
Hallo,

habe nun das fünfte und letzte Buch begonnen. Zuvor noch einer der bereits obligaten Bocksprünge Feuchtwangers: Flaucher mutiert vom devoten, subalternen Befehlsempfänger zum großen Herrscher Bayerns, der sich - erfolgreich - mit Kutzner anlegt. Und das obwohl er die "Wahrhaft Deutschen" unterstützt hatte, seine Selbstsicherheit einzig aus der Zusage eines amerikanischen Wirtschaftsbosses beziehend, der die bayrische Elektrizitätswirtschaft zu unterstützen beabsichtigt. Nun habe ich nichts gegen Metamorphose, aber der Wechsel vom liebenden Familienvater zum Massenmörder muss mir in irgendeiner Weise plausibel gemacht werden, muss - wenn auch nur retrospektiv - verständlich sein. Hier ist nichts verständlich, sondern herrscht weiterhin Willkür, die Figuren bewegen sich auf vorgezeichneten Bahnen, Weg und Charakter der Protagonisten sind nicht stimmig, sondern berühren sich gerade mal zufällig.

Im übrigen ist das ganze ein "höherer" Gesellschaftsroman: Ich erfahre fast nichts über Arbeiter, kleine Angestellte, jene Kleinbürger, die dem Nationalsozialismus besonders wohlwollend gegenüberstanden. Sondern über reiche Unternehmer, über Kunstkritiker und Schriftsteller, über Mächtige und deren Kampf um die Macht. Gerade das mit letzterem verbundene Intrigantentum ist aber keineswegs paradigmatisch für den Faschismus, sondern für alle derartigen Machtkämpfe, auch jene in demokratischen Ordnungen. Zumindest liefert diese Darstellung nichts so besonders Beispielhaftes für das Entstehen totalitärer Gesinnung.

lg

orzifar
« Last Edit: 01. Oktober 2009, 17.04 Uhr by orzifar »
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #17 on: 04. Oktober 2009, 14.47 Uhr »
Hallo!

Heute nacht ausgelesen. Eigentlich ist schon alles gesagt, man durfte auch keine großen Veränderungen mehr erwarten. Eines ist das Buch in keinem Fall: Eine Analyse der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Bedingungen, die den Nationalsozialismus möglich gemacht haben. Sondern ein Gesellschaftsroman die mittleren und höheren Schichten betreffend, über deren Unmoral, Intrigantentum und Machthunger. Nirgendwo aber eine Darstellung jener Arbeiter und vor allem Kleinbürger, die den Grundstock des nationalsozialistischen Personals gebildet haben. (Zugegeben - manchmal, in Ansätzen: Etwa bei der Familie Lechner. Aber ansonsten wird man eher mit platitüdenhaften Schlussfolgerungen konfrontiert - der Art, dass durch politische, wirtschaftliche Umstände sich benachteiligt fühlende Menschen zu radikalen Parteien neigen, von denen sie vermeintlich Gerechtigkeit erwarten zu können glauben. Das ist heute nicht anders als damals und bedürfte, um einer literarischen Darstellung würdig zu sein, einer sehr viel genaueren Betrachtung als dies Feuchtwanger in diesem Buch darzustellen gelingt.).

Ich hatte während dieser 800 Seiten meist den Eindruck, den Grobentwurf zu einem Roman zu lesen. Lieblose Skizzen, Oberflächlichkeit, bescheidene Sprache. Viel Handlung, äußere Geschehnisse, Tod, Mord und Ranküne, aber ohne Tiefgang. Das leicht Lesbare des Romans macht den Erfolg der Bücher Feuchtwangers verständlich, hier allerdings ist die Lesbarkeit (die ja durchaus einen positiven Wert darstellt) mit einer Seichtigkeit kombiniert, die aus dem Ganzen einen Koportageroman machen. Auch die wenigen gelungenen Passagen können nicht über das grosso modo verfehlte Gesamtkonzept hinwegtäuschen: Es wäre wesentlich mehr Sorgfalt notwendig gewesen, subtilere Charaktere, in ihren Handlungen plausibler agierende Menschen. Alles nochmal überarbeiten, ausbauen, kürzen, ausfeilen.

lg

orzifar
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Offline Bartlebooth

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #18 on: 01. November 2009, 15.05 Uhr »
Erstmal, entschuldige, lieber orzifar, dass ich hier so lange so still war. Ich hatte zunächst tatsächlich mein Buch verloren (meine Vermutung ist entweder im Schwimmbad oder im Supermarkt), dann musste ich zur Buchmesse, dann war ich krank. Jetzt geht es wieder einigermaßen, aber so richtig Lust habe ich auch auf das zweite Exemplar nicht, daher geht es im Moment sehr schleppend voran. Beenden werde ich es aber auf jeden Fall noch.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #19 on: 05. November 2009, 00.34 Uhr »
Ich verleihe der Hoffnung Ausdruck, dass es sich angesichts der Witterungsbedingungen um ein Hallenbad gehandelt haben möge ;). Eigenartigerweise bist du in diesem Jahr bereits der zweite in meiner Bekanntschaft, der durch die Buchmesse am Lesen verhindert wird. Man sollte derart lektürefeindliche Veranstaltungen mit mehr Argwohn betrachten.

Mögest du alsbald gesunden und dich an schöneren Büchern delektieren als es der Feuchtwanger ist.

lg

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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #20 on: 09. November 2009, 17.25 Uhr »
Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass Feuchtwanger mir einen Schlüsselroman aus der Weimarer Republik erzählt. Wie man im Nachwort (ich habe vorgeblättert) lesen kann, sind einige der Figuren Zeitgenossen nachempfunden. Vielleicht hat das Buch einen höheren Reiz, wenn man mit den Leuten, die hinter Klenk, Bichler und den anderen stehen, etwas mehr anfangen kann als ich. Doch ich bezweifle das.
Am Ende des vierten Buches ist nun wenigstens Martin Krüger am Ende seines Leidens, und Johanna macht sich Vorwürfe, weil sie nicht entschlossen genug gehandelt hat. Aber hat sie das wirklich nicht, oder meldet sich nur ihr schlechtes Gewissen, weil sie mit Tüverlin zusammen ist, während Martin in seiner Zelle sitzt und seine Freilassung ihr Leben, wie sie sich an einer Stelle eingesteht, erheblich komplizieren würde?
Zum anderen spitzt sich der Konflikt zwischen den Wahrhaft Deutschen und der bayrischen Regierung zu. Letztere trägt dabei einen Etappensieg davon. Auch hier der Eindruck: Einige historische Ereignisse (Besetzung der Ruhr durch die Franzosen, Unzufriedenheit in der Bevölkerung wegen des Versailler Vertrages, Zulauf zu den Wahrhaft Deutschen) werden referiert und nichts weiter. Vielleicht ist das hier angenehmer zu lesen, als ein weitschweifiges Geschichtsbuch, aber von einer Gesellschaftsanalyse kann ich nichts erkennen. Feuchtwanger ist entweder ganz groß, politisch, die Handlung des Einzelnen zählt nichts und vermag auch nichts auszurichten, oder ganz privat, bei den Karikaturen der Zeitgenossen und den Bedenken und Ränken der einzelnen Figuren. Vielleicht ist es für einen Text von 1930 visionär, die Gefahr erkannt zu haben (wobei ich mir nicht sicher bin, dass Feuchtwanger das hat, an einer Stelle des Kräftemessens zwischen Kutzner und Flaucher steht sinngemäß, dass bei einer Lösung des Ruhrkonflikts, bevor die Wahrhaft Deutschen die Macht an sich gerissen haben, diese Wohl wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken würden), für mich als jemanden, der weiß, was geschehen ist, ist das Buch einfach nur arabesk und anekdotengesättigt.
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Re:Lion Feuchtwanger, Erfolg
« Reply #21 on: 14. November 2009, 13.16 Uhr »
So, jetzt bin ich auch durch. Tatsächlich konzentriert sich das letzte Buch noch mal ausführlich auf das, was um das Gedächtnis Martin Krügers geschieht und trägt deutlich euphemsitische Züge. Die Wahrhaft Deutschen sind ins Abseits geraten, die Wirtschaftskrise ist überwunden und das Volk ist entrüstet über den Zustand der bayrischen Justiz. Diese versöhnliche Coda wirkt auf mich etwas befremdlich.

Was das Personal betrifft:

Zuvor noch einer der bereits obligaten Bocksprünge Feuchtwangers: Flaucher mutiert vom devoten, subalternen Befehlsempfänger zum großen Herrscher Bayerns, der sich - erfolgreich - mit Kutzner anlegt. Und das obwohl er die "Wahrhaft Deutschen" unterstützt hatte, seine Selbstsicherheit einzig aus der Zusage eines amerikanischen Wirtschaftsbosses beziehend, der die bayrische Elektrizitätswirtschaft zu unterstützen beabsichtigt. Nun habe ich nichts gegen Metamorphose, aber der Wechsel vom liebenden Familienvater zum Massenmörder muss mir in irgendeiner Weise plausibel gemacht werden, muss - wenn auch nur retrospektiv - verständlich sein. Hier ist nichts verständlich, sondern herrscht weiterhin Willkür, die Figuren bewegen sich auf vorgezeichneten Bahnen, Weg und Charakter der Protagonisten sind nicht stimmig, sondern berühren sich gerade mal zufällig.

Die Entwicklungen der Personen sind insgesamt ein Problem. Es gibt zu viele Personen, die aber nicht genauer dargestellt werden. Eher verlegt sich Feuchtwanger auf ihre gegenseitigen Verflechtungen. Das passt dann aber wieder nicht zu der häufig sehr personalen Erzählhaltung. Das ganze Buch ist eine wenig ausgegorene Mischung aus reiner Deskription und Analyse, die vorne und hinten nicht aufgeht.

Die Entwicklung Flauchers war da noch einer der Brocken, die ich am leichtesten schlucken konnte. Die Gründe für sein Handeln während des Putsches werden relativ ausführlich und vergleichsweise plausibel beschrieben. Der Zweifel sitzt bei mir eher bei den politischen Allianzen über das Buch verteilt. Wer warum und wann mit wem sonst noch sich verbündet erscheint so überhaupt nicht zwangsläufig, dass ich das Buch ziemlich ratlos zugeschlagen habe.

Ich kann es nur noch einmal wiederholen. In der Rückschau erscheint mir das Ganze als Schlüsselroman, in dem Feuchtwanger (Tüverlin) mit seinen Landsleuten abrechnet, dabei vorgibt, das Große und Ganze im Blick zu haben, während er eigentlich nur persönliche Schrullen aneinanderreiht.
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