Author Topic: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum  (Read 3027 times)

Offline Bartlebooth

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Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« on: 06. April 2015, 11.10 Uhr »
 Hallo zusammen,

habe gerade diesen ganz interessanten Artikel über Wolf Wondratscheks letzten Roman gelesen

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/wolf-wondratschek-bestseller-auflage-1-13520071.html

Ich habe leider noch nie etwas von ihm gelesen, was vielleicht zur Einschätzung dieses Vorgangs hilfreich wäre. Aber ich frage mich ja schon seit geraumer Zeit, wohin sich das Publizieren entwickelt. Und damit meine ich nicht, dass ich irgendwelche Kulturverfallsfantasien pflege, ich beobachte nur, was sich wie nachhaltig verändert und wie die Branche darauf reagiert.
Wolf Wondratschek hat nun also sein letztes Manuskript an einen privaten Mäzen verkauft, weil die Verlage den geforderten Vorschuss nicht mehr zahlen wollten. Ist das ein Einzelfall eines Schriftstellers, der seine beste Zeit hinter sich hat, das aber nicht wahrhaben will und sich deshalb von seinen Afficionados bezahlen lässt, was das Publikum als Ganzes nicht mehr zu zahlen bereit ist? Ist das also eine moderne Form des Mäzenatentums? Oder verlieren die Verlage langsam aber sicher die Gatekeeperfunktion, jetzt eben nicht nur an ambitionierte Vertriebsplattformen, sondern an wohlhabende Einzelpersonen? Sind Sammler von Literatur wie von Gemälden denkbar und trägt der immer einfachere Publikationsprozess dazu bei, dass sich die Verlagslandschaft verändert? Laut Artikel denkt der Käufer mittelfristig über einen elektronischen Vertrieb des erstandenen Manuskripts nach.
Ist das eine gute Entwicklung? Ist es überhaupt eine Entwicklung oder nur ein interessantes Fait divers, das ohnehin keine Nachahmer finden wird?

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Offline sandhofer

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Re: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« Reply #1 on: 06. April 2015, 13.34 Uhr »
Ich glaube nicht, dass das eine Entwicklung ist. Das ist einfach nur Wondratschek.

Die Entwicklung zum Roman als Solitär, als Einzelstück, wäre allerdings in einem Zeitalter, wo die unendliche Multiplizierbarkeit von Bits und Bytes die Regel ist, etwas geradzu dialektisch Gefordertes. Wenn Dialektik fordern könnte. Ein Text, den nur ich lesen kann - von dem aber die ganze Welt weiss, dass er existiert. Gute Marketing-Idee, diese da von Wondratschek...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« Reply #2 on: 16. April 2015, 23.01 Uhr »
Hallo!

Ich kann hier Sandhofer nur zustimmen: Das ist Wondratschek. Von dem ich kaum was kenne (ich bin kein großer Lyrik-Fan), dessen gesamtes Getue, sein Macho-Gehabe mich allerdings nervt (und das m. E. ein permanenter Marketing-Trip ist).

Dass Schriftsteller oft lausig bezahlt werden ist natürlich wahr (ebenso wahr ist, dass sie häufig ebenso lausige Bücher schreiben).  50 000 Euro für ein Manuskript (naja - es kommt natürlich auf das Manuskript an) scheinen mir so viel nicht: Ein SUV kostet mehr. Allerdings haben die meisten Menschen auch eine sehr viel intensivere Beziehung zu ihrem fahrbaren Untersatz als zur Literatur.

lg

orzifar
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Offline Bartlebooth

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Re: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« Reply #3 on: 17. April 2015, 10.12 Uhr »
Hallo, ihr zwei.
Danke für eure Antworten. Ok, scheint es also doch nur der Marketingtrip eines begnadeten Selbstdarstellers zu sein. Zugleich ist es aber doch tatsächlich so, dass sich das Publizieren im Moment verändert. Die unendliche Multiplizierbarkeit, wie sandhofer anmerkt, vielmehr noch die immer weiter steigende Masse der Publikationen, die durch die Möglichkeiten des elektronischen Publizierens noch größer werden (das Ende der Druckkostenzuschussverlage scheint mir mittelfristig unausweichlich). Im Moment führt das für mich sichtbar vor allem zu einer Zunahme fragwürdigsten Trashs, doch denkbar wäre ja auch die gegenteilige Entwicklung: Die Herstellung wird so günstig, dass sich auch die Publikation sehr spezieller Literatur lohnt. Vom Schriftstellerdasein leben, können dann aber nur noch die wenigsten. Aber das kann heute ohnehin kaum noch wer. Auch heute haben alle außer den ganz erfolgreichen, Brotjobs.
Das bedeutet für den einzelnen Autor/die einzelne Autorin: Man muss entweder versuchen, das Kuchenstück zu vergrößern, das man vom immer umkämpfteren Kuchen abbekommt, die Literatur unterwirft sich also weiterhin der altbekannten Marktlogik inklusive Verdrängungswettbewerb. Dem gegenüber stünden die Schriftsteller, denen es gelingt, eine kleine, finanzkräftige Fanbase aufzubauen, die ihnen für ihre Texte weitaus mehr zahlt, als den "Marktwert", also das vorliegende Modell Wondratschek. Ob man beides etwas in Crowdfundingmodellen, wie sie ja etwa in der Musikbranche immer beliebter werden, miteinander verbinden kann, muss man bei Literatur sehen.
50000 Euro Vorschuss sind übrigens kein Pappenstiel, vor allem wenn man bedenkt, mit welchen Verkaufszahlen wir es bei Literatur, die keine Genreliteratur ist, zu tun haben. Schriftsteller ist, wie gesagt, in der Regel kein Brotberuf, das Verlagswesen keine Branche, in der die Mehrheit der Mitarbeiter reich wird. Wahrscheinlich ist das unter einer Marktlogik, wie wir sie kennen, nicht zu bewerkstelligen. Aber darüber reden wir ja hoffentlich bald an anderer Stelle.

Herzlich, B
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Offline orzifar

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Re: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« Reply #4 on: 18. April 2015, 03.57 Uhr »
Hallo!

50000 Euro Vorschuss sind übrigens kein Pappenstiel, vor allem wenn man bedenkt, mit welchen Verkaufszahlen wir es bei Literatur, die keine Genreliteratur ist, zu tun haben. Schriftsteller ist, wie gesagt, in der Regel kein Brotberuf, das Verlagswesen keine Branche, in der die Mehrheit der Mitarbeiter reich wird. Wahrscheinlich ist das unter einer Marktlogik, wie wir sie kennen, nicht zu bewerkstelligen. Aber darüber reden wir ja hoffentlich bald an anderer Stelle.

Nein - um Himmels willen: 50000 Euro sind beileibe kein Pappenstiel. Und - wie du richtig bemerkst - schon gar nicht aufgrund der Verkaufszahlen. Ich wollte mit dem Vergleich den Wert von Literatur als solcher betrachten: Ich kenne Menschen, die eben die genannte Summe für ein neues Auto ausgeben, denen aber Bücher um 20 Euro zu teuer sind. Und es scheint eben seltsam, dass ein solcher Vorschuss angesichts dieses Umganges mit Geld so hoch erscheint. Bzw. es legt Zeugnis ab davon, was wie hoch in einer Gesellschaft bewertet wird.

lg

orzifar
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Offline Bartlebooth

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Re: Die Zukunft des Publizierens - neues Mäzenatentum
« Reply #5 on: 18. April 2015, 09.25 Uhr »
Hallo orzifar,

ich habe dich schon verstanden, und du hast natürlich recht, ist aber ein bisschen ein anderes Thema. Bücher sind in den vergangenen 25 Jahren ja nur unwesentlich teurer geworden. Ich weiß nicht, ob das tatsächlich an den Konsumenten liegt, oder ob die Verlage manchmal bei ihrer Preisgestaltung auch ein bisschen zu ängstlich sind, weil sie antizipieren, dass die Menschen einen bestimmten Betrag nicht ausgeben. In der Buchbranche steckt daher einfach immer weniger zu verteilendes Geld, und die Leidtragenden sind, wie in allen Branchen die Zulieferer und die Angestellten, wobei man sagen muss, dass ein gut bezahlter Lektor von Erwachsenenbelletristik ungefähr beim Einstiegsgehalt eines frisch Studierten in der Pharmabranche liegt. Das ist die Marktlogik, von der ich sprach. Man muss sehen, wohin das führt, wie weit diese Marktlogik noch trägt und was sie für Blüten treibt. Genau deshalb fand ich das Wondratschek-Manöver so interessant - als mutmaßlich eine mögliche Reaktion, die aber eher ein Zurückgehen in die Vergangenheit darstellt.
Und zu dem Betrag: Natürlich ist das absolut viel Geld, aber es ist eben auch im Vergleich für einen Buchverlag viel Geld. 50000 sind kein absoluter Spitzenvorschuss, aber Wondratschek ist eben auch kein absoluter Spitzenautor im marktwirtschaftlichen Sinn, bei dem man mit sechsstelligen Verkaufszahlen kalkulieren kann.

Einen sonnigen Samstag wünscht B
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