Author Topic: Karl Eibl: Kultur als Zwischenwelt. Eine evolutionsbiologische Perspektive  (Read 1943 times)

Offline orzifar

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Hallo!

Es gibt Bücher, die an und für sich interessant sind, die mir aber beim Lesen (nicht ihres komplexen Inhaltes wegen) einige Probleme bereiten. Dies hier ist genau so ein Werk: Trotz des mich faszinierenden Themas plätschert das Ganze so vor sich hin und schon nach wenigen Kapiteln weiß man kaum, was man denn da gelesen hat. Es fehlt an Struktur, an klaren Abgrenzungen, an stringent formulierten Thesen - woran auch immer. Die mehr oder weniger immer gleichen Ansichten werden mit nur geringfügigen Änderungen formuliert, manchmal relativiert, aber nichts will wirklich im Gedächtnis haften bleiben.

Eibl, eigentlich Literaturwissenschaftler, nimmt sich des Themas Kultur als evolutionäres Gebilde an, zeigt das spezifisch Menschliche (das nicht rein instinktmäßige Funktionieren) im Verhalten in unserer Umwelt, analysiert die evolutionären Wurzeln und ihren Einfluss auf die "kulturelle Zwischenwelt" (Sublimation aggressiven Verhaltens, Entstehung von Religion ...), fragt nach einem "kulturellen" Universalienbegriff, nach der evolutionsbiologischen Bedeutung von Kunst und Unterhaltung etc. Trotz dieser durchaus interessanten Themenbereiche verlieren sich die Ausführungen mehr und mehr im Unwägbaren, was, wie erwähnt, nicht an einem akademischen Schreibstil oder dem komplizierten Sujet liegt (das Buch von Schurz ist diesbezüglich sehr viel anspruchsvoller, erfordert sehr viel mehr Konzentration). Um dem Buch nicht Unrecht zu tun habe ich viele Teile zweimal gelesen - aber vergeblich. Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass es an dieser "edition unseld" liegt, die da Bücher mit einem Umfang von rund 200 Seiten zu kulturwissenschaftlichen Themen veröffentlich (unterstützt von spiegel online), Bücher, die offenbar ein wenig gestutzt oder aufgemotzt für ein "breites" Publikum herausgegeben werden. (Wobei dies eine Vermutung ist - ich kenne keine anderen Bücher dieser Serie.)

Ich werde aber dieser eher negativen Erfahrung zum Trotz anderes von Karl Eibl lesen, da ich seinen Ansatz einer Verbindung von geisteswissenschaftlicher Analyse mit evolutionsbiologischen Erkenntnissen für sehr fruchtbar halte. Vorliegendes Buch kann ich aber nicht empfehlen (bei einem Kaufpreis von 10 Euro ist allerdings nicht allzu viel verloren).

lg

orzifar
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