Erwin Strittmatter: Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974-1994. Hrsg. von Almut Giesecke. Aufbau Verlag, Berlin 2014, 623 S.
Bevor ich es meinem allein in einem kleinen Ort lebenden Vater als Geburtstagsgeschenk überreichen werde, will ich mir das Buch selbst vornehmen. Nachdem 2012 der erste Band der Tagebücher Erwin Strittmatters (1912-1994; gleiche Lebensdaten wie E. Honecker) über die Jahre 1954-1973 in seinem "Hausverlag", dem Aufbau Verlag, erschienen war, folgte relativ rasch der zweite Band über die beiden letzten Lebensjahrzehnte 1974-1994, vorbildlich betreut von Almut Giesecke. Der Text ist sorgfältig gesetzt, die Kommentare und das Personenregister laden dazu ein, sich an viele der erwähnten Personen zu erinnern.
1981 geriet ich auf einer Fusswanderung von Fürstenberg nach Rheinsberg in der Mark Brandenburg in die Nähe des Schulzenhofs, den Strittmatter mit seiner dritten Frau Eva (1930-2011, geb. Braun) von 1954 bis zu seinem Tod bewohnte. Eva Strittmatter zählte mit Sarah Kirsch (im Register nicht erwähnt) wohl zu den bedeutendsten Lyrikerinnen der DDR, deren Gedichtbände in gewaltigen Auflagen verlegt wurden und bei uns als Lieblingsbücher meiner Frau im Regal stehen.
Zum Schulzenhof führte eine betonierte Straße, in der Nähe befand sich das Armeegelände der Sowjetarmee, mehrfach begegneten mir Militärfahrzeuge. Von den Familienangehörigen war niemand zu sehen, und ich entfernte mich still wieder. Jedoch wurden die berühmten Pferde der Strittmatters sichtbar, von denen in fast jedem Tagebucheintrag des Schriftstellers ebenso die Rede ist, wie von beobachteten Vögeln und Pflanzen, viel häufiger jedenfalls, als von Politik. Ähnlich wie Christa Wolf konnte sich Erwin Strittmatter in dieses schwer zugängliche Refugium zurückziehen, wofür er von vielen beneidet wurde, die in den verrotteten Innenstädten und Betonsiedlungen der Großstädte ausharren musssten.
Erwin Strittmatter war von 1947 bis Anfang 1990 Mitglied der SED und zeitweise auch Parteifunktionär im Schriftstellerverband, er hatte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, das Land in Richtung Westen zu verlassen. Für die Literaturkritik im Westen bot das Ehepaar kaum den Anlass zu aufsehenerregenden Mitteilungen, weil es keine demonstrative, gegen die Partei gerichtete Aktionen unternahm - eine Bedingung, um im Westen wahrgenommen zu werden.
Den großen Rummel, der im November 1976 nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns entstand und zur Übersiedlung zahlreicher Künstler in die Bundesrepublik führte, betrachtete Strittmatter eher distanziert: er sah in Biermann eine Wichtigtuer, der durch die dumme Politik der SED nur zusätzlich aufgewertet wurde und sich im Westen feiern ließ.
Mit seinen Kleinstadtgeschichten fand Strittmatter ein Millionenpublikum, zu dem ich bis auf die Pferdegeschichte "Tinko", die Pflichtlektüre in der Schule war, nicht gehörte. In seinem Tagebuch kritisierte er das Weiterleben des Stalinismus in der Partei, brachte dies jedoch erst am 9. Oktober 1989 bei einer Besprechung mit dem Ideologiepapst Kurt Hager in einem kleinen Kreis von geladenen Schriftstellern und Künstlern über die Lippen.
Der fast 80Jährige hielt fest:
"Ich breche ab, ich diskutiere nicht, ich verweigere. Wer diskutiert, möchte, dass andere zu seiner Überzeugung übergehen. Wenn das nicht geschieht, ist man einander böse, zürnt, tötet im äussersten Falle. Nein, ich diskutiere nicht mehr." (S. 442). Am Schluss Rückzug und Resignation, um dann doch noch den Siegeszug seines "Ladens III" zu erleben, mit dem er nunmehr auch im Westen bekannt wurde.