Hallo!
Mein erster McEwan - und der Vergleich zu manch anderen Gegenwartsschriftstellern fällt positiv aus. Eine gute, sehr routiniert erzählte Geschichte, deren Handlungsstränge geschickt miteinander verflochten werden, eine Geschichte, die aber nicht nur von dieser Handlung lebt, sondern auch einige wunderbare Passagen in Form innerer Monologe besitzt.
Der Roman ist dreigeteilt: Der erste Teil umfasst - neben Rückblicken auf die handelnden Personen - nur einen einzigen Tag, der zum Schicksalstag für Robbie wird. Eine tragische Verquickung von Umständen veranlasst die 13jährige Briony, ihn als Vergewaltiger ihrer Cousine zu beschuldigen, wodurch sie auch das Leben ihrer älteren Schwester, die genau an diesem Tag eine Beziehung mit Robbie beginnt, zuerstört. Später sehen wir den unschuldig Verurteilten als haftentlassenen Soldat im Zweiten Weltkrieg, als einen jener Soldaten, die durch das "Wunder" von Dünkirchen nach Großbritannien dem Tod gerade noch entkommen, wo er nach dieser traumatisierenden Flucht endlich mit "Cee", der Schwester Brionys, zusammenlebt.
Teil 3 zerstört diese Idylle teilweise: Briony feiert ihren 77. Geburtstag im Kreise ihrer Familie, sie ist zu jener Schriftstellerin geworden, als die sie sich schon als 13jährige gefühlt hat. Und sie bringt Korrekturen an zu ihrer Geschichte: Sowohl Robbie als auch Cee haben im Zweiten Weltkrieg den Tod gefunden, das erzählte Zusammenleben war also Fiktkon. Sie pocht auf ihr Recht als Schriftstellerin entscheiden zu können, ob die von ihr verursachte Katastrophe nicht auch abgemildert werden, ob sie dem Paar nicht eine einigermaßen glückliche Zeit schenken darf. Es ist ihre Form "Abbitte" zu leisten für das Verschuldete, eine Abbitte, die sich auch so als undurchführbar erweist.
Der Handlungsaufbau könnte konstruiert, künstlich wirken: Tatsächlich aber ist vor allem die Figur der 13jährigen wunderbar realistisch gezeichnet in ihren Träumen, Vorstellungen, ihrer Phantasiewelt, ihr Handeln ist zwar widersinnig, aber doch konsistent in seiner Widersinnigkeit. Nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen träumt sie sich in eine neue Welt, zwischen kindliche Illusionen (eine der schönsten, eindrucksvollsten Szenen war für mich das Brennessel köpfende Mädchen, das sich aus dieser Tätigkeit eine olympische Disziplin und ihre eigene, zukünftige Berühmtheit erschafft) und pubertärem Ahnen von gänzlich Neuem. Theatralisch wartet sie auf das große Ereignis, das schließlich so ganz anders Realität wird als ihre Kindheitsträume ihr das vorgegaukelt haben.
Und die Kriegserlebnisse Robbies verdienen auch eine gesonderte Erwähnung (oder auch die Erfahrungen Brionys als Hilfskrankenschwester): Nüchtern und doch berührend, die ganze Grausamkeit eines Krieges schildernd, der für den einzelnen Soldaten immer ungreifbar, sinnlos bleibt: In diesem kollektiven Sterben und Leiden ist nicht der geringste Sinn zu erkennen, in diesem (Über-)Leben von Augenblick zu Augenblick habe ich mich an ebenso beeindruckende Szenen von Celine erinnert gefühlt. Einzig mit dem letzten Teil war ich nicht ganz glücklich: Solche Rückschaukonstruktionen wollen mir als Trick erscheinen, lassen den Schriftsteller explizit aussprechen, was er eigentlich implizit in den Roman hätte packen müssen. Insgesamt aber ein lesenswertes Buch mit einigen wirklich brillianten Szenen.
lg
orzifar