Hallo!
In diesem Buch werden - wie aus dem Titel hervorgeht - die gesellschaftlichen Implikation des Kritischen Rationalismus, aber auch konkurrierender Modelle wie das des transzendentalen Pragmatismus (Apel, Habermas, Kuhlmann) oder der Kritischen Theorie analysiert.
Sehr gut hat mir der zweite Artikel von William D. Fusfield (Some Pseudoscientific Features of Transcendental-Pragmatic Grounding Projects) gefallen, der sich auf eine Arbeit von D. und M. Radner bezieht (Science and Unreason), die sich die Charakterisierung typischer pseudowissenschaftlicher Vorgehensweise zur Aufgabe gemacht hat. Fusfield überträgt die Thesen der Radners nun auf den Transzendentalpragmatismus Habermasscher Prägung und stellt erstaunliche Übereinstimmungen fest. Die Parallelen, die Fusfield herausarbeitet, sind tatsächlich frappierrend und werfen ein entsprechendes Licht auf die Transzendentalpragmatiker.
"Anachronistic Thinking" lässt sich vor allem bei dem immer wieder unternommenen Versuch einer Letztbegründung von Erkenntnis feststellen, bei "Looking for Mysteries" geht es darum, dass solche Denkrichtungen stets das Besondere zu erklären sich anschicken, während Wissenschaft es mit den Regelmäßigkeiten der Alltagswelt zu tun hat und ihre Erklärungen in dieser Welt auf die Probe stellt. So stellen etwa Apel/Habermas die Frage "wie ist Argumentation selbst überhaupt möglich?" und suggerieren mit dieser Fragestellung metaphysische Tiefe, während recht einfache diesbezüglich Erklärungsmodelle (die überhaupt nichts "Wundersames" an sich haben) geflissentlich ignoriert werden.
Im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Letztbegründung steht denn auch der nächste Punkt der "Irrefutable Hypotheses", die Weigerung, von bestimmten Grundsätzen abzugehen, unabhängig davon, ob angesichts neuer Erkenntnisse die Grundposition überhaupt haltbar ist. Hier werden verschiedene Immunisierungsstrategien benutzt: Wenn etwa behauptet wird, dass transzendentale Voraussetzungen durch Intersubjektivität überhaupt nicht berührt werden. Hier wird nach ähnlichen Prinzipien wie in der Theologie verfahren: Dort kann nur der wahrhaft Gläubige über die in Frage stehenden Probleme urteilen, bei Kuhlmann muss man auch zuerst seine Voraussetzungen akzeptieren und auf ihrer Grundlage alles Weitere betrachten (in der Pseudowissenschaft gibt es auch häufig die Voraussetzung des "daran Glaubens", weshalb der Skeptiker nicht zu ähnlichen Resultaten kommt wie der Adept). Die Unbestimmtheit vieler Aussagen (Definitional an Logical Vagueness) macht einerseits empirische Überprüfungen kaum möglich, wobei sich durch den Mangel bzw. der Verschwommenheit der Definitionen oft nicht einmal theoretisch ein Fall konstruieren lässt, dem der Charakter einer Widerlegung zugestanden werden könnte.
Fusfield arbeitet mit bewundernswerter Geduld all diese widersprüchlichen Aussagen heraus, wobei das für mich umso bewundernswerter erscheint, da Deutsch nicht seine Muttersprache ist und ich es mir doppelt schwierig vorstelle, in den sehr umfangreichen, unklaren und redundanten Texten überhaupt eine bestimmte Linie zu erkennen. (Die Vorstellung, Francis Herbert Bradley, einen englischen Hegelianer, in der Originalsprache zu lesen, will mir als keine sehr reizvolle Aufgabe erscheinen.) Jedenfalls ist seine Analyse so geistreich wie schlüssig - und ich habe mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass von diesem Autor so gut wie keine Aufsätze oder Bücher zur Verfügung stehen.
lg
orzifar