Hallo!
Nun habe ich das Buch auch beendet.
In einigen Geschichten aus der zweiten Hälfte des Bandes zeigt sich sehr deutlich das schriftstellerische Talent des Autors.. Muss mal gesagt werden, weil wir auch oft gelästert haben.
Nein, hier kann ich nicht zustimmen. Das mit dem Talent ist aus diesen Geschichten für mich nicht ersichtlich. Sie waren durchwegs enttäuschend, sie waren - und wenigstens das hätte ich von "Horror" erwartet - noch nicht einmal spannend. Auch wenn King im Nachwort von häufiger Überarbeitung spricht: Mir schienen sämtliche Stories nachlässig, ohne viel Überlegen hingeschmiert, ein Einfall (und auch der nicht originell), der jeweils zu einer Geschichte ausgewalzt wurde. (So nebenher sollte dem Autor jemand mal mitteilen, dass die Beurteilung eines Buches nicht selbst vorgenommen werden sollte: Das Loben der eigenen Werke macht einen etwas peinlichen Eindruck.)
King scheint einfach nicht begriffen zu haben, was denn gute Literatur (auch gute Phantastik) ausmacht: Nicht die Aneinanderreihung von Einfällen, die wie das Ergebnis eines Brainstormings unter 12jährigen anmutet, sondern durchdachte Handlungen, plausible Personen, sorgfältige Komposition. Wie schon ganz zu Beginn der Leserunde erwähnt: Phantasie, Kreativität äußert sich nicht in der Erfindung von Einhörnern oder Elfen, sondern im Sprachgebrauch, in überraschenden Handlungsmomenten. Seine Vorstellung von Kreativität erinnert an die in verschiedenen Versionen erzählte Anekdote vom Mathematiker, der schließlich zur Literatur wechselte. Auf die Frage an seinen Professor, warum er denn die Mathematik verlassen habe antwortet dieser: Es fehlte ihm einfach an Phantasie. Hierin steckt sehr viel mehr Wahrheit, als die Phantasy- und Kreativitätsapostel in ihrer Einfalt wahrhaben wollen. (Kreativ ist Proust in der Beschreibung von Seelenzuständen, in der Wahl der Metaphern - aber nicht derjenige, der Zombies und Vampire auftreten lässt - im Gegenteil.)
Eine einzige Geschichte hat mir gefallen: Die über Baseball (von dem ich im übrigen auch nichts verstehe). Es ist kein Horror, sondern (lt. King) ein Essay (offenbar ist King mit der landläufigen Definition eines Essays nicht vertraut). Es ist also ein kleine Erzählung über den Erfolg eines Baseballteams von 12jährigen (Kings eigener Sohn war Mitglied der Mannschaft), ein Erfolg, den so niemand erwartet hatte. Der Unterschied zwischen dieser Geschichte und allen anderen: Die handelnden Personen wirken endlich einmal nicht platt erfunden, nicht klischeehaft, sondern sind einigermaßen lebendig. Daraus hätte sich noch wesentlich mehr machen lassen (ev. unter Verzicht der sportlichen Details und mit stärkerer Berücksichtigung der Lebensumstände der Jungen); und die Geschichte ist der Beweis dafür, dass es die Realität ist, welche Kreativität beweist und dass es dem Schriftsteller obliegt, aus diesen realistischen Versatzstücken eine Erzählung zu schaffen. Die keineswegs sich immer am Geschehenen orientieren muss, die aber zumindest einen vorgeblichen Eindruck von Authentizität zu erzeugen vermag. Die platt dümmlichen Vampiere und Leichen sind hingegen eine Zumutung.
Für mich eine einzige Enttäuschung, weil - wie erwähnt - mir die beiden Romane so schlecht nicht in Erinnerung waren. Horror soll spannend sein, lebt von den Überraschungsmomenten: Beides hat hier völlig gefehlt. Mein Bedürfnis nach Produktionen Kingscher Machart ist jedenfalls gedeckt - für die nächsten Jahre.
lg
orzifar