Author Topic: Vladimir Nabokov - Die Erzählungen  (Read 24558 times)

Offline Kenavo

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #15 on: 30. Juli 2009, 17.38 Uhr »
5. Les dieux - Götter
Oktober 1923 (auf Französisch zum ersten Mal in diesem Band Erzählungen erschienen)

Meine bisher liebste Geschichte, was die Sprache anbelangt! Ein Genuss!!
Mir hat auch diese Eröffnungsszene mit den Augen der Frau und dem, was sich in ihnen spiegelt, gefallen.
Die vielen schönen Anspielungen auf die Natur, wie schön alles sei.. und die sich fortbewegenden Bäume – da dachte ich zuerst – jetzt driftet er wieder ab :) aber der Ton ist so leicht, locker, da fand ich es in Ordnung – und vor allem als er dann von den Häusern spricht, die Hüpfen spielen (er spricht von ‚saute-mouton’, was in deutsch Bockspringen bedeutet), dachte ich mir – er ‚fabuliert’ als ob er an einem Krankenbett von einem kleinen Kind stehen würde um dieses aufzuheitern.. wandernde Bäume.. hüpfende Häuser.. und nach und nach kommt man natürlich zu der traurigen Tatsache, dass dieses Kind, dem er das erzählt, tot ist.

In der Szene mit der U-Bahn hat mir vor allem die Stelle gefallen, wo er von den weit aufgerissenen Augen der Dämonen in der Dunkelheit spricht – die man allerdings auch für die Zigarren halten könnte, von denen die mit ihnen gehen… so als ob er mir, die ich ja nichts von Dämonen oder ‚Fantasy’ hören will, gleich eine logische Alternative für seine Bilder anbieten würde  ;)

Meinen Lieblingssatz hast du auch als den deinen herausgehoben:

mascha>Und dann mein Lieblingssatz: Du und ich werden einen neuen goldenen Sohn haben. Er wird entstehen aus deinen Träumen und meinen Märchen.

allerdings mit einem großen ABER : steht auf deutsch wirklich Träumen? Denn im Französischen ist es: mit deinen Tränen – und das ergibt für mich ja dann einen etwas anderen Sinn..


1. Danke auch für den Hinweis auf seine Vorliebe für Violett (der Mann wird mir direkt sympathisch  ;) - der violette Asphalt ist mir komisch vorgekommen, hätte allerdings nicht sofort geschaltet dass es sich dabei um seine Lieblingsfarbe handelt

mascha>2. Was sind diese „knisternden Zeitungslaken“, die der Professor kauft?? Eine Metapher für „Zeitungen“ oder wieder mal eine poetische Übersetzung?
2. Sorry.. in meiner Übersetzungen gibt es nur einmal die Erwähnung von Zeitungen - nirgendwo knisternde Zeitungslaken.
Ist es der Teil mit der alten Zeitungsverkäuferin deren blaue Augen ein wenig verrückt sind?  ;)
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Offline Kenavo

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #16 on: 30. Juli 2009, 17.38 Uhr »
Auf die Rache musst du noch etwas warten - in meinem Buch gibt es zwischen den Göttern und der Rache noch 2 andere Geschichten:
Jeu de hasard (Glücksspiel)
Le port (der Hafen)

(gut Ding will Weile haben  ;) )

(Jeu de hasard habe ich zwar schon gelesen.. aber davon kommt morgen oder übermorgen mehr)
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Offline mascha

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #17 on: 31. Juli 2009, 09.43 Uhr »

In der Szene mit der U-Bahn hat mir vor allem die Stelle gefallen, wo er von den weit aufgerissenen Augen der Dämonen in der Dunkelheit spricht – die man allerdings auch für die Zigarren halten könnte, von denen die mit ihnen gehen… so als ob er mir, die ich ja nichts von Dämonen oder ‚Fantasy’ hören will, gleich eine logische Alternative für seine Bilder anbieten würde  ;)


 ;D

Meinen Lieblingssatz hast du auch als den deinen herausgehoben:

mascha>Und dann mein Lieblingssatz: Du und ich werden einen neuen goldenen Sohn haben. Er wird entstehen aus deinen Träumen und meinen Märchen.

allerdings mit einem großen ABER : steht auf deutsch wirklich Träumen? Denn im Französischen ist es: mit deinen Tränen – und das ergibt für mich ja dann einen etwas anderen Sinn..


Stimmt, sorry, es sind Tränen!!

mascha>2. Was sind diese „knisternden Zeitungslaken“, die der Professor kauft?? Eine Metapher für „Zeitungen“ oder wieder mal eine poetische Übersetzung?
2. Sorry.. in meiner Übersetzungen gibt es nur einmal die Erwähnung von Zeitungen - nirgendwo knisternde Zeitungslaken.
Ist es der Teil mit der alten Zeitungsverkäuferin deren blaue Augen ein wenig verrückt sind?  ;)


Nein, keine Verkäuferin, die kommt in "Güte" vor. In Rache kauft er einfach 2 Bananen und knisternde Zeitungslaken


Ich freue mich, dass dir die Erzählung auch so gut gefallen hat.

Lieben Gruß von
mascha

Offline mascha

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #18 on: 31. Juli 2009, 09.46 Uhr »
Da ich in den nächsten 2 Wochen weniger Zeit habe, arbeite ich ein bißchen vor:

GÜTE

Die Rahmengeschichte: ein Bildhauer verabredet sich mit seiner Geliebten und wartet vergebens.

Das ist, glaube ich nur die Verpackung, um den Ich-Erzähler zum Brandenburger Tor zu schicken und uns Einblicke in das Geschehen da zu gewähren.

Im Mittelpunkt steht die Verkäuferin an einem Straßenstand. Sie sitzt da auf ihrem Hocker, friert in ihren Watscheltstiefelchen und ihrer Überjacke aus gelbem Plüsch und … hofft in jedem Vorbeigehenden einen potentiellen Käufer zu finden, auch wenn sie es nicht zugibt.

Ein sehr liebevoll gezeichnetes Porträt im Gegenzug zu dem windigen, regnerischen Tag.

Sie ist es auch, die von „Güte“ profitiert, eine einfache, aber so bedeutende Geste.

Das wirkt wiederum wie eine Art „Epiphanie“ auf den Ich-Erzähler, der mal wieder seine Freude an dieser guten Welt entdeckt und bezeugt. Na ja.

Schön dann am Ende die Fahrt mit der S-Bahn im Rhythmus der pochenden Kastanien.

Und eine Frage: Ist „Sächelchen“ ein übliches Diminutiv? Noch nie gehört …

PS: Was die Beziehung Nabokov – Deutschland betrifft, aber auch um einfach mehr über Nabokovs Berliner Jahre zu erfahren, möchte ich euch folgendes Buch ans Herz legen:

Dieter E. Zimmer
Nabokovs Berlin
Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2001

Es ist ein Text- und Bildband wenn man will auch über das Berlin der 20-er und 30-er Jahre. Es beinhaltet u.a. kurze Ausschnitte aus dem Werk Nabokovs untermalt mit Bildern aus dem Berlin jener Jahre. Neben dem Bild des Brandenburger Tors steht diese Erzählung. Der Verkaufsstand kommt leider auf dem Photo nicht vor  ;)


DIE HAFENSTADT

Wieder mal eine Emigrantengeschichte, diesmal spielt sie in einer südfranzösischen Hafenstadt.
Nikita ist ein ehemaliger Offizier der über Konstantinopel nach Südfrankreich gekommen ist.

Dass das Leben in Konstantinopel nicht berauschend war wird nur kurz angedeutet: Nikita hat keine Angst vor Flöhen, „Konstantinopel … Baracken … Was glauben Sie wohl …“

Nach den üblichen Amtsgängen sucht er als erstes ein russisches Restaurant, wo er sich gleich heimisch fühlt, alles um ihn herum beschwor „den liebevollen russischen Provinzalltag“.

Mit der Heimat noch im Herzen, ist er auch in Frankreich ständig auf der Suche danach und glaubt sie auch da zu finden, wo sie vielleicht gar nicht ist. Oder doch?  ;)

PS: Ich stolpere in letzter Zeit immer wieder über solche Sachen: habt ihr schon mal das Diminutiv „Dämchen“ gehört?? (Zumindest Word streicht es nicht an … *grübel*)

Lieben Gruß von
mascha

Offline Kenavo

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #19 on: 31. Juli 2009, 11.04 Uhr »
Quote from: mascha
Nein, keine Verkäuferin, die kommt in "Güte" vor. In Rache kauft er einfach 2 Bananen und knisternde Zeitungslaken :)
Sorry  ;) ich hatte mich in deinem Beitrag vertan und irrtümlich den Bezug mit der Zeitung auf "Götter" genommen...  :)
(ältere Damen sollten abends ins Bett und nicht vorm Compi hängen  ;D )
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Offline mombour

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #20 on: 31. Juli 2009, 19.31 Uhr »
Hallo mascha und kenavo,

endlich finde ich wieder Zeit weiterzulesen und bin besonders angetan von "Götter" und "Güte".

In "Götter" die raffinierte Perspektive, in der der Mann in die Augen der Frau schaut, sich daraus die Erzählung entwickelt. Dieses Gefühl, seid umschlungen Millionen, ist zu finden in dem schon von mascha erwähnten Satz:

"Ich spüre in meinem Blut das Kreisen des Universums."

Auch in "Güte" eine Weltumarmung:

"Da auf einmal wurde ich der Zärtlichkeit der Welt gewahr, der tiefen Güte all dessen, was mich umgab, der wohltuenden Verbindung zwischen mir und allem Seienden -..."

Dazu passt auch folgendes Zitat aus "Götter":

"Wenn du lachst, möchte ich die ganze Welt zu deinem Spiegel machen."

Das ist schon fast  ;), auch wenn  Nabokov sich nicht darauf beziehen wollte, Buddhismus. Im Buddhismus ist der Mensch mit dem ganzen Kosmos verbunden, der Buddhist sieht in anderen Menschen immer einen Teil seines eigenen Selbstes (mal  unprofessionell formuliert.)

Auf die oben zitierte Stelle aus "Güte", bezieht sich der Nabokov-Biograf Boris Nossik, dass Nabokov nach dem Tod seines Vaters seinen Glauben an Gott nicht verloren hat (ein anderer Biograf, Andrew Field, glaubt, das Vladimir sich nach dem Tod seines Vaters von Gott abwandte, Nossik, Seite 148 ). Die ganze Stimmung, die aus dieser Geschichte herüberstrahlt, dieses friedvolle, die Beobachtungen des Erzählers, in den einfachen Dingen des Lebens etwas wunderbares entdecken - all das, hat mir sehr gefallen. In dieser Erzählung klingt auch die "Maschenka"-Thematik an.

Die "Götter" habe ich zweimal gelesen. Erst dann, habe ich mitbekommen, dass die Frau um ihren Sohn trauert (aufmerksame Leser sind hier gefragt).

Noch etwas zu raffinierten Perspektiven:

aus "Rache" (gleich zu Beginn):

"...der ganze Strand und die ferne Reihe der Hotels drehten langsam ab, schwammen davon im Türkisdunst des Herbsttages."


Solch Raffinesss mag ich. Die Perspektive verdreht und habe doch gemerkt, es spielt sich auf einem Schiff ab. Die Inhalt der Geschichte ist durchaus reizvoll. Erstmals haben wir auch einen richtigen Plot.

Danke, mascha, für deine herrlichen Literaturhinweise.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 31. Juli 2009, 19.46 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Kenavo

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #21 on: 31. Juli 2009, 21.05 Uhr »
Quote from: mombour
Das ist schon (fast  ;) ), auch wenn es Nabokov sich nicht darauf beziehen wollte, Buddhismus. Im Buddhismus ist der Mensch mit dem ganzen Kosmos verbunden, der Buddhist sieht in anderen Menschen immer einen Teil seines eigenen Selbstes (mal  unprofessionell formuliert.)
Gut dass du darauf hinweist - hatte ich gestern doch noch ganz vergessen (diese Geschichten sind wirklich vielschichtig und machen richtig Spaß :) ) - bei den ganzen - begeisternden - Naturbeschreibungen dachte ich - hoppla - Herr Nabokov ist Pantheist!?  ;)
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Offline mascha

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #22 on: 03. August 2009, 14.20 Uhr »

Auch in "Güte" eine Weltumarmung:


Schöne Formulierung ...  :)

Das ist schon fast  ;), auch wenn  Nabokov sich nicht darauf beziehen wollte, Buddhismus. Im Buddhismus ist der Mensch mit dem ganzen Kosmos verbunden, der Buddhist sieht in anderen Menschen immer einen Teil seines eigenen Selbstes (mal  unprofessionell formuliert.)

... trotzdem kann ich mit zu viel Überschwenglichkeit nicht viel anfangen

Auf die oben zitierte Stelle aus "Güte", bezieht sich der Nabokov-Biograf Boris Nossik, dass Nabokov nach dem Tod seines Vaters seinen Glauben an Gott nicht verloren hat (ein anderer Biograf, Andrew Field, glaubt, das Vladimir sich nach dem Tod seines Vaters von Gott abwandte, Nossik, Seite 148 ).

Lohnt sich die Biographie?

Die "Götter" habe ich zweimal gelesen. Erst dann, habe ich mitbekommen, dass die Frau um ihren Sohn trauert (aufmerksame Leser sind hier gefragt).

Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass die Psychologie nicht stimmt. Maar meint dazu:

Um die Fiktion vom Erlebten fernzurücken, hat der Autor die Generationen gespiegelt und aus einem toten Vater einen toten Sohn gemacht. Damit stimmt es psychologisch nicht mehr [...] Als er später selbst ein Kind hatte, gab Nabokov dem Thema ganz andere Akzente. Bei Adam Krug löst der Tod des Sohns nicht Lyrisme über Kamele, sondern folternden Wahnsinn aus. (S. 87 )

Nichtsdestotrotz fand ich die Idee und die Umsetzung der Geschichte einfach wunderbar!

aus "Rache" (gleich zu Beginn):

"...der ganze Strand und die ferne Reihe der Hotels drehten langsam ab, schwammen davon im Türkisdunst des Herbsttages."


Solch Raffinesss mag ich. Die Perspektive verdreht und habe doch gemerkt, es spielt sich auf einem Schiff ab. Die Inhalt der Geschichte ist durchaus reizvoll. Erstmals haben wir auch einen richtigen Plot.


Jaaaa, das musste ich auch 2 Mal lesen um darauf zu kommen  ;)

Lieben Gruß von
mascha

Offline mombour

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #23 on: 03. August 2009, 15.07 Uhr »
Hallo mascha,

Ich habe Nossiks Biografie bisher nur als Nachschlagewerk benutzt, aufgefallen ist mir, dass manche Werke Nabokovs nicht in der üblichen deutschen Übersetzung übersetzt sind. Das irritiert. beim gelegentlichen Nachschlagen. Auch mit den Jahreszahlen, wann was passiert ist, kam ich beim Stöbern in diesem Buch ins schleudern. Ich habe mit Vergnügen die Biografie aus rowohts-monografien von Donald E. Morton gelesen. Hier stehen kurz und bündig wertvolle Informationen drin. Dieter E. Zimmer sagt über die Biografie von Boris Nossik Meisterwerk der Schluderei. Also, bleibe lieber bei Boyd, woraus auch Nossik teilweise abgekupfert hat. ;D

Quote from: mombour
Das ist schon fast ( ;) ), auch wenn es Nabokov sich nicht darauf beziehen wollte, Buddhismus. Im Buddhismus ist der Mensch mit dem ganzen Kosmos verbunden, der Buddhist sieht in anderen Menschen immer einen Teil seines eigenen Selbstes (mal  unprofessionell formuliert.)

Quote from: mascha
... trotzdem kann ich mit zu viel Überschwenglichkeit nicht viel anfangen :(
Ich interpretiere das nicht mit Überschwenglichkeit. Es bedeutet nur, der Mensch ist mit der Natur verbunden - sich eins fühlen mit dem Kosmos.

Im Thomasevangelium gibt es eine bemerkenswertes Zitat::shock:

Thomas zu Jesus:
Wer bist Du?
Jesus zu Thomas:
Ich bin Du!


Quote from: kenavo
bei den ganzen - begeisternden - Naturbeschreibungen dachte ich - hoppla - Herr Nabokov ist Pantheist!?  ;)

Nabokov redet aber nicht von Gott. Dieses Einssein im Gefüge der Welt muss ja nicht gleich Pantheismus sein. Dieses Gott ist Natur und Natur ist Gott finden wir bei Spinoza, Schelling, Goethe. Meines Erachtens  ist das etwas anderes als das, was Buddhisten unter Einheit verstehen, weil es im Buddhismus keinen  Gott gibt. ;)

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« Last Edit: 03. August 2009, 15.18 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Kenavo

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #24 on: 03. August 2009, 18.02 Uhr »
6. Jeu de hasard - Glücksspiel
geschrieben Anfang 1924 - veröffentlicht am 22 Juni 1924 (Anmerkung von Nabokov selber dazu in meinem Buch im Anhang)

'Jeu de hasard' ist im Französischen ein feststehender Begriff wofür es die deutsche Übersetzung 'Glücksspiel' gibt - interessant hierbei finde ich allerdings, dass im Deutschen mit dem 'Glück' gespielt wird und im Französischen mit dem 'hasard' = Zufall  ;)

Und in dieser Geschichte geht es wirklich um Zufall.. einen bösen Streich des Zufalls - und nicht nur 1x sondern gleich 3x lässt Nabokov seine unglücklichen Protagonisten aneinander vorbei laufen.

Es geht um ein Ehepaar wo der Mann schon einige Zeit vor der Revolution aus Russland wegging und die Frau konnte jetzt auch fliehen und befindet sich in einem Zug nach Paris. Seit Jahren ohne Nachricht von ihrem Mann ist sie auf dem Weg zu Verwandten und hofft auf Nachrichten von ihrem Mann. Nicht ahnend dass dieser sich unter dem Küchenpersonal im selben Zug befindet!
Dieser ist inzwischen dem Kokain verfallen und hat wohl die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Frau aufgegeben.
Während wenigen Seiten lässt Nabokov drei Gelegenheiten aufkommen, wo der Leser davon ausgehen kann - ja, jetzt müssen sie sich begegnen.. aber er lässt das 'Schicksal'.. den Zufall dazwischen kommen.. und somit ist diesen Menschen auch drei Chancen nicht genug um sich zu finden.. und die Geschichte endet ohne jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Emigration, Verlust der Heimat, die Sprache, immer wieder die Sprache, die Verliebten die sich nicht mehr finden und zum ersten Mal auch Drogen.. ich bin immer mehr gefangen in seinem Universum und bin gerade dabei mich in diesen Schriftsteller zu verlieben  ;)
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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #25 on: 03. August 2009, 18.05 Uhr »
7. Le port - Der Hafen/Die Hafenstadt
geschrieben Anfang 1924 - erschienen am 24 Dezember 1924

Ich bin durch andere Lektüre gerade durch Isabelle Eberhardt bei dem französischen Reisejournalist Albert Londres gelandet und beschäftige mich durch beide seit wenigen Tagen mit Marseille. Somit konnte es nicht ausbleiben, dass ich gleich zu Beginn dieser Geschichte an eben diese Stadt dachte. Und was lese ich jetzt in den Notizen im Anhang - diese Geschichte ist teilweise autobiographisch weil Nabokov bei einem Besuch in Marseille  ;) von eben diesem russischen Restaurant so begeistert war und mehrmals zurückkehrte - und unter anderem dort auch von zwei russischen Matrosen gefragt wurde, ob er sich nicht für Indochina einschiffen wolle!

Sprachlich ist diese Geschichte auch wieder ein wahrer Genuss und seit Mascha mich auf die Farbenvorliebe von Nabokov aufmerksam gemacht hat, sehe ich überall lila, violett,.... :)

'Dämchen' kenne ich von keinem anderen Texten - und hier begegne ich dieser ganz sicher nicht - 'Demoiselle' ist die durchaus richtige Bezeichnung für eine junge Dame/ein Fräulein  ;)


Quote from: Mombour
Nabokov redet aber nicht von Gott. Dieses Einssein im Gefüge der Welt muss ja nicht gleich Pantheismus sein. Dieses Gott ist Natur und Natur ist Gott finden wir bei Spinoza, Schelling, Goethe. Meines Erachtens  ist das etwas anderes als das, was Buddhisten unter Einheit verstehen, weil es im Buddhismus keinen  Gott gibt ;)
Absolut einverstanden.. ich hatte nicht bedacht, dass die ‚offizielle’ Erklärung von Pantheismus etwas anders ist als jene, die ich mir als Teenager zurecht gelegt habe – meine Abkehr von Gott mit 14 Jahren hat mich nämlich vom Pantheismus zum Buddhismus gebracht, wobei ich für mich selber Gott aus der Gleichung Pantheismus schon herausgenommen hatte  ;D


Und wie sagt die kanadische Schriftstellering Mavis Gallant so schön: Kurzgeschichten sind keine Kapitel von Romanen. Man soll sie nicht eine nach der anderen lesen als ob eine Geschichte der anderen folgt. Lesen Sie eine. Schließen Sie das Buch. Lesen Sie etwas anders und kommen später zurück. Die Geschichten können warten.

In diesem Sinne wird die Rache etwas warten…..
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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #26 on: 03. August 2009, 18.08 Uhr »
8. La Vengence - Die Rache
(geschrieben im Frühling 1924)

Mascha hat diese Geschichte schon vorgestellt und dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen.
Mir hat vor allem diese Eröffnungsszene gefallen – und auch das von Mascha erwähnte ‚Herauskomplimentieren’ der Figuren war als Einmischung des Autors stimmig

Quote from: Mascha
Zum ersten Mal werden hier auch Figuren wortwörtlich aus der Erzählung entlassen.

1. Habt ihr die „violetten Streifen“ des Seidenkissens bemerkt?   ;)
JA – ich bin während der Lektüre ja schon immer gespannt darauf, WO die Farbe auftaucht  ;)

Quote from: Mascha
2. Was sind diese „knisternden Zeitungslaken“, die der Professor kauft?? Eine Metapher für „Zeitungen“ oder wieder mal eine poetische Übersetzung?
Im Französischen ist das wieder etwas anders – und wäre mir daher nicht so aufgefallen
„...des journaux craquants et vastes comme des draps...“
...Raschelnde Zeitungen, gross wie Bettlaken...


In meinem französischen Forum habe ich in einer Diskussion über Nabokov seine ‚Vorliebe’ für das Thema Schmetterling erwähnt und dort meinte jemand, das sei auch so ein durchwegs immer wieder auftauchender ‚Spleen’ von ihm ..
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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #27 on: 03. August 2009, 18.09 Uhr »
Quote from: Mombour
Noch etwas zu raffinierten Perspektiven: aus "Rache" (gleich zu Beginn): "...der ganze Strand und die ferne Reihe der Hotels drehten langsam ab, schwammen davon im Türkisdunst des Herbsttages."

Ja genau .. er arbeitet wirklich mit vielen kleinen Details die seine 'kurzen' Geschichten sehr vielschichtig machen.. und es ist eine wahre Freude sie zu lesen - vor allem auch aufmerksam zu lesen
Besonders für eine Schnell-Leserin wie mich eine echte Herausforderung - aber jede Geschichte ist für mich ein echter Gewinn....
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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #28 on: 03. August 2009, 18.09 Uhr »
9. Bonté - Güte
(geschrieben März 1924)

Mascha hat dazu nicht nur schon einiges geschrieben, aber sie hat sie vor allem auch gut zusammen gefasst: Naja  ;)
Und das wäre es dann auch für mich!
Naja.
Ich habe noch letztens zu Dora gesagt, dass ich dieses Buch so lange hinziehen will, wie möglich - die Geschichten sind schön und gut wie Bonbons die man geniessen will.. aber diese ist dann doch eher schwach.. aber ich will auch  nicht zu kritisch sein - bisher gab es schon tolle Momente.. ich bin schon gespannt auf das was noch kommen wird :)
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Offline mombour

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Re:Vladimir Nabokov - Die Erzählungen
« Reply #29 on: 03. August 2009, 18.35 Uhr »
Der Kartoffelelf, 1924

Wenn die Geschichte wirklich so boshaft ist, wie ich es versucht bin zu deuten, na, dann mannoman...Ich habe gegoogelt und gelesen, Michael Maar deutet die Geschichte im Vergleich zu Thomas Manns Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“. Nabokov konnte Thomas Mann nicht ausstehen, und habe die Geschichte um den Herrn Friedemann ins bösartige karikatiert. Ist es bei Thomas Mann eine Erzählung über menschliches Leid, wird in Nabokovs Geschichte mit dem Zwerg ein bösartiger Spott getrieben, und er erliegt seinen illusionären Wünschen. Er nimmt die Umgebung nicht wahr, wie sie wirklich ist, bzw. wird von der Welt oder um die Welt betrogen.

Fred Dobson, der Zwerg, hat eine dicke Nase wie eine Kartoffel,  wird mit einer grauen Maus verglichen, also mit einem Wesen, für den sich niemand interessiert, bez. den man übersieht. Auf der Suche nach einem weiblichen Wesen, landet er schließlich auf dem Schoß von Nora, der Frau eines Zauberers, für den auch der Zwerg arbeitet. Er verliebt sich in Nora, und glaubt, das Nora ihn auch liebt, was aber nicht stimmt.

Ich gehe jetzt inhaltlich nicht so sehr ins Detail. Worauf ich hinauswill ist, die Erzählung ist auch eine Spiel mit Trug und Täuschungen (man denke auch an die Szenen, wenn der Zauberer mit Tricks, seine Frau täuscht).Er täuscht sie mit ziemlich gemeinen Tricks, er spielt ihr Trugbilder vor, die schon verwerflich sind. Der Zwerg lässt sich von Nora so gewaltig in die Irre führen, dass er daran verenden muss. - oder, Nora kann nichts dafür, nur der Zwerg interpretiert aufgrund verfehlter Wahrnehmung. Es ist ein Spiel mit Täuschungen. Nabokov ist hier der Zauberer, wie man auch Thomas Mann (im anderem Sinne) als Zauberer bezeichnet hat.

Ich könnte sicher noch vielmehr herausholen, wenn die den Friedemann kennen würde. Es ist aber schön, wie ein Buch zum nächsten Buch führen kann. Das ist ein wunderbarer Effekt des Lesens. Bei Thomas Mann endet die Geschichte mit Selbstmord, Nabokov kostet das Ende des Zwerges sehr gemeingenüsslich bis ins grotesk verzerrte Finale aus.

Eine Frage. Ich bin ja auch Täuschungen erlegen. Ist Nora bösartig, oder scheint es mir nur so?

Liebe Grüße
mombour
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